B: Nackte Panik

Lilith schüttelte sich. Sie verrenkte sich, um ihren Rücken im Spiegel sehen zu können. Kratzte ihre Haut. Ihre Haut, die sich so glatt und eben anfühlte. Ihre Haut, die sich doch uneben anfühlen sollte. Ihre Haut, auf der Blaincs wahrer Schlüssel prangen sollte …

„Das darf nicht-“, sie drehte sich halb, um über ihre andere Schulter zu sehen, „Das kann nicht- Chemy!“

„Er ist nicht da?“, fragte Chem Wak durch die angelehnte Badtür.

„Der Schlüssel, er- Schau! Bitte!“, ihre Stimme überschlug sich, „Dabei- Er darf nicht-“, Tränen quollen ungefragt hervor und sogleich wischte sie sie fort.

Sie musste genauer hinsehen. Ja! Sie musste-

„Ich hatte das bereits vermutet“, seufzte der andere, als er hineinblickte, „Die Narben sind verschwunden, als Anjo deinen Körper geschrumpft hat. Er hatte damals schon vermutet, dass du sie noch einmal … bekommen müsstest.“

Lilith hielt inne. Sie wandte sich Chem Wak zu. Starrte in seine erschöpften Augen. In die Sorge, die dahinter brodelte.

„Pico wird ihn nicht noch einmal in mich ritzen wollen. Beim ersten Mal war ich für ihn nur … ein Experiment. Wir kannten einander kaum. Und selbst da-Er hat es nur aus Verzweiflung getan. Er hatte nur … Er könnte nie wieder …“

„Ich weiß“, entgegnete ihr falscher Bruder und hob den Bademantel auf, um ihn über ihre Schultern zu hängen, „Und dennoch wird er das Gerüst stärken müssen. Ob er will oder nicht …“

Sie nickte stumm. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Ohne den wahren Schlüssel wären die Folgen zu fatal. Selbst jetzt löste ihre Abwesenheit in Blainc gewiss Konflikte aus. Ob sich die Wesen bereits wieder bekriegten?

Ob Pico und Myra in Sicherheit waren?

„Ich verstehe nicht, wie ich sie vergessen konnte …“, gestand sie, „Sie sind meine Familie. Sie … und du! Ihr alle … Selbst, als ich euch gemalt hatte, waren die Erinnerungen wie entfernte Bilder, die ich aus einem Traum fischte. Doch nun?“, sie erschauderte, „Ich … Ich vermisse sie. Ich liebe sie. Ich will Pico nicht wieder leiden sehen, weil er mir den Schlüssel erneut in den Rücken kratzen muss, nur damit Blainc nicht zerbricht!“

„Er leidet nur, weil er dich verletzen muss“, Chem Wak seufzte und wank sie mit sich aus dem Bad, „Bis heute verstehe ich ja kaum, wie ihr es gar beim ersten Mal tun konntet, ohne den Verstand zu verlieren. Ihr-“, er zog den Anhänger mit dem dreizehnzackigen Stern unter seinem Hemd hervor, „Ihr seid bereits damals das Risiko eingegangen, euch selbst zu verlieren.“

„Nicht wirklich“, Lilith schüttelte den Kopf, „Damals war Pico einfach nur Pico. Der letzte Überlebende seiner Art. Und ich? Ich war ein unbedeutendes Mädchen für ihn, das plötzlich vor seinem Nest aufgetaucht war. Wäre ich verstorben, hätte ihn das ebenso viel bekümmert, wie die Steine, die die Galebs für ihren Bau einsammelten.“

Sie wollte nicht sagen, dass ihr eigenes Leben ihr damals noch weniger Wert gewesen war. Sie hatte Blainc ja bei ihrer Ankunft für ein schiefes Paradies gehalten. Einen Ort, den sie nur dank ihres vermeidlichen Todes erreicht hatte. Eine Welt mit zwei Sonnen ohne Nacht. Erst die Schmerzen hatten ihr offenbart, dass sie doch noch lebte. Der Schlüssel hatte ihre Welt geöffnet. Und durch ihre Reise hatte sie Zuversicht und Hoffnungen kennengelernt.

Noch immer erinnerte sie sich daran, wie überrascht sie gewesen war, als sie einige Jahre später plötzlich leben wollte.

„Ich glaube, du schätzt deinen Pico falsch ein. Vor deinem Erscheinen hatte er eine Familie. Doch als diese nach und nach starb, suchte ihn die Einsamkeit heim. Einsamkeit, aus der du ihn rausgerissen hattest“, Chem Wak seufzte, „Ja, du warst für ihn noch keine kleine Schwester. Doch bin ich mir sicher, dass es ihn kostete, das Mal in deinen Rücken zu ritzen oder gar zu sehen.“

„Ein Mal, das ich zerstört habe, als ich Anjo gebeten hatte, unsere Körper anzupassen, oder?!“, Lilith umarmte sich selbst, „Nein. Ich- Ich muss eine andere Lösung finden. Eine, bei der Pico mir den Bannkreisschlüssel nicht noch einmal in den Rücken ritzen muss … Zum Beispiel … Tattoos! Ich könnte mich hier tätowieren lassen und-“

„Und wie willst du sichergehen, dass jeder Strich richtig gesetzt wird? Wir hätten nur einen Versuch und kein Foto von damals“, warf er ein, „Außerdem … Vielleicht braucht es die Essenz eines Devros bereits beim ersten Strich.“

Sie sackte auf dem Sofa zusammen. Die Welt verschwamm. Es dauerte sie einen Moment, bis sie erkannte, dass sie erneut weinte. Dass sie sich einsam fühlte. Dass sie …

Sie wollte zurück. Sie konnte nicht zurück. Sie musste zu Pico und Myra. Aber ihr falscher Vater und Oliver waren in dieser Welt zu Hause. Und Shiloh! Diese drei Menschen bedeuteten ihr ebenso viel, wie ihre wahre Familie. Sie waren ihre Familie. Sie waren nicht ihre Familie. Sie mussten ihre Familie sein. Sie-

Der Schrei entfloh ihr so plötzlich, dass sie sich vor sich selbst erschrak. Lilith schloss die Augen. Sie atmete tief ein. Sackte zusammen-

Chem Wak setzte sich zu ihr aufs Sofa und klopfte gegen ihre Schulter.

„Das- Wenn ich wüsste- Ich war nie gut“, durch ihren Tränenschleier sah er fast genauso aus, wie damals.

Damals, als er noch sein Froschgesicht trug.

„Versuchst du … mich zu trösten?“, flüsterte sie aus.

„Ich … denke?“

Ein trockenes Lachen entkam ihr. Sie lehnte sich gegen ihn. Gegen ihren Chemy. Er … Sie hatten ihn auf ihrer Reise als letztes getroffen. Kurz bevor Pico das Gerüst beenden konnte. Damals war er ihnen aufgefallen, weil der Shemania stets das Richtige tun wollte. So hatte er Pico auch davon abgehalten, einen Martal zu töten. Er war ein Teil ihrer Familie geworden. Für die kleine Myra war er ein Lehrmeister gewesen. Für Pico ein Freund. Für sie selbst eine Art Ziehvater … Und als solcher hatte er die Regeln und Gesetze von Blainc verfasst und behütet.

Er hatte immer nur das richtige tun wollen. Deswegen hatte er sie zu Anjo begleitet. Deswegen hatte er sie angehört. Deswegen hatte er am Ende seine eigenen Gesetze gebrochen …

„Ich weiß nicht, wie wir zurück können. Ich weiß nicht, wie mein Mal zurückkehrt, ohne dass Pico mich noch einmal verletzen muss. Ich-“, Olivers Gesicht sprang ihr schlagartig ins Gedächtnis, „Verdammt! Ich habe mich hier in einen Menschen verliebt. Obwohl ich geschworen hatte, mich nicht zu binden! Ich … Was, wenn wir deswegen nicht zurück können? Was, wenn-“

„Weil du etwas für Oliver empfindest?“, Chem Wak grinste sie an.

„Ja. Nein. Was weiß ich!“

„Lilith, ich habe dich beobachtet, seitdem ich dich wiedergefunden habe. Und ich bin durch die verschiedenen Versionen der Zukünfte geschlüpft, ehe du dich mit Oliver angefreundet hast. Weil ich wissen musste, ob ich ihn und seinen Vater … fortschicken sollte“, er hielt inne, „Bislang hatten sie keinen Einfluss auf unsere Rückkehr.“

„Bislang“, wiederholte sie, wenngleich die Erleichterung sie überrollte, „Das bedeutet jedoch nicht, dass es so bleibt, oder? Das bedeutet nicht-“

„Lilith“, er packte ihre Schultern und drehte sie so, dass sie in seine Augen sehen musste, „Lass es. Ich habe gesehen, wie unglücklich du ohne diesen Menschen wärst. Du würdest dich selbst zerbrechen, indem du ihn fortschiebst. Du … Das darfst du nicht. Pico würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich gebrochen zurückbringen würde.“

„Wenn wir je zurück gelangen, meinst du.“

„Wir werden es“, versprach er ihr.

Irritiert blickte sie auf die Sternenkette, die er in ihre Hand legte. Sie horchte in sich hinein. Spürte, dass er nicht gelogen hatte. Dass er die Wahrheit sagte. Obwohl er es doch nicht wissen konnte. Aber selbst der Anhänger, dieser anfängliche, ursprüngliche Bannkreis, der das Fundament von Blainc gewesen war, schien es zu wissen.

Lilith umklammerte das Metall. Sie drückte es gegen ihre Brust. Erinnerte sich daran, wie Pico ihr den Stern geschenkt hatte. Weil man den kleinen Bannkreis in Blainc nicht mehr benötigen würde, solange er das Gerüst aufrecht erhielt.

Solange sie der Schlüssel blieb.

„Ich vermisse sie“, gestand sie Chem Wak.

„Und sie dich. Das weiß ich“, unbeholfen klopfte er auf ihre Schulter, „Aber ich weiß auch, wie sehr es dich geschmerzt hatte, als die neuen Regeln Blaincs dich isolierten. Pico würde wollen, dass du lebst, solange du eh nicht zurück kannst. Selbst Myra würde dir diese Freiheiten zugestehen. Lass mich daher unseren Rückweg suchen. Und du?

Du konzentrierst dich nur darauf, zu leben. Gönn es dir und lass mich mein Versprechen halten.“

Lilith lachte auf, als sie die Worte erkannte. In ihrem Talisman hatte dasselbe gestanden. Nur länger. Und flehentlicher. Weil sie sich da noch nicht an ihre frühere Familie erinnert hatte?

„Ich weiß nicht, wie lange ich mich zurücklehnen kann“, gestand sie und reichte ihm den Anhänger zurück, „Ich weiß nur, dass du den ersten Schlüssel brauchen wirst, damit du vor den Menschen nicht erkannt wirst. Du bist zu … unbeholfen“, erklärte sie.

Er folgte ihrem Blick zu seinem Arm. Sein Arm, mit dessen Hand er sie trösten wollte. Nur hatte sich das Schulterklopfen in Kopfklopfen verwandelt.

„Machen Menschen das nicht so?“

„Köpfe werden gestreichelt. Nicht geklopft“, erwiderte sie lächelnd.

„Huh“, er zog die Hand zurück und nahm den Anhänger dabei wieder an sich, „Ich verstehe diese sozialen Normen kaum. Deswegen hatte ich Mr. Brume auch angestellt. Damit er die Umgangsregeln übernehmen kann.“

„Verstehe“, Lilith umarmte ihre Beine, während sie sich gegen ihren wahren Ziehvater lehnte, „Es war halt noch nie deine Stärke.“

Er brummte als Antwort. Ein Brummen, das ihr so vertraut und doch fremdartig erschien, da er als Shemania stiller gewesen war.

Sie schloss die Augen. Dachte an Zuhause. An ihre Familie. An all die Wesen, denen sie den Rücken gekehrt hatte.

„Ich habe Angst, Chemy.“

„Ich auch“, gestand er, „Davor hierzubleiben. Davor zurückzukehren. Davor dich hier zu verlieren …“, er schlüpfte in die Kette mit dem Sternenanhänger, „Aber es ändert nichts an unserer Situation. Deswegen mein Vorschlag: Lass mich den Rückweg suchen. Lass mir freie Hand. Lass dir Luft zum Atmen. Denn sobald wir zurückkehren, werden uns die anderen keine der beiden Sonnen lange sehen lassen.“

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