M: Über die Familie

Lucifer atmete tief ein. Dann aus. Sachte rollte er seine Schultern nach hinten.

Noch immer konnte er die Wunde auf seinem Rücken spüren. Sie brannte. Jedoch war kein Gift dafür verantwortlich. Eher der Verrat, der ihn pochend verfolgte. Der ihn mit seinen Krallen in der Nacht heimsuchte. Der seine Messer nach ihm-

Wie hatte er ihr nur vertrauen können?!

„Und ihr seid heute Abend zurück?“, fragte der Junge gerade die Polizistin. Sue. Oder Lydia. Was wusste Lucifer schon. Sie war unwichtig. Der Bengel war unwich-

Nein.

Lucifer atmete nochmal durch.

Der Junge war nicht unwichtig. Er war Angelines Bruder. Er kümmerte sich um das Baby. Um seinen Neffen. Er blieb zurück, während der Rest auszog, um Michael zu retten. Dieser Junge gehörte zu seiner Familie. Er …

Er ähnelte Michael.

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Weg vom Fernseher

Krisselbild und Rauschen,
Begrüßt mich daheim.

Krisselbild und Rauschen,
Lässt mich nimmer allein.

Die Tage des alten Fernsehers
Sind schon lange gezählt.

Die Tage des alten Fernsehers
Wurden nicht bewusst gewählt.

Vater kam rein und knipste ihn an.
Mutter kam rein und war als nächste dran.
Dann folgte die ganze Schar –
Selbst das Urgroßmütterchen war da!

Sie alle knipsten und zappten und tippten
Sie diskutierten und stritten:

Was sollte es diesmal sein?
Romanze? Tragödie?
Sitcom? Oder Komödie?

Ach, lasst mich damit doch allein!
Lasst mich alle in Ruh!
Ich schlag die Türen zu!

Neben mir liegt mein Schatz,
Direkt auf meinem Lieblingsplatz.
Daneben eine kuschlige Decke,
Meine Wasserflasche in der Ecke.
Ein paar Nüsse aus der Dose,
Dessen Deckel, der ist lose.

Seufzend rolle ich mich ein,
Ein flackernder Schein,
Dringt durch Ritzen herein.

Ich blende die Stimmen aus.
Ich blende das Rauschen aus.
Ich sperre die Realität aus!

Fortan gibt es nur mein Buch und mich.
Eine Geschichte, wie geschaffen …

… auch für dich.

K: Nicht zurück

„Stevie … Komm her …“

Zögerlich trat der Junge an das Bett, in dem sein zittriger Großvater lag. Erst gestern hatte er einen Krankenwagen für den alten Mann rufen müssen. Für Otto Naar, hatte der Vierjährige ins Telefon geschluchzt, für seinen Opa.

Er war so überfordert gewesen. Die Frau am Telefon hatte ihre Adresse wissen wollen. Und was sein Großvater hatte. Und was passiert war!

Steve hatte nur schluchzen können.

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M: Internethistorie

„Na? Wie lange brauchst du diesmal?“, fragte Tyler den alten Rechner, „Ich habe dich vor fünf Minuten angeschaltet. Und du brauchst immer noch. Sicher, dass du eine so tolle Erfindung bist?“, murmelte er vor sich hin.

Allerdings lag keine Kraft hinter den Aussagen. Es waren nur leere Worte, die er trotzig über seine Lippen schob.

Das alte Teil brauchte genauso lange beim Start, wie sonst auch. Das war nichts Neues. Außer So- Außer Marie und ihm benutzte einfach keiner die Maschine. Ihr Dad kam mit der Technik nicht klar und ihre Mom zog die Geräte auf Arbeit vor. Die Erwachsenen hatten also kein Interesse daran, das Teil zu erneuern oder durch ein modernes zu ersetzen.

Der Startbildschirm präsentierte sich mit einer leisen Melodie.

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M: Weihnachtsfest

„Aber wenn man bedenkt, dass eine Zuwiderhandlung vorliegt und der Polizei erst verspätet die Befugnis erteilt wurde, macht es die komplette Anklage nichtig“, erklärte Jasmine stolz und schweigend stimmte Jane den Worten zu.

Sie sah nicht zu ihrer großen Schwester oder ihrem Vater neben ihr auf. Still beobachtete Jane das Tannengesteck auf dem Tisch, während ihre Gedanken um eine vergangene Erinnerung kreisten. Um Jack, der ihr geholfen hatte. Um die Konsequenzen, die ihm nun drohten. Um die Gleichgültigkeit, die ihr Vater ausstrahlte.

Um diese kalte Berechnung in seinen Augen.

„Gut. Deine Ausarbeitungen hast du fertig?“, fragte ihr Vater so uninteressiert, als würde er über anderer Kinder Hausaufgaben sprechen und nicht über einen der wichtigsten Fälle, die seine Kanzlei derzeit hatte.

Oder gar einen der skandalösesten, weil er ihn akzeptiert hatte.

„Ja, ganz so wie du wolltest, Vater“, Jasmine schob ein paar Blätter über den Esstisch. Weißes Papier, das sorgfältig mit einer Schreibmaschine beschrieben wurde. Es war der Wunsch ihres Vaters, alle schriftlichen Arbeiten so vorzulegen. Denn wäre auch nur ein Fehler auf den Seiten, so würden sie es noch einmal neu tippen müssen.

Korrekturen waren inakzeptabel.

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