M: Vom Tageslicht verschluckt I

„Steph! Kommst du bitte?“

„Ja!“, grinsend strich das Mädchen ihre Haare zurecht. Erst in die eine, dann in die andere Richtung. Mit dem Haargel ihres Dads sah das Schauspiel sogar recht lustig aus. So steif und schwerfällig!

Kichernd bürstete sie die Haare nach oben und ahmte ein Gitarrensolo nach.

„Steph! Wir müssen endlich los. Sonst kommen wir zu spät zu deiner Freundin“, diesmal klopfte ihr Kindermädchen an die Badezimmertür.

Das Mädchen zog eine Schnute. Sie hatte keine Lust, einzukaufen. Aber noch weniger freute sie sich auf die Geburtstagsparty ihrer Freundin. Becky war so eine eingebildete Ziege! Das Mädchen musste immerzu über alles und jeden lästern. Es war zum Kotzen! Es war-

„Steph!“

„Ich mach‘ ja schon“, brummte sie durch die geschlossene Tür zurück.

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Minki und der tropfende Wasserhahn

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Minkis Ohren folgten unruhig dem Poltern. Erst kam es von links. Dann von rechts. Nun wieder von links.

Müde öffnete er ein Auge und beobachtete, wie sein Retter durch den Flur hetzte.

Huh. Das war neu. Sonst war er viel besonnener und vor allem leiser! Aber es schien auch reichlich spät zu sein. Später als sonst, wenn sein Zweibeiner die Wohnung verließ. Hatte es damit zu tun?

Der Kater schloss das Auge wieder und dachte an seinen Traum zurück. Es war ein schöner gewesen. Eine riesige Futterschale war darin vorgekommen. Und ein entspannendes Sonnenbad, das er ohne-

Polter!

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K: Ein Teller voll Traditionen

„Du musst mit ihr reden!“, verlangte Casper, noch ehe er in der Küche preschte.

„Warum diesmal?“, fragte Janice, während sie die letzten Zutaten in den Tomatensalat warf.

„Deine Schwester hat schon wieder Essen auf die Terrasse gestellt! Das lockt wilde Tiere an!“, aufgebracht trommelte ihr Mann auf dem Tisch herum.

„Es ist Tradition, dass-“

„Tradition dies, Tradition das. Das ist doch alles nur Unfug!“

Janice sah auf. In diese harten Augen, die eh alles nur für dummen Aberglauben abtun würden. Er würde ihr nicht zuhören. Nicht hierbei. Dafür war er zu stur. Genauso wie ihr Vater einst.

Genauso wie ihre Nichte nun …

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Wahrheit oder Lüge

Rücken an Rücken
Beglücken uns die Tücken.

Hand an Hand
Spannt das stählerne Band.

Dicht an dicht
Dringt kein Licht
Dazwischen.

Denn eng verbunden
Dringen unsere Worte
Auch an entlegene Orte.

Dort werden sie empfunden:

Ein paar als Lüge
Ohne Bezüge,

Die Schar als wahr
Sind ja ganz klar!

Aber ist die Wahrheit nicht komplex?
Während gelogen wird im Reflex?
Ist Klarheit nicht ein Problem?
Sollten wir nicht besser hinsehen?

Rücken an Rücken,
Hand an Hand,
Dicht an dicht –
Verrat‘ es nicht!

Ein Wort macht den Unterschied.
Ein Wort singt den Abschied.
Ein Wort ändert das Lied …

Wahrheit und Lüge
Stehen Rücken an Rücken.

Wahrheit und Lüge
Gehen Hand an Hand.

Wahrheit und Lüge
Sind dicht an dicht.

Sie verdecken uns erpicht
Die Sicht.
Sie sind das Gericht
Ohne Gesicht.
Es entspricht ihrer Pflicht
Uns schlicht

Zu verwirren.
Denn wir sollen uns unser eigenes Urteil
Bilden.

B: Überfürsorglichkeit

„Wie war die Schule?“, fragte ihr Vater beim Abendbrot.

Es war eine tägliche Frage. Eine altbekannte. Und eine, die zu einem Gespräch einlud, für das Liane derzeit keine Nerven hatte …

„Ganz okay“, schulterzuckend schob sie sich einige Nudeln in den Mund.

„Wirklich? Du wirkst irgendwie so … abweisend? Ist etwas passiert?“

Ihr Vater sah sie unschlüssig an. Er wirkte besorgt. Unsicher. Ängstlich? Ja … Ängstlich. Er musste spüren, dass sie ihm etwas aktiv verheimlichte. Aber es ging nicht anders! Diese Zeichnungen …

„Nur in Gedanken“, erklärte sie und immerhin entsprach das ja auch irgendwie der Wahrheit, „Wird schon wieder. Mach dir keinen Kopf.“

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