M: Take a Shot

Erschöpft ließ sich Shooter auf den Barhocker fallen. Eigentlich hieß er nicht Shooter. Eigentlich war sein Name Augustus. Aber wer würde einen Influencer-Photographen namens Augustus überhaupt ernst nehmen? Es war ja schon nervig genug, dass seine Eltern ihn mit sieben unsäglichen Vornamen gestraft hatten – einer schlimmer als der nächste!

Da war Augustus noch sein geringstes Übel.

Shooter ließ den Rucksack mit seinem Equipment unter den Sitz wandern. Er wollte seine Kamera fürs Erste nicht mehr sehen. Er brauchte eine Pause. Und nach fünf Stunden des Ausharrens hatte er sich diese auch redlich verdient! Es war kalt auf dem Dach gegenüber gewesen. Kalt und windig und der Gestank der Großstadt war ihm bestialischer denn je vorgekommen. Jedoch hatte er all das in Kauf genommen, um den perfekten Sonnenaufgang zu fotografieren. Er hatte gewartet und gezittert und gefroren, bis die Strahlen endlich das Meer geküsst hatten. Ein paar Möwen waren auf seine Fotos gehuscht. Die Vögel hatten den Bildern Leben eingehaucht. Sie und diese verzaubernden Reflexionen auf dem Wasser.

»Was darf’s sein?«

»A Shot für the Shooter!«, antwortete er mit dem Catchphrase, der ihm seine meisten Followers eingespielt hatte, »Oder two, wenn du so good bist!«

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Einst

Einst war alles anders.
Einst war alles besser.
Einst …
Einst.
Einst?

Sie alle blicken so fröhlich zurück.
Sie alle schweben im Glück.
Sie alle verschließen ihre Augen –
Vor dem Unglück.

Stattdessen wird freudig erzählt.
Glückliche Worte werden gewählt.
Einzig die Nostalgie zählt?

Der Schatten der Vergangenheit
Steht im Flur bereit.
Er verlor seinen Glauben.
Er beschenkt nun mit Neid …

Einst war alles leichter.
Einst war alles freier.
Einst …
Einst.
Einst?

Mutter schwärmt von warmen Tagen.
Vater will sich daran laben.
Und dazwischen …
Sieht denn keiner die Narben?

Diese zerbrochene Seele …
Ein jeder wähle,
Was er ihr befehle!

Kälte streicht am Kinde herab,
Sie zwängt es ins dunkle Grab.
Weg vom toxischen
Verrat.

Einst sollten Eltern schützen.
Einst sollten sie behüten.
Einst …
Einst.
Einst?

Tun sie’s nicht immer noch?
Sie lieben ihr Kinde doch!
Sie würden ihm nix rauben!
Und dennoch …

Dennoch sitzet es zerbrochen dort
Und egal, wie tief man bohrt,
Gibt es keine Antwort.

Der Schatten der Vergangenheit
Hat genug vom Leid.
Er kann nicht länger mitanschauen,
Wie das Kind im Inner‘n schreit.

Einst wurde es geschlagen.
Einst wurde es getreten.
Einst …
Einst.
Einst?

Einst hält doch bis heute an!
Deswegen lässt es kein Glück heran!
Es glaubt, es würde zu nix taugen.
Deswegen ist es dran …

Dran zu schrei’n,
Dran zu wein’n
Ganz geheim
Ganz allein
In seiner Pein
Daheim …

Der Schatten der Vergangenheit
Verscheucht die Besonnenheit
Mit verächtlichem Schnauben.

Es ist an der Zeit.

Es ist an der Zeit, zu graben.
Es ist an der Zeit, etwas zu sagen.
Es ist an der Zeit, Hilfe einzuklagen!

Sanft besäuselt er das Kind,
Damit er es für sich gewinnt.
Er gibt ihm Wind,
Damit es beginnt

Zu sprechen.

Es soll sich rächen!

Das Kind beugt sich weg.
Es erkennt keinen Zweck.
Es hat kein Vertrauen.
Es sieht sich als Dreck.

Es ist an der Zeit, umzulenken.
Es ist an der Zeit, umzudenken.
Es ist an der Zeit, Bedenken

Zu ertränken!

Das Kind beginnt zu verstehen.
So kann es keine Zukunft sehen.
Mit Bedauern
Will es einige Schritte gehen.

Doch halten Wurzeln es fest!
Es darf nicht aufstehen vom Nest!
Dieses Nest, das es nicht ziehen lässt!

Mutter hält inne.
Vater erhebt die Stimme:

„Es darf nicht stehen.
Es darf nicht flehen.
Es darf niemals gehen.
Wie kommt es auf diese dummen Ideen?!

Das Kind hat fügig zu bleiben!
Es hat zu verweilen!
Wo soll es sich schon rumtreiben?
Warum will es heilen?

Heilen! Ha! Wovon?
Dass es sich mal wieder besonn!

Hier ist wie einst:
Alles gut.
Alles leicht.
Alles frei.“

Der Schatten der Vergangenheit
Macht sich wütend bereit.
Er kann seinen Ohren nicht trauen.
Frei nennt sich dieses Kleid?!

Das ist ihm zu dreist!
Er knurrt und er reißt!
Denn er verheißt:

Den Abschied.

Das Kind senkt die Lider.
Es zittern die Glieder.
Es sieht nicht auf-

„LAUF!“,

Schreit
Der Schatten der Vergangenheit.

Erschrocken hebt es den Blick.
Noch hält es ihn für einen Trick.
Es muss doch auf-

„LAUF!“,

Erneut schreit
Der Schatten der Vergangenheit.

Das Kind erblickt sein eigenes Gesicht.
Ein Schatten im Licht.
Nein. Sein Schatten im Licht.
Die Tränen sieht es nicht-

Nicht mehr.

„Hier ist’s nicht fair.
Hier fällt’s uns schwer.
Ich wünsche mir so sehr
Einen Abschied her.

Für dich.
Für mich.
Bitte sprich!“

Der Schatten der Vergangenheit
Erinnert an das einstige Leid.

Einst …
Einst.
Einst?

Die Wurzeln hängen schlapp,
Sie lassen endlich ab,
Sie fallen herab.

Einst war gestern.
Einst ist heute.

Vater und Mutter sprechen,
Sie wollen ihre Zechen,
Sie wollen das Kinde brechen …

Aber diese Leute,
Nein, diese Meute,
Bekommt keine Beute!

Mit der Erkenntnis sprießen Flügel empor.
Mit der Erkenntnis, die ihm fehlte zuvor.
Mit der Erkenntnis trat das Kind hervor.
Nein. Kein Kinde mehr.
Denn es setzte sich zur Wehr.

„Hatte die Ehre,
Eine furchtbare Leere“,

Damit verlässt es
Das furchtbare Nest.

K: Die Grün-Augen-Kobolde I

Isabel rührte lustlos in ihrem Mittagessen herum. Irgendein Auflauf. Sabine, die Betreuerin des Waisenhauses, hatte ihn vorhin zusammengewürfelt, doch konnte er das Mädchen nicht minder interessieren. Essen war nur eine Aufgabe.

Essen. Trinken. Schlafen. Aufstehen und Funktionieren … Das waren alles nur Aufgaben.

Aufgaben, in denen sie keinen Sinn sah.

„Ich weiß, es ist schwer“, erklärte ihr Stiefbruder Paul zum wiederholten Mal, „Aber Anja muss ihr eigenes Leben bewältigen. Und ihr eures. Verstehst du?“

Isabel blickte lustlos zu dem Älteren. Dann über die anderen besorgten Gesichter hinweg zu ihrem Zwilling Robby, der zumindest an seiner halben Scheibe Brot knabberte.

Er sah so müde aus …

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Fujis zerbrochenes Versprechen

Die Wolke starrte zu der Mond-Sabine hinauf. Etwas in ihm schmerzte. Es pochte. Bebte.

Verletzt zog er sich zusammen.

„Ich … Ich kann doch nicht … Sabine … Sie-“

„Sabine wird alle umbringen, wenn du weiterhin Zeit mit ihr verbringst. Lass es bitte sein.“

Hastig wich Fuji zurück.

Zurück von der bekannten Stimme, die doch nicht von seiner Sonne erklang!

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