M: Lampenfieber

„Das schaffst du, Mary“, ermutigte Kelp seine kleine Schwester sanft, doch schien das Mädchen nur weiter in sich zusammenzusacken.

„Ich möchte nicht … Bitte“, sie presste die Beine gegen ihren Oberkörper. Ihr ganzer Körper bebte. Sie schluchzte. Sie war nicht mehr als ein verknoteter Schatten in der Ecke ihres dunklen Zimmers.

Unschlüssig blickte Kelp zur Tür zurück. Bestimmt wurden sie auf der Party bereits vermisst. Immerhin sollten sie dort die Weihnachtslieder für die Erwachsenen trällern. Na ja. Er wäre dabei nur das lästige Übel. Wichtig war einzig Mary. Denn ihre Stimme war es, die jedes Mal in höchsten Tönen gepriesen wurde.

„Wenn wir nicht bald runter gehen, wird Vater sauer werden“, flüsterte er zu ihr herab, „Und Mutter wird uns wieder bestrafen. Bitte. Lass es uns einfach durchziehen, ja? Genauso wie die letzten Male. Da hast du es ja auch geschafft!“

Schwach schüttelte seine jüngere Schwester ihre blonden Haare umher.

Eine Träne landete auf seinem Handrücken.

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Minki und das Vogelhaus I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Dass die Zweibeinerin komische Dinge tat, war nichts Ungewöhnliches. Es war Gang und Gäbe, dass Minkis Retter sie mit ihrem Unfug gewähren ließ. Deswegen hingen im Frühjahr auch immer diese bunten Eier an den eckigen Bäumen. Manchmal setzte sie noch schiefe Hasenfiguren daneben. Aber in diesem Frühling …

Neugierig beobachtete der Kater, wie die Felllose das kleine Häuschen zusammenbaute. Sie hatte es mit auf den Balkon genommen und schien sich nicht entscheiden zu können, wo es denn nun bleiben sollte. Lieber auf dem Tisch? Oder im Blumenkasten? Oder doch auf dem Fensterbrett?

Als ob es nicht schon verrückt genug war, so einen winzigen Schuppen aufzustellen! Da passte ja keine Katze rein – geschweige denn ein Zweibeiner. War das wieder irgend so eine ulkige Dekoration? Wie der Baum, der im Winter die Stube versperrte? Oder die Blumen, die im Wasserbad den Tisch schmückten?

Gähnend rollte sich Minki auf die Seite.

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K: Nach vorn oder zurück?

Schweigend beobachtete TJ das Waisenhaus. Es lag so abgelegen von der restlichen Welt – beinahe versteckt. Nur eine einzige, einsame Straße führte an dem riesigen Gebäude vorbei, das von Shizens Wäldern verborgen lag. Wenn die Apokalypse einträfe, würde man hier nichts davon mitbekommen.

Und wenn hier ein Unglück geschehen würde …

Besser hier, als woanders, versuchte er sich einzureden.

Ist klar, meldete sich John, seine zweite Seele, mürrisch zu Wort, Lass mich wissen, wenn du es wirklich ernst meinst.

Kopfschüttelnd lief TJ am Waldrand entlang. Er achtete darauf, nicht gesehen zu werden. Wenn man ihn sah, würden die Leute ihn ansprechen. Dann müsste er sich mit einer fremden Person beschäftigen. Dann müsste er höflich bleiben, obwohl er am liebsten-

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Verzwickte Sprache

Die Welt mag fürs Kind
Ungewöhnlich sein.
Die Welt mag fürs Kind
Verdreht erschein‘n.

So soll es sich über Bienenstiche freuen?
Auf keinen Fall darüber heulen?
Warum muss das Geld zur Bank gehen?
Will man es im Park nie wiedersehen?
Und warum will man Fliegen am Kragen?
Sollte man über das Insekt nicht klagen?
Was soll das Eselsohr im Buch?
Ist ein Laster doch kein Fluch?

Sprache ist ein verzwicktes Spiel.
Sie führt nicht immer zum selben Ziel.

Fragen über Fragen.
Keiner kann es recht sagen.
Es ist zum Verzagen,
Zum Angsteinjagen –
Ist es der Knoten im Magen?

Die Krone gehört doch auf den Kopf!
Der Kamm fährt durch den Zopf.
Der Hering kommt nicht in den Boden!
Den Strauß sollte man doch loben?

Sprache ist ein verzwicktes Spiel.
Sie führt nicht immer zum selben Ziel.

Egal, wovon die Rede ist,
Ob von Kiefer, Tau oder Mist.
Ob nun umfahren heißt: Drum herum?
Oder hindurch mit Gebrumm?
Ob mit Komma oder ohne,
Interessiert Kinder nur die Bohne!

Für sie muss es einzig Sinn ergeben.
Für sie ist es ein Bestreben.
Ein wahres Beleben!

Denn Kinder stellen die Fragen,
Die wir längst vergessen haben,
Während wir das Alte pflegen,
Es stur zusammenkleben.

Dabei ist Sprache ein so schön verzwicktes Spiel
Und glänzt mit mehr als nur einem Ziel.

Aus aktuellem Anlass, da wir bereits vieles davon in der Sprachentwicklung unserer Zwillinge (3) beobachten konnten. Ihre Herangehensweise ist ein wahrer Genuss! Cx

B: Ein nächtlicher Besucher II

„Mit meinen Eltern ist alles geklärt. Ich bleib heute Nacht hier, damit wir ein Gruppenprojekt fertig bekommen. War die beste Ausrede, okay?“, murmelte Shiloh, während sie ihr Handy weglegte und den letzten Bissen ihrer Pizza verschlang.

„Hm“, Liane zuckte mit den Schultern.

Ihr eigenes Essen lag noch fast vollständig im Karton. Es fehlte nur ein Stück. Das, welches sie ihrer Freundin überlassen hatte.

„Wir können immer noch die Polizei rufen und-“

„Nein“, entschlossen schüttelte Liane den Kopf, sodass ihre Zöpfe umherpeitschten, „Nein. Ich … Ich glaube nicht, dass sie wiederkommt. Das würde keinen Sinn machen.“

„Du meinst, weil sie Geld dagelassen hat?“, Shiloh lehnte sich gegen das Bett. Sie hatten es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht. So waren sie nicht durch das Fenster zu erblicken.

„Es wirkte wie eine Entschuldigung. Für den kaputten Blumentopf“, erschöpft schob Liane den Pizzakarton von sich und umarmte ihre Beine.

Wieso war das Leben nur so kompliziert?

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