Timothy – Die Zeit läuft davon …

Ich fand Jane bei den Pferden. Sanft sprach sie auf die Tiere ein, während sie ihnen ihr Frühstück gab. Dabei streichelte sie die dürren Hälse und bedankte sich bei den Wesen.

Nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so zärtlich mit Tieren umging!

„Wie kannst du so gelassen bleiben, wenn sie deinen Tod zum Morgengebet verlangen wollen?“, platzte es aus mir heraus.

Die Zeit lief ihr davon!

„Was passieren soll, wird eh geschehen. Meine Sorgen werden nichts daran ändern“, erklärte sie so leise, so schwach.

Aber dennoch zitterte ihre Stimme.

Gut. Das bedeutete, dass sie weiterleben wollte, oder? Es musste. Sie musste!

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M: Im Auge des Schützen III

„Du bleibst bis Schulschluss hier. Verstanden? Wenn dich jemand anderes abholen möchte, gehst du nicht mit. Nicht bei Papa, nicht bei Oma, nicht bei Opa. Ja?“, Jennifer drückte ihre Tochter an sich.

„Hm“, ihre kleine Flocke klang nicht begeistert.

„Bitte, Ann. Mama und Papa müssen heute zur Richterin. Wir müssen-“

„Du willst Papa ersetzen“, behauptete ihre Tochter und wandte sich aus der Umarmung, „Das ist nicht fair … Warum können wir nicht wieder alle zusammen sein? Wir sind doch eine Familie …“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie war so zart, so zerbrochen, so hilflos … Es brach Jennifer das Herz.

Aber es musste sein. Marius hatte sie verraten. Er war fremdgegangen. Er hatte sie beide beiseite geworfen!

Er hatte Jennifer hierzu gezwungen.

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Minki und seine Beute

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Es war ein ruhiger Nachmittag. Also: Endlich. Denn nach langem Hin und Her hatten die Zweibeiner doch noch die Wohnungstür gefunden und den Kater selige Ruhe geschenkt. Somit konnte er sich nun genüsslich auf dem Sofa strecken. Er genoss die Sonne. Er genoss die Ruhe. Er genoss den Frieden!

Bis das Surren seine Entspannung raubte.

Minkis Ohren zuckten zum angekippten Fenster. Da! Da war es schon wieder! Gefolgt von einem dumpfen Boing. Das … Er kannte dieses Geräusch!

Mit der Eleganz einer Raubkatze drehte er sich um und fiel vom Polster.

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K: Lebenswunsch

Unschlüssig beobachtete sie das Haus. Verglichen mit der Ruine im Wald erschien es ihr so riesig! Und dennoch hatte sie es nur durch Shizens Witze gefunden. Er hatte ihr von den nichtmagischen Bewohnern erzählt. Sie würden sich hier so irrsinnig verhalten. Gewiss waren ihre Leben einfacher. Einfacher und amüsanter.

Das hatte ihr Interesse geweckt.

Seither hatte sie sich alle paar Tage hierher getraut. So konnte sie die Menschen aus der Ferne beobachten. Es verwirrte sie, dass die Kinder sich so unbeschwert gaben. Dabei waren sie alle ungewollte Waisen, oder? Das behaupteten Shizens Desson doch!

„Es kommt jemand“, schnurrte Yuki in ihr Ohr und augenblicklich versteckten sie sich hinter dem nächsten Baum.

Fragend nickte Maggie hinter sich und die Gestaltwandlerin verwandelte sich in einen Käfer. Surrend flog sie um ihr Versteck, um die Lage aus zu peilen.

„Er räumt auf“, berichtete sie, als sie sich erneut auf ihrer Schulter niederließ.

„Hm.“

Mehr wusste Maggie nicht zu sagen. Nicht während sich die Stimmen in ihrem Kopf überschlugen. Die eine forderte den sofortigen Rückzug. Die andere wollte alles erkunden. Sie fühlte sich zwischen einer Einsiedlerin und einem kleinen Kind gefangen.

Dabei wollte sie selbst vor Angst nur erstarren.

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Die Risse im Leuchtturm

Vor Jahren habe ich mich hier versteckt.
Ich habe durch ihn die Welt entdeckt.
Ich war so nicht verreckt …

Damals war es mir hier sicher erschienen.
Der Turm hat mich vom Sturm geschieden.
Er lehrte mir, wieder zu lieben …

Meine Finger gleiten über das Mauerwerk.
Steine mit endlosen Rissen – wohlgemerkt.
Alles steht kurz vor dem Verfall.
Nein.
Alles ist bereits am Zerfall!

Draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Leuchtturm stöhnt.

Mein Arm fällt schlapp herab.
Ich fühle mich so platt.
Ich möchte das Mauerwerk retten!
Ich möchte die Risse glätten!
Ich möchte ihn ewig hier stehen sehen!
Er solle niemals vergehen!

Dabei weiß ich, dass nichts mehr zu machen ist …

Vergebliche Liebesmüh,
Vergeblicher Kummer,
Vergebliche Hoffnung
Macht nur alles schlimmer.

Und draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Kahn ruft.

Mein Magen verkrampft sich.
Ich schüttle mich.
Die Tränen müssen weg.
Sie dienen keinem Zweck.
Sie würden nur Sorgen bereiten
Und mein falsches Lächeln vereiteln.

Mit zügigen Schritten geht es raus.
Alles gut, wir müssen fahren, sofort hinaus.
Etwas anderes darf ich nicht sagen.
Etwas anderes kann ich nicht wagen.

Nicht während mein Leuchtturm zerbricht.
Nicht während verschluckt wird, unser Licht.