Zu spät

Kurz nach Sieben.
Ich wollt‘ hierher fliegen.
Wollt‘ es nicht verschieben.
Wollt‘ Dich nicht verlieren.

Bin ich zu spät?

Ich lehne mich an die Säule,
Lausche dem tosenden Geheule.
Der Wind lässt mich erzittern,
Wie bei tosenden Gewittern!

Ich bin zu spät …

Meine Uhr zeigt acht nach.
Das ich nicht lach‘!
Acht Minuten nach …
Obwohl ich versprach,

Mich nicht zu verspäten.

Erschöpft knie ich nieder.
Mir zittern die Glieder,
Wie beim Fieber,
Denn mal wieder,

Bin ich zu spät.

Zwanzig Minuten harre ich aus.
Ich will keinen Strauß,
Will keinen Applaus,
Will nur nach Haus‘.

Ich war zu spät.

Heute hätten wir entschieden,
Ob wir uns wirklich noch lieben.
Ob wir zueinander halten.
Ob wir uns nicht spalten.

Und ich war schon wieder zu spät.

Dabei war das doch Deine Kritik.
Deswegen hinkte unsere Physik.
Du läufst wie eine automatische Fabrik
Und ich bin das Dynamit,

Das zu spät zischt …

Der Morgen bricht an.
Schatten schlängeln sich heran.
Ich starre in den Sonnenaufgang
– viel zu stramm, viel zu lang –

Und stehe verspätet auf.

Trauer übernimmt mein Gesicht.
Doch lange währt sie nicht.
Denn ungläubig bemerke ich
Dich.

Verspätet.

Auf der anderen Seite der Säule warst Du.
Auf der anderen Seite der Säule wartetest Du.
Auf der anderen Seite der Säule hab‘ ich nicht nachgesehen.
Auf der anderen Seite der Säule ähnelt Dein Lächeln einem Flehen,

Das ich verspätet sah.

So wird mir Deine Liebe gewahr.
So wird mir unsere Zukunft gewahr.
So wirst Du mir gewahr.

Ich bin vielleicht zu spät,

Aber ich bin da.

Die plätschernde Melodie der Freiheit

© Katharina Kolata

Kevin Strauss ließ seinen Chef still gewähren, als dieser den nächsten Kunden übernahm, der in ihre Filiale marschierte. Eigentlich hätte Kevin ihm helfen müssen, aber ein einziger Blick des gepflegten Fremden hatte jedes Vorhaben im Keim erstickt. Die Abscheu war Kevin aus den blauen Augen geradezu entgegengesprungen und so zog er sich lieber zurück.

Er wusste, dass er nicht der ansehnlichste Zeitgenosse war. Als Bankangestellter von Brooks ‘n Coal aus der Hauptstadt Centy sollte er zwar ein ordentliches Erscheinungsbild an den Tag legen, doch wäre es einfacher, einen Löwen zu frisieren. Seine Haare glänzten mit jeder Dusche fettiger und seine Akne war ein Dämonenwerk für sich. Obwohl er bereits Mitte dreißig war, wollten die Pickel einfach nicht verschwinden! Zusätzlich dazu wirkte er in seinem Anzug eher wie ein formloser Kleiderständer und nicht wie ein menschliches Wesen. Selbst ein Blinder hätte erkannt, dass er hier nicht reinpasste!

Nachdenklich schielte er hinter sich aus dem Fenster des dritten Stockwerks und beobachtete einen umherfliegenden Vogel. Er war schwarz. Vielleicht eine Krähe? Das war selten zu dieser Jahreszeit. Sonst konnte er nur Möwen beobachten, die über dem glitzernden Fluss flogen. Die frei waren.

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Fujis Überraschung

„Noch nicht“, belehrte ihn Alpe erneut und mürrisch richtete die Wolke ihre Augen in die Höhe.

„Ich weiß“, beharrte Fuji, „Aber je mehr du mich warten lässt, desto neugieriger werde ich!“

„Na, na. Du willst dir doch nicht deine eigene Überraschung kaputt machen, oder?“

Seine eigene Überraschung … Das gefiel der Wolke! Bislang hatte sich noch nie jemand darum bemüht, ihn zu überraschen. Gewiss war es den Sternen nicht in den Sinn gekommen und die anderen Wesen … Die anderen Wesen kannte er ja gar nicht richtig. Er hatte sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt. Stets hatte er seinen Fokus auf die Sonne oder die Erdoberfläche gelenkt. Er war den Vögeln ausgewichen, hatte nie das Gespräch mit den anderen Wolken gesucht, war einzig an den bunten Blumen und Bäumen interessiert gewesen …

Bis er gesehen hatte, dass sie auf dem trockenen Boden nicht gedeihen konnten.

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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Minki und die Kuckucksuhr I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Jeden Tag entschloss Minki aufs Neue, dass er die neue Wohnung nicht mochte. Sie war so klein! Außerdem gab es nur so wenig Zimmer und die Zimmer, die es gab, wirkten alle so voll. Platz war Mangelware. Und am schlimmsten: Wenn Minki seine fünf Minuten bekam, so konnte er sich kaum austoben. Denn im Nu war der Kater durch die ganze Wohnung gerannt. Dann musste er umdrehen. Umdrehen, um zurück zu rennen? Was für eine Verschwendung!

Er vermisste sein Rundel …

Allerdings war der fehlende Platz kaum der Rede wert, wenn Minki an sein anderes Problem dachte. Denn hier waren alle Geräusche um ein Vielfaches lauter. Sobald jemand den Schlüssel ins Schloss steckte, bekam der Kater es mit. Er hörte, wie sich die Zweibeiner erleichterten. Er hörte, wie die Frau seines Retters sich auf dem Balkon unterhielt. Er hörte, wie sich die Nachbarn stritten, wenn das Essen anbrannte!

Und niemals hatte der Kater seine Ruhe …

Vor allem nicht nun, wo er das Ticken in der ganzen Wohnung hörte. Das Ticken und das Geschrei …

Langsam schaute Minki zu dem Kasten auf, der an der Stubenwand hing.

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