M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde, ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er eigentlich schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste. Letzteres wirkte beinahe realer für sein kleines Köpfchen.

Noch immer konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten…

Und dann roch er es. Der beißende Geruch des Rauches, der nach verbranntem Fleisch stank, vermischt mit bitteren Chemikalien, verschmolzenem Plastik. Es war ein Geruch, den er nur als den Tod zu beschreiben wusste. Ein Gestank, der versuchte, dem Jungen die Tränen in die Augen zu treiben. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

Er durfte nicht aufgeben! Sein Bruder drängte ihn mit Worten voran, die er kaum mehr wahrnahm. Sie wurden von der Hitze der Flammen und der pochenden Angst in seinem Herzen verschluckt. Seine Beine fühlten sich mit jedem Schritt mehr nach Wackelpudding oder eher der dazugehörigen Vanillesoße an. Sein Magen war verknotet. Seine Lunge brannte, als wäre sie in pure Säure getränkt worden. Er glaubte, mehr Luft auszuhusten, als er gar einatmen konnte!

Schon wieder. Ein weiterer Schuss ertönte. Dieser näher als die Vorherigen. Wurden sie nun verfolgt? Was war mit ihren Eltern? Ihrer zittrigen Mutter? Er hatte sie seit Stunden nicht mehr gesehen. Ging es ihr gut? War sie auf einem anderen Weg nach draußen geflohen? Was war mit ihrem Vater? Der Mann, der versprach, zu ihnen aufzuschließen? Der sie fortgeschickt hatte?

Er sah das erschrockene Gesicht seines Bruders. Konnte die Angst darin beinahe ergreifen. Dachte an die Männer. An die Waffen. An die Kugeln. Fragte sich in einem verzweifelten Augenblick, wie schnell er über einen Leichnam steigen könnte. Fragte sich dann, wie schnell er über die leeren Augen seines Bruders steigen könnte.

Was war richtig? Was falsch? Gab es so etwas denn überhaupt noch? Und was war gerecht? Sollte er hier sterben, für die Fehler anderer büßen – war das etwa gerecht?

Ein Rufen erklang hinter ihnen, doch blieben sie nicht stehen. Sie durften nicht stehenbleiben. Jeder Stopp könnte der Letzte sein. Wenn er überhaupt noch lebte. Wenn er diese Nacht überlebte. Wenn sie aus diesem Anwesen-

Dort hinten! Er entdeckte die gewaltige Eichentür und mobilisierte seine letzten Kräfte. Das war die Eingangstür, die Haustür. Sie würden es schaffen!

Gemeinsam stießen sie das riesige Stück Holz zur Seite und stürmten hinaus. Erschöpft sog er die frische Luft in seine Lungen. Er spürte, wie die nächtliche Kälte in ihn eindrang und sich durch seine Luftröhre zwang. Die frische Luft schmerzte ihn. Sie brannte wie der Rauch in seiner Lunge. Ließ ihn husten.

Erst durch das knirschende Geräusch neben ihm blickte er wieder zu seinem Bruder herüber.

Sofort schloss er die Tür und half dem Älteren dann, einen der Mamorlöwen umzuwerfen, um den Fluchtweg zu blockieren. Er verschwendete keinen zweiten Gedanken an die so genannten Menschen im Haus, als sie das Monster von einem Stein vor der Tür umstießen. Er wusste, dass er keine Reue für diese Leute empfinden würde.

Durch diese Tür würde niemand mehr hinauskommen. Niemand!

Aber was war mit seinen Eltern?

Zweifel schlichen sich in sein kleines Herz, während seine Augen auf dem Eingang lagen. Sein Bruder hatte gesagt, dass er nach vorn sehen musste. Sich nicht umdrehen durfte. Er hatte auch seinen Vater gehört. Blut gesehen-

Er zuckte zurück, als er die Rufe hörte. Das Hämmern an der Tür. Die fremden Stimmen.

Wütend, fast schon hasserfüllt, ignorierte er die Schreie, die nun dahinter erklangen. Seine Hand suchte die seines großen Bruders. Suchte nach Unterstützung. Sicherheit. Doch dieser war bereits einige Schritte weitergegangen und starrte stirnrunzelnd auf ihren Parkplatz.

Dort stand er – lässig an einem der Autos angelehnt.

Der Mann trug einen zerknitterten, aber sauberen Anzug und sein Haar war so zerzaust, als hätte es noch nie zuvor eine Bürste gesehen. Der Lolly in seinem Mund gab ihm einen kindlichen, fast schon naiven Ausdruck, der im kompletten Kontrast zu dem ernsten Gesichtsausdruck des Struwwelpeters stand. Zu diesen kalkulierenden Augen.

Geduldig sah der Mann zu den Brüdern hoch, während er ihnen die Tür seines Wagens aufhielt. Wortlos, aber dennoch etwas zögerlich, folgten sie seiner Aufforderung. Gemeinsam krochen sie auf die Rückbank und beobachteten, wie er sich hinters Steuer setzte.

Niemand schnallte sich an, als sie mit Vollgas die scharfen Kurven vor dem Haus entlang rasten – fort von der brennenden Hölle.

Der jüngere Bruder blickte noch einmal zurück. Er konnte den starken Rauch des Feuers immer noch auf der Zunge schmecken. Konnte die Hitze spüren. Hörte selbst das leise Knacken der Flammen, das ihm bei der Flucht nicht aufgefallen war.

Vor seinem inneren Auge spielte sich immer wieder ihre Flucht ab. Sie verfolgte ihn. Zwang ihn, sich an die Männer zu erinnern. An ihren Vater.

Er tastete nach der dünnen Kette, die seinen Hals umschlang. Spielte mit diesem kleinen Metallplättchen daran. Hielt daran fest.

Vorwurfsvoll biss er sich auf die Unterlippe. Er ließ von der Erinnerung ab. Zwang sich dazu, langsam zu atmen. Abstand zu nehmen.

Erst dann sprach er aus, was ihn quälte: »Entschuldigt… Mom… Dad…«

Passend zur Buchveröffentlichung könnt ihr hier nun den Prolog zu Merichaven: Kidnapped lesen. Ich hoffe, dass er euch gefallen hat und dass ihr Interesse an dem kompletten Buch bekommen habt C:

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Buchveröffentlichung: Merichaven

Es ist kurz nach zwei Uhr morgens und ich habe die erste Geschichte: „Merichaven: Kidnapped“ bei BoD in Auftrag gegeben.

Katzendonner und Jupiterglocken bin ich aufgeregt!

Ich habe zwar meine Bücher immer mal wieder für den persönlichen Spaß gedruckt. Sie aber mit ISBN und Impressum verziert? Das Cover maßgeschneidert? Die Geschichte mehrfach auf zeitliche Abläufe, Rechtschreibung, Grammatik, Ausdruck, Charakterentwicklung, Sprechmustern und so vielen anderen Kleinigkeiten gegen gelesen?

Ich glaube, ich kann oben und unten nicht mehr voneinander unterscheiden!

Dennoch haben mich mein liebevoller Ehemann und meine gute Freundin klasse unterstützt. Sie haben an mich geglaubt und mir den Rücken freigehalten. Haben auf L&T aufgepasst. Haben mich arbeiten lassen. Mich die letzten Jahre auf die eine oder andere Art angefeuert-

Boah! Ich bin baff.

Sobald ich den Link zum Buchshop habe, trage ich ihn hier und auf der Seite zu Merichaven nach.

(Dort sogar mit einem neuen Bild!)

UPDATE

Erstmal nur das Paperback. Das eBook folgt in Kürze!

M: Erwischt!

Jane ließ gedankenverloren den Stift über das Papier schweben. Erschöpft überflog sie die nächsten Aufgaben. Übungen, wie sie auch George neben ihr lösen musste, während seine jüngeren Geschwister auf dem Teppich spielten oder sich an einigen aktiveren Projekten versuchten.

Wie Jane die Kinder doch beneidete!

Und wie sehr sie doch ihre Schwester beneidete. Immerhin ging diese nun auf eine richtige Schule. Mit Mitschülern in ihrem Alter. Sie lernte nur die Dinge, die man auf der Straße als normal bezeichnete. Mathe. Sprachen. Naturwissenschaften. Sport. Kunst.

Ganz anders als das hier.

Müde las die Elfjährige noch einmal die Frage ganz oben auf der Seite. Wie und wo entledigt man sich am sichersten einer Waffe? Begründe deine Antwort! Zweifelsfrei eine Frage, die von ihrem Vater stammte. Immerhin gestaltete Mona diese Zettelqual jedes Mal nach seinen Vorlieben. Es oblag immerhin der Frau, Jane für ihr restliche Leben zu wappnen. Sie musste dem Mädchen den normalen Schulstoff beibringen.

Und sie musste Jane das gewissenlose Etwas beibringen, dass sich ihr Vater für die junge Jade wünschte.

„‘Ne Ahnung für siebtens?“, hauchte George beinahe lautlos zu ihr herüber.

Jane streckte sich gähnend. Ihre Augen flogen über den Anderen, der vollkommen entspannt dasaß zu seinen jüngeren Geschwistern und seiner Mom. Letztere war zur Abwechslung mal mit ihren Zwillingskindern beschäftigt. Zwei dunkle Vierjährige mit viel zu vielen schwarzen Haaren auf dem Kopf. Beide taten sich gerade mit ein paar Seemannsknoten schwer. Billy hatte einen undefinierbaren Seilklumpen erschaffen und Jennys Kunstwerk hatte ihr linkes Bein als Opfergabe gefordert. Ihre anderen Geschwister kicherten über das Unglück der Beiden und versteckten sich aber sofort hinter ihren eigenen Aufgaben, als Mona ihnen einen Blick zuwarf.

Jane spürte, wie George auf ihre Antwort wartete. Gelassen blätterte sie eine Seite weiter zu der erfragten Aufgabe. Sie genoss dabei das raue Papier unter ihren Fingerspitzen und strich nachdenklich über das Blatt, das Mona auf einer Schreibmaschine getippt haben musste.

Du konntest das Ziel nicht eliminieren, wirst verfolgt, und befürchtest von mindestens einer Person erkannt worden zu sein. Erläutere deinen Fluchtplan ausgehend vom Stadtzentrum zum China Park und mögliche Vorgehensweisen, um deine Identität zu schützen.

Jane tippte zweimal leicht auf die hölzerne Tischplatte.

Womit genau?

Sie konnte beinahe spüren, wie George die Stirn runzelte. Sein Stift wippte sachte auf seinen Fingern hin und her.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Stopp.

Mit dem dritten Teil.

Der dritte Teil? Aber die Aufgabe bestand doch nur aus zwei Abschnitten, wenn man die Beschreibung der Ausgangssituation übersprang. Es wurden einzig zwei Verfahren hinterfragt: Der Fluchtweg und die Präventionen, um unerkannt zu bleiben. Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus.

Vorsichtig ließ sie die Hand flach auf dem Tisch sinken. Keine Ahnung. Jane zog die Augenbrauen hoch und begann ihre Finger zu strecken. Möglicherweise-

Zwischen ihnen knallte Monas rechte Hand so ruckartig auf die Tischplatte, dass Jane glaubte, das Echo in ihren Knochen zu spüren. Zuckersüß lächelte die Schwangere auf sie herab, während sie die zweijährige Anastasia auf ihrem anderen Arm hin und her schaukelte.

„Jane. Jory. Möchtet ihr mir etwas sagen?“, ein wissender Unterton hatte sich in ihre Stimme geschlichen und sofort wurde der Elfjährigen bewusst:

Mona wusste, dass sie sich über die Aufgaben ausgetauscht hatten.

„Das ist doof“, bemerkte Jane mit gekonnter Unschuldsmiene, „Es ist viel zu viel Theorie. Das ist doch nicht mehr realitätsnah! Können wir nicht lieber ein paar praktische Übungen machen? Wer zum Beispiel am schnellsten ungesehen durch die Stadt kommt? Oder wer sich am besten verstecken kann? Vielleicht auch in Verbindung mit etwas Schießtraining. Das wäre sehr viel interessanter als ein paar Schreibaufgaben“

Nachdenklich setzte Mona ihr jüngstes Kind zwischen den Übungszetteln ab und Jane beobachtete, wie George anfing für seine jüngste Schwester Grimassen zu schneiden. Er war so ein seltsamer Familienmensch. Wenn sie oder Jasmine sich so verhalten hätten, hätte ihre Mutter sie wochenlang belehrt. Doch er? Er kümmerte sich nicht um die Belehrungen und machte munter weiter.

„Grigoriy schuldet mir noch was. Vielleicht könnt ihr eine Art Praktikum bei ihm machen. Damit könntet ihr euer Anatomiewissen auffrischen und-“

„Solange Sissy lebt, wird der Rotschopf dir jeden Tag was Neues schulden“, platze es aus Janes Mitschüler raus.

Sie zuckte zusammen. Sie konnte seinen Missmut, seine Unzufriedenheit geradezu spüren, jedoch war das nur das halbe Problem. Denn egal wie oft er es vormachte, sie war es einfach nicht gewohnt, dass Ältere unterbrochen oder gar so angefahren wurden. Sie verstand nicht, wie George seine eigene Mutter so respektlos anschnauzen konnte. Sie verstand nicht, warum ihre Mona sich das bieten ließ. Warum sie jederzeit so ruhig blieb. Warum sie so sachte nickte, als würden sie einzig die Aufgaben auf den Zetteln besprechen.

„Wohl wahr. Und ja, er ist nicht der Einzige, der sich hüten sollte, nichts Falsches zu sagen oder gar zu tun“, ihre Stimme hatte etwas Finales, etwas Verständnisvolles, was irgendwie fehl am Platze wirkte, „Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge, Jory. Genauso, wie du dich davor hüten solltest, bei Unwissenheit deine Mitschülerin um Hilfe zu bitten. Hast du wenigstens die unterschiedlichen Aufgabenblätter bemerkt?“, Jane beobachtete wie die Frau ihre Augenbrauen hochzog und besann sich darauf, nicht hinunter zu schmulen und ihre Aussage zu überprüfen.

Hätte sie es bemerkt, wenn sie nicht so müde gewesen wäre? Oder hätte sie diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen? Würde diese Unachtsamkeit ihr später das Genick brechen? Wie könnte sie aufmerksamer werden? Wie könnte sie ihre Schwächen ausmerzen?

Wenn nicht für sich selbst, dann dafür, dass ihre Schwester nicht in dieses Chaos purzelte?

„Das ist doch gemein!“, aufgebracht sprang George vom Stuhl und heiter lachte Anastasia auf, „Du gibst uns sonst nie unterschiedliche Aufgaben. Nie!“

„Dead Inside hatte auch nie direkten Kontakt mit der Polizei oder Andersgesinnten. Das hat ihn aber auch nicht vor dem Tod durch die Cops bewahrt. Ihr müsst immerzu alle Eventualitäten bedenken, Jory“, beinahe zärtlich klangen die Worte in Jane nach und hinterließen einen bitteren Beigeschmack. Sie spürte, wie ihr ein leichtes Zittern über den Rücken krabbelte.

Die Warnung hatte sich in ihr Herz genistet.

„Verzeihung, Mona. Es kommt nicht wieder vor“, bemerkte sie aufrichtig und unterbrach damit die Schimpftirade, in die sich ihr Mitschüler überschlug.

Beim nächsten Mal würde die Frau sie definitiv nicht erwischen!

M: Aller Abschied ist schwer

„Jane… Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Lisa sie leise und drückte dabei ihre Hand.

Die Jade erwiderte die Geste ohne zu ihrer Freundin zu sehen. Stattdessen galt ihr Blick den Straßen vor dem Café. Der graue November hatte bereits die Stadt in seine kühlen Klauen geschlossen und ihr Aufpasser vom Dienst fröstelte garantiert bei dem kühlen Wind. Doch störte sie das eher weniger. Er war einer der masochistischeren Mistkerle, die sie immerzu nervten. Und so einen wollte sie kaum bei sich wissen, wenn sie sich mit der einzigen Person unterhielt, der sie wahrhaftig alles anvertrauen konnte.

Seufzend wandte sie sich ab. Sah stattdessen zu dem Jungen herüber, den sie doch hätte bepaten sollen. Dieser kleine Charmeur mit den klaren blauen Augen, die er definitiv von seinem Vater hatte. Die noch nicht so kalt wirkten, wie die des Älteren. Die ihre Welt eher neugierig erkundeten. Den Keks musterten, den sich der Zweijährige vorsichtig in den Mund schob. Irritiert knabberte er daran herum, legte den Kopf schief.

„Mortes wird dich sicherlich ausfragen, wo ich bin. Er wird vermuten, dass du etwas weißt“, erklärte sie Lisa, die nur genervt die Augenbrauen hochzog.

„Wenn ich nur fünf Minuten nicht weiß, wo du bist, kannst du dir sicher sein, dass ich ihm die Jungs aufdrücke und dich suchen komme“

„Ja doch“, genervt, aber auch berührt strich Jane sich durchs Haar. Warum musste ihre Freundin es ihr nur so schwer machen, sie zu beschützen? Und warum konnte sie die junge Mutter nicht einfach wortlos zurücklassen?

„Im Norden stehen die Wahlen an und mit den Unruhen im Westen wäre es besser, wenn du erstmal keine Weltreise unternehmen würdest“, die Jade nickte den Worten nur zu. Sie drehte den Kopf weg, sah auf den Kinderwagen neben ihrer Freundin, auf das kleine Geschöpf darin, das selig schlief.

Lisas jüngster Sohn ließ sich von dem Gespräch nicht beirren. Ruhig schlummerte der Winzling in seinen Träumen und zuckte nur gelegentlich mit den Fingern seiner rechten Hand, die er aus seiner enganliegenden Decke befreit hatte.

„Wir würden eh nicht aus dem Land kommen, ohne dass er es mitbekommt“, lenkte sie missmutig ein, „Aber das ist nicht der Punkt, Lisa. Mortes mag dich beschützen können, aber er ist nicht allmächtig. Wenn ihr hierbleibt, müsst ihr euch loyal und schweigsam geben. Ihr müsst folgsam erscheinen. Vater wird euch sonst als mögliche Bedrohung betrachten. Er wird euch gegeneinander ausspielen. Er wird versuchen, eure Söhne mit in das Ganze hineinziehen. Und es wird ihm egal sein, was mit den beiden passiert. Nur die Resultate werden zählen. Selbst wenn Mona euch helfen würde, könnt ihr trotzdem-“

„Keine Sorge. Mit Gemma kommen wir klar“, etwas Sicheres hatte sich in Lisas Stimme geschlichen. Es war, als würde die Andere einen Plan im Kopf durchgehen. Einen, in dem ihr jedes Mittel Recht wäre, wenn es nur ihr aller Überleben sichern würde.

„Ihr müsst euch auch vor Nik in Acht nehmen. Er wird sich sicherlich hocharbeiten wollen und…“; Jane dachte an die Schatullen in dem extra Beutel in ihrer Tasche. An die Zettel, von denen sie behauptet hatte, sie alle vernichtet zu haben. An die Lüge, die sie ihrem Halbbruder aufgetischt hatte.

Sollte sie Lisa wirklich noch weiter mit in die Sache zerren? Die Frau musste sich doch um ihre Kinder kümmern. Sie half mehreren Organisationen der Stadt. Deckte immer wieder Missstände und Betrüge auf. War eine der besten Journalistinnen. Sie hatte viel zu viel um die Ohren!

Aber ob Jane wollte oder nicht, die Andere steckte auch schon viel zu tief mit drin. Lisa hatte ihr mit den Rätseln geholfen. Sie wusste von Gemma. Hatte Mortes geheiratet. Hatte selbst einen anderen Namen angenommen, um ihre Kinder und Eltern zu schützen! Ein Name, der erst nur als Spitzname gedacht war. Der sie nun bis in den Tod begleiten würde…

„Keine Sorge. Nik mag zwar klug und ziemlich gerissen sein, aber auch er ist nur ein Mann. Er kann nicht überall zugleich sein. Er hat keine richtigen Anhänger. Die einzigen, die je für ihn gearbeitet haben, wurden dafür bezahlt. Solche Menschen werden sich kaum auf einen Machtkampf mit Gemma und dessen Leute einlassen“, versuchte Lisa sie zu beruhigen.

Jane nickte sachte. Es war alles, was sie tun konnte. Egal, was sie vermutete, egal was sie befürchtete – es war nicht mehr ihr Kampf. Sie konnte nur noch dafür sorgen, dass ihrer Freundin nichts geschah. Dass ihre kleinen Söhne in Sicherheit aufwuchsen.

„Trotzdem solltest du etwas haben“, sie schielte nach draußen, zu ihrem Aufpasser, der sich gerade eine Zigarette anzündete. Ruhig zog sie den Beutel aus ihrer Tasche und schob ihn in den Kinderwagen, während sie gleichzeitig einen Zettel vorzog. Alles im toten Winkel von Wand und Tisch. Alles so fließend, dass es niemanden weiter auffiel. Niemanden, außer ihrer Freundin, die sich nichts anmerken ließ.

„Ich habe mit Dagmar geredet und sie hat eingewilligt, dir notfalls zur Hand zu gehen. Sei es nun mit babysitten oder bei deinen Nachforschungen“, ruhig schob sie den Zettel über den Tisch, „Sie hat auch ein paar Verbindungen zu Brooks ’n Coal und kann dir ein Schließfach besorgen, wenn du zu sensible Informationen hast. Sorg aber lieber dafür, dass du dann jederzeit ran kannst. Also nichts mit Schlüssel oder so“

Lisas Augen flogen zu dem Kinderwagen. Ihr Blick klärte sich auf, als wüsste sie, was Jane ihr anvertraut hatte. Als wüsste sie, wie gefährlich der Inhalt des Beutels war.

„Ist gut…“, sie nippte an ihrem Tee, schloss die Augen und eine Falte bildete sich auf der Stirn der Mutter, „Aber… ich bräuchte dich als Verwalterin, falls irgendetwas schief geht“

„Jederzeit“, willigte Jane erleichtert ein, als ihr klar wurde, dass sie sich in ihrer Freundin nicht getäuscht hatte.

„Du wirst meine Beiträge aus der Schülerzeitung nicht vergessen, oder?“

Die Jade schmunzelte. Sie dachte an das alte Klatschblatt zurück. An die einzigen zwei Ausgaben, in denen sich ihre Freundin beteiligen durfte, ehe sie sich mit den anderen Autoren verstritten hatte. Es waren monatliche Ausgaben gewesen, die thematisch geordnet waren. Deren Artikel sie lachend auseinandergenommen hatten.

Und wenn sie nicht freisprechen konnten, hatten sie sich auf deren Seiten- und Ausgabenangaben bezogen. Zweimal zwei Zahlen, die entweder ein Okay oder ein Hilferuf vermittelten. Deren Ursprung, deren Bedeutung niemand außer ihnen beiden kannte.

„Hey! Deinen sarkastischen Artikel über das Lehrerdasein könnte ich nie und nimmer ausblenden“, entgegnete Jane und stand auf.

Es wurde Zeit.

Sie zog ein paar Scheine aus der Tasche und ließ sie auf den Tisch fallen. Neugierig streckte der kleine Lucas die Hände danach aus. Dieses kleine Kind, das sie schon den ganzen Nachmittag an jemanden erinnerte. An jemanden, den sie noch kennenlernen müsste und-

Lisas Hand schloss sich um ihre.

„Muss es wirklich jetzt sein?“, fragte sie so leise, dass es nicht mehr als ein Windhauch war, „Kannst du nicht noch warten? Musst du wirklich jetzt schon gehen? Ich meine-“

„Ich bin schwanger“, offenbarte Jane ohne ihre Lippen zu bewegen den warmen Augen ihrer Freundin, „Ich will es nicht verlieren. Ich will nicht, dass Vater-“

Lisas Hand drückte sie noch einmal ganz leicht. Ihr Blick war plötzlich umso entschlossener, verständnisvoller – mitfühlender. Er versprach ihr Hilfe. Zuflucht. Rettung.

„Sei keine Fremde“

Damit ließ ihre Freundin sie los. Sie wusste, dass sie sich so schnell nicht wiedersehen würden. Jane würde noch innerhalb des nächsten Tages aus Merichaven verschwinden. Danach wäre jeglicher Kontakt nur über Mortes Anwesen außerhalb der Stadt oder über verschlüsselte Nachrichten möglich.

Verschlüsselte Nachrichten wie die Zahlenkombinationen, von denen sie gesprochen hatten. Auf die sie sich bereits vor so vielen Jahren festgelegt hatten. 13-7 für alles in Ordnung und 24-8 für die Welt geht unter.

Und nun alle vier zusammen: 13, 7, 24, 8 um an die Zettel und Schatullen zu gelangen, die offiziell nicht mehr existierten.

K: Die Umzüge nach den Ammenmärchen

Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer über den Tag. Sauer über ihre Mitschüler. Sauer auf sich!

Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Ballte ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf einen imaginären Countdown runter.

Die Naar kannte das Prozedere. Sie wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-

„Alles in Ordnung, Jessi?“

Da stand die ältere Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich doch nicht einmal schließen… Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.

Also hatte die Schule noch nicht angerufen?

„Nur ein Scheißtag“, entgegnete die Vierzehnjährige schulterzuckend.

Sie wäre verdammt, wenn sie ihrer Mom etwas von dem Mist erzählen würde. Egal, was die Vollpfosten in ihrer Klasse auch munkelten – wer würde solchen Ammenmärchen schon glauben? Diese Lügen, mit denen sie ihre eigenen Taten verdecken wollten… Fliegende Mülleimer? Also bitte!

„Ich muss erst in einer knappen Stunde zu meiner Schicht. Willst du noch was mit mir essen? Wir haben zwar nicht viel da, aber ich habe eh keinen großen Hunger“, versuchte Rebekka Naar weiter auf ihre Tochter einzureden.

Ein Schuldgefühl durchfuhr Jessica so plötzlich und unerwartet, dass sie es kaum begreifen konnte. Doch ehe sie sich daran festklammern konnte, war es wieder weg. Stattdessen musste sie an das wenige Geld denken, das ihre Mutter als Kellnerin nach Hause brachte. Sie musste an den jähzornigen Vermieter denken. An den leeren Kühlschrank, die vielen Rechnungen…

„Ich habe schon in der Schule gegessen“, log sie stattdessen nur, „Und der Tag war ziemlich anstrengend… Deswegen-“

Das schrille Kreischen des Telefons unterbrach sie. Wie durch ein Fenster beobachtete sie, wie sich ihre Mutter entschuldigte und das Gespräch im Flur entgegennahm. Sie lauschte, wie sich die Frau als Rebekka Naar vorstellte. Wie sich ihre Stimme anspannte. Wie sie immer kürzer antwortete. Immer knapper. Wie sie sich verabschiedete.

Das war’s dann also mit dem Haussegen.

„Jessica… Willst du mir irgendetwas sagen?“

Die Frage beinhaltete einen leisen Vorwurf. Aber auch Sorge und so viel Mitgefühl, sodass die Jüngere eigentlich nur wütend aufschreien wollte. Nein! Sie hatte Mist gebaut! Das wusste sie! Sie war sich zwar immer noch unschlüssig, an welchem Punkt sie hätte aufhören sollen, aber sie wusste, dass es ihre Schuld war! Warum also musste ihre Mom sie dann immer so mit Samthandschuhen anfassen?

„Die anderen Kids haben angefangen“, bemerkte sie stattdessen nur und wandte sich der Wand neben ihrem Bett zu.

„Jessi… Diese „anderen Kids“ behaupten, dass du einen Mülleimer fliegen gelassen hast. Die Lehrer beschweren sich über deine Einstellung ihnen gegenüber. Die Respektlosigkeit, die du immer häufiger an den Tag legst. Der Rektor hat dich deswegen für die nächsten zwei Wochen von der Schule suspendiert. Er will solche-“

„Suspendiert?“, lachend musste sich Jessica nun doch aufrichten und ihre Mom ansehen, „Ich bitte dich! Wir wohnen seit zwei Monaten hier und kein anderer Ort hat mit mehr Kriminalität und Gewalt glänzen können. Und er suspendiert mich wegen Albernheiten? Das haben sich die Anderen doch nur ausgedacht! Mehr nicht!“

„Jessi… Ausgedacht oder nicht – es steht dein Wort gegen das von fast zwanzig anderen Schülern. Außerdem hatte der Rektor immer wieder betont, dass er es selbst nicht glauben wollte, dass aber jemand namens Bertold ihn überzeugt hätte. Die alten Namen dieser Stadt haben anscheinend durchaus mehr Macht, als eine frisch Zugezogene“

„Und wessen Schuld ist das? Du packst doch jedes Mal die Koffer, wenn es auch nur das kleinste Problemchen gibt! Du benimmst dich wie jemand, der auf der Flucht ist. Ich meine – Centy, Havbolt, Raptioville und diese endlosen kleinen Kaffs dazwischen, deren Namen ich mir kaum merken konnte? Wann sind wir mal länger als ein paar Monate an einem Ort geblieben? Wann sind wir zuletzt-“

„Es reicht!“

Kraftvoll schlug Mrs. Naar gegen den Türrahmen. Staub rieselte von der Decke. Das Holz wackelte. Knirschte. Splitterte. Und Jessica zuckte erschrocken zusammen.

Ihre Augen fanden die ihrer Mutter. Ihrer blonden Mutter, die so viele Jahre älter wirkte. Die so viel erschöpfter aussah. Ihre starken Arme bebten. Blut tropfte von der Faust, mit der die Frau ihren Frust abgelassen hatte.

„Entschuldige“, murmelte die Ältere seufzend, „Entschuldige… Ich hätte nicht überreagieren dürfen… Das war nicht richtig und… Du brauchst so etwas nicht… Und… Egal. Bleibe bitte die nächsten beiden Wochen daheim und versuche, mit dem Schulstoff nicht zu weit hinterher zu hängen. Ich überlege inzwischen wie es weitergeht“

Stumm nickte Jessica. Sie biss sich auf die Unterlippe, kaute unsicher darauf herum. Sie wollte eigentlich etwas sagen. Gegen diese unsicheren Worte steuern. Ihre Mom herausfordern, endlich mal mehr zu sagen. Endlich mal das Schweigen zu brechen.

Doch stattdessen wartete sie nur darauf, dass die Frau die Wohnung verließ. Dass sie mit dem üblichen „Hab dich lieb“ zu ihrer Arbeit verschwand. Dass sie Jessica allein in dieser mickrigen Wohnung zurückließ, in der sie kurze Zeit später das übliche Poltern aus der oberen Etage vernehmen konnte. Poltern und Seufzer… Ihr Nachbar hatte also mal wieder Besuch.

Sie ließ die Zeit an ihr vorbeiströmen. Beobachtete erschöpft, wie sich der Himmel draußen verfärbte. Wie es dunkler wurde. Wie einige der Straßenlaternen angingen und surrend ein klägliches Licht ausstrahlten.

Das war doch alles so bescheuert! Sie hatte sich doch nur gegen das Mobbing dieses blonden Mistkerls ausgesprochen. Und nun? Nun war sie mal wieder die Böse! Und das nur, weil sie sich nicht den Mund verbieten ließ. Wie lächerlich war das denn? Selbst dieser Mistkerl, für den sie sich eingesetzt hatte, hatte ihr letzten Endes den Rücken zugekehrt.

Warum hatte sie sich also nochmal eingemischt? Überall hieß es doch: Lasst die Erwachsenen alles regeln. Wenn etwas passiert, holt euch eine Aufsichtsperson. Die wird das Ganze schon beenden. Bla, bla, bla…

Aber im Endeffekt taten die Erwachsenen doch eh nichts. Sie sahen nur zu, wenn es sie belustigte. Sie guckten weg, wenn sie ansonsten Probleme bekommen könnten. Lächerlich!

Schrill riss sie das Telefon aus ihren Gedanken. Genervt sah Jessica in den Flur. Sie wollte mit niemanden-

„Kannst du nicht mal rangehen, du verdammte-“, die restlichen Worte ihres freundlichen Nachbarn blendete das Mädchen aus. Stattdessen schluckte sie ihre Gefühle herunter. Zwang sich zur Vernunft. Zur Ruhe. Nahm den Hörer gelassen ab. Ignorierte den Frust, der noch in ihrer Brust loderte.

„Naar, hallo?“

„Bist du das? Jessica, Liebes?“, antwortete eine weibliche Stimme vom anderen Ende, „Ist deine Mama da? Ich müsste kurz mit Bekka sprechen“

Irritiert blinzelte sie. Jessica, Liebes? Bekka? Für wen hielt sich diese Frau?!

„Mit wem spreche ich?“, ihre Stimme klang schroffer, als sie wollte. Allerdings vertraute Jessica nicht jeden. Und schon gar nicht jemanden, der sie so schnell so herzlich begrüßte.

Dafür hatte sie sich bereits in ihrem kurzen Leben viel zu viele Feinde gemacht.

„Entschuldige. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, warst du ja noch so klein… Mein Name ist Janice Rico. Ich bin deine Tante und… Ilse… deine Großmutter… Also, sie ist gestern…“, ein Schniefen drang durch die Leitung und verwirrt lauschte Jessica den Stimmen im Hintergrund.

Da war jemand, der auf diese Janice einredete. Stille Worte aus einer tiefen Stimme und sofort erinnerte sich die Naar wieder an ihre Tante und deren Mann. Diesen Mr. Rico, der ihr vor Jahren mal so sehr auf die Nerven gegangen war und… hatten sie nicht auch noch einen Sohn? Felix oder so. Ein charmanter Zeitgenosse, der glatt nach seinem Vater kam.

„Mom ist morgen früh wieder da. Willst du es dann nochmal probieren?“, fragte Jessica unsicher, als sie plötzlich realisierte, dass die andere Frau weinte.

Und vor solchen Gefühlsausbrüchen wollte sie einzig fliehen.

„Ist wohl besser so… Einen schönen Abend noch“, schluchzte es vom anderen Ende.

„Dir auch“

Hastig legte Jessica auf. Sie überlegte kurz, das Telefon auszustöpseln, falls die Frau ihre Meinung änderte und gleich noch einmal anrief. Entschloss sich dann aber dagegen. Stattdessen stellte sie nur die Lautstärke des Klingelns herunter und verkroch sich wieder in ihrem Zimmer.

Das war ihr alles zu viel.