M: Der erste Myles IV

David Kleid war Arzt. Ein Allgemeinarzt mit eigener Praxis, die er nur dreimal die Woche für ein paar Stunden führen konnte. Für mehr hatte er keine Zeit. Selbst diese Öffnungszeiten konnte er ja teilweise kaum wahrnehmen. So bekam er manchmal mittendrin überraschenden Besuch, der seine sofortige Anwesenheit verlangte.

Besuch wie jener, der auch nun in seinen Untersuchungsraum polterte, während er die Lunge einer alten Dame abhorchte.

„Alles frei. Nehmen Sie weiterhin ihre Medikamente und kommen Sie bitte übermorgen wieder vorbei“, verabschiedete er die Frau.

„Aber ich-“

„Sie müssen gehen“, entschieden wies er zur Tür und so verließ ihn seine Patientin nickend.

Sie war kein Notfall gewesen. Sie hatte nur eine leichte Erkältung. Und sie wusste um seine eigentliche Tätigkeit, da ihre Kinder Gemma dienten.

Und Gemma ließ man nicht warten.

„Was gibt es, George?“, grüßte er den jungen Mann, sobald sie draußen war.

„Mom schickt mich. Ich soll Sie abholen. Reine Vorsichtsmaßnahme, Dr. Devison“, erklärte dieser zügig, während der Arzt seine Tasche aus einem kleinen Kühlschrank zog.

Dr. Devison. Mr. Kleids Deckname, wenn er für Gemma arbeitete. Jener, der in der ganzen Unterwelt Merichavens bekannt war. Weil er spezialisiert auf Eingriffe mit rationierten Ressourcen war. Weil jede seiner Bewegungen präzise war. Weil er immer eine Methode fand, die seinen Patienten das Leben rettete. Wie oft hatte er schon Gemmas Leute inmitten einer Schießerei zusammengeflickt? Wie oft hatte er Gliedmaßen amputiert, um einen Rückzug zu gewährleisten. Wie oft hatte er gar stümperhafte OPs mitten auf der Straße vollzogen, damit seine Patienten es noch ins Krankenhaus schafften.

Bislang war ihm niemand verstorben, den er nicht auch Tod sehen wollte.

„Wohin?“, fragte Dr. Devison, als George ihn bereits durch die finsteren Tunnel führte – mit Monas ältestem Jungen fühlte sich jeder Aufbruch wie ein Wimpernschlag an.

„Ich habe einen Block weiter geparkt. Von dort geht es zu den Lagerhallen“, er legte eine Pause ein und sprach leiser weiter, „Mortes war bei Mom gewesen. Wegen Cherry. Danach hat Radius ihren nächsten Auftrag platzen lassen. Deswegen … Mom vermutet, dass etwas mit Cherry ist. Und da sie beide kennt, werden sie wohl lieber mit dem Kopf durch die Wand poltern.“

„Es geht um eine schwangere Ehefrau beziehungsweise Freundin“, erwiderte Dr. Devison, „Ich kann sie schon verstehen. Du nicht?“

Die Antwort blieb aus. Doch brauchte der Arzt keine. Er hatte gesehen, mit welcher Hingabe George sich um seine Geschwister kümmerte. Es war dieselbe bedingungslose Liebe, die er für seine eigene Familie empfand. Deswegen hatte er ja den Schutz für seine Frau verlangt. Deswegen hatte er seinen Sohn von ihrem Handwerk abgeraten. Deswegen hoffte er so innig, dass sein Junge hoffentlich eine ehrlichere Arbeit übernehmen könne.

Er schwelgte noch in Erinnerungen, als es ins Auto ging. Eines, in dem er sich sofort an Tür und Lehne festklammerte. Es war ein Reflex. Einer, der ihn erneut davor bewahrte, bei der nächsten Kurve durch den Wagen geschleudert zu werden.

George schnallte sich nie an. Und er wartete auch selten darauf, dass seine Gäste gar die Tür geschlossen hatten.

„Mom hat bereits einige Leute zum Industriegebiet geschickt und informiert derzeit Gemma über alles“, erklärte George angespannt, jedoch offener als zuvor in den Tunneln, „Er hatte Cherry dazu ermutigt, ihn zu unterstützen. Obwohl er wusste, dass sie eingeschränkter war. Mortes wusste nichts davon. Nun, bis heute nicht. Deswegen könnte es unschön werden, wenn-“

„Wenn Radius erfährt, was ihr Vater für Spielchen treibt“, endete der Arzt.

Abrupt riss George den Kopf herum. Panik hatte sich in seine Augen geschlichen. Obwohl es ein offenes Geheimnis war, dass Radius Gemmas Tochter war, so sprach fast niemand darüber. Ob es daran lag, dass zwischen den beiden eisige Kälte herrschte? Oder weil das Imperium bestehen bleiben sollte? Was es auch war … Er beneidete Radius keinesfalls darum.

Bei den Industriehallen angekommen, parkte George neben mehreren anderen verlassenen Wagen. Alles Autos von Gemmas Leuten. Alle leer. Keine Spur von einer anderen Menschenseele.

Er beobachtete, wie George zweimal die Lichthupe aufleuchten ließ. Dann noch dreimal.

Einen Augenblick später eilte eine dürre Frau zu ihnen herüber.

„Die Patienten sind drinnen. Radius wünscht sofortige Unterstützung“, verkündete sie, sobald sie bei ihnen ankam.

George schien sie zu kennen, da er direkt nickte. Dann ließ er die Frau die Fahrzeuge bewachen, während er mit Dr. Devison zur Lagerhalle schritt. Dabei blieb er immer einen halben Schritt schräg vor diesem. Um notfalls reagieren zu können. Um den Arzt immerzu decken zu können. Deswegen blieb seine Hand auch über der Waffe und-

Dr. Devison konnte nicht weiter darüber nachdenken, als sie die Halle betraten. Er betrachtete die Gänge argwöhnisch. Dann die beiden Männer, die an einem Schlüsselkasten herum hantierten. Einer davon ließ alles fallen, als er sie bemerkte und führte sie mit einem hastigen „Hier lang!“ durch die Flure. Flure, die doch eigentlich nicht in einer Lagerhalle existieren sollten …

Das schreiende Baby vernahm der Arzt zuerst. Er stockte für einen Moment. Lief dann eiliger weiter. Wusste, dass Cherry doch eigentlich noch schwanger war. Dass er sie erst letzte Woche gesehen hatte. Dass sie noch Zeit hatte!

Mit großen Augen betrat er den nächsten Raum. Jenen, in dem Cherry lag. Eine Metallkette um ihren Hals gewickelt. Mit einem fetten Schloss daran. Irgendwer hatte eines der Glieder daran mit einer Zange aufgetrennt, damit sie vorerst frei war. Damit sie liegen konnte, wenn er die hängende Kette über ihr richtig einschätzte.

Damit das Blut nicht mehr so eilig aus ihr herausquoll?

„Cherry! Hey! Ich weiß, dass du mich hörst. Bitte … Bitte … Antworte mir“, schluchzte Radius vor dieser.

Radius, die ein blutiges Baby in den Armen hielt.

Ehe sich Dr. Devison versah, war er bei den Frauen. Er schob Radius sanft beiseite. Tastete nach Cherrys Puls. Fand ihn. Tastete dann ihren Bauch ab. Betrachtete das Blut zwischen ihren Beinen. Die Menge.

Ohne lange zu hadern, legte er ihr einen Zugang und schloss direkt einen Blutbeutel an. O-. Einen von zweien, mit denen er stets aufbrach. Dann fragte er nach der Nachgeburt. Blendete alles andere aus. Konnte sich noch nicht auf die zitternde Radius einlassen. Nicht, solange er eine Patientin hatte …

Sie war eine halbe Stunde später stabil genug für den Transport. So sehr, dass sie sogar ein leises Danke ausflüstern und nach ihrem Sohn fragen konnte. Lucas, hauchte sie aus.

Ein schöner Name, dachte sich Dr. Devison im Stillen.

„Ich muss ihn auch untersuchen“, wandte er sich an Radius.

„Natürlich. Ich-“, sie zitterte, überreichte das Baby jedoch nicht, „Ich werde nur- Nur-“, sie hielt inne, „Ich kann nicht. Ich … Ich habe ihn aufgefangen. Ich habe die Nabelschnur durchtrennt. Ich kann nicht. Ich weiß nicht, wie- Ich meine- Ihn gar-“

„Es geht auch so“, bemerkte er sanft, „Schon gut.“

Sie nickte erleichtert.

Damit untersuchte er das Kind in ihren Armen. Er konnte nicht alles prüfen. Nur das Nötigste. So wäre es eh am besten. Gemma würde ihn umbringen, wenn er Radius zu viele Sorgen bescherte.

Erst als er mit allem fertig war und beide für den Transport stabil erklärte, konnte er auch den restlichen Raum in sich aufnehmen. Die Frauen, die mit Ketten an der Decke befestigt waren. Die große Brechzange, die am Rand des Raumes lag. Mortes, der daneben zusammengesackt war.

„Ist er … auch mein Patient?“, fragte er zögerlich.

„Nein. Er hat nur eins über die Rübe bekommen, weil er zu lange brauchte“, murrte Radius, „Als er Cherry aufregte und mich zu sehr nervte, habe ich ihn k. O. geschlagen. Der wird wieder … Und dann hat er mir einiges zu erklären. Die anderen Frauen sind wichtiger, Dr. Devison.“

„Gerne doch“, er nickte artig.

Denn wenn sich die Kälte in ihre Augen schlich, war es nicht mehr sicher, mit Gemmas Tochter zu verhandeln.

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