Radius beobachtete, wie Lisa ihren viel zu kleinen Jungen mit den Armen schaukelte. Lucas war so mickrig. So verletzlich! Sie konnte es immer noch nicht wahrhaben, dass sie der erste Mensch gewesen war, der seinen viel zu winzigen Körper berührt hatte. Dass er wegen ihr lebte.
David Kleid war Arzt. Ein Allgemeinarzt mit eigener Praxis, die er nur dreimal die Woche für ein paar Stunden führen konnte. Für mehr hatte er keine Zeit. Selbst diese Öffnungszeiten konnte er ja teilweise kaum wahrnehmen. So bekam er manchmal mittendrin überraschenden Besuch, der seine sofortige Anwesenheit verlangte.
Besuch wie jener, der auch nun in seinen Untersuchungsraum polterte, während er die Lunge einer alten Dame abhorchte.
Mortes harrte fast drei Stunden in der Dunkelheit aus, ehe die ersten Geräusche erklangen. Ein Schaben. Ein Kratzen. Dann stille Schritte.
Angespannt wartete er, bis er die andere nur noch wenige Meter von sich entfernt glaubte. Erst dann knipste er sein Feuerzeug an und präsentierte dabei seine – bis auf die mickrige Lichtquelle – leeren Hände.
„Guten Abend. Lisa von der Meric’s Heaven“, stellte sie sich vor, „Hätten Sie einen Moment Zeit für mich?“, Cherry setzte ihr bestes Lächeln auf. Sie präsentierte ihren Reporterausweis. Deckte dabei gekonnt ihren Nachnamen ab, um nicht zu viel Preis zu geben. Vorname und Gesicht reichten den meisten eh, sobald sie das Logo der Zeitungsahen.
Dominik Daques betrachtete sie abschätzend. Er war groß. Wirkte mürrisch. War laut Mona ein neuer Drogenlieferant, der Gemmas Position einnehmen wollte. Deswegen sollte Cherry seinen Schwachpunkt herausfinden. Sie brauchte Informationen über ihn. Irgendetwas, was Mortes seinen nächsten Auftrag erleichtern würde, damit dieser seinen nächsten Einsatz überlebte.
Johnny streckte die Arme auf dem Rückweg zu seinem Postengen Himmel. Das Tournier des Stromjungen war so langweilig gewesen! Daher waren ihm schon fast in der Turnhalle die Augen zugefallen. Hinzu kam das Mittagstief in der brütenden Julihitze, welches eine Pause des langen Tages verlangte. Was würde er nur dafür tun, mit Sissy zu tauschen! Sie hatte immerhin derzeit die Nachtschichten für die Überwachung der Stroms.
Erschöpft ließ er seinen Requisitenbeutel fallen, lehnte sich gegen seinen Laternenpfosten und starrte in das Blätterdach über ihn.