Minki und die Schränke II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Minki stolzierte mauzend an der jüngsten Zweibeinerin vorbei durch den Flur. Sein Blick glitt über das erneute Chaos, das er angerichtet und für das die Felllose bestraft wurde. Schuhe lagen überall verteilt. Große Schuhe, kleine Schuhe, stinkende Tuben daneben und dort noch eine seltsame Bürste – es war wirklich mühevoll gewesen, das ganze Zeug zu verteilen, aber der Anblick war es allemal wert!

Immerhin war der Streit Musik in seinen Ohren. Er genoss es, der Frau seines Retters zu lauschen. Wie sie mit der Anderen meckerte. Wie das Gezeter hin und her ging. Wie sie ihn ignorierten.

Keiner vermutete seine Tücke!

Zufrieden schob der Kater sein Näschen in die Höhe. Endlich hatte er morgens wieder mehr Platz auf dem großen Polster! Immerhin waren zwei der drei Zweibeiner gerade mit anderen Dingen beschäftigt und sein Retter zog eh das kleinere Polster vor.

Sessel nannte der Mann diesen Ort. Ein seltsames Wort. Aber er sah bequem aus. Weich. Warm. Minki hatte sich schon früh dazu entschlossen, dieses Polster ihm zuliebe zu verschonen.

Wenn auch nur, weil der Mann sein Essen trotz der Streits nicht vergaß.

Schnurrend glitt Minkis Blick über die schlafende Form des Felllosen. Er sah zu den eckigen Bäumen hinüber. Lauschte den keifenden Stimmen im Flur. Ließ die Heimtücke durch seine Gliedmaßen wandern. Genoss das Gefühl der Macht. Das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Über die letzten Wochen hatte er so viel Chaos angerichtet. Chaos, für das er unbestraft blieb. Er hatte alles Mögliche aus den eckigen Bäumen gezerrt. Er hatte die Sachen durch die ganze Wohnung geschleppt. Immer darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, die auf ihn deuteten.

Warum also schon aufhören? Warum sollte er diese Grenzen nicht ein wenig weiter austesten? Sein Retter schlief eh. Die anderen beiden waren immer noch mit dem Durcheinander im Flur beschäftigt. Er war wach, halbwegs satt und ausgeruht.

Könnte er einen weiteren eckigen Baum öffnen und leerräumen, ehe die Zweibeiner losmussten?

Seine Stunde der Wahrheit nahte.

Entschlossen sprang der Kater wieder vom großen Polster herunter und wählte nach dem Zufall eine der Türen aus. Der Schlüssel steckte und starrte ihn verpönend an. Jedoch kümmerte Minki sich nicht darum. Dieses Stück Metall könnte sich ihm nicht lange widersetzen!

Er warf einen zügigen Blick über die Schulter. Auf die schlafende Form seines Retters. Dann machte er sich ans Werk.

Pfotenspitzengefühl war gefragt. Jede noch so kleinste Bewegung könnte ihn wieder von vorne anfangen lassen. Und wenn er den Schlüssel ausversehen rauszog, hatte er verloren. Sein Talent der Ruhe und Besonnenheit war gefragt. Beides Dinge, von denen sich Minki zumindest einbildete, sie zu besitzen.

Es klickte.

Er zog den Schrank auf.

Stockte.

Drehte seine Ohren auf der Suche nach dem unerwarteten Geräusch nach hinten.

Einem Geräusch, das einem Luftholen glich.

Langsam wandte der Kater den Kopf um.

Er versuchte ein überraschtes und vor allem unschuldiges Mauzen von sich zu geben, doch war er sich ziemlich sicher, dass die alte Zweibeinerin es ihm nicht abkaufte. Mit großen Augen starrte sie ihn an. Schüttelte den Kopf. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder. Runzelte die Stirn.

Minki schob sich näher an seinen Retter. Er verkroch sich erst zwischen dessen Beinen. Dann hinter dessen Sessel. Außerhalb ihrer Reichweite, wie er doch hoffte. Fort. In Sicherheit.

Und sie lachte ihr wahnsinniges Lachen der Rache.

Minki und die Schränke I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Minkis Hobbys waren eher begrenzter Natur. Immerhin schränkte die Stadtwohnung viele seiner Freiheiten aufs Diabolischste ein. Die Fenster blieben über die meiste Zeit verschlossen, die Tür nach draußen verriegelt, der Besuch fiel viel zu mickrig aus und keiner dieser Gäste wusste seine Anwesenheit angemessen zu würdigen!

Alles in allem hatte der Kater nur wenige Möglichkeiten, sich den Tag zu versüßen. Klar, er konnte sein Fell auf den Polstern hochwürgen oder sich Essen stehlen, Wände ankratzen, auf die eckigen Bäume klettern und dort Dinge runterkicken oder mal versehentlich das Katzenklo verfehlen. Aber irgendwie war der Frau seines Retters immer viel zu schnell bewusst, dass er der Übeltäter hinter alledem war.

Die alte Zweibeinerin hatte ihn bereits mehrfach fluchend den Flur hinuntergejagt und mit diesen lästigen Kittelträgern oder Essensverboten bedroht. Es waren Horrorvorstellungen, auf die unser Protagonist dankend verzichten konnte.

Wie gut, dass Minki also kein gewöhnlicher Kater war. Während die meisten Exemplare seiner Art sich wohl schlafend zusammengerollt und ihr Schicksal in allen neun Leben akzeptiert hätten, so entschied er sich stattdessen, seinen Horizont zu erweitern.

Wenn auch nur, um es dieser felllosen Monstrosität heimzuzahlen.

Also beobachtete er die Zweibeinerin. Er begutachtete jede ihrer Bewegungen. Analysierte ihr Verhalten gegenüber den anderen. Lernte sie zu verstehen. Ließ sich keine Irritation anmerken, als sie sich komische Zweige auf die Nase legte. Oder als sie diese mobilen Felle mit einem heißen Stein bestrich. Oder als sie die eckigen Bäume öffnete, um Dinge darin zu verstauen.

Mit teuflischen Gedanken schloss er die Augen und tat so, als hätte er nichts bemerkt. Er durfte sich vor der Felllosen nicht verraten, ansonsten würde sie viel zu früh seine Pläne vereiteln!

Er musste unschuldig wirken.

Die nächsten Tage verstrichen wie im Fluge. Denn Minki war damit beschäftigt, ein neues Handwerk zu erlernen. Ein Handwerk, das er so oft beobachtet hatte, dass er es eigentlich bereits beherrschen musste. Es war eine Meisterkunst, die er beabsichtigte zu perfektionieren. Eine einzigartige Leistung, die ihm ein wundervolles, neues Hobby bescheren würde.

Der Kater musste nur noch dieses kalte Stück Metall seinem Willen unterwerfen, es drehen und dann-

DA!

Schnurrend begutachtete er die ersten Lorbeeren seiner harten Arbeit. Er beschnupperte den Inhalt des eckigen Baumes. Die Tücher, den Keramik, die anderen Tücher… Nichts davon roch essbar, aber das war ja auch nicht sein Ziel gewesen. Ein Stück Fleisch oder etwas Katzenfutter wäre einzig die prachtvolle Kirsche auf dem ansonsten bereits extravaganten Kuchen gewesen.

Nein. Minkis Plan war von langfristigerer Natur. Er hatte gesehen, wie sich die Zweibeinerin mit der Jüngeren gestritten hatte, weil diese ihr Zeug auf dem Boden rumliegen ließ. Sie bekam häufig wegen ihrer Unordnung Ärger. Wegen den Fellen, die sie achtlos auf den Gang schmiss oder der Tasche, die dann den Zugang zum Esszimmer blockierte… Nun aber? Nun würde sie zusätzlich noch für seine Unordnung bestraft werden. Er musste nur dafür sorgen, dass alle sich auf die Tochter seines Retters konzentrierten, um selbst nicht in die Schussbahn zu gelangen.

Immerhin sollte es sich doch lohnen, dass er gelernt hatte, diese eckigen Bäume aufzuschließen. Es war nicht einfach gewesen, mit den Pfoten diesen Schlüssel zu packen, zu drehen und dann noch daran zu ziehen.

Die Zweibeiner würden seine Tücke nie erkennen!

Fujis Auferstehung

Manche Erinnerungen verblassen über Nacht wie ein Traum, der sich in der Tür geirrt hatte. Andere vergehen mit der Zeit wie ein Baum der stetig und schläfrig seine Äste gegen den Himmel reckt. Im Endeffekt sind sie nur noch wirre Schatten, die zwischen unendlich vielen Gedanken umherschwirren. Unsicher flattern sie durch den Geist. Nehmen ab und zu Formen an. Erkennen das Déjà-vu. Lassen es im Winde vergehen. Schweben in Nostalgie, die sie nicht verstehen…

Das Leben ist zu kurz für all diese Gedanken.

Die Wassertropfen in der Atmosphäre schoben sich weiter zusammen.
Unruhig flogen sie umher – verzerrt von Wind und Wetter. Die kleine Wolke hatte sich erst vor wenigen Stunden gebildet und wäre seitdem schon mehrere Male beinahe von anderen, größeren verschluckt worden, ehe sie sich nun mit einer anderen kleinen verschmolz.

Gewaltig ragte eine finstere Wolke neben ihr auf und strich wortlos an ihr vorbei. Zwischen ihnen prickelte die Luft. Die Atmosphäre versuchte, Nieser aus ihren Nasen zu kitzeln. Der Wind juckte. Die Sonne war hinter einem Schleier von grauen, dunklen Massen verschollen.

Ein Bild von einem freudigen Feuerball schoss durch den Kopf der Wolke.

Dann war es wieder weg. Die Wolke wunderte sich, was diese Sonne sein sollte. Was dieser Feuerball? Warum leuchtete er so? War das normal?

Hastig schob der Wind die Wolke fort. Sie spürte, wie sich ein Strudel im Himmel bildete. Ein Teil von ihr riss fast ab und sie verglich den Schmerz damit, auseinanderzufallen. Zu zerbrechen. Auf den Boden zu stürzen. Auf diesen kalten Erdboden.

Ein Leuchten durchzuckte den Himmel. Dann ein Knall. Plötzlich ratterte es. Steiniger Regen fiel durch sie hindurch. Erinnerungen spiegelten sich in den harten Tropfen, während sie durch die Wolke peitschten. Hinzu gesellten sich Ängste. Träume. Hoffnungen.

Er hatte der Welt Leben schenken wollen.

Ein neuer Lebenswille durchdrang die Wolke. Hastig klammerte sich Fuji daran fest.

Nein. Er durfte sich nicht hier ergießen. Er hatte sich vorgenommen, Gutes zu tun. So etwas ging nicht, wenn er sich dem Treiben der anderen Wolken hinreißen ließ. Er musste seinen eigenen Weg finden. Er musste den Ort finden, an dem er gebraucht werden würde!

Entschlossen zog sich Fuji zusammen. Er konzentrierte sich. Kämpfte gegen den Wind an. Riss sich aus dem Unwetter raus. Fort aus dem Chaos, weg von dem Zorn und dem Hass, den die anderen Wolken einander zuwarfen. Er entzog sich ihren Gefühlen, ihrem Einfluss. Wahrte Abstand. Flog weiter. Fort.

In die Freiheit des endlosen Himmels.

Die Blitze und Donner erreichten ein neues Ausmaß der Gefühle hinter Fuji. Sachte erinnerte er sich daran, dass er sich unbewusst wieder zusammengesetzt hatte. Die Wassertropfen in ihm hatten ihre Verwandten gesucht. Hatten sie gefunden. Umarmt. Festgehalten.

Und dann?

Plötzlich war er wieder Fuji. Er fühlte sich zwar noch krumm und schief, aber er war vollständig. Übersäht mit Narben, aber frei. Einst zerrissen, aber nun wieder zusammengeflickt.

Ein großer metallischer Vogel sauste an ihm vorbei und irritiert beobachtete Fuji die Karosserie.

Wie lange hatte er wohl geschlafen?

Minki und die Dachterrasse

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Minkis Welt war seit seiner Rettung wahrlich geschrumpft. Doch dies allein störte ihn kaum. So war diese kleinere Welt sehr viel bequemlicher und trug zu allerlei Unterhaltungen bei. Schon lange betrachtete er seine Aufnahme in diesem Heim nicht mehr als „Rettung“. Nein.

Es war lediglich ein gut gemeinter Umzug gewesen. Ein Umzug, dem er jederzeit widersprechen könnte. Etwas, was er mehrfach in Erwägung zog, als ihn die Frau seines Retters aus all seinen Verstecken verscheuchte.

Wütend durchkämmte Minki die Wohnung also nach einem Ort der Ruhe. Er hatte eigentlich das perfekte Versteck suchen wollen- doch dann? Dann flüsterte der Wind ihm Worte der Freiheit ins Ohr!

Es war eine seltsame Situation gewesen. So hatte der Kater sich ursprünglich im Bad umgesehen, als die jüngste Zweibeinerin ankam. Ohne ihm auch nur einen Blick zuzuwerfen, entledigte sie sich ihres Fells, klappte die Wand auf, trat in die große Schale, ließ es darin regnen und-

Moment. Sie klappte die Wand auf?

Irritiert blickte Minki hoch. Und wahrlich! Dort oben hatte die Felllose ein verstecktes Fenster geöffnet. Es sah anders aus als die Gucklöcher in den restlichen Zimmern. So war es irgendwie… dreckiger? Es war nicht ganz durchsichtig. Eher so wie Milch! Hatte er es deswegen bislang nicht wahrgenommen?

Zischend blies der Wind durch die Öffnung. Er wehte Gerüche, Worte und so viel Neugier zu dem Kater hinunter. Eindrücke und Empfindungen, die ihn vorantrieben. Die ihn sein eigentliches Vorhaben vergessen ließen. Die ihn kurios die Öffnung erkunden ließen.

Und ehe er sich versah, saß Minki auf der Heizung und starrte aus dem Fenster auf ein schmales Brett, das draußen das Gemäuer umarmte.

Sein Schwanz zuckte umher und unsicher wog der Kater seine nächsten Schritte ab. Zum einen wollte er schon ganz gerne wissen, wohin dieses Brett führte, zum anderen war es doch recht frisch da draußen. Sollte er wirklich den Sprung ins Unbekannte wagen? Aber dort war es kühl. Und windig. Und es roch komisch! Das war doch kein Ort für-

Minki hielt inne. War es wirklich kein Ort für ihn? Aber er hatte ursprünglich in einer viel schlimmeren Gegend gewohnt. Dort war es kälter gewesen. Es hatte mehr gestunken. Und der Geräuschpegel hatte ihn unermesslich schrill gepeinigt!

Nicht so wie hier. Nicht so wie auf diesem schmalen Brett. Nicht so wie die Welt darüber hinaus.

Das war eine bessere Gegend, so viel war Minki klar.

Entschlossen trat der Kater hinaus ins Freie. Er prüfte nochmal kurz die Luft, schnupperte an dem Gemäuer, an dem Holz, betrachtete die Maserung… ehe er zügig, aber dennoch vorsichtig, dem Pfad des Brettes folgte.

Na bitte! So schlimm war es also gewiss nicht. Nur die ersten Schritte waren frisch und unangenehm gewesen. Und danach? Danach hatte Minki sich an den Wind und die Umgebung gewöhnt. Nun zählte nur noch der Weg voraus nach-

Überrascht betrachtete Minki die Dachterrasse, die sich neben ihm präsentierte. Sie war weit und das Brett, auf dem er lief, diente als eine Art Begrenzung für das Dach. Stetig verlief es um die offene Fläche herum und umarmte es beinahe liebevoll.

Na ja. Wenn man dies als offene Fläche als Terrasse betiteln konnte. Immerhin standen überall Holzposten zwischen denen viel zu viele Schnüre gespannt waren. Und über diesen hingen unendlich viele Laken und Decken. Sie nahmen den ganzen Platz ein!

Irritierend lief der Kater durch ein Meer aus bedruckten Blüten. Er beschnupperte die weißen Stoffe, die bunten, die karierten und die bestickten. Rümpfte die Nase. Fühlte sich dazwischen verloren. Gefangen. Eingesperrt!

Sie alle rochen parfümiert. Sie stanken süßlich oder herb. Trugen Düfte in sich, die teilweise andere überdecken sollten oder die generell die Luft verpesten wollten. Sie waren eine olfaktorische Qual.

Eine wahre Folter!

Minki mochte es schon nicht, wenn die Frau seines Retters die Betten neu bezog. Immerhin rochen sie dann nicht mehr so schön nach seinem Zweibeiner. Aber diese „Düfte“ waren ja mal eine reine Zumutung!

Die Nase gegen den Himmel gerichtet, stolzierte der Kater durch die Reihen und entschloss sich, seine Blase überall dort zu entleeren, wo die Gerüche eine wahrhaftige Todesdrohung darstellten.

Dies würde er nicht weiter dulden. Er musste definitiv diesen komischen Zweibeinern aus der Bredouille helfen. Wie sonst könnte er seinem Retter sonst je wieder unter die Augen treten?

Minki und das Wesen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Er peitschte mit seinem Schwanz und starrte auf das kleine Wesen vor ihm. Dieses immer wieder grässlich kreischende Wesen, das eines der Zweibeiner mit angeschleppt hatte. Ein Wesen, das die Zweibeiner auf seinem Lieblingsfleck abgelegt hatten! Mitten in der Sonne! Auf seinem Bett!

Nun gut. Es war vielleicht nicht direkt Minkis Bett. Aber es war das Bett seines Retters und das machte das Möbelstück doch wahrlich zu seinem Katzeneigentum! Immerhin war die Decke so schön weich und die Kissen so schön flauschig und die morgendliche Sonne…

Genervt wandte er den Kopf von dem Wesen ab, neigte ihn dem Licht zu, dieser herrlichen Wärme!

Und schielte unauffällig zu dem schlafenden Etwas hinüber.

Er mochte es nicht. Alle paar Stunden schrie es herum. Es trat um sich. Schlug auf Dinge und auf ihn ein. Hatte gestern erst an Minkis Schwanz genuckelt!

Erst wenn einer der Zweibeiner ihm etwas in den Mund schob oder jemand die Geruchswolke entfernte, die sich über dem Wesen gebildet hatte, hörte es allmählich mit dem Terz auf. Es schien sie dann auszulachen, während die Felllosen sanft auf den Quälgeist einredeten! Diese Dussel ermunterten das Wesen dazu, mehr zu trinken. Sie freuten sich über jedes einzelne Geräusch, das es fabrizierte. Gaben diesem nervigen Etwas so viel Liebe und Aufmerksamkeit, dass Minki beinahe schlecht davon wurde!

Sie waren wahrlich Zweibeiner, die viel zu nachsichtig mit der Kastration ihrer Ohren umgingen. Denn wie dieses Wesen schreien konnte! Minki brannten noch die Ohren vom letzten Mal. Er hatte bereits mehrfach mit dem Gedanken gespielt, sein Revier vor diesem nervigen Wesen zu verteidigen. Aber es war ihm einfach zu suspekt. Zu fremd. Zu eigenartig. Und seit seinen Federvieherfahrungen in der Wildnis, wollte er sich auf keine Konflikte mit zu andersartigen Lebewesen einlassen.

Neugierig sah er abermals zu dem Quälgeist hinüber. Er musterte das Gesicht. Diese Züge: geschlossene Augen, gerümpfte Nase, dünner Mund, angespannte Brauen, die Falten auf der Stirn…

Moment. Diese Falten hatte er gestern schon einmal gesehen. Sie hatten sich dort gebildet, ehe der Gestank kam. Als müsste sich das Wesen anstrengen, um diesen zu fabrizieren. Als würde es ihm und vielleicht noch den Zweibeinern eine Freude damit machen wollen!

Minkis Schnurrhaare zuckten genervt.

Womit hatte er das verdient? Das hier war sein Sonnenplatz! Schlimm genug, dass sein Retter diesem Wesen mehr Aufmerksamkeit schenkte als seiner Wenigkeit. Schlimm genug, dass er nun immer länger auf sein Fressen warten musste. Schlimm genug, dass dieses Vieh immerzu so schrie!

Aber wieso musste es nun noch die Luft in seinem Sonnenbad verpesten?

Ein fiependes Geräusch fing sich in Minkis Ohren und sofort zuckten seine Ohren. Er starrte das Wesen an. Beobachtete seine Mimik nochmal ausführlicher. Studierte diese Gesichtszüge genaustens.

Doch war es zum Glück nur falscher Alarm.

Erleichtert legte Minki den Kopf auf seine Pfoten. Er ignorierte den beißenden Geruch gekonnt. Noch nicht. Noch schlief das Wesen. Noch würde es ihn nicht vertreiben. Noch konnte Minki die Sonne in vollen… oder zumindest halben Zügen genießen. Und das gedachte er auch zu tun! Er würde jeden Strahl mit seinem dunklen Pelz aufsaugen. Er würde diese Wärme schnurrend in Empfang nehmen, nachdem es die letzten Tage so frisch gewesen war. Nachdem die Nacht so kühl gewesen war. Nachdem so viel Hektik und Stress sein armes Katzenleben heimgesucht hatten.

Sachte schloss Minki die Augen. Er blendete seine Sorgen aus. Konzentrierte sich einzig auf das angenehme Gefühl auf seinem Fell. Dieses Paradies, das er darauf spürte. Der Himmel auf Erden, der ihm-

Ein weiteres Fiepen. Schriller. Bestimmter. Launischer.

Und damit entschied Minki, dass all die Sonne der Welt keinen Tinnitus Wert war!

Genervt sprang er vom Bett herunter, ehe die Stimme lauter werden konnte. Er drückte die Türen auf. Trabte in die Küche. Ließ seinen vorwurfsvollen Blick über die anderen Zweibeiner gleiten. Zweibeiner, die seine Anwesenheit kaum zu würdigen wussten. Zweibeiner, die sofort aufsprangen, als das Wesen nebenan aufschrie.

Entschlossen versperrte Minki jedoch seinem Retter den Weg. Er mauzte ihn tadelnd an. Peitschte gereizt mit seinem Schwanz. Verlangte nach der Aufmerksamkeit, die ihm die letzten Tage verwehrt wurde!

Und forderte so sein Frühstück ein.

Danach durfte der Zweibeiner sich gerne von seinen Ohren verabschieden gehen. Aber ein bisschen Ordnung würde Minki zuvor noch in diesen Haushalt zurückholen!

Minki und die warmen Tage III

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Minki hatte einen ganzen Tag gewartet, ehe er sein Versteck verließ. Von da an war er vorsichtiger geworden. Von nun an vermied er es, anderen Flatterviechern zu begegnen. Er sah immerzu zum Himmel auf. Bedachte ihn argwöhnisch. Peilte erst die Lage ab.

Obwohl er die Gärten und Natur wieder zu genießen gelernt hatte, so wollte er nie wieder der Gejagte sein. Es war eine Erfahrung, die er nicht wiederholen musste. Stattdessen wollte er dieses Paradies mit all seinen Wundern genießen. Er wollte im Schatten der Bäume schnurren. Er wollte sich in der Sonne aalen. Er wollte frei sein!

Frei von seinen Ängsten.

Frei von den Zweibeinern.

Frei in der Idylle, die ihn wieder so bereitwillig empfing!

Seufzend ließ Minki sich auf einem kleinen Flecken Erde nieder und genoss die Kühle. Er war nicht weit von dem Garten seines Retters entfernt. Der Kater hatte sich eingeredet, dass er die Stimme des Zweibeiners vermisste, jedoch wusste er, dass er sich notfalls jederzeit wieder in dessen Haus flüchten würde.

Zufrieden leckte er sich die Pfoten, die noch einen leichten Geruch von Blut hatten. Er hatte sich in den letzten Tagen von einigen Mäusen ernährt und sie immerzu bis aufs letzte Schnurrhaar verschlungen. Damit ging er sicher, dass diese Federkreischer nicht wieder seine Spur aufnahmen.

Diese Art der Mahlzeiten waren vielleicht nicht sonderlich abwechslungsreich, aber sie füllten seinen Magen. Und davor waren sie noch Spielzeuge! Eine amüsante Beschäftigung zwischen den trägen Nickerchen.

Schnurrend spürte Minki, wie die Sonne hinter einer Wolke hervor sah und endlich wieder sein schwarzes Fell liebkoste.

In den letzten Tagen war sie immer häufiger verschwunden. Die Nächte schienen länger zu werden. Frischer. Die Temperaturen sanken. Und den einen Tag hatte es sogar gewindet und geregnet!

Der Kater schüttelte sich, als die Erinnerung zurückkehrte.

Dieses Wetter war keine schöne Erfahrung gewesen. Das Unwetter hatte Minki überrascht und so hatte er sich in einem Gebüsch zusammengerollt. Doch war der Wind einfach durch die Blätter gefahren! Er hatte sein Fell in alle Richtungen geblasen. Und dann war das Nass gekommen! Eklig und fröstelnd war es auf ihn herabgetropft. Hatte sein Fell durchnässt. Ihn frieren lassen…

Erst am nächsten Tag war das Gewitter vorbeigezogen. Bislang war es zum Glück auch nicht wieder zurückgekommen. Immerhin wusste der Kater nicht, wo er sich verstecken sollte, wenn es abermals den Himmel verdunkelte…

Klar, er konnte zu seinem Retter flüchten. Aber wollte er sich wie ein Verlierer bei dem Zweibeiner verstecken? Nur weil dieser Minki zuvor nicht bemerkt hatte, musste das nicht ein zweites Mal zutreffen! Außerdem war der Kater ein Wesen der Natur. Es musste für ihn einen anderen Weg als den der Schande geben! Einen, der ihm Sicherheit brachte. Und Selbstständigkeit!

Genau. Das war es. Er brauchte einen eigenen Unterschlupf. Etwas mit einem festen Dach über dem Kopf. Stabile Wände. Und wenn er schon dabei war, so musste es ihn auch vor den Flattermonstern schützen können! Es musste-

Minki brach mitten in seinen Gedanken ab. Sein Maul hatte sich mit Wasser gefüllt. Neugierig schnupperte er. Nahm ihn wahr. Diesen Geruch. Diesen lieblichen Duft von wunderbarem Essen. Es roch wie der Himmel auf Erden. Der Himmel ohne diese fliegenden Schreckschrauben. Der Himmel gefüllt mit Köstlichkeiten!

Schnurrend erhob sich der Kater und sog gierig die Luft ein. Das Essen musste irgendwo bei seinem Retter sein. Wahrscheinlich auf oder hinter dessen Garten. Es duftete, wie für Minki gemacht. Erinnerte ihn an die Speisen, die die Zweibeiner sonst aßen. Die er sonst so nur betrachten konnte. Die sie fast nie mit ihm teilten.

Die er sich schon immer einmal stehlen wollte.

Schlendernd machte Minki sich auf den Weg. Sprang über zwei Zäune und zwängte sich durch eine Hecke. Er konnte schon die gackernden Nicht-Fliege-Federviecher hören, denen er vor einigen Tagen begegnet war. Es waren eingezäunte Tiere aus einem anderen Garten, die ihn kaum weiter kümmerten. Immerhin blieben sie hinter diesem Gitter unter sich – Minki kam nicht zu ihnen herein, sie nicht zu ihm heraus.

Still schlich er sich näher. Folgte dem Duft, der von nichts anderem verdeckt werden konnte. Er konnte nun seinen Retter und die anderen beiden Zweibeiner ausmachen. Sie trugen ganz viele Sachen umher. Taschen, Kartons, Tüten… und seinen Korb.

Letzterer war leer. Die jüngere Zweibeinerin hatte ihn offen auf dem Rasen abgestellt. Mitten in der Sonne! Dachte sie etwa, dass er hineinspringen würde? Warum sollte er das tun? Wie einfältig war dieses Kind?

Der Kater beobachtete, wie sie alle in einem der Häuser verschwanden, ehe er den Geruch wieder aufnahm und über den Rasen flitzte. Er verfolgte ihn zu dem anderen Haus. Einem kleineren Gebäude, dessen Tür verschlossen war.

Nicht aber das winzige Fenster, aus dem der Duft emporstieg.

Minki konnte sein Glück kaum fassen! Aufgeregt peilte er die Lücke an, ehe er hochsprang und-

-einen dünnen Ast mit in das Gebäude riss. Hinter ihm flog das Klappfenster scheppernd zu. Erschrocken zuckte er zusammen. Starrte auf den Ast. Starrte auf seine Umgebung. Auf diesen leckeren Fisch vor ihm.

Hätte Minki nicht zuvor in der Wohnung einer Großstadt gelebt, so hätte er nun sicherlich Panik bekommen. Er wäre im Dreieck gesprungen. Hätte nach einem weiteren Ausgang gesucht. Hätte all diese komischen Dinge in den Regalen heruntergerissen. Vielleicht sogar noch ein riesiges Chaos veranstaltet!

Wie die Dinge aber nun mal lagen, so war ihm ein enger Ort nicht unbekannt. Außerdem hatte er hier Essen. Eine Wasserschale. Und da lag seine Lieblingsdecke! Es war ein kuscheliger Ort… und wollte er nicht einen sicheren Unterschlupf suchen? Der Geruch der Zweibeiner lag nur leicht in der Luft. Das Dach hier hatte keine Löcher. Die Wände sahen stabil aus. Wind und Wetter konnten ihm hier definitiv nichts anhaben. Und sein Retter würde ihn kaum für einen Feigling halten können, wenn er Minki hier drinnen nicht fand!

Zufrieden stolzierte der Kater zu dem Fisch und biss in das warme Fleisch. Schnurrend genoss er jeden Bissen. Schleckte sich die Schnute. Trank nach Herzenslaune von dem Wasser. Genoss die Kühle und Frische von dem Nass.

Bis er so voll war, dass er sich müde auf der Decke zusammenrollte.

Als sein Retter einige Stunden später zu ihm kam, glaubte Minki zu träumen. Erst nachdem der Zweibeiner den Kater einige Male gestreichelt hatte, wurde ihm das Gegenteil bewusst.

Sein erster Instinkt war es fort zu rennen.

In den Garten.

In die Freiheit!

Doch hatte ihn der Größere bereits in den Korb verfrachtet. Die Klappe war zu. Die Freiheit fort. Alles Jaulen und Fauchen half nichts. Er steckte fest.

Doch starben alle Proteste kurz darauf auf Minkis Lippen.

Denn draußen regnete es.

Es gewitterte.

Es blitzte und donnerte.

Ängstlich kauerte sich der Kater zusammen. Dieses Unwetter war um ein vielfaches schlimmer, als das letzte. Es war zum Fürchten. Jagte ihm eine solche Furcht ein!

Wie konnte der Himmel nur so düster sein? Wie konnten nur so viele Blätter durch die Luft wehen? Da fielen sogar einige größere Äste von den Bäumen!

Erschrocken sah Minki zu seinem Retter hoch. Sein Retter, der ihn sicher durch den Sturm trug. Sein Retter, der ihn schützend zu den anderen Zweibeinern brachte. Sein Retter, der ihn nach all diesen wunderbaren warmen Tagen zurück nach Hause fuhr.

Minki und die warmen Tage II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Schnurrend aalte sich Minki im Schatten einiger Bäume. Die Sonne schien nur vereinzelt durch das Blätterdach und kitzelte dabei Teile seines Pelzes. Für sein weißes Fell war es ein angenehmer Segen, für sein schwarzes eine brenzlige Angelegenheit.

Der Schrei eines Vogels schlich sich durch seine Gedanken. Ein unangenehmes Geräusch, das nicht vergehen wollte. Genervt öffnete er ein Auge und starrte auf das Federvieh hinter einem Zaun.

Warum wollte es ihm seinen Schlaf rauben? Minki hatte die ganze Nacht über Mäuse gejagt und fühlte sich noch etwas träge von den Nagetieren. Die letzte Piepnase hatte er gar nicht mehr geschafft, weil sein Magen bereits so voll war. Er hatte sie dort hinten irgendwo liegen lassen. Dort, wo nun dieser Vogel keine Ruhe geben wollte!

Minki fuhr die Krallen aus und streckte sich. Er schüttelte die Erde von seinem Pelz. Diese trockenen Krümel, die die Kühle des Schattens in sich trugen. Die er in der Wohnung der Zweibeiner nirgends gefunden hätte. Die einen so vollen, beruhigen Duft verströmten.

Missmutig beobachtete er, wie der Vogel schon wieder seinen Schnabel öffnete. Er kreischte abermals herum. Anstrengendes Geschrei, das Minki nicht mehr hören konnte. Das ihn seine nächste Beute wählen ließ.

Denn wen kümmerte es schon, wenn dieser Federball etwas größer war? Er war nur ein größerer Snack für Minki. Und der Kater würde gewiss dafür sorgen, dass die anderen Tiere mehr Respekt vor ihm hatten! Sie sollten ihn bei Sonnenhoch gefälligst schlafen lassen!

Entschlossen pirschte er sich näher heran. Er schlüpfte durch das Loch des Zaunes, der ihn von dem nervigen Wesen trennte. Das Loch, das er erst nachts zuvor entdeckt hatte. Er schlich sich voran – durch Gräser, durch Büsche. Nichts konnte ihn mehr davon abhalten, sich vor dem Federvieh zu behaupten. Es zu erlegen. Es-

Das Wasser lief Minki im Mund zusammen. Aufgeregt fuhr er die Krallen aus. Er spürte, wie sie in die Erde sanken. Wie sein Körper bereits losspringen wollte. Wie er sich dennoch zurückhielt. Er musste sich erst gänzlich sicher sein. Wenn dieser Flatterkreischer ihn zu früh bemerkte, würde er sich in die Lüfte schwingen und dort konnte der Kater ihn schlecht verfolgen. Also musste er sichergehen. Er musste einen Moment abpassen, in dem der Vogel ihn nicht sah. In dem er Minki nicht bemerken konnte und-

Das Federtier wandte sich um. Starrte in den Himmel. In die entgegengesetzte Richtung von Minki.

Das war seine Chance!

Sofort stieß der Kater sich vom Boden ab. Er schoss hinaus. Sprang, nein, flog direkt auf dieses kreischende Tier zu. Er konnte es schon in seinem Maul schmecken. Spürte, wie seine Krallen sich in das Fleisch des Vogels bohrten. Wie sein Maul den Nacken des Tieres erwischte.

Und dann ging alles schief.

Minki mochte ein guter Jäger sein – was bislang hauptsächlich daran lag, dass er sich seine Beute gut aussuchte. Aber er hatte auch lange bei den Zweibeinern gelebt. In einer Wohnung, in der er der einzige seiner Art war. In der er niemals auf die Idee kam, sich mit anderen zu verbünden.

Ganz anders als der Vogel unter seinen Krallen.

Dieser war in der Wildnis groß geworden. In einer kleinen Gemeinschaft. Mit anderen seiner Art. Immerzu darauf bedacht, gemeinsam zu überleben. Deswegen hatte er auch seine Artgenossen gerufen, um die halbe Maus zu teilen. Deswegen hatte er im Himmel auch nach ihnen Ausschau gehalten.

Deswegen stießen sich die anderen Vögel nun auch von oben auf den ahnungslosen Minki herab.

Wütend schlugen sie mit ihren Schnäbeln auf ihn ein. Wurden mit jedem Augenblick mehr. Erschrocken musste Minki von seiner Beute ablassen. Jaulen. Sich zurückziehen.

Und immer noch verfolgten ihn die Viecher.

Ängstlich rannte der Kater fort. Er spürte immer wieder, wie die Schnäbel und Klauen der Federviecher auf ihn herunterschnellten. Er begann Haken zu schlagen. Schneller zu laufen. Schlüpfte in einen Busch, um zu verschnaufen – nur dass sie ihn sofort fanden und hinterher preschten.

Nein. Nein. Nein! Das konnte nicht sein! Das musste ein Alptraum sein! Genau… Was sollte es sonst sein? Diese Viecher waren aus dem Nichts gekommen! Er lag bestimmt noch unter dem Baum und schlummerte vor sich hin. Genau!

Doch erzählten die Wunden auf seinem Rücken eine andere Geschichte.

Instinkt überkam Minki. Er musste an seinen Retter denken. An den Zweibeiner, der ihn immerzu gefüttert, ihn aufgenommen hatte. Er hatte sich nie zu weit von dem Garten entfernt, in dem sein Retter ihn aus dem Korb gelassen hatte. Er musste dorthin zurück. Er musste dorthin, um Schutz zu suchen. Denn sein Retter würde ihn gewiss nicht im Stich lassen!

Hastig erklomm er einen Baum. Sprang über eine der höheren Mauern. Lief immer schneller. Nun mit einem klaren Ziel vor Augen. Einem Ziel, das ihm Hoffnung schenkte. Bei dem er sich geborgen fühlte.

Schlitternd landete er in einer der Hütten seines Retters. Es sah aus, wie eine kleine Version der Zweibeinerwohnung. Doch konnte sich Minki nicht auf diese Einzelheiten konzentrieren. Stattdessen huschten seine Augen über die Möbel. Fanden einen Schrank, der dieselben Türen hatte, wie der von daheim. Türen, die er öffnen konnte. Die er hinter sich zuzuziehen wusste.

Etwas, was er augenblicklich tat.

Minki lauschte den Vögeln und wie sie hineinströmten. Er lauschte ihrem Geschrei. Machte sich klein. Blieb ganz still. Wagte es nicht einmal, hinaus zu spähen.

Und dann erklang die Stimme seines Retters. Er vernahm einen wütenden Tonfall. Hörte, wie die kreischenden Federviecher das Weite suchten. Wie sie von ihm abließen. Fortflatterten.

Erleichtert sackte Minki in sich zusammen. Er spürte, wie ein Zittern durch seine Glieder fuhr. Rollte sich noch enger zusammen.

Und schloss die Augen, um dem Alptraum zu entkommen.

Minki und die warmen Tage I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Die kalten Tage kümmerten Minki in der Wohnung der Zweibeiner nicht. Sie waren einfach nur da. Kürzere Sonnenzeiten. Längere Nächte. Sowie ein gelegentlicher Windzug, wenn er vor dem falschen Fenster lag.

Immerhin waren die Zimmer warm und kuschelig. Er bekam pünktlich seine Mahlzeiten – wenn auch recht wenig und die Zweibeiner hatten mittlerweile sogar verstanden, wann sie ihn streicheln durften.

Die kalten Tage kümmerten ihn nicht…

Dafür aber die Warmen.

Denn an warmen Tagen wurde sein Jagdinstinkt geweckt. Er wollte spielen. Er wollte toben. Er wollte frei sein! Ach, wie sehr sehnte er sich nach ein paar Bäumen oder gar der Gelegenheit, einfach nur mal zu rennen. Mit seinen Ballen über den Boden zu fliegen. Seine Krallen in die Erde zu senken. Vielleicht noch ein kleines Tier zu erlegen. Sich auf dem Rasen zu aalen. Die Stille der Wohnung gegen die Geräusche der Natur zu einzutauschen…

Und sein Retter hatte ihn verstanden.

Nun ja, es war anfangs nicht sonderlich ersichtlich gewesen. Als der Zweibeiner mit diesem grässlichen Korb ankam – mit diesem Gefängnis, in das er Minki immerzu sperrte, wenn sie irgendwo hinfuhren – befürchtete der Kater schon das Schlimmste. Er glaubte, dass ihn der Mann wieder zu diesen weiß-pelzigen Zweibeinern bringen wollte. Zu diesen Monstern, die ihn abtasteten und wehtaten!

Doch stattdessen ging es gemeinsam – mit der Familie seines Retters und ganz viel Gepäck – ins Paradies.

Garten. Die Zweibeiner nannten diesen himmlischen Fleck Erde Garten. Ein grüner, eingezäunter Ort mit zwei Gebäuden, einer viel zu großen Badewanne und ganz vielen Bäumen! Dort war kein Lärm der Stadt zu hören. Dort wuchsen überall Pflanzen. Dort schwirrten Tiere umher. Insekten. Vögel. Durch die Äste huschte ein rotes Geschöpf, das viel zu schnell wieder weg verschwand-

Minki war sprachlos. Er war fassungslos. Überwältigt.

Aufgeregt jaulte er seinen Retter an, bis dieser endlich diesen verfluchten Korb öffnete. Er beachtete den Zweibeiner kaum, als dieser noch irgendetwas sagte. Stattdessen galt seine Aufmerksamkeit den komischen Vögeln hinter einem der Zäune. Dann einem gelb-schwarz gestreiften surrenden Insekt. Dann einem entfernten Bellen.

Erschrocken rannte Minki in ein Gebüsch. Der kühle Schatten umarmte ihn herzlich. Er genoss das Gefühl. Sprang sofort an einen Stamm und kletterte den nächsten Baum hinauf. Beobachtete kurz die Zweibeiner. Nahm Anlauf. Flog auf das Dach der einen Hütte. Sah, wie groß die im Boden eingelassene Badewanne war. Wandte sich ab.

Es gab viel zu viel zu erforschen. Zu erkunden. Zu entdecken.

Diese warmen Tage waren ein Segen. Das erste Mal seit Monaten konnte Minki sich sein Essen selbst fangen. Und was das für Leckerbissen waren! Adieu, weggeworfenes Essen, mit dem er sich früher begnügen musste. Adieu, Ratten, die eher seinem Magen wehtaten, als diesen zu befüllen. Adieu, Katzenfutter, das immer einen seltsamen Beigeschmack hatte.

Nein. Die Mäuse und Vögel, die der Kater hier fing, waren köstlich. Sie schmeckten nach Freiheit. Nach zartem Fleisch. Saftig. Einmalig.

Könnte Minki nicht für immer in diesem Paradies bleiben?

Minki und das perfekte Versteck

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

In der Wohnung der Zweibeiner gab es viele Lücken und Winkel, in die die Felllosen nicht hineinpassten. Es waren ruhige Orte… zumindest für den Großteil der Zeit. Einige von ihnen waren im Winter auch besonders warm und kuschelig und aus anderen jagte ihn die Frau seines Retters immer wieder heraus, ehe sie die Wohnung verließ.

Also machte es sich Minki bald zur Aufgabe, das perfekte Versteck zu finden.

Es musste klein sein. Aber groß genug, damit er hineinpasste. Es musste leicht zugänglich für ihn sein. Aber es durfte keine Störungen von den Zweibeinern zulassen. Es musste ihn nach möglichen Mahlzeiten lauschen lassen können. Aber es durfte auf keinen Fall die nervigen Stimmen oder Straßengeräusche auffangen!

Und am allerwichtigsten… er durfte dort nicht auffallen.

Denn jeden Tag, ehe die Frau seines Retters verschwand, suchte sie ihn. Sie suchte ihn solange, bis sie ihn fand. Und dann? Dann besaß sie immer wieder die Genugtuung, ihn aus seinem wohlverdienten Ruheort fortzuscheuchen!

Das erste Mal hatte sie ihn vom Bett runtergeworfen. Beim zweiten Mal von der Couch. Beim dritten Mal hatte sie ihn aus der Lücke zwischen Sessel und Heizung gefischt. Beim vierten Mal aus einem halbgeöffneten Schrank, in denen so kuschelige Dinger lagen…

So zog sich ihr bösartiges Spiel in die Länge und Minki bemerkte schnell, dass sie all die Orte, die er mochte, mit so einem komischen Katzenverbot ausstattete. Einem Katzenverbot! Wegen ihm!

Das konnte er nicht hinnehmen.

Also sah Minki sich nun gezielt nach Plätzen um, die sie schon länger nicht mehr aufgesucht hatte. Er suchte nach Anzeichen von Staub, der jedoch so stark in seiner Nase juckte, dass er die meisten Orte wieder verwarf. Er verkroch sich auf Schränken, in der Hoffnung, dass sie ihn dort oben übersehen würde. Er sprang aus dem Badezimmerfenster und kletterte auf die Dachterrasse, um-

Nun, dass ist eine andere Geschichte.

Letztendlich waren alle Verstecke nicht von Dauer. Sie fand ihn immer. Mal früher, mal später. Mal lachend, mal fluchend. Doch immerzu fand sie ihn.

Bis er auf die beste Idee seines Lebens kam.

Hierzu muss man wissen: Im Gegensatz zu Minki, trugen die felllosen Zweibeiner abziehbares Fell. Es war komisch. Nicht so gemütlich und flauschig, wie das von ihm, aber immer noch akzeptabel und in größeren Mengen ein wahrhaftiges Schnurrparadies!

Dieses abziehbare Fell wurde in einer Art Korb gesammelt. Ein großer, weißer Korb mit einem Deckel. Es wurde dort hineingeworfen und alle paar Tage – wenn der Inhalt sich zum Rand wölbte – nahmen die Zweibeiner es hinaus und packten es in die Donnertrommel.

Ein schreckliches Gerät. Minki hasste es. Es machte Krach. Es machte dieses abziehbare Fell nass. Es roch doof. Und nie konnte er dort hineinsehen, da die Felllosen es stets verschlossen!

Nicht aber den Korb.

Der Korb hatte einzig einen Deckel. Einen leichten Deckel. Einen Deckel, den er mit seinem Köpfchen beiseiteschieben konnte. Einen Deckel, unter dem sich Minki verstecken konnte.

Im Paradies.

Versteht mich nicht falsch, es gibt bestimmt noch bessere Orte, um sich schnurrend niederzulassen. Aber dieser hier war besonders. Alle Geräusche, bis auf das Singen von Besteck auf Geschirr oder Metall, kamen nur gedämpft bei ihm an. Er konnte sich unter dem abziehbaren Fell einkuscheln. Es war warm. Es war zumindest etwas kuschelig. Es roch nach seinem Retter. Er hatte seine Ruhe. Und selbst wenn die junge Zweibeinerin noch zügig etwas oben rauf warf, so sah sie ihn nicht.

Und die Frau seines Retters suchte über die nächsten Tage und Wochen vergeblich nach ihm. Über Stunden rannte sie durch die Wohnung, während Minki schadenfroh ihren Schritten lauschte. Während er sein perfektes, kleines Versteck genoss.

Sie hätte ihn einfach auf dem Bett liegen lassen sollen.

Minki und die Strumpfhosen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Es ist noch nicht so lange her, da trugen viele weibliche Zweibeiner ein dünnes zweites Fell über ihren Beinen. Dieses war durchsichtig. Mit einem sanften oder gar kräftigeren Hautton. Ein Fell, das keineswegs für einen Haushalt mit einem Kater geeignet war.

Vor allem wenn dieser Kater unzufrieden mit seinem verspäteten Frühstück war.

Minki hatte aus seinem Salzheringdiebstahl gelernt. Er hatte mitbekommen, dass nicht alles so gut und lecker war, wie es den Anschein erweckte. Es war ein Grund mehr sein Fressen mit einer stärkeren Frequenz von den Zweibeinern einzufordern. Und während sein Retter häufig nachts arbeitete und erst am späten Morgen heimkehrte, so war es doch sicherlich nicht verkehrt, sein Mahl bereits von den anderen Zweibeinern einzufordern!

Die Jüngere war ihm dabei zu suspekt. Wie sie durch die Wohnung sprang! Wie sie plötzlich über Hände und Füße ausgestreckt durch den Flur rollte! Es war eine einzige Zumutung. Nur er durfte sich dermaßen aufführen!

Ganz anders war die Ältere.

Diese Zweibeinerin lief zwar zügig durch die Wohnung, war jedoch auch unachtsam. Sie versperrte ihm häufiger die Zimmer. War häufiger in der Küche. Bereitete Stullen oder so etwas für sich und die Andere zu.

Aber nichts für Minki.

Das musste sich ändern!

Immer wieder versuchte er, ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Er versuchte es mit Mauzen. Er versuchte es mit Schnurren. Mit Schmieren. Sogar seinen Bauch präsentierte er dieser eingebildeten Zweibeinerin!

Doch war er ihr anscheinend nicht gut genug. Immerzu meinte sie, dass er schon noch etwas bekäme. Dass er nicht verhungern würde. Dass sich ihr Mann später darum kümmern würde. Dass er sich nur gedulden müsse.

Und verstand dabei nicht sein Problem.

Ja. Der nette Zweibeiner würde ihn füttern. Ja, es wäre ein angemessenes Frühstück. Und ja, er würde die Zeit bis dahin bestimmt überstehen… Jedoch widersprach das seinem Plan!

Minki wollte doch zweimal Frühstück bekommen!

Also musste er ihr gewiss eine Lektion erteilen. Er musste sich bemerkbar machen – auf eine Art und Weise, die diese Zweibeinerin nicht so leicht ignorieren könnte. So, dass sie ihm lieber etwas geben wollen würde, sich mehr mit ihm beschäftigen wollen würde, statt immer nur so hastig abzuhauen und ihn dann in dieser großen Wohnung allein zu lassen…

Also lauerte er ihr auf.

Winzig klein rollte Minki sich unter dem Schuhregal zusammen und wartete. Er beobachtete, wie die Jüngere vorbeihüpfte. Wie sie nebenan verschwand. Wie sich die Ältere näherte. Wie sie beinahe in den Flur trat und-

Schon sprang er heraus. Mit ausgefahrenen Krallen blieb er an dieser künstlichen zweiten Haut hängen und hinterließ sechs Furchen. Tief genug, um den Stoff zu durchtrennen – flach genug, um diese Felllose nicht zu verletzen. Es war ein Zeichen. Ein Zeichen, das diese Zweibeinerin hoffentlich zu verstehen wusste!

Denn von nun an würde er sich jeden Morgen in ihrem zweiten Fell verewigen, wenn sie ihm keine Opfergabe darbot! Er würde hartnäckig bleiben bis er sein zweites Frühstück bekam. Komme was wolle!

Nur blieb sie es auch. Und die Kosten für die Strumpfhosenreparaturen durfte sein Retter tragen. Der arme Mann, der doch nach seiner Nachtschicht nur etwas Schlaf wünschte. Aber zu dem sich Minki jeden Morgen schnurrend ins Bett legte.

Immerhin hatte dieser Zweibeiner ihn bislang nicht hungern lassen!