Timothy – Julies großer Tag

Es dauerte zwei Tage, bis Maria sich wieder blicken ließ. Sie setzte eine freundliche Maske auf. Entschuldigte sich bei Alexander, weil sie von einem Vogel gehört habe, der sein Zimmer verwüstet hätte. Erklärte, dass es ihr leidtäte und dass sie hoffte, ihm würde es an nichts fehlen.

Beeindruckt lehnte ich mich zurück, während sie die Hochzeitsplanung mit den beiden Männern besprach. Sie erklärte, dass sie Julies und Bernhards Liebe für märchenhaft hielt und die beiden deswegen vor ihr und Alexander heiraten sollten. Nichts würde sie glücklicher stimmen, als eine kleine Hochzeit vor ihrer eigenen. Einer, in der sie ihre beste Freundin lächeln sehen könne.

Dankend umarmte Julie die andere. Sie sprachen aufgeregt über die Planungen. Sahen sich kaum nach Alexander und Bernhard um. Männer, die alles andere als glücklich aussahen.

Immerhin hatten sie bereits überlegt, wie sie Julie am besten loswerden könnten. Es wäre ein leichtes für Bernhard gewesen, sie als seine Verlobte mitzunehmen, nur um die eigentliche Ehe dann über Jahre aufzuschieben. Doch nun? Nun, wo Maria zuerst ihre Freundin unter der Haube wissen wollte? Wo sie für Julie und Bernhard so offenkundig schwärmte?

Ehe sie gewiss versuchte, dem Alptraum ihres Elternhauses zu entkommen …

Ich lehnte mich zurück, während die Zeit an mir vorbeistreifte. Dabei bemühte ich mich, jeden Tag einmal mit Julie zu verschmelzen, um bei Sinnen zu bleiben. So erlebte ich aus erster Hand, wie Maria mit ihrem Vater über die Hochzeit stritt. Wie Elisabeth Julie aufsuchte, um die Reihenfolge zu verschieben. Wie jedoch am Ende jeder Marias Wunsch wiederholte, erst Julie vor dem Altar zu sehen.

Und es würde ja nur ein Tag zwischen Julies und Marias Eheschließungen liegen. Was sollte schon groß geschehen?

Mit dem letzten Argument zogen alle ihre Einwände zurück. Selbst Marias Vater nickte mürrisch. Und so beobachtete ich gebannt, wie Julie zum Altar schritt. Wie sie Bernhard ihr Wort gab, ihn zu lieben und zu ehren. Und wie dieser das Versprechen wiederholte. Wie er sie sogar dabei anlächelte!

Die ganze Zeit blieb ich bei ihr. Ich ließ die Flammen tanzen, wenn ihr Blick abschweifte. Einfach, um sie zu erinnern, dass wir es schaffen würden. Dass unser Ziel zum Greifen nah wäre.

Timmys Tod würde gerächt werden!

Erst als Bernhard abends Julie in sein Schlafgemach führte, fiel das Lächeln von ihm herab. Er suchte etwas Abstand zu ihr. Musterte sie. Verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wir werden nicht im selben Bett schlafen. Und du hast deiner Freundin nichts davon zu erzählen“, erklärte er harsch.

„Anders würde ich es kaum haben wollen“, äußerte sie gelassen und setzte sich an seinen Schreibtisch, „Immerhin kennen wir einander kaum.“

Er zog eine Augenbraue hoch. Wirkte unschlüssig. Als hätte er einen Streit erwartet. Oder zumindest einen entsetzten Blick. Irgendetwas!

Stattdessen nahm Julie sich nur die Zeit, ihre Haare aus der hochgesteckten Frisur zu befreien.

„Du … willst nicht?“, erkundigte er sich noch einmal unschlüssig.

„Maria sollte nicht allein in Euer Anwesen, oder? Deswegen dein Antrag an mich. Nun: Ich habe nie darum gebeten, in Euren politischen Spielen festzustecken. Ebenso wie du, oder? Auf die Jagd zu gehen stelle ich mir sehr viel entspannter vor“, sie zog die letzten Haarnadeln heraus und legte sie zu den anderen auf den Tisch.

„Du bist nicht … sauer? Warte“, er runzelte die Stirn, „Du kanntest meine Briefe?“

„Stimmt“, sie schüttelte den Kopf, „Ich wusste, worauf ich mich einlasse, weil Clara, das letzte Zimmermädchen aus dieser Etage, lesen konnte. Sie hatte mir von deinen Beschwerden berichtet. Und da wir beide dasselbe nicht wollen, hielt ich diese Ehe für die einzig richtige Wahl. Zumal dieses Anwesen hier nicht mehr lange glorreich bleiben wird, wenn man den Gerüchten trauen kann.“

Ich bemühte mich, nicht zu lachen. Julie spielte ihre Rolle ausgezeichnet. Und mit dem Samen Verdacht, den sie in Bernhard gesät hatte, würde die morgige Hochzeit entweder abgesagt werden oder von allein im Desaster enden.

Die Wahl oblag Bernhard. Bernhard, der seinen Bruder für diese Ehe mit Julie verachtete. Bernhard, der bei seinem letzten Gespräch mit seinem Bruder diesen verflucht hatte. Bernhard, der Julie nun mit so großen Augen ansah, als würde er sie beinahe bewundern.

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