B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Lianes erste Freundschaft

„Tschüss!“, rief Liane hastig durchs Haus.

„Soll ich dich nicht noch-“

Geflissentlich ignorierte sie ihren Vater und zog den überraschten Oliver mit sich zur Straße. So sehr sie ihren alten Herren auch liebte, wenn er erstmal Mutterhenne spielen würde, kämen sie garantiert nicht mehr rechtzeitig los!

„Komm schon“, drängte sie – nur um drei Schritte später ihre Richtung zu korrigieren.

Denn Oliver zeigte stumm nach links statt nach rechts.

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B: Der Brief

Liane starrte auf die Tabletten, die ihr der Arzt verordnet hatte. Irgendwelche Antidepressiva, die ihr laut dem alten Mann helfen sollten, keinen Unfug mehr zu zeichnen. Sie sollte sie täglich zweimal nehmen. Mittags und abends. Immer zu denselben Uhrzeiten. Immer direkt vor den Mahlzeiten.

Entschlossen nahm sie sich ihre paar Pillen und warf sie in den kleinen Karton, der in ihrem Zimmer als Sammelsurium für winzige Objekte diente. Büroklammern, ein paar Stifte, zwei Würfel und diverser Krimskrams tummelten sich darin mit den Tabletten der letzten Tage.

Es war der einzige Ort, der ihr als Versteck in den Sinn gekommen war.

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B: Alles wird gut

Lianes Hände zitterten immer noch.

Unsicher verschränkte sie die Finger ineinander und bemühte sich, sie unter Spannung zu halten. Sie durfte sie nicht lockern. Sie durfte keinen Stift ergreifen. Sie durfte nicht wieder diesen Stern zeichnen …

Die letzte Stunde kam Liane wie ein Traum vor. Sie wusste sich ja kaum noch daran zu erinnern, wie ihr Physiklehrer sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Wie ihre Klassenkameraden getuschelt hatten. Wie sie geweint hatte-

Ja. Stimmt. Sie hatte geweint. Sie hatte sich plötzlich so schuldig gefühlt. Es war ein schäbiges Gefühl gewesen. Beinahe so, als ob sie jemanden absichtlich verletzt hätte! Selbst nachdem der Physiker sie ins Sekretariat gebracht und die strenge Katholikin Lianes Vater angerufen hatte, wollte das Gefühl nicht verschwinden. Immer wieder kam das Salzwasser zurück und suchte sich seinen Weg in die Freiheit.

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M: Erwischt!

Jane ließ den Stift gedankenverloren über das Papier schweben. Erschöpft überflog sie die nächsten Aufgaben. Übungen, wie sie auch George neben ihr lösen musste, während seine jüngeren Geschwister auf dem Teppich spielten oder sich an einigen aktiveren Projekten versuchten.

Wie Jane die Kinder doch beneidete …

Und wie sehr sie doch ihre Schwester beneidete! Immerhin ging diese nun auf eine richtige Schule. Mit Mitschülern in ihrem Alter. Sie lernte das, was man auf der Straße als normal bezeichnete. Mathe. Sprachen. Naturwissenschaften. Sport. Kunst.

Ganz anders als hier.

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