Timothy – Ich suchte dich, weil …

Ich habe keine Ahnung, wie ich Jane und ihren Vater trotz des Schneesturms verfolgen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, wo das nächste Dorf lag! Mein Instinkt leitete mich. Er musste mich leiten. Denn der Tornado der riesigen Flocken raubte mir jede Sicht. Es fühlte sich wie eine krisselige Masse an. Ohne Gerüche. Ohne Wärme oder gar Kälte.

Es war einfach nur … leer?

Ein sanftes Flimmern tauchte unter mir auf und so schwebte ich hinab. Der Kirchturm zeichnete sich endlich in dem Weiß ab. Wie ein Leuchtturm konnte er mir den Weg hinab zur eingeschneiten Straße weisen. Um mich herum erkannte ich allmählich noch mehr Wohnhäuser. Hohe Gebäude, die mir so unbekannt erschienen. Die jedoch neben der vertrauten Kirche standen. Die bereits so alt und erschöpft wirkten …

Wann war ich zuletzt hier gewesen? Evangeline wollte sonst immer hierher! Sie wollte hierher, um … um …

Warum noch mal?

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M: Vom Tageslicht verschluckt II

„Auf dein Zimmer“, befahl das Kindermädchen, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Sie nickte. Ihre Hand lag noch immer auf der schmerzenden Wange. Stumme Tränen hatten sie befeuchtet. Stumme Tränen, die einfach nicht enden wollten.

Stephanie hasste diese Frau!

Wortlos ging sie nach nebenan und warf sich auf ihr Bett. Sie kickte dabei die dämlichen Klamotten runter. Diese hässlichen Fummel, die doch für den ganzen Mist mit verantwortlich waren! Am liebsten wollte sie die Sachen verbrennen! Sie wollte sich von allem nur noch lossagen!

Von Becky. Von ihrem Kindermädchen. Ja, selbst von ihrem Vater!

Nur ihre Mutter hatte sie verstanden.

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B: Aus der Zeit gerissen

„Bis nachher“, rief Liane hastig in die Küche, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Alles gut?“, verwundert eilte ihr Vater herüber, „Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“

„Ich muss noch etwas vor dem Unterricht erledigen. Wir sehen uns später!“, sie versuchte normal zu klingen. Als hätte sie einfach nicht genug Zeit, um zu quatschen. Als wäre alles in Ordnung.

Erst dann sprang sie raus und rannte die Straßen entlang.

Wenn sie länger geblieben wäre, wären die Fragen über sie hergefallen. Dann hätte sie ihn anlügen müssen. Aber das fühlte sich falsch an. Sie wollte nicht lügen. Sie konnte nicht …

Erst als sie die anderen Teenager sah, verlangsamte sie ihr Tempo und schlüpfte zwischen die fremden Gesichter. Kaum eines kam ihr bekannt vor. Wie auch? Ihre Mitschüler lagen ja noch selig im Bett, um ihre Ausfallstunden zu verschlafen.

Sie war viel zu früh dran …

Und dennoch war es vielleicht schon zu spät.

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B: Überfürsorglichkeit

„Wie war die Schule?“, fragte ihr Vater beim Abendbrot.

Es war eine tägliche Frage. Eine altbekannte. Und eine, die zu einem Gespräch einlud, für das Liane derzeit keine Nerven hatte …

„Ganz okay“, schulterzuckend schob sie sich einige Nudeln in den Mund.

„Wirklich? Du wirkst irgendwie so … abweisend? Ist etwas passiert?“

Ihr Vater sah sie unschlüssig an. Er wirkte besorgt. Unsicher. Ängstlich? Ja … Ängstlich. Er musste spüren, dass sie ihm etwas aktiv verheimlichte. Aber es ging nicht anders! Diese Zeichnungen …

„Nur in Gedanken“, erklärte sie und immerhin entsprach das ja auch irgendwie der Wahrheit, „Wird schon wieder. Mach dir keinen Kopf.“

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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