C: Alles wird gut

Lianes Hände zitterten immer noch.

Unsicher verschränkte sie die Finger ineinander und bemühte sich, sie unter Spannung zu halten. Sie durfte sie nicht lockern. Sie durfte keinen Stift ergreifen. Sie durfte nicht wieder diesen Stern zeichnen…

Die letzte Stunde kam Liane wie ein Traum vor. Sie wusste sich ja kaum noch daran zu erinnern, wie ihr Physiklehrer sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Wie ihre Klassenkameraden getuschelt hatten. Wie sie geweint hatte-

Ja. Stimmt. Sie hatte geweint. Sie hatte sich plötzlich so schuldig gefühlt. Es war ein schäbiges Gefühl gewesen. Beinahe so, als ob sie jemanden absichtlich verletzt hatte! Selbst nachdem der Physiker sie ins Sekretariat gebracht und die strenge Katholikin Lianes Vater angerufen hatte, wollte das Gefühl nicht verschwinden. Immer wieder kam das Salzwasser zurück und suchte sich seinen Weg in die Freiheit.

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M: Nur ein dummer Streit

Sophie sammelte das verstreute Werkzeug auf. Hammer. Schraubenzieher. Nägel. Eine Säge. Cuttermesser. Schleifpapier. Nieten. Bleistifte. Muttern. Einen Knochen. Und diverse Teile, von denen sie keine Ahnung hatte, wofür sie jemals gut sein konnten.

Es überraschte sie gar nicht mehr, dass ihr Dad so viel liegen ließ. Er war ständig so geistesabwesend. Vielleicht würde er wirklich eines Tages seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre? Wer konnte das schon wissen.

Meowy meldete sich aus der Küche und Sophie bat ihn noch um etwas Geduld. Sie müsste ihn gleich füttern.

Sie sortierte die Dinge in den großen Werkzeugkasten, der sich unter der Treppe versteckt hatte. Es hatte sie zuerst erschrocken, als die ganzen Sachen sie vom Flurboden aus begrüßt hatten. Immerhin wäre sie beinahe in eine Hand voll Nägel gelaufen, jedoch war der Schreck so zügig abgeklungen, wie er sich angeschlichen hatte.

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K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Doch war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

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C: Kritz, kritz, kratz

„Sie hat behauptet, dass irgend so ein komischer Typ sie gerettet hätte. Aber keiner will ihn gesehen haben.“

„Wenn du mich fragst, Doppelzopf war doch schon immer etwas eigenartig. Wahrscheinlich hat sie sich die Story nur ausgedacht.“

Kritz, kritz.

„Glaub ich auch! Tims Oma soll mit ihr im Bus gewesen sein und sie schwört felsenfest, dass Liane alleine ausgestiegen wäre!“

„Tim selbst ist halb blind. Wie viel kann da schon die alte Schnepfe sehen?“

Kritz, kritz.

„Ist doch egal, wie viel die Alte sehen kann. Fakt ist, dass nichts zu stimmen scheint. Ich sag dir, das sind alles nur dumme Märchen, damit Liane sich wichtig vorkommen kann!“

Kritz, kritz.

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M: Unter dem Regenschirm

Zitternd umschlungen Janes Arme ihren dünnen Leib. Der kühle herbstliche Regen durchnässte ihre Kleidung. Er sorgte dafür, dass der Stoff unangenehm an ihr haften blieb. Er ließ sie frösteln. Und er verbarg die Flecken, deren rostige Farbe in der Trostlosigkeit Merichavens nicht aufzufallen vermochten.

Drei Blöcke weiter hörte sie eine Polizeisirene.

Jane seufzte. Sie legte den Kopf in den Nacken und gab sich dem Regen hin. Sie wusste, was die Polizisten vorfinden würden. Sie wusste, warum sie diesen Horror in ihren Akten aufnehmen mussten. Und sie wusste, dass der Täter, dass sie es nicht gern getan hatte.

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