C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleitet sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorherahnen müssen.

Und dennoch hatte er es nicht kommen sehen.

Seine Hände wanderten unter sein Hemd und spielten mit dem Anhänger ihrer Kette. Ein altes Ding, das ihn schon länger begleitete, als er gar in dieser Welt wandelte. Er hatte es für sie verwahren sollen. Hatte es nicht aus den Händen legen wollen. Hatte es irgendwann selbst umgebunden.

„Ja. Deine Akte habe ich“, bemerkte die Sozialarbeiterin und klickte irgendetwas auf dem Bildschirm ihres Computers an, „Alles Gute zum Achtzehnten“

„Danke“, ein Lächeln schlich sich auf seine Züge, da ihm sein Geburtstag endlich die Erleichterung bürokratischer Hürden versprechen könnte, „Als ich zum ersten Mal hierhergebracht wurde, war ich verängstigt, unwissend, stumm und hatte eine Schwester. Nicht mal einen Tag später wurde mir der einzige Mensch genommen, der mir etwas bedeutete… Könnten Sie mir bitte helfen, herauszufinden, was aus ihr geworden ist?“

Er legte so viel Trauer und Verzweiflung in die Worte, wie er für angemessen hielt. Er musste an ihr gutes Herz appellieren, wenn er Hilfe wollte. Denn über die offiziellen Amtswege würde sich alles nochmal mehrere Jahrzehnte hinziehen! Und so viel konnte dabei dann noch schiefgehen…

Ständig konnte so vieles schiefgehen.

„Enoch… Es steht mir leider nicht zu, Informationen über andere Waisen ohne deren Einverständniserklärung weiterzugeben. Außerdem müssten für solche Auskünfte die Formblätter drei bis zwölf, 26 und die Anlagen 43, 47b und 56 ausgefüllt eingereicht werden. Die Bearbeitungszeit hierfür beträgt ungefähr 14 Wochen und…“

Ungeduldig wippte er mit seinen Zehen auf und ab. Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte zwar damit gerechnet, dass es schwierig sein würde, aber eine solche Antwort? War die Frau denn ein Gesetzesbuch oder ein eigenständig denkendes Wesen?

„Frau Bullock“, las er von ihrem Namensschild ab, „Ich habe mir die Papiere bereits angesehen. Es sind fast dreihundert Seiten, die es auszufüllen gilt und die alle davon ausgehen, dass meine Schwester oder ihre gesetzlichen Vertreter der Verwendung ihrer Daten zugesagt haben. Allerdings war sie noch ein Baby als wir hierherkamen und getrennt wurden. Wenn sie nun noch in einem sehr jungen Alter adoptiert wurde, ist es gänzlich möglich, dass sie nichts von ihrem Waisenstatus weiß und demnach niemals eine Zusage erteilen könnte. Ganz zu schweigen von jeglichen gesetzlichen Vertretern“, er ließ die Schultern etwas sinken, schüttelte schwach den Kopf, „Außerdem weiß ich nicht mal, was die damaligen Sozialarbeiter in die Akten eingetragen haben. Ich war apathisch, erschöpft, verloren. Ich konnte keine Auskunft zu Geburtstagen oder Namen geben, sodass alle Daten nur willkürlich vermerkt wurden. Sie wurde mir damals aus den Händen gerissen und ich… Ich will doch einfach nur meine Schwester wiedersehen, verstehen sie?“

Die Frau seufzte und faltete die Hände über der Tastatur.

„Enoch Belial… Sie sind ab heute volljährig und ein erwachsenes Mitglied unserer Gesellschaft. Sie müssen oder sind bereits aus den Räumlichkeiten eines Waisenhauses ausgezogen. Sie müssen nun einen Job finden. Sich ein Leben aufbauen. Wie wollen Sie sich um eine Zehnjährige kümmern, die vielleicht schon ein liebevolles Zuhause hat? Ein Zuhause, aus dem Sie ihre Schwester, in ihrem Egoismus sie wiederzusehen, herausreißen“

Grummelig neigte er den Kopf zur Seite. Er mochte es nicht. Er mochte es nicht, wie diese Frau mit ihm diskutierte. Sie wusste doch nicht, welche Versprechen er einhalten musste! Sie wusste doch nicht, wie schwierig es war sich ein Jahrzehnt an etwas zu erinnern, das man letztendlich beinahe für einen Traum hielt.

Wären seine Träume nicht so sonderbar und von Erinnerungen und Visionen geplagt…

„Ich verstehe Ihre Bedenken“, sachte griff er abermals nach dem Anhänger, tastete nach den Zacken des Metalls, konzentrierte sich auf das Gefühl der Verzweiflung, das ihm überkommen wollte und legte es in jedes seiner Worte, „Aber kann ich denn nicht mal erfahren, was aus ihr geworden ist? Sie einmal aus der Ferne wiedersehen? Ist das denn zu viel verlangt?“

Schweigen antwortete ihm. Er konnte einen Kampf in den Augen der Sozialarbeiterin beobachten. Noch war sie sich unschlüssig, ob sie ihm helfen sollte. Sie haderte mit sich. Mit den Vorschriften, ihrem Gewissen, seinem Gefühl und irgendetwas anderem…

„Frau Bullock… Ich hatte meine Gründe, warum ich damals geschwiegen habe. Ich wusste ja nicht mal den Namen meiner Schwester zu sagen – aus Angst, dass man sie mir wegnimmt! Und im Endeffekt ist genau das passiert. Mein Versuch, sie zu beschützen wurde als eine mögliche Entführung gewertet. Über Wochen wurde ich verhört. Die Leute hatten sich dabei das Wort Kindswohl ins Gesicht tätowiert. Aber keiner von ihnen hat sich dabei wahrhaftig für uns interessiert. Also bitte… Bitte folgen sie nicht dem Beispiel ihrer alten Kollegen und helfen sie mir, meine Familie auf lange Sicht wieder zu vereinen“

Er blickte sie hoffnungsvoll an und betete zeitgleich, dass sie nicht seine Lügen durchschauen würde. Es war immer noch ein so seltsames Konzept für ihn. Lügen. Der wahre Grund für sein Schweigen damaliges Schweigen.

Lügen hatte er erst im Waisenhaus erlernt. Immerhin waren es hier nur falsche Worte. Falsche Worte die nicht immer erkannt wurden. Die die Leute nicht zu erkennen wussten. Die sie nicht jedes Mal erkennen wollten.

„Enoch“, die Sozialarbeiterin sprach seinen Namen beinahe gepeinigt aus. Als würde seine bloße Anwesenheit ihr Verhängnis sein.

„Bitte. Ich will doch nur wissen, ob es meiner Lilith gut geht. Geben sie mir etwas. Irgendwas!“, bat er sie noch einmal und diesmal fiel ihm die Verzweiflung leichter.

Er hatte das Mädchen immerhin schon direkt nach der Ankunft in diese Welt enttäuscht. Und allein der Gedanke daran ließ ihn erschaudern.

Dabei hatte er ihr und dem altem Alov doch versprochen, auf sie aufzupassen…

Was sein bester Freund nur von ihm denken würde? Sie hatten sich ja nicht einmal verabschieden können! Die Zeit hatte gedrängt, hatte ihn voran gehetzt.

Wie ein wildes Tier.

Die Sozialarbeiterin seufzte noch einmal.

„Ich hätte das Gespräch mit Ihnen sofort beenden sollen“, grummelte sie und spielte mit dem Goldring an ihrem Finger.

Er war schlicht. Einfach. Eine rudimentäre Stütze, die sie wahrscheinlich mit ihrem Ehepartner verband. Eine Familie, die sie besaß. Die er sich in jedem Leben nur wünschen konnte.

„Aber Sie wissen, dass ich nicht unrecht habe“, entgegnete er ihr und sachte nickte sie.

„Mein Mann war einst auch in dem System gefangen. Und obwohl jede Vorschrift und jedes Papier schon seine Gründe hat, kann ich ihre Verzweiflung und ihren Frust nur zu gut nachvollziehen“

Seufzend blickte sie auf die Uhr.

Dann nickte sie schwach.

„Ich glaube, ich werde mir einen Kaffee holen müssen“, sie drückte ein paar Tasten auf ihrer Tastatur und ging an den Schrank hinter ihr, „Wenn ich in der Zwischenzeit versehentlich ein paar Zettel rumliegen lasse und ein paar unvorsichtige Finger darüber stolpern, dann lässt sich das wohl nicht vermeiden, oder?“

Beinahe beiläufig ließ sie eine Akte auf ihren Tisch gleiten.

Dankbarkeit durchflutete ihn. Er verstand ihre Hilfe zu schätzen. Er verstand, welches Risiko sie einging. Was sie für ihn aufs Spiel setzte.

„Ich hoffe, Sie finden alleine heraus und dass niemand ihre Finger an irgendetwas erwischt, an dem sie nichts zu suchen haben“

„Natürlich nicht“, pflichtete er ihr artig bei.

Dann nahm sie sich ihre Kaffeetasse und verschwand.

Einen Moment blieb er noch sitzen. Horchte ihren Schritten, die im Flur verklangen. Die seinen zeitlichen Rahmen festlegten. Dessen Rhythmus ihn in Ekstase versetzte.

Und dann lagen seine Hände bereits auf den Papieren. Er sog alles in sich auf. Name, Adresse, Telefonnummern… Er müsste sich draußen alles notieren. Nun war nicht genügend Zeit dafür. Nicht genügend Zeit für-

Seine Augen blieben an einem Foto hängen. Er erkannte sie sofort. Diese Augen waren einzigartig. Und ihre Gesichtszüge erinnerten ihn an damals. Als er sie das erste Mal getroffen hatte. Als er zum ersten Mal Freunde in dieser trostlosen Welt fand.

Chem Wak würde seine Versprechen halten.

N: Über Kamillentee

„Das macht dann 47,43“, las Paul von der Kasse ab.

Der Kunde legte ihm einen Fünfziger auf den Tresen und noch ehe das Wechselgeld seinen Weg aus der Kasse finden konnte, war der Mann verschwunden. Klingelnd schlossen sich die Türen hinter ihm. Ihre Bewegung schob eine Hitzewelle durch das Gebäude der Tankstelle und Paul beobachtete, wie der Fremde in seinen Truck stieg, einen kräftigen Schluck aus einer Wasserflasche nahm und von einer der drei Zapfsäulen wegfuhr.

„Ihnen auch noch einen schönen Tag“, bemerkte er sarkastisch.

Seufzend warf der Kassierer das Trinkgeld in einen alten Aschenbecher und überschlug seine zusätzliche Einnahmequelle. Vielleicht könnte er noch auf Fünfzehn Mücken kommen. Dann könnte er seiner schwangeren Freundin endlich mal wieder ihre Lieblingspizza bestellen. Jedoch machte er sich keine allzu großen Hoffnungen. Nicht viele Leute waren auf den Landstraßen nach Havbolt unterwegs.

Und noch weniger reisten während der Mittagshitze Ende Juni umher.

Gelangweilt streckte Paul sich und wandte sich wieder der klemmenden Schublade zu, die er bereits vor seinem letzten Kunden reparieren sollte. Das Holz hatte sich letzte Woche verzogen, als das Regenwasser durch die Decke gelaufen war. Mürrisch hatte Freddy, sein steinalter Greis von einem Chef mit nur drei Fingern an der rechten Hand, das Dach repariert und Paul dabei noch mürrisch zusätzliche Schichten aufgebrummt. Doch wollte sich der zukünftige Vater nicht beschweren. Die extra Groschen könnte er gut gebrauchen.

Ein schrilles Klingeln erfüllte seine Ohren und erschrocken riss Paul den Kopf herum. Sein Blick landete auf dem Telefon neben der Kasse. Ein Apparat mit Wählscheibe, unendlich vielen Kratzern und fünf Schichten Staub auf dem grün lackierten Hörer.

Er hatte es immerzu für defekte Deko gehalten.

Irritiert runzelte Paul die Stirn. Seine Finger näherten sich neugierig dem Hörer, strichen bereits über das kühle Material und wollten-

„Pfoten weg, Junge!“

Hastig sprang Paul von dem Telefon weg und machte seinem Chef Platz, der sich eilig zwischen ihm und dem Tresen schob, um das Gerät zu begutachten. Beinahe sanft nahm Freddy den Hörer ab und scheuchte den Kassierer im selben Atemzug fort.

Der Mann trug immer noch die Shorts, die er sonst nur hinten im Wohnbereich präsentierte.

„Hallo?“

Neugierig versuchte Paul etwas von dem Gespräch aufzuschnappen, doch senkte sein Chef die Stimme. Einzig die Stimmlage des Mannes klang schroff durch den Laden zu ihm herüber. Alles andere verlor sich bis zu seinen Ohren.

Nachdenklich füllte der Kassierer den Kühlschrank mit Getränken auf.

„Tot… Ja… Ja… Das weiß ich nicht“, der alte Griesgram wurde plötzlich lauter und gereizter, „Radius, du hast dich fast zwei Jahrzehnte nicht gemeldet, in der Zeit kann vieles passieren“, Stille, „Hm. Ja… Ja“

Dann landete der Hörer wieder auf der Gabel und Freddys Finger brachten die Wählscheibe zum knattern.

„Ich muss mit deiner Mutter reden, Mark“, verkündete er ohne ein einziges Wort der Begrüßung, „Dann komm du eben rum. Aber mach flott“

Und sofort war auch das Gespräch beendet.

„Junge?“

„Hier!“, antwortete Paul sofort und streckte den Kopf über eines der Regale.

„Ich muss hinten was raussuchen. Nachher kommt jemand, der Kamillentee bestellen wird – schick ihn zu mir nach hinten und mach dann zu, ja?“

„Sind Sie sich sicher, dass-“

„Es ist eh nicht viel los“, unterbrach ihn der alte Mann und verschwand wieder in seiner Wohnung hinter dem Laden.

Seufzend zuckte Paul mit den Schultern und arbeitete weiter. Er würde wohl definitiv nicht mehr auf sein erhofftes Trinkgeld kommen. Vielleicht war es wirklich Zeit für einen neuen Job? Seine älteren Stiefgeschwister lagen ihm damit schon seit einer Weile in den Haaren, doch konnte er sich nie ganz von dieser Tankstelle losreißen.

Zu klar und deutlich waren die Erinnerungen an diese kühle Nacht vor so vielen gottlosen Jahren. An die Alkoholflaschen, die sein Vater im ganzen Auto verteilt hatte. Die der Mann selbst während der Fahrt geleert hatte, ehe er den Wagen um einen Baum wickelte. Ehe er damit auch Pauls Mutter tötete und der Junge als Vollwaise zurückblieb.

Er war damals durch die ganze Nacht geirrt, ehe er zu seiner neuen Familie gefunden hatte.

Hier, an dieser Tankstelle, konnte er wenigstens aufpassen. Hier konnte er etwas sagen. Hier konnte er, im Gegensatz zu dem Burschen der damals hinter dem Tresen stand, die Leute irgendwie aufhalten, ehe sie sich betrunken hinter das Steuer klemmten.

Immerhin hatte Paul es schon zweimal geschafft den unbeholfenen Fahrern ihre Schlüssel zu entwenden, als sie zum Zahlen an die Kasse kamen. Er hatte einfach nur eine Zeitung rauffallen lassen und darauf beharrt, dass sich die klimpernden Metallstifte noch im Fahrzeug befinden mussten.

Nur einmal musste er bislang die Polizei rufen. Bei einer jungen Mutter, deren Kind kaum krabbeln konnte. Die darauf bestand trocken zu sein, während sie den Wodka in sich hineinschüttete. Während sie ihr schreiendes Kind zurecht schrie.

Er verstand solche Menschen einfach nicht.

Paul wandte sich kopfschüttelnd den anderen Gängen zu und brachte sie auf Vordermann. Er zog die Lebensmittel nach vorn und ordnete die Waren so an, damit es voller wirkte. Ein einfacher Trick, der laut Freddy die Verkaufszahlen verdoppelte. Und auch wenn der Kassierer diese Hoffnung nicht zu teilen wusste, hielt er sich dennoch an die Ansagen des Mannes.

Seine ältere Stiefschwester hatte ihm oft genug gezeigt, dass man Menschen nie komplett einschätzen könnte. Vielleicht hatte Freddy also doch Recht?

Die Tür klingelte und sofort schob sich Paul mit einem ächzenden „Moment!“ zurück zur Kasse. Er betrachtete den großgewachsenen Mann neugierig, dessen Blick abschätzend über den Laden, über ihn glitt.

„Fred hinten?“

Verblüfft nickte der Kassierer. Er wusste, dass sein Chef es nicht mochte, so genannt zu werden. Also entweder war das dem Fremden nicht bewusst oder ihm stand eine Ausnahmeregelung zu.

„Ja?“

„Ein Kamillentee, kein Zucker, keine Zitrone“

Nickend zapfte Paul etwas kochendes Wasser aus der Kaffeemaschine. Sein Blick glitt zu dem Teeregal herüber, das vor den Augen der Kunden versteckt lag.

Nur Kamillentee befand sich darin.

Komisch. Ihm war bisher gar nicht aufgefallen, dass sein Chef die anderen Teesorten nie bestellte. Es war immer nur Kamillentee. Und immer nur dieser teure Markentee, für deren Packung schon ein ordentliches Sümmchen ausgegeben werden musste.

„Hier, bit-“

Der Mann unterbrach ihn mit einem Zwanziger, den er wedelnd vor dem Kassierer ablegte.

Paul griff nach dem Schein und beobachtete irritiert, wie der Mann wortlos nach hinten verschwand. Wie er den Weg so ging, als wäre er ihn schon tausendmal entlang geschlendert.

Sollte er den Rest als Trinkgeld behalten? Immerhin kostete der Tee nur 1,99 und der Kunde hatte kein Rückgeld verlangt… Aber so viel?

Einen Moment kämpfte der Verkäufer noch mit sich. Er dachte an Cassey, an seine schwangere Freundin, der er doch endlich mehr bieten wollte. Er dachte an ihr Kind, an ihre Zukunft, die bereits jetzt von Geldsorgen gekennzeichnet war, ehe er das Wechselgeld mit in seinen Sammelaschenbecher warf.

Er sollte ja immerhin zu machen.

K: Erwischt!

Jane ließ gedankenverloren den Stift über das Papier schweben. Erschöpft überflog sie die nächsten Aufgaben. Übungen, wie sie auch George neben ihr lösen musste, während seine jüngeren Geschwister auf dem Teppich spielten oder sich an einigen aktiveren Projekten versuchten.

Wie Jane die Kinder doch beneidete!

Und wie sehr sie doch ihre Schwester beneidete. Immerhin ging diese nun auf eine richtige Schule. Mit Mitschülern in ihrem Alter. Sie lernte nur die Dinge, die man auf der Straße als normal bezeichnete. Mathe. Sprachen. Naturwissenschaften. Sport. Kunst.

Ganz anders als das hier.

Müde las die Elfjährige noch einmal die Frage ganz oben auf der Seite. Wie und wo entledigt man sich am sichersten einer Waffe? Begründe deine Antwort! Zweifelsfrei eine Frage, die von ihrem Vater stammte. Immerhin gestaltete Mona diese Zettelqual jedes Mal nach seinen Vorlieben. Es oblag immerhin der Frau, Jane für ihr restliche Leben zu wappnen. Sie musste dem Mädchen den normalen Schulstoff beibringen.

Und sie musste Jane das gewissenlose Etwas beibringen, dass sich ihr Vater für die junge Jade wünschte.

„‘Ne Ahnung für siebtens?“, hauchte George beinahe lautlos zu ihr herüber.

Jane streckte sich gähnend. Ihre Augen flogen über den Anderen, der vollkommen entspannt dasaß zu seinen jüngeren Geschwistern und seiner Mom. Letztere war zur Abwechslung mal mit ihren Zwillingskindern beschäftigt. Zwei dunkle Vierjährige mit viel zu vielen schwarzen Haaren auf dem Kopf. Beide taten sich gerade mit ein paar Seemannsknoten schwer. Billy hatte einen undefinierbaren Seilklumpen erschaffen und Jennys Kunstwerk hatte ihr linkes Bein als Opfergabe gefordert. Ihre anderen Geschwister kicherten über das Unglück der Beiden und versteckten sich aber sofort hinter ihren eigenen Aufgaben, als Mona ihnen einen Blick zuwarf.

Jane spürte, wie George auf ihre Antwort wartete. Gelassen blätterte sie eine Seite weiter zu der erfragten Aufgabe. Sie genoss dabei das raue Papier unter ihren Fingerspitzen und strich nachdenklich über das Blatt, das Mona auf einer Schreibmaschine getippt haben musste.

Du konntest das Ziel nicht eliminieren, wirst verfolgt, und befürchtest von mindestens einer Person erkannt worden zu sein. Erläutere deinen Fluchtplan ausgehend vom Stadtzentrum zum China Park und mögliche Vorgehensweisen, um deine Identität zu schützen.

Jane tippte zweimal leicht auf die hölzerne Tischplatte.

Womit genau?

Sie konnte beinahe spüren, wie George die Stirn runzelte. Sein Stift wippte sachte auf seinen Fingern hin und her.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Stopp.

Mit dem dritten Teil.

Der dritte Teil? Aber die Aufgabe bestand doch nur aus zwei Abschnitten, wenn man die Beschreibung der Ausgangssituation übersprang. Es wurden einzig zwei Verfahren hinterfragt: Der Fluchtweg und die Präventionen, um unerkannt zu bleiben. Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus.

Vorsichtig ließ sie die Hand flach auf dem Tisch sinken. Keine Ahnung. Jane zog die Augenbrauen hoch und begann ihre Finger zu strecken. Möglicherweise-

Zwischen ihnen knallte Monas rechte Hand so ruckartig auf die Tischplatte, dass Jane glaubte, das Echo in ihren Knochen zu spüren. Zuckersüß lächelte die Schwangere auf sie herab, während sie die zweijährige Anastasia auf ihrem anderen Arm hin und her schaukelte.

„Jane. Jory. Möchtet ihr mir etwas sagen?“, ein wissender Unterton hatte sich in ihre Stimme geschlichen und sofort wurde der Elfjährigen bewusst:

Mona wusste, dass sie sich über die Aufgaben ausgetauscht hatten.

„Das ist doof“, bemerkte Jane mit gekonnter Unschuldsmiene, „Es ist viel zu viel Theorie. Das ist doch nicht mehr realitätsnah! Können wir nicht lieber ein paar praktische Übungen machen? Wer zum Beispiel am schnellsten ungesehen durch die Stadt kommt? Oder wer sich am besten verstecken kann? Vielleicht auch in Verbindung mit etwas Schießtraining. Das wäre sehr viel interessanter als ein paar Schreibaufgaben“

Nachdenklich setzte Mona ihr jüngstes Kind zwischen den Übungszetteln ab und Jane beobachtete, wie George anfing für seine jüngste Schwester Grimassen zu schneiden. Er war so ein seltsamer Familienmensch. Wenn sie oder Jasmine sich so verhalten hätten, hätte ihre Mutter sie wochenlang belehrt. Doch er? Er kümmerte sich nicht um die Belehrungen und machte munter weiter.

„Grigoriy schuldet mir noch was. Vielleicht könnt ihr eine Art Praktikum bei ihm machen. Damit könntet ihr euer Anatomiewissen auffrischen und-“

„Solange Sissy lebt, wird der Rotschopf dir jeden Tag was Neues schulden“, platze es aus Janes Mitschüler raus.

Sie zuckte zusammen. Sie konnte seinen Missmut, seine Unzufriedenheit geradezu spüren, jedoch war das nur das halbe Problem. Denn egal wie oft er es vormachte, sie war es einfach nicht gewohnt, dass Ältere unterbrochen oder gar so angefahren wurden. Sie verstand nicht, wie George seine eigene Mutter so respektlos anschnauzen konnte. Sie verstand nicht, warum ihre Mona sich das bieten ließ. Warum sie jederzeit so ruhig blieb. Warum sie so sachte nickte, als würden sie einzig die Aufgaben auf den Zetteln besprechen.

„Wohl wahr. Und ja, er ist nicht der Einzige, der sich hüten sollte, nichts Falsches zu sagen oder gar zu tun“, ihre Stimme hatte etwas Finales, etwas Verständnisvolles, was irgendwie fehl am Platze wirkte, „Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge, Jory. Genauso, wie du dich davor hüten solltest, bei Unwissenheit deine Mitschülerin um Hilfe zu bitten. Hast du wenigstens die unterschiedlichen Aufgabenblätter bemerkt?“, Jane beobachtete wie die Frau ihre Augenbrauen hochzog und besann sich darauf, nicht hinunter zu schmulen und ihre Aussage zu überprüfen.

Hätte sie es bemerkt, wenn sie nicht so müde gewesen wäre? Oder hätte sie diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen? Würde diese Unachtsamkeit ihr später das Genick brechen? Wie könnte sie aufmerksamer werden? Wie könnte sie ihre Schwächen ausmerzen?

Wenn nicht für sich selbst, dann dafür, dass ihre Schwester nicht in dieses Chaos purzelte?

„Das ist doch gemein!“, aufgebracht sprang George vom Stuhl und heiter lachte Anastasia auf, „Du gibst uns sonst nie unterschiedliche Aufgaben. Nie!“

„Dead Inside hatte auch nie direkten Kontakt mit der Polizei oder Andersgesinnten. Das hat ihn aber auch nicht vor dem Tod durch die Cops bewahrt. Ihr müsst immerzu alle Eventualitäten bedenken, Jory“, beinahe zärtlich klangen die Worte in Jane nach und hinterließen einen bitteren Beigeschmack. Sie spürte, wie ihr ein leichtes Zittern über den Rücken krabbelte.

Die Warnung hatte sich in ihr Herz genistet.

„Verzeihung, Mona. Es kommt nicht wieder vor“, bemerkte sie aufrichtig und unterbrach damit die Schimpftirade, in die sich ihr Mitschüler überschlug.

Beim nächsten Mal würde die Frau sie definitiv nicht erwischen!

N: Rechnungen und Versprechen

Im Kerzenlicht wühlte sich Rebekka Naar durch den Stapel an Briefen. Irgendwo musste der dämliche Zettel doch sein! Sie wusste genau, sie hatte ihn vor zwei Wochen oder so zu den anderen Forderungen gelegt. Zu all diesen Papieren, die sie bereits seit Monaten nach deren Wichtigkeit sortieren wollte.

Und nun wurde ihnen der Strom abgestellt.

Genervt fand sie den Brief von ihrem Energielieferanten. Es war eine Zahlungserinnerung – datiert auf letzten Monat. Wie hatte sie diese – zusätzlich zu so vielen anderen – nur verstreichen lassen können? Mittlerweile verlangte das Unternehmen ein halbes Vermögen, um die Mahnungen abzubezahlen und ihre Zahlungsfähigkeit zu bestätigen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie in Verzug geraten war und-

„Mama?“

Überrascht wirbelte sie herum und starrte durch die Dunkelheit der Küche. Ein Schrecken war durch ihren Körper gefahren. Ein Schrecken, der sie viel zu häufig begleitete. Der sie immer wieder besorgt über die Schulter blicken ließ, seitdem ihr Julian sie vor all den Gefahren gewarnt hatte…

„Jess! Warum bist du denn wach, Süße?“, mit gezwungner Ruhe, kniete sie sich zu ihrer Tochter herab. Zu ihrer kleinen Schnattertasche, die mit interessiertem Blick auf die tanzende Flamme der Kerze sah, ehe ihre jungen Augen weiter zu ihrer Mutter wanderten.

„Mein Nachtlicht ist aus“

„Ich weiß“, entschuldigend strich Rebekka ihrer Tochter durch die Haare und bemühte sich, ihre eigenen Sorgen zu verdrängen, „Das ist bloß ein doofer Stromausfall. Sollte sich bis morgen sicherlich erledigt haben“

„Aber die Laternen draußen brennen?“

„Dann ist wohl nur unser Haus betroffen“, behauptete Rebekka hastig und strich dem Mädchen einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Wissende Augen begegneten ihren. Augen, die ihren Worten nicht zu glauben schienen. Augen, deren Form sie so sehr an Jessicas Vater erinnerten. Genauso wie ihr Gesicht. Und ihre Art, sich in sich selbst zurückzuziehen. Nachdenklich in die Luft zu starren. Wie ausgewechselt zu lächeln, reden, staunen…

Ihr Julian hatte ihr erklärt, dass es normal wäre. Dass es etwas Biologisches aus seiner Familie wäre und dass Rebekka sich deswegen keine Sorgen machen bräuchte. Jessica würde damit klarkommen, weil es ein Teil von ihr wäre und für die längste Zeit hatte sie ihm geglaubt.

Sie hatte ihm versichert, ihrer Tochter genug Freiraum zuzugestehen. Sie hatte ihm versprochen, sich gut um ihr Mädchen zu kümmern, wenn er geschäftlich unterwegs war. Sie hatte geschworen, keine Risiken einzugehen. Ihre Jess zu beschützen. Niemanden blind zu vertrauen, der sich als sein Freund ausgab. Niemanden zu vertrauen, der sich zu sehr für ihre Tochter interessierte.

Aber all dies war Jahre her. Zuletzt hatte Rebekka den Vater ihrer Kleinen vor über einem halben Jahr gesehen. Sie wusste nur, dass er kündigen wollte. Darüber hinaus hatte er sich jedoch seit Monaten nicht mehr gemeldet. Sie war sogar schon zur Polizei, nur konnten die Polizisten keine Vermisstenanzeige aufnehmen, weil sie ihn nicht in ihrer Datenbank fanden. Ihr Julian war wie ein Phantom verpufft!

Sie hatte keine Adresse. Keine Telefonnummer. Kein Nichts. Nur den Namen des Mannes, den sie blind liebte. Der ihr jedes Mal ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern konnte. Der ihre kleine Jess über alles liebte.

War es ein Fehler gewesen? Sollte ihr eigener Vater Recht behalten? War ihr Julian von Anfang an nichts als ein armseliger Betrüger gewesen? Aber er hatte ihr doch nichts gestohlen. Nein, im Gegenteil! Er hatte ihr eine wunderbare Tochter geschenkt!

„Mama. Du drückst mich zu doll“

„Entschuldige!“, augenblicklich ließ Rebekka von ihrer Tochter ab. Sie konnte sich nicht mehr daran entsinnen, wann sie das Mädchen so fest in die Arme geschlossen hatte.

War sie so übermüdet? Wegen ihres Jobs? Den Geldsorgen? Wegen Julians Abwesenheit? Glaubte sie deswegen manchmal, dass sich die Züge ihrer Tochter verschoben? Oder war es nur das Kerzenlicht, das ohnehin schon genug Monster an die Wände flackerte?

So konnte es nicht weitergehen! Nein. Erschöpft kämpfte sie sich auf den Küchenstuhl und blickte wieder auf die Briefe.

Sie konnten nicht mehr hierbleiben. Sie konnten hier nicht mehr auf ihren Julian warten. Rebekka war beinahe drei Monate mit der Miete im Verzug, das Wasser würde ihnen morgen abgestellt werden, die Kerle bei ihrem Job hielten sie für ein billiges Flittchen und ihr Bargeld belief sich auf einen knappen Hunderter, den ihr ihre Mutter zu Weihnachten geschickt hatte.

Genug für zwei Bustickets aus Centy raus. Sie könnten in eine Kleinstadt ziehen. Irgendetwas am Meer. Wenn sie es raffiniert genug anstellte, könnte sie morgen ihr Gehalt der letzten Woche einfordern und dann eine Bleibe und einen schnellbezahlten Job woanders finden. Außerdem müsste ihre Jess bald eingeschult werden und sie hatte definitiv etwas Besseres als diese verschuldete Wohnung verdient!

Und ihr Julian… Sie wusste doch noch nicht einmal, was mit ihm war! Sie glaubte nicht, dass er sie bewusst sitzen gelassen hatte. Also musste ihm etwas dazwischen gekommen sein oder er- Nein. Man hatte ihn sicherlich zu noch ein paar Monaten bei seinem Job überredet. Er würde sie suchen, sobald er fertig war. Er würde nachkommen. Er würde sie beide suchen! Und er wusste von Rebekkas Elternhaus. Sicherlich würde er dort zuerst nach ihr suchen. Sie müsste also nur ihrer Mutter einen Hinweis schicken, wo sie hinziehen würden und dann-

„Darf ich dann auch eine Kerze bei mir im Zimmer haben?“

„Jess, das ist doch viel zu gefährlich“, besorgt sah sie auf ihr kleines Mädchen, das die Flamme mit neugierigen Augen betrachtete, „Was ist, wenn das Feuer um sich greift, sobald du einschläfst? Dann brennt uns das gesamte Haus ab“

„Aber Papa hat mir gezeigt, wie ich vorsichtig dabei bin“, Jessica präsentierte ihre beste Schnute, „Wann ist Papa wieder da? Kommt er zu meiner Einschulung?“

Rebekka zwang ihre Unwissenheit fort. Stattdessen überspielte sie ihre Sorgen, indem sie ihre Tochter abkitzelte.

„Papa ist noch unterwegs, aber ich bin mir sicher, dass er es pünktlich schafft. Er hat nur viel zu tun, Süße und von daher zieht es sich immer so hin und-„

„Mach dir keine Sorgen, Mama. Papa ist bald wieder zu Hause und dann ist alles wieder gut“, unterbrach ihre Tochter sie lächelnd.

Überrascht starrte Rebekka in den sicheren Blick ihrer Tochter. Sie konnte so viel Glauben und Vertrauen in diesen Gesichtszügen entdecken. Als würde Jessica von einer Tatsache sprechen, einem Fakt, der in jedem Buch zu finden war.

Und warum sollte das Mädchen nicht felsenfest daran glauben? Immerhin hatte Rebekka ja immer wieder behauptet, dass sich der Mann gemeldet hatte, um das Kind nicht zu verunsichern. Sie wusste, wie viel ihrer Jess an deren Vater lag. Die beiden waren kaum voneinander zu trennen, wenn er da war. Sie klebte an ihm, wie eine Klette und schrie wie am Spieß, wenn er gehen musste.

Nicht, dass er je länger geblieben wäre.

„Ja. Bestimmt“, hastig wandte sie sich ab, um den großen Augen auszuweichen, die sonst ihre eigene Unsicherheit erkannten, „Aber bis dahin müssen wir gut auf uns achtgeben, oder, Jess? Und das bedeutet: gut schlafen, gut essen und keinen Unfug anstellen, ja?“

„Hm!“

Dankbar dafür, dass ihre Tochter ihren Julian so sehr liebte und keinen Frust über dessen Abwesenheit verspürte, umarmte sie diese noch einmal fest, ehe sie das Mädchen ins Bettchen brachte.

Rebekka würde ihr den Umzug als kleine Weltreise verkaufen. Es wäre nicht einfach, die Geldsorgen vor ihrer neugierigen Jess zu verbergen, aber sie würde es schon hinkriegen. Sie musste es hinkriegen, damit sich die Kleine nicht vor irgendwelchen Fremden verplapperte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, waren das Jugendamt oder irgendwelche Sozialvertreter vor ihrer Tür. Fremde wären immer ein Risiko. Ein Risiko, auf das sie dankend verzichten konnte! Denn sie würde ihre Versprechen wahren. Sie würde jedes einzelne hüten und darauf hoffen, dass ihr Julian bald zurückkam.

Wenn nicht für ihre Tochter, für wen dann?

C: Das Wetterleuchten

Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von ihrem Vater unterbrochen wurde.

Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür sitzen würde. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen dort ausharren würde.

Warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber das bedeutete nicht, dass sie verstand, was diese Gefühle in ihm auslöste und warum er plötzlich so überfürsorglich mit ihr umging. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Im Gegenteil! Sie schien sogar noch weniger Zeit für Liane zu haben. Als hätte sie Angst vor ihr?

Nachdenklich malte ihr Zeigefinger auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.

Eins. Zwei. Drei. Vier… Dreizehn.

Und schon ging es wieder von vorne los. Es war wie ein Ritual, das ihre Augen zufallen ließ. Das sie in ein Reich der Träume zerrte. Eine Welt, in der zwei Sonnen schienen, die nur kurze Nächte zuließen. In der die Felsen zu atmen schienen. In der das Wasser schwerer war. In der die Luft leichter wirkte.

Und es erscheint dir nicht seltsam?

Die Stimme war so klar in ihrem Kopf, als gehörte sie dort hin. Sie wusste, dass es nicht ihre Gedanken waren. Dass sie von dem Wesen vor ihr kamen. Dem Wesen, das in dieser verschobenen Welt auf sie wartete.

„Ob nun eine Sonne oder zwei, wo ist da schon der große Unterschied, Pico?“, schulterzuckend kletterte Liane über die felsige Landschaft zu ihm herüber.

Er war riesig. Sehr viel größer als ihr Papa und hätte sicherlich nicht durch ihre Zimmertür gepasst. Zwei tiefschwarze, ledrige Flügel bedeckten seinen Rücken und schienen ihn wie ein Gewand zu bekleiden. Die drei Hörner auf seinem Kopf wirkten wie ein Haarersatz der sich monströs gegen Himmel richtete. Mit seinen Augen starrte er auf sie herab.

Augen die genauso duster waren, wie der Rest von ihm.

Wohl wahr… Und dennoch fürchten sich sonst alle vor dem Andersartigen. Martal, Alov, Galeb, Nassen… selbst die Lieva haben kein Interesse an dem Wohl der Anderen… Nicht solange sie diese nicht verstehen können.

Die Stimme schallte glasklar durch ihren Kopf, aber Liane konnte erkennen, dass das Wesen nicht den Mund geöffnet hatte. Oder ihn eher nicht geschlossen hatte. Immer noch stand dieser leicht offen. So als könne dieses Wesen, dieser Pico, ihn nicht gänzlich schließen.

Und dennoch irritierte Liane das nicht so sehr, wie das Wetterleuchten am Horizont.

Wut loderte von dort aus auf. Hass. Frust. Trauer. Zorn. Angst.

Die Gefühle peitschten so heftig auf sie ein, dass sie zurück stolperte. Sie spürte, wie sich der Boden unter ihren Füßen verschob. Wie sie an Halt verlieren wollte. Wie sie gleich auf die harten Felsen fallen müsste-

Stattdessen landete sie in einem der ledrigen Flügel. Pico hatte sich kaum bewegen müssen, um sie damit aufzufangen. Er hatte sich einzig gestreckt.

Eine Entschuldigung lag in seinem Blick.

Geht es wieder?

„Ja“, sie schüttelte sich leicht und ließ sich auf die Beine helfen, ihr Blick glitt über den Himmel, über die verwunschene Landschaft mied das Wetterleuchten, „Ich denke schon“

Sie sind nun schon seit einigen Tagen zerstritten. Nassen und Glosha – ein reines Naturspektakel, wenn sie sich uneins sind.

Liane nickte. In ihrem Kopf konnte sie die Wesen sehen, von denen Pico gesprochen hatte. Sie glaubte, nach diesen leuchtenden Kugeln greifen zu können. Einige von diesen Kugeln verströmten ein so trügerisch warmes Licht. Die anderen Kugeln zuckten wie aggressive Blitze umher.

Diese Nassen und Glosha verursachten dieses Wetterleuchten. Diesen Krieg. Dieses Gefühlschaos.

Liane blinzelte irritiert. Sie trat näher an Pico heran. Hielt sich an seinem rechten Bein fest. Bemerkte nun erst, dass ihre Haare länger waren. Dass sie ihr in zwei geflochtenen Zöpfen seitlich hinunterhingen. Dass ihr Rücken kribbelte. Schmerzen zuckten von dort aus durch ihren Körper. Verebbten jedoch ehe sie aufschreien konnte. Wie ein vergessener Muskelkater.

Und all das fühlte sich normal an. Es fühlte sich richtig an. Als wäre sie daheim. Mehr noch als bei ihren Eltern.

Bei ihren Eltern… Ihrer Mama und ihrem Papa.

„Ist das hier… ist das hier wirklich? Also ist das alles hier echt?“

Pico legte den Kopf schief. Er schien zu lächeln, wenngleich seine Lippen sich nicht nach oben zogen. Stattdessen ging ein leichtes Strahlen von seinen dunklen Augen aus.

Es mag nicht die Realität sein, in der du lebst. Aber wieso sollte sie nicht existieren? Warum sollte nicht dein anderes Leben ein Traum sein? Vielleicht bildest du dir das ja nur ein?

Liane runzelte die Stirn. Sie wusste nicht warum, aber sie vertraute seinen Worten. Sie vertraute ihnen mehr, als all den anderen Leuten, die sonst mit ihr sprachen. Die dann auf sie herabsahen. Die sie für so unbeholfen hielten. Die sie so bemutternd behandelten. Sie so sehr behüteten.

Ihr Blick glitt wieder zu dem Wetterleuchten hinüber. Sie beobachtete die Blitze, die sich auf dem naheliegenden See spiegelten. Farben versteckten sich in diesen Lichtern. Rötliche Farben. Aggressive Farben.

„Ich weiß nicht. Irgendwie wirkt alles… real. Du genauso sehr wie Papa. Und Mama genauso sehr wie die Nassen und Glosha. Und-“

Ein Gedanke durchfuhr sie. So klar und sicher, dass sie davor zurückschreckte. Sie wusste nicht, warum er sie so einnahm oder wie er sich gar in ihren Kopf geschlichen hatte.

Und warum er sie so stark verunsicherte.

Urplötzlich riss sie die Augen auf. Die Welt verblasste. Das Wetterleuchten löste sich in Luft auf. Ihr Arm, mit dem sie Pico umklammert hatte, war leer.

Draußen konnte sie die Vögel hören. Die einsame Sonne ging bereits auf. Etwas morgendlicher Tau lief an ihrer Fensterscheibe hinab.

Genauso wie die Tränen, deren Ursprung sie nicht kannte.

Warum hatte sie sagen wollen, dass sie es alle verdient hatten, ein sinnvolles Leben zu führen? Warum hatte es sich falsch angefühlt, sich für jeden einzusetzen?

Und warum hatte sie sich dabei so gefühlt, als würde sie ihren Pico im Stich lassen?

Ihn verraten?

N: Die Stimme

Leise stand Jenny auf. Sie erschauderte, als ihre nackten Füße den kalten Holzboden berührten, doch verbat sie es sich, irgendwelche Geräusche über ihre Lippen zu lassen. Sie musste still bleiben. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur so konnte sie hinter die Wahrheit kommen. Nur so konnte sie ihrem Onkel Fred helfen…

Fröstelnd zog sie sich eine viel zu große Jacke über ihr Nachthemd. Die Betreuerin des Waisenhauses hatte sie ihr gegeben. Genauso wie die anderen Kleidungsstücke. Genauso wie das tägliche Brot. Genauso wie das Dach über ihrem Kopf und die Freunde, die sich ihre Stieffamilie nannten…

Doch dafür wurde Jenny ihr Onkel genommen.

Ihr Onkel Fred, der nur die Wahrheit gesagt hatte! Sie hatte es immerhin auch gesehen. Er hatte es ihr gezeigt! Obwohl sie sich immer noch unsicher war, was dieses es wirklich war. Aber ihr Onkel Fred hatte es verstanden. Er hatte versucht, die anderen Menschen im Dorf darauf aufmerksam zu machen. Sie zu warnen!

Und dann wurde er vor einem halben Jahr, im kalten Frühjahr, an einem beinahe genauso frostigen Morgen abgeholt. Ein paar Leute hatten ihn mitgenommen. Sie hatten ihn aus dem Haus geschliffen. Hatten ihn geschlagen. Ihn weggefahren.

Und Jenny hatte sich zitternd in einem Schrank voller Bettwäsche und Handtüchern versteckt.

Erst Stunden später waren einige der Nachbarn aufgetaucht. Sie hatten das Mädchen gefunden. Sie hatten sie zum Waisenhaus gebracht. Hatten halbherzige Suchaktionen gestartet. Hatten ihren Onkel Fred für verrückt erklärt. Aufgegeben, noch ehe die ersten Krokusse blühten!

Jennys Hand drückte ihre neue Zimmertür auf. Sie vernahm ein leises Rascheln aus dem anderen Bett und erschrocken sah sie nach der Stiefschwester, mit der sie sich ein Zimmer teilen musste.

Doch hatte sich diese Anja nur verschlafen umgedreht.

Erleichtert atmete das kleine Mädchen durch. Sie spürte, wie alles an ihr zitterte, als sie auf den Flur trat. Sie war sich nicht sicher, ob sie bloß Gänsehaut hatte oder es nun doch mit der Angst zu tun bekam. Ihr Onkel Fred hatte immer gemeint, dass Angst etwas Natürliches wäre. Dass das Gefühl ihr helfen würde, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass es sie vor Fehlern bewahren würde.

Nicht, dass Jenny es damals verstanden hätte.

Das Verständnis, die Einsicht und die Erleuchtung kamen ihr erst, nachdem er weg war. Danach hatte sie immerhin genug Zeit gehabt, um über alles nachzudenken. Sie hatte sich in ihrem neuen Bett verkrümelt. Hatte sich über so vieles den Kopf zerbrochen. Hatte an ihrem Onkel Fred gezweifelt. Hatte bemerkt, dass er nie eine Lüge über die Lippen bekommen hatte. Dass er die Wahrheit gesagt haben musste!

Und damit war für sie alles klar. Sie vertraute auf seine irrsingen Geschichten. Hielt an ihnen fest. Erzählte sie einigen ihrer Stiefbrüder. Beobachtete die Sorge und den Spaß in ihren Augen. Lauschte den Lachern, die sie nicht ernst nahmen.

Denn immerhin war sie ja noch ein Kind. Sie war niemand, den man ernst nehmen musste. Selbst wenn die Erwachsenen von ihren Worten erfuhren, so wurden diese eher für Kindesfantasien als für dummen Wahnsinn abgetan. Sie wurde als niedlich bezeichnet. Ihr wurde der Kopf getätschelt. Und schon war die Sache vergessen.

Perfekt, wenn man hinter die Wahrheiten dieses Dorfes kommen wollte.

Unsicher rieb sich das Mädchen die Arme und lief an einigen der Zimmertüren vorbei. Ihre Stiefgeschwister schlummerten bestimmt noch tief und fest. Aber eine Person war definitiv schon auf. Immerhin konnte sie die Babygeräusche bereits von hier aus hören. Unsinniges Gebrabbel, das von einem Lied beruhigt wurde.

„-in dir. Sechs lässt deine Freunde sehen. Doch Sieben – Sieben wird, für alle Zeit mich an deiner Seite bleiben“, vernahm sie die Stimme ihrer anderen Stiefschwester und sofort blieb sie nahe der Wand stehen.

Für einen Moment dachte Jenny darüber nach, umzukehren. Sie könnte sich einfach wieder ins Bett schleichen. Oder sie könnte sich vorbei zur Toilette stehlen. Ein guter Vorwand, falls irgendjemand sie doch noch auf dem Flur bemerkte. Was machte sie immerhin hier? Was, wenn man sie doch nicht mehr für klein und unschuldig hielt? Was, wenn man sie trotz ihres jungen Alters wegsperrte? Was, wenn ihr alle nur etwas vorgespielt hatten? Wenn sie in Wahrheit nur darauf warteten, dass Jenny einen Fehler begehen würde? Dass sie ihren Kopf zu tief in diese Geschichten hineinsteckte?

„Und schon schläft er wieder“, bemerkte eine männliche Stimme und plötzlich kehrte Jennys Mut mit einem Schlag zurück, „Der Knirps ist ganz schön pflegebedürftig“

„Er ist gerade mal ein Jahr alt, Borei“

Das Mädchen presste ihr Köpfchen gegen das Holz der Tür. Sie konzentrierte sich auf das Flüstern dahinter. Sog jedes Wort auf. Verbat sich jegliche Sorgen. Holte ihren Mut zurück.

Das Wichtigste war, herauszufinden, was sie hörte. Was würde diese fremde Stimme sagen? Wer war sie?!

Denn obwohl sie zu keinem in diesem Waisenhaus passte, so war es definitiv nicht das erste Mal, dass das Mädchen sie vernahm.

„Na und? Das Alter sollte keine Entschuldigung sein“, bemerkte diese Stimme wieder.

Sie war seltsam. Voll und tief, aber mit einer kindlichen Naivität. Eine eigenartige Kombination. Und dennoch… dennoch war sie Jenny bekannt. Sie hatte sie schon früher gehört. Bei ihrem Onkel Fred? Vielleicht… Nur verblasten die Erinnerungen an früher allmählich. Es war, als würden sie sich mit neueren vermengen. Sich verknoten. Verheddern.

Sie musste plötzlich an den Wald denken. Den Wald, in den ihr Onkel Fred so oft gegangen war. In den er sie mitgenommen hatte…

„Ist ja schon gut, mein Lieber. Ich hätte nicht gedacht, dass du so grantig bei ein bisschen Schlafentzug wirst“, ihre Stiefschwester räumte irgendetwas weg. Es scharrte leise und irritiert lauschte Jenny noch angestrengter. Sie musste wissen, was da drinnen vor sich ging. Was hörte sie? Was verbarg die Andere? Was tat sie?

Wer war diese Stimme?!

„Das ist wohl kaum ein bisschen Schlaf-“

Die Stimme brach im selben Augenblick ab, in der sich die Tür öffnete. Erschrocken sah Jenny auf die blonde Teenagerin, die ihr denselben Blick zuwarf. Die blauen Augen schienen für einen Moment zu flackern. Schienen Jennys Blick einfangen zu wollen. Sie zu röntgen.

Doch konnte das Mädchen einzig auf diese rötlichen Augen starren, die mitten in der Luft hingen.

C: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt, doch lächelte das kleine Mädchen nur unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen…

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Kindeseinbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war… warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

„Liane… Du weißt, dass wenn es irgendetwas gibt, was dir Angst oder Sorgen bereitet, kannst du mit mir jederzeit darüber reden, ja?“, sachte zog er die Decke höher und strich seinem Schatz eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Aber es ist doch alles in Ordnung, Papa! Und selbst wenn – Pico beschützt mich! Das hat er versprochen“

Nickend reichte er dem Mädchen ihre Lieblingspuppe, doch schob sie diese sofort wieder beiseite. Stattdessen war ihr lächelnder Blick auf den Zeichnungen gelandet. Auf diesen grotesken Zeichnungen eines Dämons oder gar Teufels. Ein Wesen mit gewaltigen Flügeln, drei Hörnern auf dem Kopf und einem Maul das von einem Ohr bis zum anderen ging.

Horrorzeichnungen, die in ihm einen Alptraum auslösten. Nicht, dass der Zeichenstil seiner Tochter half. Durch die Kinderhand wirkten sie immerhin noch unförmiger und erschreckender, als er für möglich gehalten hätte.

„Ich weiß, wir haben dich alle schon sehr viel dazu ausgefragt, Liane… aber wo hast du diesen Pico getroffen?“, versuchte er noch einmal in den Kopf seines kleinen Engels zu sehen.

Nachdenklich schloss das Mädchen die Augen. Sie wog ihren Kopf hin und her. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihre Lippen zogen sich zusammen.

„Er ist nachts einfach da. Immer dann, wenn die zwei Sonnen aufgehen“, erklärte sie ihm allmählich, „Pico beschützt mich. Er hat die zischenden Lichter und Steinwesen vertrieben! Und er hat meinen Rücken angemalt, damit… damit… ich weiß nicht… Aber es war wichtig!“

Unsicher blickte der Vater auf sein Kind herab. Alles in ihm verlangte danach, den Rücken seiner Tochter zu begutachten. Er wollte ihr das Nachthemd herunterreißen. Nach dem Rechten sehen. Diese Zeichnungen verbrennen. Diesen ganzen Horror aus seinem Haus verbannen. Nur dafür sorgen, dass es seinem kleinen Engel gutging!

Nein.

Mit zittriger Faust verdrängte er die Gedanken. Er hatte viel zu viel mit seiner Frau darüber diskutiert. Sie waren alle Möglichkeiten durchgegangen. Hatten nach Lösungen gesucht. Waren sich letztendlich beide einig gewesen, dass es Liane zu sehr verstören würde oder dass es zu einem möglichen Vertrauensbruch führen könnte.

Immerhin hatten sie dem Mädchen doch erst vor einigen Tagen gestanden, dass sie adoptiert war.

Und dann waren die Zeichnungen aufgetaucht. Bilder, die sein Liebling bereits seit Monaten erschuf, wie ihnen die anderen Kinder aus der Vorschule gestanden hatten. An den Betreuern waren diese Kreationen unbemerkt vorbeigegangen. Etwas, was die alten Frauen auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen schoben und etwas, was ihn doch nicht interessierte!

„Ist gut“, lenkte er ein – wenn auch nur, um sich selber zu beruhigen, „Ist gut… Wir lassen heute noch einmal die Tür offen und ab morgen ist sie dann wieder zu, okay?“

Zufrieden nickte die Kleine und er strich ihr die glatten schwarzen Haare zurück. Sie wollte schon immer so selbstständig sein, so erwachsen… Dabei wollte er sein Töchterchen doch nur so lange wie nur irgendwie möglich in seinen Armen halten.

„Mama macht wieder länger?“, fragte sie, während er noch die letzten Enden der Decke zurecht zupfte.

„Ihr ist was dazwischengekommen. Sie sagt dir Morgen wieder Gute Nacht“, offenbarte er lächelnd.

Gähnend nickte sein kleiner Engel. Dieses Mädchen, das er und seine Frau mit so viel Liebe in ihr Heim geholt hatten, nachdem feststand, dass sie keine Kinder kriegen konnten. Er hatte seine Tochter vom ersten Tag an in sein Herz geschlossen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen, das damals so sehr auf ihre Hilfe angewiesen war.

Er konnte immer noch nicht verstehen, wie jemand eine Frühgeburt einfach so auf der Straße aussetzen konnte.

„Träum was Schönes, Liane“

„Du auch, Papa!“

Er überspielte seine Unsicherheit mit einem Lächeln, ehe er das Licht löschte und hinausging. Still lehnte er die Tür an den Rahmen. Zog sich einen Stuhl heran. Griff nach seinem Baseballschläger.

Egal welches Höllenmonster ihm seine Tochter wegnehmen wollen würde – er würde es in die Flucht schlagen! Keiner würde ihm seinen kleinen Engel entreißen.

Keiner.

Ein kleiner Ausblick auf eine Storyidee. Ich hoffe, sie gefällt euch!

K: Aller Abschied ist schwer

„Jane… Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Lisa sie leise und drückte dabei ihre Hand.

Die Jade erwiderte die Geste ohne zu ihrer Freundin zu sehen. Stattdessen galt ihr Blick den Straßen vor dem Café. Der graue November hatte bereits die Stadt in seine kühlen Klauen geschlossen und ihr Aufpasser vom Dienst fröstelte garantiert bei dem kühlen Wind. Doch störte sie das eher weniger. Er war einer der masochistischeren Mistkerle, die sie immerzu nervten. Und so einen wollte sie kaum bei sich wissen, wenn sie sich mit der einzigen Person unterhielt, der sie wahrhaftig alles anvertrauen konnte.

Seufzend wandte sie sich ab. Sah stattdessen zu dem Jungen herüber, den sie doch hätte bepaten sollen. Dieser kleine Charmeur mit den klaren blauen Augen, die er definitiv von seinem Vater hatte. Die noch nicht so kalt wirkten, wie die des Älteren. Die ihre Welt eher neugierig erkundeten. Den Keks musterten, den sich der Zweijährige vorsichtig in den Mund schob. Irritiert knabberte er daran herum, legte den Kopf schief.

„Mortes wird dich sicherlich ausfragen, wo ich bin. Er wird vermuten, dass du etwas weißt“, erklärte sie Lisa, die nur genervt die Augenbrauen hochzog.

„Wenn ich nur fünf Minuten nicht weiß, wo du bist, kannst du dir sicher sein, dass ich ihm die Jungs aufdrücke und dich suchen komme“

„Ja doch“, genervt, aber auch berührt strich Jane sich durchs Haar. Warum musste ihre Freundin es ihr nur so schwer machen, sie zu beschützen? Und warum konnte sie die junge Mutter nicht einfach wortlos zurücklassen?

„Im Norden stehen die Wahlen an und mit den Unruhen im Westen wäre es besser, wenn du erstmal keine Weltreise unternehmen würdest“, die Jade nickte den Worten nur zu. Sie drehte den Kopf weg, sah auf den Kinderwagen neben ihrer Freundin, auf das kleine Geschöpf darin, das selig schlief.

Lisas jüngster Sohn ließ sich von dem Gespräch nicht beirren. Ruhig schlummerte der Winzling in seinen Träumen und zuckte nur gelegentlich mit den Fingern seiner rechten Hand, die er aus seiner enganliegenden Decke befreit hatte.

„Wir würden eh nicht aus dem Land kommen, ohne dass er es mitbekommt“, lenkte sie missmutig ein, „Aber das ist nicht der Punkt, Lisa. Mortes mag dich beschützen können, aber er ist nicht allmächtig. Wenn ihr hierbleibt, müsst ihr euch loyal und schweigsam geben. Ihr müsst folgsam erscheinen. Vater wird euch sonst als mögliche Bedrohung betrachten. Er wird euch gegeneinander ausspielen. Er wird versuchen, eure Söhne mit in das Ganze hineinziehen. Und es wird ihm egal sein, was mit den beiden passiert. Nur die Resultate werden zählen. Selbst wenn Mona euch helfen würde, könnt ihr trotzdem-“

„Keine Sorge. Mit Gemma kommen wir klar“, etwas Sicheres hatte sich in Lisas Stimme geschlichen. Es war, als würde die Andere einen Plan im Kopf durchgehen. Einen, in dem ihr jedes Mittel Recht wäre, wenn es nur ihr aller Überleben sichern würde.

„Ihr müsst euch auch vor Nik in Acht nehmen. Er wird sich sicherlich hocharbeiten wollen und…“; Jane dachte an die Schatullen in dem extra Beutel in ihrer Tasche. An die Zettel, von denen sie behauptet hatte, sie alle vernichtet zu haben. An die Lüge, die sie ihrem Halbbruder aufgetischt hatte.

Sollte sie Lisa wirklich noch weiter mit in die Sache zerren? Die Frau musste sich doch um ihre Kinder kümmern. Sie half mehreren Organisationen der Stadt. Deckte immer wieder Missstände und Betrüge auf. War eine der besten Journalistinnen. Sie hatte viel zu viel um die Ohren!

Aber ob Jane wollte oder nicht, die Andere steckte auch schon viel zu tief mit drin. Lisa hatte ihr mit den Rätseln geholfen. Sie wusste von Gemma. Hatte Mortes geheiratet. Hatte selbst einen anderen Namen angenommen, um ihre Kinder und Eltern zu schützen! Ein Name, der erst nur als Spitzname gedacht war. Der sie nun bis in den Tod begleiten würde…

„Keine Sorge. Nik mag zwar klug und ziemlich gerissen sein, aber auch er ist nur ein Mann. Er kann nicht überall zugleich sein. Er hat keine richtigen Anhänger. Die einzigen, die je für ihn gearbeitet haben, wurden dafür bezahlt. Solche Menschen werden sich kaum auf einen Machtkampf mit Gemma und dessen Leute einlassen“, versuchte Lisa sie zu beruhigen.

Jane nickte sachte. Es war alles, was sie tun konnte. Egal, was sie vermutete, egal was sie befürchtete – es war nicht mehr ihr Kampf. Sie konnte nur noch dafür sorgen, dass ihrer Freundin nichts geschah. Dass ihre kleinen Söhne in Sicherheit aufwuchsen.

„Trotzdem solltest du etwas haben“, sie schielte nach draußen, zu ihrem Aufpasser, der sich gerade eine Zigarette anzündete. Ruhig zog sie den Beutel aus ihrer Tasche und schob ihn in den Kinderwagen, während sie gleichzeitig einen Zettel vorzog. Alles im toten Winkel von Wand und Tisch. Alles so fließend, dass es niemanden weiter auffiel. Niemanden, außer ihrer Freundin, die sich nichts anmerken ließ.

„Ich habe mit Dagmar geredet und sie hat eingewilligt, dir notfalls zur Hand zu gehen. Sei es nun mit babysitten oder bei deinen Nachforschungen“, ruhig schob sie den Zettel über den Tisch, „Sie hat auch ein paar Verbindungen zu Brooks ’n Coal und kann dir ein Schließfach besorgen, wenn du zu sensible Informationen hast. Sorg aber lieber dafür, dass du dann jederzeit ran kannst. Also nichts mit Schlüssel oder so“

Lisas Augen flogen zu dem Kinderwagen. Ihr Blick klärte sich auf, als wüsste sie, was Jane ihr anvertraut hatte. Als wüsste sie, wie gefährlich der Inhalt des Beutels war.

„Ist gut…“, sie nippte an ihrem Tee, schloss die Augen und eine Falte bildete sich auf der Stirn der Mutter, „Aber… ich bräuchte dich als Verwalterin, falls irgendetwas schief geht“

„Jederzeit“, willigte Jane erleichtert ein, als ihr klar wurde, dass sie sich in ihrer Freundin nicht getäuscht hatte.

„Du wirst meine Beiträge aus der Schülerzeitung nicht vergessen, oder?“

Die Jade schmunzelte. Sie dachte an das alte Klatschblatt zurück. An die einzigen zwei Ausgaben, in denen sich ihre Freundin beteiligen durfte, ehe sie sich mit den anderen Autoren verstritten hatte. Es waren monatliche Ausgaben gewesen, die thematisch geordnet waren. Deren Artikel sie lachend auseinandergenommen hatten.

Und wenn sie nicht freisprechen konnten, hatten sie sich auf deren Seiten- und Ausgabenangaben bezogen. Zweimal zwei Zahlen, die entweder ein Okay oder ein Hilferuf vermittelten. Deren Ursprung, deren Bedeutung niemand außer ihnen beiden kannte.

„Hey! Deinen sarkastischen Artikel über das Lehrerdasein könnte ich nie und nimmer ausblenden“, entgegnete Jane und stand auf.

Es wurde Zeit.

Sie zog ein paar Scheine aus der Tasche und ließ sie auf den Tisch fallen. Neugierig streckte der kleine Lucas die Hände danach aus. Dieses kleine Kind, das sie schon den ganzen Nachmittag an jemanden erinnerte. An jemanden, den sie noch kennenlernen müsste und-

Lisas Hand schloss sich um ihre.

„Muss es wirklich jetzt sein?“, fragte sie so leise, dass es nicht mehr als ein Windhauch war, „Kannst du nicht noch warten? Musst du wirklich jetzt schon gehen? Ich meine-“

„Ich bin schwanger“, offenbarte Jane ohne ihre Lippen zu bewegen den warmen Augen ihrer Freundin, „Ich will es nicht verlieren. Ich will nicht, dass Vater-“

Lisas Hand drückte sie noch einmal ganz leicht. Ihr Blick war plötzlich umso entschlossener, verständnisvoller – mitfühlender. Er versprach ihr Hilfe. Zuflucht. Rettung.

„Sei keine Fremde“

Damit ließ ihre Freundin sie los. Sie wusste, dass sie sich so schnell nicht wiedersehen würden. Jane würde noch innerhalb des nächsten Tages aus Merichaven verschwinden. Danach wäre jeglicher Kontakt nur über Mortes Anwesen außerhalb der Stadt oder über verschlüsselte Nachrichten möglich.

Verschlüsselte Nachrichten wie die Zahlenkombinationen, von denen sie gesprochen hatten. Auf die sie sich bereits vor so vielen Jahren festgelegt hatten. 13-7 für alles in Ordnung und 24-8 für die Welt geht unter.

Und nun alle vier zusammen: 13, 7, 24, 8 um an die Zettel und Schatullen zu gelangen, die offiziell nicht mehr existierten.

N: Die Umzüge nach den Ammenmärchen

Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer über den Tag. Sauer über ihre Mitschüler. Sauer auf sich!

Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Ballte ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf einen imaginären Countdown runter.

Die Naar kannte das Prozedere. Sie wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-

„Alles in Ordnung, Jessi?“

Da stand die ältere Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich doch nicht einmal schließen… Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.

Also hatte die Schule noch nicht angerufen?

„Nur ein Scheißtag“, entgegnete die Vierzehnjährige schulterzuckend.

Sie wäre verdammt, wenn sie ihrer Mom etwas von dem Mist erzählen würde. Egal, was die Vollpfosten in ihrer Klasse auch munkelten – wer würde solchen Ammenmärchen schon glauben? Diese Lügen, mit denen sie ihre eigenen Taten verdecken wollten… Fliegende Mülleimer? Also bitte!

„Ich muss erst in einer knappen Stunde zu meiner Schicht. Willst du noch was mit mir essen? Wir haben zwar nicht viel da, aber ich habe eh keinen großen Hunger“, versuchte Rebekka Naar weiter auf ihre Tochter einzureden.

Ein Schuldgefühl durchfuhr Jessica so plötzlich und unerwartet, dass sie es kaum begreifen konnte. Doch ehe sie sich daran festklammern konnte, war es wieder weg. Stattdessen musste sie an das wenige Geld denken, das ihre Mutter als Kellnerin nach Hause brachte. Sie musste an den jähzornigen Vermieter denken. An den leeren Kühlschrank, die vielen Rechnungen…

„Ich habe schon in der Schule gegessen“, log sie stattdessen nur, „Und der Tag war ziemlich anstrengend… Deswegen-“

Das schrille Kreischen des Telefons unterbrach sie. Wie durch ein Fenster beobachtete sie, wie sich ihre Mutter entschuldigte und das Gespräch im Flur entgegennahm. Sie lauschte, wie sich die Frau als Rebekka Naar vorstellte. Wie sich ihre Stimme anspannte. Wie sie immer kürzer antwortete. Immer knapper. Wie sie sich verabschiedete.

Das war’s dann also mit dem Haussegen.

„Jessica… Willst du mir irgendetwas sagen?“

Die Frage beinhaltete einen leisen Vorwurf. Aber auch Sorge und so viel Mitgefühl, sodass die Jüngere eigentlich nur wütend aufschreien wollte. Nein! Sie hatte Mist gebaut! Das wusste sie! Sie war sich zwar immer noch unschlüssig, an welchem Punkt sie hätte aufhören sollen, aber sie wusste, dass es ihre Schuld war! Warum also musste ihre Mom sie dann immer so mit Samthandschuhen anfassen?

„Die anderen Kids haben angefangen“, bemerkte sie stattdessen nur und wandte sich der Wand neben ihrem Bett zu.

„Jessi… Diese „anderen Kids“ behaupten, dass du einen Mülleimer fliegen gelassen hast. Die Lehrer beschweren sich über deine Einstellung ihnen gegenüber. Die Respektlosigkeit, die du immer häufiger an den Tag legst. Der Rektor hat dich deswegen für die nächsten zwei Wochen von der Schule suspendiert. Er will solche-“

„Suspendiert?“, lachend musste sich Jessica nun doch aufrichten und ihre Mom ansehen, „Ich bitte dich! Wir wohnen seit zwei Monaten hier und kein anderer Ort hat mit mehr Kriminalität und Gewalt glänzen können. Und er suspendiert mich wegen Albernheiten? Das haben sich die Anderen doch nur ausgedacht! Mehr nicht!“

„Jessi… Ausgedacht oder nicht – es steht dein Wort gegen das von fast zwanzig anderen Schülern. Außerdem hatte der Rektor immer wieder betont, dass er es selbst nicht glauben wollte, dass aber jemand namens Bertold ihn überzeugt hätte. Die alten Namen dieser Stadt haben anscheinend durchaus mehr Macht, als eine frisch Zugezogene“

„Und wessen Schuld ist das? Du packst doch jedes Mal die Koffer, wenn es auch nur das kleinste Problemchen gibt! Du benimmst dich wie jemand, der auf der Flucht ist. Ich meine – Centy, Havbolt, Raptioville und diese endlosen kleinen Kaffs dazwischen, deren Namen ich mir kaum merken konnte? Wann sind wir mal länger als ein paar Monate an einem Ort geblieben? Wann sind wir zuletzt-“

„Es reicht!“

Kraftvoll schlug Mrs. Naar gegen den Türrahmen. Staub rieselte von der Decke. Das Holz wackelte. Knirschte. Splitterte. Und Jessica zuckte erschrocken zusammen.

Ihre Augen fanden die ihrer Mutter. Ihrer blonden Mutter, die so viele Jahre älter wirkte. Die so viel erschöpfter aussah. Ihre starken Arme bebten. Blut tropfte von der Faust, mit der die Frau ihren Frust abgelassen hatte.

„Entschuldige“, murmelte die Ältere seufzend, „Entschuldige… Ich hätte nicht überreagieren dürfen… Das war nicht richtig und… Du brauchst so etwas nicht… Und… Egal. Bleibe bitte die nächsten beiden Wochen daheim und versuche, mit dem Schulstoff nicht zu weit hinterher zu hängen. Ich überlege inzwischen wie es weitergeht“

Stumm nickte Jessica. Sie biss sich auf die Unterlippe, kaute unsicher darauf herum. Sie wollte eigentlich etwas sagen. Gegen diese unsicheren Worte steuern. Ihre Mom herausfordern, endlich mal mehr zu sagen. Endlich mal das Schweigen zu brechen.

Doch stattdessen wartete sie nur darauf, dass die Frau die Wohnung verließ. Dass sie mit dem üblichen „Hab dich lieb“ zu ihrer Arbeit verschwand. Dass sie Jessica allein in dieser mickrigen Wohnung zurückließ, in der sie kurze Zeit später das übliche Poltern aus der oberen Etage vernehmen konnte. Poltern und Seufzer… Ihr Nachbar hatte also mal wieder Besuch.

Sie ließ die Zeit an ihr vorbeiströmen. Beobachtete erschöpft, wie sich der Himmel draußen verfärbte. Wie es dunkler wurde. Wie einige der Straßenlaternen angingen und surrend ein klägliches Licht ausstrahlten.

Das war doch alles so bescheuert! Sie hatte sich doch nur gegen das Mobbing dieses blonden Mistkerls ausgesprochen. Und nun? Nun war sie mal wieder die Böse! Und das nur, weil sie sich nicht den Mund verbieten ließ. Wie lächerlich war das denn? Selbst dieser Mistkerl, für den sie sich eingesetzt hatte, hatte ihr letzten Endes den Rücken zugekehrt.

Warum hatte sie sich also nochmal eingemischt? Überall hieß es doch: Lasst die Erwachsenen alles regeln. Wenn etwas passiert, holt euch eine Aufsichtsperson. Die wird das Ganze schon beenden. Bla, bla, bla…

Aber im Endeffekt taten die Erwachsenen doch eh nichts. Sie sahen nur zu, wenn es sie belustigte. Sie guckten weg, wenn sie ansonsten Probleme bekommen könnten. Lächerlich!

Schrill riss sie das Telefon aus ihren Gedanken. Genervt sah Jessica in den Flur. Sie wollte mit niemanden-

„Kannst du nicht mal rangehen, du verdammte-“, die restlichen Worte ihres freundlichen Nachbarn blendete das Mädchen aus. Stattdessen schluckte sie ihre Gefühle herunter. Zwang sich zur Vernunft. Zur Ruhe. Nahm den Hörer gelassen ab. Ignorierte den Frust, der noch in ihrer Brust loderte.

„Naar, hallo?“

„Bist du das? Jessica, Liebes?“, antwortete eine weibliche Stimme vom anderen Ende, „Ist deine Mama da? Ich müsste kurz mit Bekka sprechen“

Irritiert blinzelte sie. Jessica, Liebes? Bekka? Für wen hielt sich diese Frau?!

„Mit wem spreche ich?“, ihre Stimme klang schroffer, als sie wollte. Allerdings vertraute Jessica nicht jeden. Und schon gar nicht jemanden, der sie so schnell so herzlich begrüßte.

Dafür hatte sie sich bereits in ihrem kurzen Leben viel zu viele Feinde gemacht.

„Entschuldige. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, warst du ja noch so klein… Mein Name ist Janice Rico. Ich bin deine Tante und… Ilse… deine Großmutter… Also, sie ist gestern…“, ein Schniefen drang durch die Leitung und verwirrt lauschte Jessica den Stimmen im Hintergrund.

Da war jemand, der auf diese Janice einredete. Stille Worte aus einer tiefen Stimme und sofort erinnerte sich die Naar wieder an ihre Tante und deren Mann. Diesen Mr. Rico, der ihr vor Jahren mal so sehr auf die Nerven gegangen war und… hatten sie nicht auch noch einen Sohn? Felix oder so. Ein charmanter Zeitgenosse, der glatt nach seinem Vater kam.

„Mom ist morgen früh wieder da. Willst du es dann nochmal probieren?“, fragte Jessica unsicher, als sie plötzlich realisierte, dass die andere Frau weinte.

Und vor solchen Gefühlsausbrüchen wollte sie einzig fliehen.

„Ist wohl besser so… Einen schönen Abend noch“, schluchzte es vom anderen Ende.

„Dir auch“

Hastig legte Jessica auf. Sie überlegte kurz, das Telefon auszustöpseln, falls die Frau ihre Meinung änderte und gleich noch einmal anrief. Entschloss sich dann aber dagegen. Stattdessen stellte sie nur die Lautstärke des Klingelns herunter und verkroch sich wieder in ihrem Zimmer.

Das war ihr alles zu viel.

K: Stiefel für den Kater

„Er braucht Stiefel, Mom! Bitte!“

„Er ist ein Kater, Marie“

„Deswegen ja! Wie soll er sonst sprechen können? Oder auf zwei Beinen laufen?“

Sophie kicherte leise, während sie ihrem jüngeren Zwilling und ihrer Mutter lauschte. Mrs. Kleid hatte ihnen vorhin wieder das Märchen vom gestiefelten Kater aufgelegt und seitdem war Marie wiedermal davon überzeugt, dass man nur so den Zauber auf ihrem pummeligen Hauskater brechen könne.

„Warum tust du mir so etwas an?“, die Frage ihrer erschöpften Mom richtete sich an die ältere Frau, die die Schwestern immerzu betreute, wenn ihre Eltern arbeiten mussten.

Mrs. Kleid war eine herzensgute Großmutter, die noch dazu wundervoll backen konnte. Die Düfte, die durch ihr Haus strömten, waren einzigartige Wunder! Sophie liebte ihre Plätzchen und während Marie sich lieber in der Welt der Märchen verlor, die aus dem alten Plattenspieler drangen, ruinierte sie mit ihrer Backhilfe stets die Küche der guten Frau.

„Ach, was. Lass ihnen doch die Fantasie. Immerhin hatte sie dir so oft gefehlt, Jane“, mit diesem ewig freundlichen Lächeln goss die Dame ihrer Mutter Kaffee ein und Sophie lauschte den gepeinigten Geräuschen, die aus dem Mund ihrer Schwester drangen.

„Mom! Willst du Meowy denn nicht glücklich sehen? Außerdem müsste Dad bestimmt nicht so viel arbeiten, wenn Meowy Geld mit nach Hause bringen würd Und du könntest auch mehr Zeit mit uns verbringen. Dann musst du nicht mehr so häufig ins Gericht und-“

„Ich werde immerzu ins Gericht müssen, Marie. Viel zu lange, viel zu oft. Bis ich meine Schulden abbezahlt habe“, unterbrach die Erwachsene Sophies jüngere Schwester so fest, dass die Anderen zusammenzuckten.

„Aber du hast doch keine Schulden mehr, wenn wir sie abbezahlen“, trotzig verschränkte Marie die Arme, „Siehst du es denn nicht?“

Das Schweigen ihrer Mutter irritierte Sophie. Unsicher beobachtete sie die Frau, konnte jedoch aus der Mimik nicht schlau werden. Sie glaubte ein Seufzen zu vernehmen. Ein angestrengtes Ausatmen, das nur so von Erschöpfung sprach. Von Schuldgefühlen, die das kleine Mädchen nicht begreifen konnte. Die sie innerlich auszulaugen drohten.

„Ist alles in Ordnung, Mom?“

Das erste Mal seit Beginn der Diskussion traf sie der Blick der Rechtsanwältin. Es war, als würde die Frau sie ansehen und sie dennoch nicht sehen können. Ein Gefühl, das sie in letzter Zeit immer häufiger hatte und das-

„Sophie? Marie?“, mischte sich ihre ältere Babysitterin ein und überrascht sah sie zu Mrs. Kleid, „Ich habe bestimmt noch alte Stoffreste hinten in der Kammer. Könnt ihr sie bitte holen? Dann können wir ja mal gucken, ob sich daraus was für euren Meowy zaubern lässt“

„Wirklich? Super!“, aufgeregt zerrte Marie ihre ältere Schwester mit aus der Stube und weiter hinein in das alte Großmütterchenhaus.

Und Sophie? Sophie ließ sich mitzerren. Sie folgte ihrem Zwilling, wenngleich ihre Ohren trotzdem noch den nächsten Worten der alten Frau lauschten. Worte, die sie in ihrem kindlichen Alter gewiss viel zu früh vergessen würde…

„Sie sind kein Teil deiner Vergangenheit, Jane. So ähnlich sich ihre Augen auch sind – Gemma ist nicht hier“