M: Blühende Hoffnung

„Was machst du da?“

Überrascht sah Sophie zu ihrem jüngeren Bruder auf. Sie hatte nicht erwartet, dass er zu ihr in den Garten kommen würde. Nicht zu dieser Jahreszeit, wo es noch so bitterkalt draußen war. In der Stube warteten immerhin der laufende Fernseher und ein paar Schokoladenkekse auf ihren Tyler!

Und in einem anderen Leben würde sie sich vielleicht dazugesellen …

„Ich pflanze ein paar Blumen. Damit es im Sommer schön aussieht“, erklärte sie ihm und stieß die Schaufel wieder in den Boden, um ein weiteres Loch in den Boden zu stechen.

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K: Für unseren Sohn I

„Ein schönes Haus“, bewarb der Makler das Gebäude mit einem breiten Grinsen, „Groß, mit ausreichend Platz zum Spielen, stabil gebaut, wurde vorletztes Jahr größtenteils modernisiert und liegt genau am Waldrand. Damit werden Sie immer nahe der Natur leben können. Also: kein Straßenlärm, keine unnötigen Abgase, weniger lärmende Nachbarn …“

Thomas sah seine Frau unsicher an. Eigentlich war dieser Umzug einfach nur unpraktisch für sie. Aus der Hauptstadt in ein Dorf ziehen? Er und Selina waren den Straßentumult und die Buhrufe der anderen Mieter gewöhnt. Es gehörte zu ihrem Leben, wie für manch anderen ein nerviger Wecker. Ein Wecker, den man hasste und an den man sich doch gewöhnt hatte. Und hier …

Hier in diesem Dorf war es so still.

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C: Der Brief

Liane starrte auf die Tabletten, die ihr der Arzt verordnet hatte. Irgendwelche Antidepressiva, die ihr laut dem alten Mann helfen sollten, keinen Unfug mehr zu zeichnen. Sie sollte sie täglich zweimal nehmen. Mittags und abends. Immer zu denselben Uhrzeiten. Immer direkt vor den Mahlzeiten.

Entschlossen nahm sie sich ihre paar Pillen und warf sie in den kleinen Karton, der in ihrem Zimmer als Sammelsurium für winzige Objekte diente. Büroklammern, ein paar Stifte, zwei Würfel und diverser Krimskrams tummelten sich darin mit den Tabletten der letzten Tage.

Es war der einzige Ort, der ihr als Versteck in den Sinn gekommen war.

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M: Das ist nicht fair!

„Du hast dich besser zu benehmen, Sophie!“

Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen. Zu selten hob ihre Mom die Stimme. Und noch viel seltener erhob sie die Stimme ihr oder Marie gegenüber. Aber seit einer Weile schien ihre Mutter extrem missmutig auf ihre älteste Tochter zu sein. Und diese konnte einfach nicht verstehen, woran es lag!

„Das ist nicht fair … Marie und ich … Wir haben beide-“

„Zieh nicht deine Schwester mit rein!“, donnerte ihre Stimme wie ein Gewitter, „Wer von euch hat das Babyphone runtergeworfen?!“

„Es war ein Versehen!“, rief Sophie verzweifelt aus – sie spürte, wie Tränen aus ihr ausbrechen wollten, „Wir haben doch nur Ball spielen wollen! Marie hat geworfen und ich habe ihn nicht gefangen und dann ist er gegen Dads Tasche. Die hat das Babyphone runtergeworfen. Nicht wir! Wir haben nur-“

Sie brach ab. Plötzlich sah sie zur Seite. Ihre Sicht war weiß. Krisselig. Ihre rechte Wange glühte. Ein Pochen hallte in ihren Ohren wider. Ein stetiges Pochen, das alle anderen Geräusche verdrängte, bis-

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K: Bitte sag nichts!

„Du musst es multiplizieren.“

„So?“

„Nein. Multiplizieren, nicht raten.“

„Ich rate nicht.“

Annika sah zu ihren älteren Stiefgeschwistern herüber. Sie gaben ein seltsames Bild ab. So verschoben! Dort saß Maggie – mit einem grauen Halstuch über den Schultern und einem ratlosen Blick auf ihrem Gesicht. Ungeduldig rollte sie den Stift in ihrer Hand hin und her, während Niklas ihr die Mathehausaufgaben erklärte.

„Wie multiplizierst du schriftlich?“, fragte er gerade seufzend.

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