C: Glück im Unglück im Glück?

Er band sich seine Krawatte zurecht. Kein Kleidungsstück, das er mit Freuden trug. Es würgte ihn zu sehr. Es erstickte jedes Freiheitsgefühl im Keim. Und es zwang ihm eine weitere Verkleidung auf… Jedoch musste Chem Wak sich mittlerweile damit abfinden. Immerhin erleichterte es sein Leben ungemein.

Seufzend zerrte er seinen Anzug zurecht. Ein aussichtsloser Kampf, wenn er seine Gestalt im Spiegel betrachtete. Ein Fremder schaute zurück. Begegnete seinem Blick. Sah verloren-

Sofort wandte Chem Wak sich ab.

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M: Durch Mark und Bein

Sophie hörte das Klingeln einiger Fahrräder und prompt zog sie den Kopf ein. Sie wartete. Lauschte.

Doch fuhren ihre Mitschüler an ihrem Haus vorbei.

Vorsichtig schmulte sie an den Blumen vorbei, die die Veranda in ein verstecktes Paradies verwandelten. Ein Stückchen weiter konnte sie ihren kleinen Bruder sehen. Tyler spielte mit seinem Freund Jimmy in der Einfahrt. Sie hatten den Boden mit Kreide bemalt und begannen gerade, sich Geschichten zu den wirren Bildern auszudenken.

Ach, was würde Sophie nicht dafür tun, in diese unbeschwerte Zeit der Kindheit zurückzukehren!

Stattdessen schob sie ihr Tagebuch beiseite, griff nach ihren Hausaufgaben und kämpfte mit diversen Zinsrechenproblemen und Übersetzungen. Sie mochte weiterführende Schulen nicht. Der Stoff war anstrengender. Die Hausaufgaben längerfristiger. Die Mitschüler…

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K: Lieber Niklas

Niklas beobachtete seine älteste Stiefschwester unsicher. Er hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen, da sie viel zu selten ihr altes Waisenhaus besuchen kam. Aber heute, zum Geburtstag ihrer Betreuerin und einem seiner anderen Stiefbrüder, zum Jahrestag ihres Waisenhauses, war sie endlich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lachend saß sie mit all den anderen Kindern, den Freunden aus dem Dorf und einigen ehemaligen Waisen an einem riesigen Tisch. Links von ihr hockte das andere Geburtstagskind, Florian, auf einem kippelnden Stuhl und erzählte von alldem, was sie verpasst hatte. Rechts von ihr lauschte auch der ebenfalls ausgezogene Tom den prachtvollen Erzählungen. Auf ihrem Schoß hüpfte die zweijährige Lisa glucksend auf und ab. Letztere verlangte Lieder. Musik. Aufmerksamkeit.

Und Janine gab sie dem Kind genauso herzlich, wie sie es einst bei ihm getan hatte.

Viel zu lange lagen diese Erinnerungen zurück.

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C: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd dafür. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Das wird heute nichts mehr“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schmulte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich wieder ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurücksein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit fast zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane den Mann schräg vor ihr an. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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K: Renne, Schneewittchen

Ungeduldig wippte Melanie auf den Kissen – ihrem provisorischen Kindersitz – hin und her. Ihre Gedanken drehten sich um ihre Familie. Um ihren Vater, der Melanie erklärt hatte, dass sie sich nichts mehr leisten könnten. Um ihre Mutter, die Melanie zuletzt weinend in die Arme geschlossen hatte. Um ihre Tante Jill, die sie überraschend besuchen wollte, nur um Melanie wütend mit sich zu nehmen.

Fort aus dem leeren Haus, das immer stickiger, immer komischer gerochen hatte.

„Wo sind deine Eltern?“, hatte sie Melanie gefragt, als sie den Notruf auf dem toten Telefon betätigen wollte.

Die Leitung war ihnen bereits einige Tage zuvor abgeknipst worden.

„Papa hat gesagt, ich solle hier auf sie warten. Und Mama hat gesagt, dass es okay wäre. Auch wenn mich der Rauch zum Husten bringt, wird er alles besser machen und all unsere Probleme lösen“

Danach hatte ihre Tante Jill sie ganz fest in die Arme geschlossen. Sie hatte geflucht. Hatte sie mit nach draußen genommen. Hatte Melanies Haare zurückgebunden. Das schwarze, dicke Gestrüpp, das das Mädchen sonst kaum zu bändigen wusste.

„Das ist nicht richtig…“

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M: Zu viel des Guten

„Bitte hört auf zu schreien!“, bat sie die Zwillinge erschöpft.

Nur blieben die beiden Mädchen unbeeindruckt von Janes Verzweiflung.

„Soll ich-“

„Du hast Sophie beim letzten Mal beinahe Kuhmilch gegeben, also nein!“, herrschte sie ihren Mann an, „Marsch, zu deinem neuen Job. Du machst mir sonst nur noch mehr Arbeit!“

Mit eingezogenem Kopf hetzte ihr Mann durch die Apartmentwohnung, die sie sich in Centy gemietet hatten. Ein kleines, überschaubares Ding deren Miete sie sich geradeso von seinem Gehalt leisten konnten. Ihr ganzes Leben hatte sich in eine stressige Nullrechnung verwandelt, die vor zwei Wochen nur noch schlimmer geworden war, als ihre Töchter auf die Welt kamen.

Wer hätte geahnt, dass Babys so viele Windeln verbrauchten?

„Es kam übrigens wieder Post für dich“, bemerkte Danni, ehe ihr wütender Blick ihn endgültig aus der Wohnung vertrieb.

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C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleitet sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

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K: Über Kamillentee

„Das macht dann 47,43“, las Paul von der Kasse ab.

Der Kunde legte ihm einen Fünfziger auf den Tresen und noch ehe das Wechselgeld seinen Weg aus der Kasse finden konnte, war der Mann verschwunden. Klingelnd schlossen sich die Türen hinter ihm. Ihre Bewegung schob eine Hitzewelle durch das Gebäude der Tankstelle und Paul beobachtete, wie der Fremde in seinen Truck stieg, einen kräftigen Schluck aus einer Wasserflasche nahm und von einer der drei Zapfsäulen wegfuhr.

„Ihnen auch noch einen schönen Tag“, bemerkte er sarkastisch.

Seufzend warf der Kassierer das Trinkgeld in einen alten Aschenbecher und überschlug seine zusätzliche Einnahmequelle. Vielleicht könnte er noch auf Fünfzehn Mücken kommen. Dann könnte er seiner schwangeren Freundin endlich mal wieder ihre Lieblingspizza bestellen. Jedoch machte er sich keine allzu großen Hoffnungen. Nicht viele Leute waren auf den Landstraßen nach Havbolt unterwegs.

Und noch weniger reisten während der Mittagshitze Ende Juni umher.

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M: Erwischt!

Jane ließ gedankenverloren den Stift über das Papier schweben. Erschöpft überflog sie die nächsten Aufgaben. Übungen, wie sie auch George neben ihr lösen musste, während seine jüngeren Geschwister auf dem Teppich spielten oder sich an einigen aktiveren Projekten versuchten.

Wie Jane die Kinder doch beneidete!

Und wie sehr sie doch ihre Schwester beneidete. Immerhin ging diese nun auf eine richtige Schule. Mit Mitschülern in ihrem Alter. Sie lernte nur die Dinge, die man auf der Straße als normal bezeichnete. Mathe. Sprachen. Naturwissenschaften. Sport. Kunst.

Ganz anders als das hier.

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K: Rechnungen und Versprechen

Im Kerzenlicht wühlte sich Rebekka Naar durch den Stapel an Briefen. Irgendwo musste der dämliche Zettel doch sein! Sie wusste genau, sie hatte ihn vor zwei Wochen oder so zu den anderen Forderungen gelegt. Zu all diesen Papieren, die sie bereits seit Monaten nach deren Wichtigkeit sortieren wollte.

Und nun wurde ihnen der Strom abgestellt.

Genervt fand sie den Brief von ihrem Energielieferanten. Es war eine Zahlungserinnerung – datiert auf letzten Monat. Wie hatte sie diese – zusätzlich zu so vielen anderen – nur verstreichen lassen können? Mittlerweile verlangte das Unternehmen ein halbes Vermögen, um die Mahnungen abzubezahlen und ihre Zahlungsfähigkeit zu bestätigen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie in Verzug geraten war und-

„Mama?“

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