
Es dauerte einige Minuten, bis Chemy sich wieder gefangen hatte. Erst hatte er zu schuldbewusst und ängstlich auf sie gewirkt, dann zu mürrisch und stürmisch. Aber erst als letzteres die Oberhand gewann, wusste sie mit ihm umzugehen.
Und so hatte sie ihn in eine kleine Sitzecke des Zimmers geführt. Eine, die fast genauso groß war, wie ihr altes Kinderzimmer. Generell war alles viel zu luxuriös für sie. Zu viel Platz. Zu viel glänzende Tür- und Schrankgriffe. Zu viele Veredelungen an Möbeln, Wänden und Decke!
„Hilf mir“, hauchte Lilith ihm entgegen, „Ich erinnere mich an drei verschiedene Leben. Aber ich sehe die Verbindungen nicht. Ich verstehe mich nicht. Ich … Bin ich verrückt?“
„Nein“, er seufzte, „Eigentlich hättest du es nie vergessen sollen. Anjo wollte nur unsere Körper verändern. Damit wir dieselbe Masse haben, wie du, als du zu uns kamst … Als du von hier kamst“
Anjo. Der Name sagte ihr etwas. Er erinnerte sie an dieses leuchtende Wasser. Wasser, das man atmen konnte. Durch das sie gewandert war. Es-
„Erinnerst du dich noch an meine Essenz? An deine?“, fragte Chemy sanft.
Lilith runzelte mit der Stirn. Das Wort sagte ihr etwas. Wie ein vergangenes Flüstern. Nur konnte sie es nicht richtig zuordnen. Es war zu verdreht, zu-
„In meinem Clan können alle in die Zukunft sehen. Doch ich konnte immer nur in die Zukunft dieser Welt sehen. Eine Welt, die für meinen Clan nicht existierte. Niemand von uns kannte Wesen, die miteinander sprachen und arbeiteten. Die sich veränderten. Die wuchsen. Ein Ort, mit nur einer Sonne. Mit einer immer wiederkehrenden Nacht. Einer Nacht!“, er lachte aus, „Jeder hielt mich für kaputt. Doch als ich dich getroffen hatte … Ich wusste, dass dieser Ort real sein konnte. Dass er real sein musste!
Immerhin sahst du den Menschen aus meinen Visionen zu ähnlich.“
„Sie hatten dich ausgegrenzt“, erinnerte sich Lilith, „Deswegen bist du dann mit uns mit. Mit Pico, Myra und mir. Wir waren alle allein gewesen …“
Sachte baute sich ein Bild in ihren Gedanken auf. Ein kleines grünhäutiges Mädchen mit tentakelartigen Haaren. Ein riesiger … Mann mit Hörnern und Flügeln. Und der froschgesichtige Chemy …
Ihre Familie.
„Und zusammen haben wir unsere Welt verändert“, erinnerte Chemy sie, „Es war Picos Idee. Nun. Eigentlich die von Picos Schwester. Aber nur dank deiner Essenz hat sie funktioniert. Deine Essenz, die Verständnis aufbaute. Die nur Wahrheiten tragen konnte. Die jede Lüge abstieß … Sie war der Schlüssel. Damit hatten wir Blainc gründen können. Es war perfekt …“
Lilith nickte. Blainc. Den Namen kannte sie. Sie hatte ihn mit erwählt. Sie alle hatten ihn gewollt. Weil sie ein blankes Blatt haben wollten, auf dem jeder seinen Hass vergessen konnte. Nur …
„Aber dann bist du zu mir gekommen. Wegen deiner Visionen.“
„Ja“, Chemy stand auf und schritt zum Fenster, „Ich sah, wie diese Welt sich zusammenzog. Wie sie alles zerquetschte. Wie sie alles in ihr zerstörte. Eine Implosion. Und das Zentrum war in dieser Stadt. Direkt im Dachboden eines alten Hauses. Deines Elternhauses. Das, aus dem du damals verschwunden warst. Das, das ich unwissend gezeichnet hatte, um es dir zu zeigen …“
„Wir hatten deine Kräfte getestet“, erinnerte sich Lilith langsam, „Du hast meinen kleinen Bruder hier gesucht. Meine Eltern. Hast mir von ihnen erzählt. Und dann haben wir die Quelle der Implosion untersucht …“
„Es war deine Abreise“, erinnerte Chemy sie, „Diese Welt hier ist auf fester Materie aufgebaut. Unsere auf schwankenden Essenzen. Mit deiner Abreise hast du hier für ein Ungleichgewicht gesorgt, während bei uns nur eine neue Welle entstand, die im stetigen Wirbel meiner Heimat nicht einmal schaden konnte. Deswegen waren wir zu Anjo gegangen. Wir mussten etwas mehr Materie zusammen haben, als du damals besessen hast.
Der Plan war einfach: Wir wollten uns anpassen, acht Jahre hierbleiben und dann zurückkehren. Das hätte die Implosion stoppen und zeitgleich Blainc nicht gefährden sollen. Deswegen hat Anjo zuerst dich untersucht, um meinen Körper anzupassen. Er hat es Erinnerungsaufbau genannt. Weil er sich dabei nach den Erinnerungen deiner einzelnen Zellen gerichtet hatte. Dann erst hat er deinen Körper geheilt, soweit er sich nach vorne traute. Ich habe dich dabei gehalten. Du bist immer kleiner geworden. Kleiner, jünger, zerbrechlicher. Bis du ein Baby warst. Bis du geschrien hast.
Und bis du uns so in dein zerbrochenes Elternhaus zurückgebracht hattest.“
Lilith schüttelte sich. Daran hatte sie keine Erinnerungen mehr. Der Teil mit dem jünger werden kam ihr vertraut vor. Aber alles andere?
„Ich kann mich nur erinnern, wie ich dann bei … meinen anderen … Eltern aufgewachsen bin.“
„Sie hatten dich adoptiert“, er seufzte, „Als wir hier ankamen, war ich den Behörden zu suspekt. Ein Junge, der mit einem Baby rumrannte? Jeder dachte, ich hätte dich gestohlen. Wir wurden auseinandergerissen. Du wurdest in ein Heim gesteckt. Ich von einem Staatsanwalt zum nächsten geschoben. Während du adoptiert wurdest und eine Familie bekamst, musste ich mich mit dem Rechtsstaat rumkämpfen …“, er trat auf sie zu, „Selbst mit deiner Kette hatte ich nicht sprechen können. Ich verstand zwar jedes ihrer Worte, nur befürchtete ich, dass sie wie du, Lügen hören könnten. Und in meinen Visionen sah ich, dass sie mir die Wahrheit nicht glauben würden. Also musste ich mich durch dieses System schlagen und einen Weg zu dir zurückfinden. Es kostete mich Jahre, bis ich alles verstand. Bis ich alle anlügen konnte, dass du meine Schwester wärst. Unsere DNAs haben zum Glück zusammengepasst. Weil Anjo meinen Körper zu sehr an deinem angepasst hatte. Die Anklagen wurden zwar fallengelassen, doch dank deiner Adoption wurden mir über Jahre die Auskünfte über deine Person verwehrt.“
„Und deswegen nannten mich alle Liane“, schloss Lilith, „Dabei bin ich Lilith. Ich war Lilith. Ich-“, ihre Finger krallten sich durch die Haare in ihren Kopf.
Schmerz pochte durch ihren Schädel. Es klang alles so abstrus. So wahnsinnig. Und dennoch logisch! Sie erinnerte sich an fast alles. Daran, wie sie sich als Kind fehl am Platz gefühlt hatte. Wie sie sich selbst ihr ganzes Leben lang immer wieder Lilith nennen wollte. Dann war ihre Adoptivmutter verschwunden. Sie hatte im Haushalt mit anpacken müssen und irgendwie war der Name in den Hintergrund gerückt. Weil sie zu viele Aufgaben hatte. Weil sie stets an alles zugleich denken musste. Weil-
Hatte ihr Adoptivvater sie damals nicht auch schon zu einem Arzt gebracht? Sie konnte sich erinnern, wie sie dem Mann früher von Pico erzählt hatte. Wie sie Pico gemalt hatte. Dieses große Wesen mit Hörnern und ledrigen Flügeln …
Ihr Bruder muss ihm wie ein Teufel vorgekommen sein.
„Ich habe dich erst vor einigen Monaten gefunden. Davor musste ich ziemlich blind agieren, um dich zu schützen: allgemeine Spenden, Zukunftsvisionen in alle Richtungen, Aufbau von kommunalen Unterstützungen …“, erzählte Chemy weiter, „Als ich dich gefunden hatte, habe ich alles in dein Wohnviertel gesteckt. Nach und nach sollte es wieder aufpoliert werden. Doch dann kam die Vision von deinem Tod und …“, er schaute sie direkt an, „Ich musste wissen, ob du dich noch an mich erinnerst. Also habe ich diesen Höllenbus genommen. Ich habe versucht, dich zu verlangsamen. Mit dir zu reden. Aber … Du schienst mich nicht zu erkennen. Dabei musste ich dich doch beschützen!“
Sie erinnerte sich dunkel daran zurück. Wie er von seiner alten Freundin gesprochen hatte. Wie er ihr stets bekannt und gruselig zugleich erschienen war. Sie hatte ihn für seltsam gehalten.
Bis er ihren wahren Namen verwendet hatte.
„Nur durch dieses Treffen bin ich wieder ich geworden“, erkannte sie, „Und danach … Du warst immerzu da. Aber… Wieso bist du danach nicht zu mir gekommen? Wieso sind wir nicht zurück? Pico und Myra müssen sich gewiss Sorgen machen! Wir wollten nur acht Jahre fort sein!“, Lilith hielt inne, „Ich … Ich hatte mich nicht verabschiedet. Nichts gesagt. Nichts …“
„Weil sie nicht wissen durften, was du vorhattest. Sie hätten uns aufgehalten. Sie hätten die Zerstörung dieser Welt verkraftet. Du nicht. Deswegen mussten wir es für uns behalten …“, Chemy sackte erneut in sich zusammen, „Ich bin nicht stolz darauf, aber als du mich bei der Explosion nicht erkannt hattest, verlor ich mein Selbstbewusstsein. Ich hätte es nicht ertragen, erneut in diese unsicheren Augen zu sehen. Außerdem wusste ich nicht, wie wir zurückreisen könnten. Du hast den Hinweg allein bewältigt. Und hierhin hast du mich mitgenommen, als du ein Baby warst.
Ich kenne den Weg nicht.“
Lilith stockte. Der Weg. Ja. Sie … auch nicht wirklich. Selbst nun, wo die Erinnerungen an ihr erstes Leben in Centy durchkamen, konnte sie sich nicht entsinnen! Wieso war sie sich vor Anjo und Chemy so sicher gewesen, nach Blainc zurückkehren zu können?!
„Ich weiß nicht … Damals war ich oben in meinem Elternhaus gewesen. Eingesperrt auf dem Dachboden. Und … Es hatte kaum Essen gegeben. Getrunken hatte ich das Wasser, das durchs Dach getropft war und … Ich hatte weggewollt. Fort. Nicht, um zu sterben. Einfach … weg. Weil ich unbedeutend für meine Eltern war“, die Worte schmerzten so sehr, dass sie sich selbst umarmte, „Danach … Ich bin in der Nähe von Picos Unterschlupf aufgewacht. Dort hatte ich ihn getroffen. Ich hatte erst geglaubt, dass meine Eltern mich in den Bergen ausgesetzt hätten. Erst später wurde mir bewusst, dass die Welt um Blainc eine ganz andere war.“
Dabei war Blainc ihre Heimat geworden. Genau. Sie hatte mit Pico das Grundgerüst dieser Heimat erbaut. Sie hatte Myra dorthin gebracht, um sich um das Mädchen zu kümmern, das ihr stets den Rücken freihielt. Sie hatte sich mit Chemy hingesetzt und beobachtet, wie er sich um den Aufbau der Regeln kümmerte.
Sie alle hatten eine Aufgabe übernommen.
Und nun fehlten Blainc der Schlüssel und das Regelwerk.
„Pico und Myra! Können sie Blainc ohne uns überhaupt am Leben erhalten?“, rief sie erschrocken aus.
„Gerüst und Schatten“, Chemy nickte schwerfällig, „Sie können es gewiss. Aber wie viel wird von den beiden noch übrig sein, wenn wir zu lange brauchen? Wir wissen gerade nicht einmal, ob der eigentliche Schlüssel noch existiert. Oder sind die Narben auf deinem Rücken wieder aufgetaucht?“
Ruckartig stand Lilith auf und rannte ins Bad. Sie ließ den Bademantel fallen. Starrte auf ihren glatten Rücken. Haut, die noch nie verletzt wurde. Auf der eigentlich ein riesiges Zeichen stehen musste!
Ein dreizehnzackiger Stern.
