B: Die Lüge im Spiegel

„Guten Tag. Mein Name ist Lia- Nein. Ich meine, ich heiße Lian- Argh! Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Lia-“, wütend fuhr sie sich durch die offenen Haare und wandte sich vom Spiegel ab.

„Liane. Liane. Liane. Lian… Lili-“

Hastig biss sie sich auf ihre Zunge. Nein. Sie war nicht Lilith. Sie war Liane. Benannt nach der Mutter ihres Vat-

Vat-

Vate-

Erschöpft ließ sie sich auf ihr neues Bett fallen. Auf dieses neue Bett. In diesem viel zu großen Zimmer. In diesem viel zu großen Haus. In diesem Haus, das sie von Isa Silver geerbt hatte. Von Isa Silver, die ihre Mutter gewesen sein sollte. Die sich nicht wie ihre Mutter anfühlte … Es fühlte sich so falsch an. Alles fühlte sich so falsch an!

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B: Aus der Ferne

Chem Wak beobachtete wie Lilith aus dem Fenster sah. Ihr Gesicht erschien ihm etwas blass. Aber vielleicht lag das auch am Schnee, der zwischen ihnen vom Himmel fiel. Durch das Weiß konnte man kaum etwas erkennen und-

Sie wirkte so abwesend. Verschlafen. Übermüdet.

Es war seine Schuld.

„Wie ich’s auch mache, ich mach’s verkehrt, oder?“, murmelte er still. Er dachte an seinen besten Freund zurück. An dessen Gesicht. An die Wut in dessen Augen, als er den Mörder seiner Schwester fand.

„Haben Sie etwas gesagt, Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer.

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B: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

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B: Traumplagen I

Chem Wak sprang auf. Sein Herzschlag pochte wild durch seine Ohren. Sein stockender Atem kam keuchend und malte kleine Wölkchen in die eisige Luft. Seine zittrigen Hände versuchten, sich an seiner Matratze festzukrallen, ohne etwas greifen zu können. Und sein Pyjama klebte wie zäher Harz an seinem Körper.

Angestrengt schloss er die Augen und begann zu zählen.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf …

Erst als er hundert erreicht hatte, konnte er seine Hände wieder ruhig auf seinen Schenkeln ablegen. Jedoch dauerte es nochmal so lange, ehe sich auch Atem und Puls allmählich verlangsamten.

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