
Liliths Bauch fühlte sich wie ein Bleikessel an. Ihre Finger wie die Werkzeuge eines anderen. Sie hatte sich auf einen Test des Glaubens eingelassen. Es war der einzige Weg gewesen, um Zeit zu schinden. Um dafür zu sorgen, dass Oliver Tina wegbringen konnte. Dennoch war er kurz darauf wieder in der Menge erschienen. Er beobachtete, wie sie und Tinas Vater sich abwechselnd Gewichte um die Beine banden. Wie sie dies direkt am Steg taten …
Es war ein altes Ritual. Eines, mit dem der alte Prediger sonst abtrat und der neue seinen Platz einnahm. Denn sobald sie beide ihre acht Gewichte trugen, mussten sie zeigen, dass diese wirklich fest an ihren Beinen verschnürt waren. Sie mussten in den See springen. Der Herausfordernde, in diesem Fall also sie, zuerst. Sie müsste darauf vertrauen, dass Tinas Vater ihr folgte. Dabei mussten sie ein kleines Tuch festhalten. Früher waren es Stofftaschentücher gewesen. Mit eingestickten Namen. Nun lagen nur kleine Baumwollfetzen am Rand des Steges. Denn erst wenn einer von ihnen seines losließ und es an die Wasseroberfläche trieb, durften die Zuschauenden den anderen retten.
Erneut testete Lilith den Knoten einer Eisenscheibe. Sie fügte einen weiteren hinzu. Wagte es nicht, dabei nachzudenken. Sie ließ ihre Finger von allein arbeiten. Wusste, dass ein zu lockerer Knoten bedeuten würde, dass man sie dort unten verrotten lassen würde. Dass die anderen dann lieber den Mann, ihren altbekannten Prediger retten würden, als ihr auch nur eine helfende Hand zu reichen.
„Ich kann deine Angst riechen, Vieh!“, hauchte ihr Tinas Vater zu, als sie sich die nächste Eisenplatte nahm.
Statt darauf einzugehen, deutete sie auf seine eigenen Gewichte: „Du bist ja erst bei dreien. Soll ich mir wirklich schon die fünfte umbinden oder möchtest du, dass ich auf deine alten Finger warte?“
Im Nu verstummte er. Dafür glitt ihr Blick über die Gesichter der Gläubigen. Diese Männer, Frauen und Kinder, denen es von klein auf verboten war, zu laut vor dem Prediger zu sprechen. Gewiss kam es ihnen fremd vor, dass sie, ein bloßes Mädchen, diesen nun herausforderte. Doch gab es keine Gegenstimmen. Keine Neugier. Nur Vertrauen …
Vertrauen, das sie einzig dem Mistkerl schenkten.
„Fest. Nun kannst du deine fünfte Platte gerne anknoten“, bemerkte er gehässig.
Ihre Augen glitten über Olivers Gesicht, als sie nach dem Gewicht griff und es festknotete. Sie ließ erneut ihre Finger arbeiten. Erlaubte sich keine Gedanken über die Knoten und Schnüre. Achtete nur auf den Schatten schräg vor ihr, der in demselben Ritual gefangen war. Der sie hämisch angrinste, sobald er ihren Blick bemerkte.
Dann schlug ihr Sorge entgegen. Angst. Hoffnung. Wut. Verzweiflung. Heimweh.
Das letzte Gefühl ließ sie innehalten. Es war nicht ihres. Und dennoch fühlte es sich so real an. So … vertraut? Ungläubig ließ sie von den Schnüren ab und blickte über die Menschenmasse. Zu den Bäumen. Zu den Schatten dahinter. Dort standen Leute! Leute in Uniformen und-
„Gibst du etwa auf?“, grinste der Prediger sie an.
„Sehe ich so aus?“, schoss sie nur zurück und las die Bänder wieder auf.
„Nein“, er trat näher und in Lilith erschallten die Alarmglocken – der Prediger trug noch nicht acht Gewichte an seinen Beinen, „Doch scheinst du nicht bei der Sache zu sein. Gewiss sollte Damus der Gerechte dich jetzt schon richten.“
Sie fing seine Hand ein, als er sie gerade vom Steg stoßen wollte. Es war ein Reflex gewesen. Einer, den sie noch von früher hatte. Einer, der ihr das Leben rettete.
„Habt Ihr etwa Angst vor mir?“, fragte Lilith lächelnd.
„Angst?“, zischte der Mann ihr entgegen, „Vor Kakerlaken hat man keine Angst. Man zerstampft sie!“
Ehe Lilith sich versah, holte er mit seiner freien Faust aus und schlug ihr in den Magen. Die Luft entwich ihr. Sie stolperte nach hinten. Spürte, wie der Steg nicht mehr unter ihren Füßen war. Wie das Wasser des Sees sie verschluckte. Sie wollte einatmen. Sie durfte nicht einatmen! Nicht hier! Nicht-
Sie war mal in ein Wasser gefallen, das sie atmen konnte. Vor langer Zeit. Später war sie dann hineingesprungen. Als sie kleiner werden musste. Für eine Reise. Sie erinnerte sich noch, wie schutzlos sie sich gefühlt hatte. Wie jemand sie in seine verschobenen Arme gehoben hatte. Wie er versprochen hatte, dass er auf sie aufpassen würde. Dass er für seinen Freund bei ihr bliebe.
Für Pico …
Pico war ihr richtiger Bruder gewesen.
Ihre Füße wurden von den Gewichten auf den Grund des Sees gezerrt. Doch bemühte sich Lilith nicht, die Eisenplatten von ihren Beinen zu lösen. Obwohl ihre Lunge brannte, wollte sie nicht auftauchen. Alles erschien ihr plötzlich so viel klarer unter Wasser. Als würde ihr ganzes Leben nur hier Sinn ergeben, weil sie es durch einen Filter sah. Wie das Leben einer anderen? Ja, Oliver sorgte sich da oben um sie. Sie spürte es. Ebenso wie die Sorgen eines anderen Wesens. Eines, das eben noch dieses Heimwehgefühl ausgestrahlt hatte …
Chemy?
Nein. Das war nur sein Spitzname. Eigentlich hieß er Chem … Wak? Ja. Er hatte ihr Zuhause gesehen, als sie sich gar nicht mehr wusste, ob es gar noch existierte. Er hatte ihr von ihrem Bruder und ihren Eltern berichtet. Und von dem Schicksal, das ihre Abwesenheit ausgelöst hatte. Deswegen hatte sie zurück gemusst. Weg von ihrer neuen Familie. Von Pico, Chem Wak und noch jemand … ein Mädchen. Das, an das Tina sie erinnert hatte. Weswegen sie ihrer Mitschülerin helfen wollte! Denn sie ähnelte dem Kind so sehr.
Dieser Ziehtochter, die viel zu sanft und naiv für die Welt war. Die sich stets um alle anderen sorgte. Das Mädchen mit dem lebendigen Haar …
Myra!
Lilith spürte, wie ihre Lunge nach Luft schrie. Eilig presste sie die Hände auf Mund und Nase. Sie glaubte, sich an einen schmerzenden Rücken zu erinnern. An einen dreizehnzackigen Stern. Ein Schlüssel. Damit man einander verstand. Etwas, was die Menschen hier sonst mit dem Erlernen anderer Sprachen bewältigten. Mit-
Etwas berührte ihre Hände und erschrocken öffnete sie die Augen. Oliver war vor ihr. Er schob ihre Finger beiseite, legte seine Lippen auf ihre und drückte Luft hinein. Dann schwamm er wieder zur Oberfläche.
Erschrocken blickte Lilith ihm nach. Ihre Gedanken sprangen wild umher. Wenn ihr Freund ihr nachgesprungen war, würden die Leute der Kirche ihn dafür opfern wollen! Er musste fliehen! Er musste-
Ehe sie den Gedanken beenden konnte, kam er zurück. Diesmal mit drei anderen Personen. Lilith konnte nur ihre Schemen ausmachen. Sie sahen aus wie Polizisten. Zielsicher schnitten sie die Schnüre von ihren Gewichten durch, statt die Knoten zu lösen oder den Ballast nach oben zu bringen. So war Lilith befreit, ehe Oliver ihr gar seine restliche Luft in ihren Mund drücken konnte.
Eilig schwammen sie wieder nach oben. Die Luft fühlte sich eisig im Vergleich zum Wasser an. Schneidend. Aber auch wie süßer Honig.
Keuchend schüttelte Lilith sich.
„Alles gut?!“, Oliver war direkt neben ihr, „Bist du verletzt?! Er hat dich so stark- Du- Tut es weh? Brauchst du was?!“
„Luft“, hustete sie aus.
Dankend ließ sie sich von den Polizisten auf den Steg helfen. Sie konnte kaum aufatmen, da umarmte Oliver sie bereits zittrig. Er hielt sie umklammert, bis die Sanitäter kamen. Er blieb bei ihr, als die Polizisten sie zu Tinas Vater befragten. Und er hielt ihre Hand, als man den Prediger endlich abführte.
Schaudernd schaute sich Lilith um. Sie fühlte sich erleichtert, dass die Polizei da war und die Prozedur der Kirche aufgehalten hatte. Sie war erleichtert, dass Tina von ihrem Vater erlöst wäre. Sie fühlte sich erleichtert, dass sie lebte …
Nein. Das war nicht ihre Erleichterung.
Verwirrt betrachtete sie die umstehenden Gesichter. Sie konnte Shiloh bei einer Polizistin ausmachen. Dort war auch Mr. Brume. Und dahinter, der Mann, dessen Gesicht sie immer an einen Frosch erinnert hatte …
„Chemy“, hauchte sie aus.
Als hätte der Mann sie gehört, schaute er in ihre Richtung. Er lächelte sachte. Dann wandte er sich Olivers Vater zu. Er sagte etwas. Nickte zu ihr herüber.
Einen Moment später, stand der Mann vor ihr.
„Liane. Ich wollte nur wissen, wie es dir-“
„Lilith geht es gut. Und Lilith will mit ihrem Chemy sprechen“, erwiderte sie.
„Chemy?“, wiederholte Oliver fragend, doch ignorierte Lilith ihn.
„Du-“, Olivers Vater folgte ihrem Blick zu dem Mann. Dann ging er zurück und übermittelte ihre Botschaft. Er wirkte befangen. Unschlüssig.
Chemy schien jedoch zu verstehen. Ein nachdenklicher Blick schlich sich auf seine Züge. Sie spürte, wie Erleichterung von ihm ausging. Aber auch Sorge. Und ein Gefühl des Versagens.
Dann nickte er.
