M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde, ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er eigentlich schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste. Letzteres wirkte beinahe realer für sein kleines Köpfchen.

Noch immer konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten…

Und dann roch er es. Der beißende Geruch des Rauches, der nach verbranntem Fleisch stank, vermischt mit bitteren Chemikalien, verschmolzenem Plastik. Es war ein Geruch, den er nur als den Tod zu beschreiben wusste. Ein Gestank, der versuchte, dem Jungen die Tränen in die Augen zu treiben. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

Er durfte nicht aufgeben! Sein Bruder drängte ihn mit Worten voran, die er kaum mehr wahrnahm. Sie wurden von der Hitze der Flammen und der pochenden Angst in seinem Herzen verschluckt. Seine Beine fühlten sich mit jedem Schritt mehr nach Wackelpudding oder eher der dazugehörigen Vanillesoße an. Sein Magen war verknotet. Seine Lunge brannte, als wäre sie in pure Säure getränkt worden. Er glaubte, mehr Luft auszuhusten, als er gar einatmen konnte!

Schon wieder. Ein weiterer Schuss ertönte. Dieser näher als die Vorherigen. Wurden sie nun verfolgt? Was war mit ihren Eltern? Ihrer zittrigen Mutter? Er hatte sie seit Stunden nicht mehr gesehen. Ging es ihr gut? War sie auf einem anderen Weg nach draußen geflohen? Was war mit ihrem Vater? Der Mann, der versprach, zu ihnen aufzuschließen? Der sie fortgeschickt hatte?

Er sah das erschrockene Gesicht seines Bruders. Konnte die Angst darin beinahe ergreifen. Dachte an die Männer. An die Waffen. An die Kugeln. Fragte sich in einem verzweifelten Augenblick, wie schnell er über einen Leichnam steigen könnte. Fragte sich dann, wie schnell er über die leeren Augen seines Bruders steigen könnte.

Was war richtig? Was falsch? Gab es so etwas denn überhaupt noch? Und was war gerecht? Sollte er hier sterben, für die Fehler anderer büßen – war das etwa gerecht?

Ein Rufen erklang hinter ihnen, doch blieben sie nicht stehen. Sie durften nicht stehenbleiben. Jeder Stopp könnte der Letzte sein. Wenn er überhaupt noch lebte. Wenn er diese Nacht überlebte. Wenn sie aus diesem Anwesen-

Dort hinten! Er entdeckte die gewaltige Eichentür und mobilisierte seine letzten Kräfte. Das war die Eingangstür, die Haustür. Sie würden es schaffen!

Gemeinsam stießen sie das riesige Stück Holz zur Seite und stürmten hinaus. Erschöpft sog er die frische Luft in seine Lungen. Er spürte, wie die nächtliche Kälte in ihn eindrang und sich durch seine Luftröhre zwang. Die frische Luft schmerzte ihn. Sie brannte wie der Rauch in seiner Lunge. Ließ ihn husten.

Erst durch das knirschende Geräusch neben ihm blickte er wieder zu seinem Bruder herüber.

Sofort schloss er die Tür und half dem Älteren dann, einen der Mamorlöwen umzuwerfen, um den Fluchtweg zu blockieren. Er verschwendete keinen zweiten Gedanken an die so genannten Menschen im Haus, als sie das Monster von einem Stein vor der Tür umstießen. Er wusste, dass er keine Reue für diese Leute empfinden würde.

Durch diese Tür würde niemand mehr hinauskommen. Niemand!

Aber was war mit seinen Eltern?

Zweifel schlichen sich in sein kleines Herz, während seine Augen auf dem Eingang lagen. Sein Bruder hatte gesagt, dass er nach vorn sehen musste. Sich nicht umdrehen durfte. Er hatte auch seinen Vater gehört. Blut gesehen-

Er zuckte zurück, als er die Rufe hörte. Das Hämmern an der Tür. Die fremden Stimmen.

Wütend, fast schon hasserfüllt, ignorierte er die Schreie, die nun dahinter erklangen. Seine Hand suchte die seines großen Bruders. Suchte nach Unterstützung. Sicherheit. Doch dieser war bereits einige Schritte weitergegangen und starrte stirnrunzelnd auf ihren Parkplatz.

Dort stand er – lässig an einem der Autos angelehnt.

Der Mann trug einen zerknitterten, aber sauberen Anzug und sein Haar war so zerzaust, als hätte es noch nie zuvor eine Bürste gesehen. Der Lolly in seinem Mund gab ihm einen kindlichen, fast schon naiven Ausdruck, der im kompletten Kontrast zu dem ernsten Gesichtsausdruck des Struwwelpeters stand. Zu diesen kalkulierenden Augen.

Geduldig sah der Mann zu den Brüdern hoch, während er ihnen die Tür seines Wagens aufhielt. Wortlos, aber dennoch etwas zögerlich, folgten sie seiner Aufforderung. Gemeinsam krochen sie auf die Rückbank und beobachteten, wie er sich hinters Steuer setzte.

Niemand schnallte sich an, als sie mit Vollgas die scharfen Kurven vor dem Haus entlang rasten – fort von der brennenden Hölle.

Der jüngere Bruder blickte noch einmal zurück. Er konnte den starken Rauch des Feuers immer noch auf der Zunge schmecken. Konnte die Hitze spüren. Hörte selbst das leise Knacken der Flammen, das ihm bei der Flucht nicht aufgefallen war.

Vor seinem inneren Auge spielte sich immer wieder ihre Flucht ab. Sie verfolgte ihn. Zwang ihn, sich an die Männer zu erinnern. An ihren Vater.

Er tastete nach der dünnen Kette, die seinen Hals umschlang. Spielte mit diesem kleinen Metallplättchen daran. Hielt daran fest.

Vorwurfsvoll biss er sich auf die Unterlippe. Er ließ von der Erinnerung ab. Zwang sich dazu, langsam zu atmen. Abstand zu nehmen.

Erst dann sprach er aus, was ihn quälte: »Entschuldigt… Mom… Dad…«

Passend zur Buchveröffentlichung könnt ihr hier nun den Prolog zu Merichaven: Kidnapped lesen. Ich hoffe, dass er euch gefallen hat und dass ihr Interesse an dem kompletten Buch bekommen habt C:

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C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleitet sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

Und dennoch war er unwissend gewesen. Überrascht. Überrumpelt!

Seine Hände wanderten unter sein Hemd und spielten mit dem Anhänger ihrer Kette. Ein altes Ding, das ihn schon länger begleitete, als er gar in dieser Welt wandelte. Er hatte es für sie verwahren sollen. Hatte es nicht aus den Händen legen wollen. Hatte es irgendwann dann selbst umgebunden.

„Ja. Deine Akte habe ich“, bemerkte die Sozialarbeiterin und klickte irgendetwas auf dem Bildschirm ihres Computers an, „Alles Gute zum Achtzehnten“

„Danke“, ein Lächeln schlich sich auf seine Züge, da ihm sein Geburtstag endlich die Erleichterung bürokratischer Hürden versprechen könnte, „Als ich zum ersten Mal hierhergebracht wurde, war ich verängstigt, unwissend, stumm und hatte eine Schwester. Nicht mal einen Tag später wurde mir der einzige Mensch genommen, der mir etwas bedeutete… Könnten Sie mir bitte helfen, herauszufinden, was aus ihr geworden ist?“

Er legte so viel Trauer und Verzweiflung in die Worte, wie er für angemessen hielt. Immerhin hatte er es endlich in dieses Büro geschafft. Er musste an ihr gutes Herz appellieren, wenn er Hilfe wollte. Über die offiziellen Amtswege würde sich alles nochmal mehrere Jahrzehnte hinziehen! Und dabei konnte dann noch so vieles schiefgehen…

Ständig konnte so vieles schiefgehen.

„Enoch… Es steht mir leider nicht zu, Informationen über andere Waisen ohne deren Einverständniserklärung weiterzugeben. Außerdem müssten für solche Auskünfte die Formblätter drei bis zwölf, 26 und die Anlagen 43, 47b und 56 ausgefüllt eingereicht werden. Die Bearbeitungszeit hierfür beträgt ungefähr 14 Wochen und…“

Ungeduldig wippte er mit seinen Zehen auf und ab. Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte zwar damit gerechnet, dass es schwierig sein würde, aber eine solche Antwort? War die Frau denn ein Gesetzesbuch oder ein eigenständig denkendes Wesen?

„Frau Bullock“, las er von ihrem Namensschild ab, „Ich habe mir die Papiere bereits angesehen. Es sind fast dreihundert Seiten, die es auszufüllen gilt und die alle davon ausgehen, dass meine Schwester oder ihre gesetzlichen Vertreter der Verwendung ihrer Daten zugesagt haben. Allerdings war sie noch ein Baby als wir hierher kamen und getrennt wurden. Wenn sie nun also in einem sehr jungen Alter adoptiert wurde, ist es gänzlich möglich, dass sie nichts von ihrem Waisenstatus weiß und demnach niemals eine Zusage erteilen könnte. Ganz zu schweigen, dass jegliche gesetzliche Vertreter diese gerne vergessen“, er ließ die Schultern etwas sinken, schüttelte schwach den Kopf, „Außerdem weiß ich nicht mal, was die damaligen Sozialarbeiter in die Akten eingetragen haben. Ich war apathisch, erschöpft, verloren. Ich konnte keine Auskunft zu Geburtstagen oder Namen geben, sodass alle Daten willkürlich vermerkt wurden. Sie wurde mir aus den Händen gerissen und ich… Ich will doch einfach nur meine Schwester wiedersehen, verstehen sie?“

Die Frau seufzte und faltete die Hände über der Tastatur.

„Enoch Belial… Sie sind ab heute volljährig und ein erwachsenes Mitglied unserer Gesellschaft. Sie müssen oder sind bereits aus den Räumlichkeiten eines Waisenhauses ausgezogen. Sie müssen nun einen Job finden. Sich ein Leben aufbauen. Wie wollen Sie sich um eine Zehnjährige kümmern, die vielleicht schon ein liebevolles Zuhause hat? Ein Zuhause, aus dem Sie ihre Schwester, in ihrem Egoismus sie wiederzusehen, herausreißen“

Grummelig neigte er den Kopf zur Seite. Er mochte es nicht. Er mochte es nicht, wie diese Frau mit ihm diskutierte. Sie wusste doch nicht, welche Versprechen er einhalten musste! Sie wusste doch nicht, wie schwierig es war sich ein Jahrzehnt an etwas zu erinnern, das man letztendlich beinahe für einen Traum abtat.

Wären seine Träume nicht so sonderbar und von Erinnerungen oder gar Visionen geplagt…

„Ich verstehe Ihre Bedenken“, sachte griff er abermals nach dem Anhänger, tastete nach den Zacken des Metalls, konzentrierte sich auf das Gefühl der Verzweiflung, das ihn überkommen wollte und legte die Emotion in jedes seiner Worte, „Aber kann ich denn nicht mal erfahren, was aus meiner kleinen Schwester geworden ist? Sie nicht einmal aus der Ferne wiedersehen? Ist das denn zu viel verlangt?“

Schweigen antwortete ihm. Er konnte einen Kampf in den Augen der Sozialarbeiterin beobachten. Noch war sie sich unschlüssig, ob sie ihm helfen sollte. Sie haderte mit sich. Mit den Vorschriften, ihrem Gewissen, seinem Gefühl und irgendetwas Anderem…

„Frau Bullock… Ich hatte meine Gründe, warum ich damals geschwiegen habe. Ich wusste ja nicht mal den Namen meiner Schwester zu sagen – aus Angst, dass man sie mir wegnimmt! Und im Endeffekt ist genau das passiert. Mein Versuch, sie zu beschützen wurde als eine mögliche Entführung ausgelegt. Über Wochen wurde ich verhört. Die Leute hatten sich das Wort Kindswohl ins Gesicht tätowiert. Aber keiner von ihnen hat sich dabei wahrhaftig für uns interessiert. Also bitte… Bitte folgen sie nicht dem Beispiel ihrer Kollegen und helfen sie mir, meine Familie auf lange Sicht wieder zu vereinen“

Er blickte sie hoffnungsvoll an und betete zeitgleich, dass sie nicht seine Lügen durchschauen würde. Es war immer noch ein so seltsames Konzept für ihn. Lügen. Der wahre Grund für sein damaliges Schweigen.

Lügen hatte er erst im Waisenhaus gelernt. Immerhin waren es hier nur falsche Worte. Falsche Worte die nicht immer erkannt wurden. Die die Leute nicht zu erkennen wussten. Die sie nicht jedes Mal erkennen wollten.

„Enoch“, die Sozialarbeiterin sprach seinen Namen beinahe gepeinigt aus. Als würde seine bloße Anwesenheit ihr Verhängnis sein.

„Bitte. Ich will doch nur wissen, ob es meiner Lilith gut geht. Geben sie mir etwas. Irgendwas!“, bat er sie noch einmal und diesmal fiel ihm die Verzweiflung leichter.

Er hatte das Mädchen immerhin schon direkt nach der Ankunft in diese Welt enttäuscht. Und allein der Gedanke daran ließ ihn erschaudern.

Dabei hatte er ihr und dem altem Alov doch versprochen, auf sie aufzupassen…

Was sein bester Freund nur von ihm denken würde? Sie hatten sich ja nicht einmal verabschieden können! Die Zeit hatte gedrängt, hatte ihn voran gehetzt.

Wie ein wildes Tier.

Die Sozialarbeiterin seufzte noch einmal.

„Ich hätte das Gespräch mit Ihnen sofort beenden sollen“, grummelte sie und spielte mit dem Goldring an ihrem Finger.

Er war schlicht. Einfach. Eine rudimentäre Stütze, die sie wahrscheinlich mit ihrem Ehepartner verband. Eine Familie, die sie besaß. Die er sich in jedem Leben nur wünschen konnte.

„Aber Sie wissen, dass ich nicht Unrecht habe“, entgegnete er ihr und sachte nickte sie.

„Mein Mann war einst auch in dem System gefangen. Und obwohl jede Vorschrift und jedes Papier seine Gründe hat, kann ich ihre Verzweiflung und ihren Frust nur zu gut nachvollziehen“

Seufzend blickte sie auf die Uhr.

Dann nickte sie schwach.

„Ich glaube, ich werde mir einen Kaffee holen müssen“, sie drückte ein paar Tasten auf ihrer Tastatur und ging an den Schrank hinter ihr, „Wenn ich in der Zwischenzeit versehentlich ein paar Zettel rumliegen lasse und ein paar unvorsichtige Finger darüber stolpern, dann lässt sich das wohl nicht vermeiden, oder?“

Beinahe beiläufig ließ sie eine Akte auf ihren Tisch gleiten.

Dankbarkeit durchflutete ihn. Er verstand ihre Hilfe zu schätzen. Er verstand, welches Risiko sie einging. Was sie für ihn aufs Spiel setzte.

„Ich hoffe, Sie finden alleine heraus und dass niemand ihre Finger an irgendetwas erwischt, an dem sie nichts zu suchen haben“

„Natürlich nicht“, pflichtete er ihr artig bei.

Dann nahm sie sich ihre Kaffeetasse und verschwand.

Einen Moment blieb er noch sitzen. Horchte ihren Schritten, die im Flur verklangen. Die seinen zeitlichen Rahmen festlegten. Dessen Rhythmus ihn in Ekstase versetzte.

Und dann lagen seine Hände bereits auf den Papieren. Er sog alles in sich auf. Name, Adresse, Telefonnummern… Er müsste es sich draußen notieren. Nun war nicht genügend Zeit dafür. Nicht genügend Zeit für-

Seine Augen blieben an einem Foto kleben. Er erkannte sie sofort. Diese Augen waren einzigartig. Und ihre Gesichtszüge erinnerten ihn an damals. Als er sie das erste Mal getroffen hatte. Als er zum ersten Mal Freunde in dieser trostlosen Welt fand.

Chem Wak würde seine Versprechen halten.

Das erste Licht

Vor den ersten Strahlen ist die Welt am…
Kältesten,
Dunkelsten,
Fürchterlichsten.

Sie ist…
Rau,
Flau,
Gefangen im Tau.

Durch Glieder in Knochen
In deine Seele gebrochen –
Zerrt sie an dir.

Versucht dich zu halten,
Dich zu erkalten –
Wie ein bestialisches Tier.

Fängt es dich?
So reißt es dich!
Frisst dich?

Gib Acht, du Bestienvieh!
Das Leben, das verwirkst du nie!
Denn schon ist das Licht erblüht.
Glanz um Liebe bemüht.

Erleuchtet es das erfrorene Herz,
Verdrängt den grausamen Schmerz.
Die ersten goldenen Sonnenstrahlen
Mögen es übermalen.

Die Bestie hier!
Die nichts weiter ist,
Als ein süßes Tier.

K: Die Stimme

Leise stand Jenny auf. Sie erschauderte, als ihre nackten Füße den kalten Holzboden berührten, doch verbat sie es sich, irgendwelche Geräusche über ihre Lippen zu lassen. Sie musste still bleiben. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur so konnte sie hinter die Wahrheit kommen. Nur so konnte sie ihrem Onkel Fred helfen…

Fröstelnd zog sie sich eine viel zu große Jacke über ihr Nachthemd. Die Betreuerin des Waisenhauses hatte sie ihr gegeben. Genauso wie die anderen Kleidungsstücke. Genauso wie das tägliche Brot. Genauso wie das Dach über ihrem Kopf und die Freunde, die sich ihre Stieffamilie nannten…

Doch dafür wurde Jenny ihr Onkel genommen.

Ihr Onkel Fred, der nur die Wahrheit gesagt hatte! Sie hatte es immerhin auch gesehen. Er hatte es ihr gezeigt! Obwohl sie sich immer noch unsicher war, was dieses es wirklich war. Aber ihr Onkel Fred hatte es verstanden. Er hatte versucht, die anderen Menschen im Dorf darauf aufmerksam zu machen. Sie zu warnen!

Und dann wurde er vor einem halben Jahr, im kalten Frühjahr, an einem beinahe genauso frostigen Morgen abgeholt. Ein paar Leute hatten ihn mitgenommen. Sie hatten ihn aus dem Haus geschliffen. Hatten ihn geschlagen. Ihn weggefahren.

Und Jenny hatte sich zitternd in einem Schrank voller Bettwäsche und Handtüchern versteckt.

Erst Stunden später waren einige der Nachbarn aufgetaucht. Sie hatten das Mädchen gefunden. Sie hatten sie zum Waisenhaus gebracht. Hatten halbherzige Suchaktionen gestartet. Hatten ihren Onkel Fred für verrückt erklärt. Aufgegeben, noch ehe die ersten Krokusse blühten!

Jennys Hand drückte ihre neue Zimmertür auf. Sie vernahm ein leises Rascheln aus dem anderen Bett und erschrocken sah sie nach der Stiefschwester, mit der sie sich ein Zimmer teilen musste.

Doch hatte sich diese Anja nur verschlafen umgedreht.

Erleichtert atmete das kleine Mädchen durch. Sie spürte, wie alles an ihr zitterte, als sie auf den Flur trat. Sie war sich nicht sicher, ob sie bloß Gänsehaut hatte oder es nun doch mit der Angst zu tun bekam. Ihr Onkel Fred hatte immer gemeint, dass Angst etwas Natürliches wäre. Dass das Gefühl ihr helfen würde, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass es sie vor Fehlern bewahren würde.

Nicht, dass Jenny es damals verstanden hätte.

Das Verständnis, die Einsicht und die Erleuchtung kamen ihr erst, nachdem er weg war. Danach hatte sie immerhin genug Zeit gehabt, um über alles nachzudenken. Sie hatte sich in ihrem neuen Bett verkrümelt. Hatte sich über so vieles den Kopf zerbrochen. Hatte an ihrem Onkel Fred gezweifelt. Hatte bemerkt, dass er nie eine Lüge über die Lippen bekommen hatte. Dass er die Wahrheit gesagt haben musste!

Und damit war für sie alles klar. Sie vertraute auf seine irrsingen Geschichten. Hielt an ihnen fest. Erzählte sie einigen ihrer Stiefbrüder. Beobachtete die Sorge und den Spaß in ihren Augen. Lauschte den Lachern, die sie nicht ernst nahmen.

Denn immerhin war sie ja noch ein Kind. Sie war niemand, den man ernst nehmen musste. Selbst wenn die Erwachsenen von ihren Worten erfuhren, so wurden diese eher für Kindesfantasien als für dummen Wahnsinn abgetan. Sie wurde als niedlich bezeichnet. Ihr wurde der Kopf getätschelt. Und schon war die Sache vergessen.

Perfekt, wenn man hinter die Wahrheiten dieses Dorfes kommen wollte.

Unsicher rieb sich das Mädchen die Arme und lief an einigen der Zimmertüren vorbei. Ihre Stiefgeschwister schlummerten bestimmt noch tief und fest. Aber eine Person war definitiv schon auf. Immerhin konnte sie die Babygeräusche bereits von hier aus hören. Unsinniges Gebrabbel, das von einem Lied beruhigt wurde.

„-in dir. Sechs lässt deine Freunde sehen. Doch Sieben – Sieben wird, für alle Zeit mich an deiner Seite bleiben“, vernahm sie die Stimme ihrer anderen Stiefschwester und sofort blieb sie nahe der Wand stehen.

Für einen Moment dachte Jenny darüber nach, umzukehren. Sie könnte sich einfach wieder ins Bett schleichen. Oder sie könnte sich vorbei zur Toilette stehlen. Ein guter Vorwand, falls irgendjemand sie doch noch auf dem Flur bemerkte. Was machte sie immerhin hier? Was, wenn man sie doch nicht mehr für klein und unschuldig hielt? Was, wenn man sie trotz ihres jungen Alters wegsperrte? Was, wenn ihr alle nur etwas vorgespielt hatten? Wenn sie in Wahrheit nur darauf warteten, dass Jenny einen Fehler begehen würde? Dass sie ihren Kopf zu tief in diese Geschichten hineinsteckte?

„Und schon schläft er wieder“, bemerkte eine männliche Stimme und plötzlich kehrte Jennys Mut mit einem Schlag zurück, „Der Knirps ist ganz schön pflegebedürftig“

„Er ist gerade mal ein Jahr alt, Borei“

Das Mädchen presste ihr Köpfchen gegen das Holz der Tür. Sie konzentrierte sich auf das Flüstern dahinter. Sog jedes Wort auf. Verbat sich jegliche Sorgen. Holte ihren Mut zurück.

Das Wichtigste war, herauszufinden, was sie hörte. Was würde diese fremde Stimme sagen? Wer war sie?!

Denn obwohl sie zu keinem in diesem Waisenhaus passte, so war es definitiv nicht das erste Mal, dass das Mädchen sie vernahm.

„Na und? Das Alter sollte keine Entschuldigung sein“, bemerkte diese Stimme wieder.

Sie war seltsam. Voll und tief, aber mit einer kindlichen Naivität. Eine eigenartige Kombination. Und dennoch… dennoch war sie Jenny bekannt. Sie hatte sie schon früher gehört. Bei ihrem Onkel Fred? Vielleicht… Nur verblasten die Erinnerungen an früher allmählich. Es war, als würden sie sich mit neueren vermengen. Sich verknoten. Verheddern.

Sie musste plötzlich an den Wald denken. Den Wald, in den ihr Onkel Fred so oft gegangen war. In den er sie mitgenommen hatte…

„Ist ja schon gut, mein Lieber. Ich hätte nicht gedacht, dass du so grantig bei ein bisschen Schlafentzug wirst“, ihre Stiefschwester räumte irgendetwas weg. Es scharrte leise und irritiert lauschte Jenny noch angestrengter. Sie musste wissen, was da drinnen vor sich ging. Was hörte sie? Was verbarg die Andere? Was tat sie?

Wer war diese Stimme?!

„Das ist wohl kaum ein bisschen Schlaf-“

Die Stimme brach im selben Augenblick ab, in der sich die Tür öffnete. Erschrocken sah Jenny auf die blonde Teenagerin, die ihr denselben Blick zuwarf. Die blauen Augen schienen für einen Moment zu flackern. Schienen Jennys Blick einfangen zu wollen. Sie zu röntgen.

Doch konnte das Mädchen einzig auf diese rötlichen Augen starren, die mitten in der Luft hingen.

C: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt, doch lächelte das kleine Mädchen nur unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen…

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Kindeseinbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war… warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

„Liane… Du weißt, dass wenn es irgendetwas gibt, was dir Angst oder Sorgen bereitet, kannst du mit mir jederzeit darüber reden, ja?“, sachte zog er die Decke höher und strich seinem Schatz eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Aber es ist doch alles in Ordnung, Papa! Und selbst wenn – Pico beschützt mich! Das hat er versprochen“

Nickend reichte er dem Mädchen ihre Lieblingspuppe, doch schob sie diese sofort wieder beiseite. Stattdessen war ihr lächelnder Blick auf den Zeichnungen gelandet. Auf diesen grotesken Zeichnungen eines Dämons oder gar Teufels. Ein Wesen mit gewaltigen Flügeln, drei Hörnern auf dem Kopf und einem Maul das von einem Ohr bis zum anderen ging.

Horrorzeichnungen, die in ihm einen Alptraum auslösten. Nicht, dass der Zeichenstil seiner Tochter half. Durch die Kinderhand wirkten sie immerhin noch unförmiger und erschreckender, als er für möglich gehalten hätte.

„Ich weiß, wir haben dich alle schon sehr viel dazu ausgefragt, Liane… aber wo hast du diesen Pico getroffen?“, versuchte er noch einmal in den Kopf seines kleinen Engels zu sehen.

Nachdenklich schloss das Mädchen die Augen. Sie wog ihren Kopf hin und her. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihre Lippen zogen sich zusammen.

„Er ist nachts einfach da. Immer dann, wenn die zwei Sonnen aufgehen“, erklärte sie ihm allmählich, „Pico beschützt mich. Er hat die zischenden Lichter und Steinwesen vertrieben! Und er hat meinen Rücken angemalt, damit… damit… ich weiß nicht… Aber es war wichtig!“

Unsicher blickte der Vater auf sein Kind herab. Alles in ihm verlangte danach, den Rücken seiner Tochter zu begutachten. Er wollte ihr das Nachthemd herunterreißen. Nach dem Rechten sehen. Diese Zeichnungen verbrennen. Diesen ganzen Horror aus seinem Haus verbannen. Nur dafür sorgen, dass es seinem kleinen Engel gutging!

Nein.

Mit zittriger Faust verdrängte er die Gedanken. Er hatte viel zu viel mit seiner Frau darüber diskutiert. Sie waren alle Möglichkeiten durchgegangen. Hatten nach Lösungen gesucht. Waren sich letztendlich beide einig gewesen, dass es Liane zu sehr verstören würde oder dass es zu einem möglichen Vertrauensbruch führen könnte.

Immerhin hatten sie dem Mädchen doch erst vor einigen Tagen gestanden, dass sie adoptiert war.

Und dann waren die Zeichnungen aufgetaucht. Bilder, die sein Liebling bereits seit Monaten erschuf, wie ihnen die anderen Kinder aus der Vorschule gestanden hatten. An den Betreuern waren diese Kreationen unbemerkt vorbeigegangen. Etwas, was die alten Frauen auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen schoben und etwas, was ihn doch nicht interessierte!

„Ist gut“, lenkte er ein – wenn auch nur, um sich selber zu beruhigen, „Ist gut… Wir lassen heute noch einmal die Tür offen und ab morgen ist sie dann wieder zu, okay?“

Zufrieden nickte die Kleine und er strich ihr die glatten schwarzen Haare zurück. Sie wollte schon immer so selbstständig sein, so erwachsen… Dabei wollte er sein Töchterchen doch nur so lange wie nur irgendwie möglich in seinen Armen halten.

„Mama macht wieder länger?“, fragte sie, während er noch die letzten Enden der Decke zurecht zupfte.

„Ihr ist was dazwischengekommen. Sie sagt dir Morgen wieder Gute Nacht“, offenbarte er lächelnd.

Gähnend nickte sein kleiner Engel. Dieses Mädchen, das er und seine Frau mit so viel Liebe in ihr Heim geholt hatten, nachdem feststand, dass sie keine Kinder kriegen konnten. Er hatte seine Tochter vom ersten Tag an in sein Herz geschlossen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen, das damals so sehr auf ihre Hilfe angewiesen war.

Er konnte immer noch nicht verstehen, wie jemand eine Frühgeburt einfach so auf der Straße aussetzen konnte.

„Träum was Schönes, Liane“

„Du auch, Papa!“

Er überspielte seine Unsicherheit mit einem Lächeln, ehe er das Licht löschte und hinausging. Still lehnte er die Tür an den Rahmen. Zog sich einen Stuhl heran. Griff nach seinem Baseballschläger.

Egal welches Höllenmonster ihm seine Tochter wegnehmen wollen würde – er würde es in die Flucht schlagen! Keiner würde ihm seinen kleinen Engel entreißen.

Keiner.

Ein kleiner Ausblick auf eine Storyidee. Ich hoffe, sie gefällt euch!