Minki und das Vogelhaus II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Sie kamen noch am selben Tag.

Zuerst war nur ein leises Tack-tack zu hören. Dann ein Flattern, gefolgt von einem hohen Zwitschern. Ein weiteres Zwitschern folgte. Noch mehr Tack-tacks. Immer mehr!

Die Angst umklammerte Minkis Herz.

Vorsichtig schlich er sich zur Balkontür herüber. Dort konnte er sie sehen. Die Federviecher! Zwitschernd hackten sie auf die falschen Leckerbissen im kleinen Häuschen ein. Sie verwandelten seinen geliebten Sonnenfleck in einen Ort des Grauens mit ihrer Anwesenheit!

Schaudernd legte der Kater die Ohren an.

Er musste etwas tun. Er musste diese Viecher wieder loswerden. Das waren Bestien! Ungeheuer! Peckende, aggressive Mistfliegen!

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B: Hervorbrechende Erinnerungen

Es war bereits nach drei Uhr morgens, als Liane die Geräusche von unten vernahm: Klimpern. Leises Poltern. Schritte.

Vorsichtig setzte sie sich in ihrem Bett auf und blickte zu Shiloh herüber. Eigentlich hatte ihre Freundin erst nach Liane einschlafen wollen. Als sie jedoch nur noch gähnen konnte, hatten sie sich gemeinsam ins Bett gelegt.

Sofort war das andere Mädchen im Land der Träume versunken.

Knirschen.

Entschlossen stand Liane auf und entriegelte ihre Zimmertür. Sie musste schnell hindurch schlüpfen, damit das Licht von nebenan Shiloh nicht wecken würde. Und noch schneller musste sie die Tür wieder schließen, ehe ihr Vater bemerkte, dass sie Besuch hatten.

Eines nach dem anderen.

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M: Lampenfieber

„Das schaffst du, Mary“, ermutigte Kelp seine kleine Schwester sanft, doch schien das Mädchen nur weiter in sich zusammenzusacken.

„Ich möchte nicht … Bitte“, sie presste die Beine gegen ihren Oberkörper. Ihr ganzer Körper bebte. Sie schluchzte. Sie war nicht mehr als ein verknoteter Schatten in der Ecke ihres dunklen Zimmers.

Unschlüssig blickte Kelp zur Tür zurück. Bestimmt wurden sie auf der Party bereits vermisst. Immerhin sollten sie dort die Weihnachtslieder für die Erwachsenen trällern. Na ja. Er wäre dabei nur das lästige Übel. Wichtig war einzig Mary. Denn ihre Stimme war es, die jedes Mal in höchsten Tönen gepriesen wurde.

„Wenn wir nicht bald runter gehen, wird Vater sauer werden“, flüsterte er zu ihr herab, „Und Mutter wird uns wieder bestrafen. Bitte. Lass es uns einfach durchziehen, ja? Genauso wie die letzten Male. Da hast du es ja auch geschafft!“

Schwach schüttelte seine jüngere Schwester ihre blonden Haare umher.

Eine Träne landete auf seinem Handrücken.

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Minki und das Vogelhaus I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Dass die Zweibeinerin komische Dinge tat, war nichts Ungewöhnliches. Es war Gang und Gäbe, dass Minkis Retter sie mit ihrem Unfug gewähren ließ. Deswegen hingen im Frühjahr auch immer diese bunten Eier an den eckigen Bäumen. Manchmal setzte sie noch schiefe Hasenfiguren daneben. Aber in diesem Frühling …

Neugierig beobachtete der Kater, wie die Felllose das kleine Häuschen zusammenbaute. Sie hatte es mit auf den Balkon genommen und schien sich nicht entscheiden zu können, wo es denn nun bleiben sollte. Lieber auf dem Tisch? Oder im Blumenkasten? Oder doch auf dem Fensterbrett?

Als ob es nicht schon verrückt genug war, so einen winzigen Schuppen aufzustellen! Da passte ja keine Katze rein – geschweige denn ein Zweibeiner. War das wieder irgend so eine ulkige Dekoration? Wie der Baum, der im Winter die Stube versperrte? Oder die Blumen, die im Wasserbad den Tisch schmückten?

Gähnend rollte sich Minki auf die Seite.

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B: Ein nächtlicher Besucher II

„Mit meinen Eltern ist alles geklärt. Ich bleib heute Nacht hier, damit wir ein Gruppenprojekt fertig bekommen. War die beste Ausrede, okay?“, murmelte Shiloh, während sie ihr Handy weglegte und den letzten Bissen ihrer Pizza verschlang.

„Hm“, Liane zuckte mit den Schultern.

Ihr eigenes Essen lag noch fast vollständig im Karton. Es fehlte nur ein Stück. Das, welches sie ihrer Freundin überlassen hatte.

„Wir können immer noch die Polizei rufen und-“

„Nein“, entschlossen schüttelte Liane den Kopf, sodass ihre Zöpfe umherpeitschten, „Nein. Ich … Ich glaube nicht, dass sie wiederkommt. Das würde keinen Sinn machen.“

„Du meinst, weil sie Geld dagelassen hat?“, Shiloh lehnte sich gegen das Bett. Sie hatten es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht. So waren sie nicht durch das Fenster zu erblicken.

„Es wirkte wie eine Entschuldigung. Für den kaputten Blumentopf“, erschöpft schob Liane den Pizzakarton von sich und umarmte ihre Beine.

Wieso war das Leben nur so kompliziert?

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