B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Der Kuchen

„Okay. Planänderung“, bemerkte eine von Lianes neuen Mitschülerinnen, „Ms. Lebeau mag keine Rosen. Also ist der Kuchen hinfällig.“

Irritiert blickte Liane zwischen den anderen Schülern umher. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Rede war und wenngleich sie recht nett begrüßt wurde, so scheute sie sich noch davor, Fragen zu stellen.

„Wie wäre es mit Pralinen? Die von ChoNotte?“, fragte der Junge, der an der Tür aufpasste, ob irgendwer kam.

„Die sind alle mit Alkohol. Das ist ein riesiges Tabu“, erklärte das Mädchen von vorne wieder.

„Und ein Gutschein? Für einen schönen Wellnesstag?“

„Noch einfallsloser geht es nicht.“

„Wie wäre es mit einem verzierten Füller?“

„Erinnert nur an die Arbeit.“

„Und ein neues Auto?“

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B: Lianes erste Freundschaft

„Tschüss!“, rief Liane hastig durchs Haus.

„Soll ich dich nicht noch-“

Geflissentlich ignorierte sie ihren Vater und zog den überraschten Oliver mit sich zur Straße. So sehr sie ihren alten Herren auch liebte, wenn er erstmal Mutterhenne spielen würde, kämen sie garantiert nicht mehr rechtzeitig los!

„Komm schon“, drängte sie – nur um drei Schritte später ihre Richtung zu korrigieren.

Denn Oliver zeigte stumm nach links statt nach rechts.

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B: Die Lüge im Spiegel

„Guten Tag. Mein Name ist Lia- Nein. Ich meine, ich heiße Lian- Argh! Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Lia-“, wütend fuhr sie sich durch die offenen Haare und wandte sich vom Spiegel ab.

„Liane. Liane. Liane. Lian… Lili-“

Hastig biss sie sich auf ihre Zunge. Nein. Sie war nicht Lilith. Sie war Liane. Benannt nach der Mutter ihres Vat-

Vat-

Vate-

Erschöpft ließ sie sich auf ihr neues Bett fallen. Auf dieses neue Bett. In diesem viel zu großen Zimmer. In diesem viel zu großen Haus. In diesem Haus, das sie von Isa Silver geerbt hatte. Von Isa Silver, die ihre Mutter gewesen sein sollte. Die sich nicht wie ihre Mutter anfühlte … Es fühlte sich so falsch an. Alles fühlte sich so falsch an!

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B: Aus der Ferne

Chem Wak beobachtete wie Lilith aus dem Fenster sah. Ihr Gesicht erschien ihm etwas blass. Aber vielleicht lag das auch am Schnee, der zwischen ihnen vom Himmel fiel. Durch das Weiß konnte man kaum etwas erkennen und-

Sie wirkte so abwesend. Verschlafen. Übermüdet.

Es war seine Schuld.

„Wie ich’s auch mache, ich mach’s verkehrt, oder?“, murmelte er still. Er dachte an seinen besten Freund zurück. An dessen Gesicht. An die Wut in dessen Augen, als er den Mörder seiner Schwester fand.

„Haben Sie etwas gesagt, Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer.

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