M: Mit Euphorie das Leben begrüßen

„Immer schön ruhig bleiben, ja? Nicht schreien. Nicht umhertollen. Ihr wollt eure Mom doch nicht stressen, oder?“

Bestätigend riss Sophie ihren Kopf hoch und runter. Die Reaktion ihres Zwillings hingegen fiel stockender aus. Marie hatte einfach einen zu schlechten Tag gehabt. Außerdem schien ihre Schwester immer noch mit den gestrigen Neuigkeiten zu kämpfen. Immerhin hatte ihr Vater da nur nebensächlich von der schwierigen Geburt ihres Brüderchens berichtet. Er hatte jegliche Probleme und medizinischen Eingriffe freudig erläutert, hatte jede noch so problematische Aktion der Ärzte unbeeindruckt wiedergegeben-

-und war dabei kein einziges Mal auf Maries Ängste eingegangen.

„Werden Mama und Tyler lange hierbleiben?“

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M: Nur ein dummer Streit

Sophie sammelte das verstreute Werkzeug auf. Hammer. Schraubenzieher. Nägel. Eine Säge. Cuttermesser. Schleifpapier. Nieten. Bleistifte. Muttern. Einen Knochen. Und diverse Teile, von denen sie keine Ahnung hatte, wofür sie jemals gut sein konnten.

Es überraschte sie gar nicht mehr, dass ihr Dad so viel liegen ließ. Er war ständig so geistesabwesend. Vielleicht würde er wirklich eines Tages seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre? Wer konnte das schon wissen.

Meowy meldete sich aus der Küche und Sophie bat ihn noch um etwas Geduld. Sie müsste ihn gleich füttern.

Sie sortierte die Dinge in den großen Werkzeugkasten, der sich unter der Treppe versteckt hatte. Es hatte sie zuerst erschrocken, als die ganzen Sachen sie vom Flurboden aus begrüßt hatten. Immerhin wäre sie beinahe in eine Hand voll Nägel gelaufen, jedoch war der Schreck so zügig abgeklungen, wie er sich angeschlichen hatte.

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C: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd dafür. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Das wird heute nichts mehr“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schmulte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich wieder ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurücksein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit fast zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane den Mann schräg vor ihr an. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleiten sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

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C: Das Wetterleuchten

Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von ihrem Vater unterbrochen wurde.

Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür sitzen würde. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen dort ausharren würde.

Warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber das bedeutete nicht, dass sie verstand, was diese Gefühle in ihm auslöste und warum er plötzlich so überfürsorglich mit ihr umging. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Im Gegenteil! Sie schien sogar noch weniger Zeit für Liane zu haben. Als hätte sie Angst vor ihr?

Nachdenklich malte ihr Zeigefinger auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.

Eins. Zwei. Drei. Vier… Dreizehn.

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