C: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd dafür. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Das wird heute nichts mehr“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schmulte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich wieder ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurücksein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit fast zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane den Mann schräg vor ihr an. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleitet sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

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C: Das Wetterleuchten

Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von ihrem Vater unterbrochen wurde.

Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür sitzen würde. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen dort ausharren würde.

Warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber das bedeutete nicht, dass sie verstand, was diese Gefühle in ihm auslöste und warum er plötzlich so überfürsorglich mit ihr umging. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Im Gegenteil! Sie schien sogar noch weniger Zeit für Liane zu haben. Als hätte sie Angst vor ihr?

Nachdenklich malte ihr Zeigefinger auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.

Eins. Zwei. Drei. Vier… Dreizehn.

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K: Die Umzüge nach den Ammenmärchen

Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer über den Tag. Sauer über ihre Mitschüler. Sauer auf sich!

Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Ballte ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf einen imaginären Countdown runter.

Die Naar kannte das Prozedere. Sie wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-

„Alles in Ordnung, Jessi?“

Da stand die ältere Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich doch nicht einmal schließen… Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.

Also hatte die Schule noch nicht angerufen?

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Das kleine Boot

Ich weiß nicht, wo es herkam.
Dieses kleine Boot, unbiegsam!
Im wilden Gewässer,
Am schneidenden Messer.

Würde es nicht übersteh‘n,
Würde es gewiss untergeh’n,
Dieses kleine Boot –
Verloren in Seenot…

Doch waren meine Sorgen unbegründet,
Denn als wäre das Holz angekündet,
Wurde es umwoben,
Emporgehoben.

Ich beobachtete es vom Leuchtturm aus,
Bedachte es aus diesem sicheren Haus,
Konnte die sanften Wellen nicht verstehen,
Die ihm liebevoll beistehen…

Was, oh, was nur war besonderes daran?
An diesem einfachen, winzigen Kahn?
Warum vermochte er zu schwimmen?
Während andere verglimmen…
Während andere ertrinken,
In tiefen Wellen versinken,
Vermag es zu treiben,
Die Eifersucht einzuverleiben!

Meine Glühwürmchen, sie singen,
Tanzen und springen,
Freuen sich gar sehr,
Für dieses kleine Boot im Meer.

Nur weiß ich nichts zu zusagen.
Will es nicht mal wagen.
In meinem Inneren schreie ich auf:

Verschwinde!
Du weißt nichts über frühere Winde!
Wünschte ich Dir: „Ersauf“?

Sturm der Gefühle

Man vermag sie kaum zu bändigen.
Man vermag sie kaum zu halten.
Sie fliegen umher.

Den Worten Anderer ausgesetzt.
Durch die Worte Anderer verletzt.
Nackt.

So lernte ich diese zu akzeptieren.
Das Innere zu maskieren.
Das Innere zu massakrieren.
Mich selbst zu verlieren.

Die Bande, sie brachen.
Und nun im Vorbeigehen
Mit versteckten Tränen –
Mit gekünsteltem Lachen
Fragst Du mich,
Warum sagte ich nichts?

Und so erwidere ich,
Bedeutete ich Dir nichts?!

Das Herz wart verschlossen.
Abgehackt die Sprossen,
Die einem Kind sonst halfen,
Die Welt zu gestalten.
Vergossener Schweiß –
Blut und Tränen waren Preis.
Doch waren sie viel zu leis‘
Im Vergleich zum frostigen Eis.

Das Eis, das die Seele umwob.
Mich in die Tiefen des Hurrikans schob,
Ins Auge des Sturms
Auf dem Balkon des Leuchtturms.

Apathie umkreiste die Gedanken,
Verschlang Freude und Glück.
Während sie im Meer versanken,
Führte kein Weg mehr zurück.

Ein Lächeln wurde aufgesetzt.

Dein Wille durchgesetzt.

Die Gedanken ersetzt.

Die Seele zerfetzt.

Unwissend, nichtsahnend –
War ich ein Kind.
Was hätte ich sagen können?
Mein Innerstes zerrann zu geschwind…

Ich ließ mich fallen,
Ließ mich tragen,
Ließ mich ertränken,
Ließ mich verjagen,
Nickte artig ja,
Sagte kaum nein,
Akzeptierte stumme Ohren,
Wenn ich nur wollte schrei‘n!

Hörst Du mich nicht?!
Siehst Du mich nicht?!
Oder hast Du es bereits vergessen?
Mein Gesicht?

Die Dunkelheit brach ein,
Ließ kein Licht herein.
Sie schottete mich ab,
Schaufelte mein viel zu frühes Grab.

Ich war bereit zu gehen,
Konnte all das nicht mehr verstehen,
Konnte das Scheinheilige nicht sehen,
Wollte nur noch durchdrehen…

Da erblickte ich den ersten Funken.
Ich fühlte mich ertrunken,
Doch griff meine tote Hand danach,
Und weckte mich aus dem ewigen Schlaf.

Glühwürmchen –
So klein, so zierlich,
Verbreiteten ihr helles Licht,
Wärmten mein eisiges Gesicht,
Erleuchteten meine Sicht.

Eines nach dem anderen
Flogen sie in mein Leben,
Erweckten in meinem Inneren
Einen Traum nach ewigem Streben.

Ach! Wie sehr die Tränen doch flossen!
Wie warm meine Gefühle uns umschlossen,
Als die Glühwürmchen mich lenkten
Und mir endlich Liebe schenkten.