C: Nur eine Story

Chem Wak beobachtete das Gebäude vor ihm. Es war groß. Modern. Edel. Kurzum: ein Sinnbild von Reichtum und Ästhetik. Er hatte so etwas bereits abfällig erwartet. Dieser Luxusbunker erklärte stumm so viele Ungerechtigkeiten, die-

Ruckartig schüttelte er seine Gedanken ab. Stattdessen bedeutete er seinem Fahrer, hier auf ihn zu warten, ehe er durch den Schnee zum extravaganten Haus hinüber watschelte.

Ein Dienstmädchen öffnete ihm.

„Mr. Belial? Die werte Dame erwartet Sie bereits. Darf ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen?“, ihre Worte waren von einer kühlen Höflichkeit geprägt.

Nicht von Wärme.

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C: Kritz, kritz, kratz

„Sie hat behauptet, dass irgend so ein komischer Typ sie gerettet hätte. Aber keiner will ihn gesehen haben.“

„Wenn du mich fragst, Doppelzopf war doch schon immer etwas eigenartig. Wahrscheinlich hat sie sich die Story nur ausgedacht.“

Kritz, kritz.

„Glaub ich auch! Tims Oma soll mit ihr im Bus gewesen sein und sie schwört felsenfest, dass Liane alleine ausgestiegen wäre!“

„Tim selbst ist halb blind. Wie viel kann da schon die alte Schnepfe sehen?“

Kritz, kritz.

„Ist doch egal, wie viel die Alte sehen kann. Fakt ist, dass nichts zu stimmen scheint. Ich sag dir, das sind alles nur dumme Märchen, damit Liane sich wichtig vorkommen kann!“

Kritz, kritz.

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C: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd dafür. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Das wird heute nichts mehr“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schmulte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich wieder ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurücksein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit fast zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane den Mann schräg vor ihr an. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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C: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt, doch lächelte das kleine Mädchen nur unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen…

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Kindeseinbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war… warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

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