K: Nach vorn oder zurück?

Schweigend beobachtete TJ das Waisenhaus. Es lag so abgelegen von der restlichen Welt – beinahe versteckt. Nur eine einzige, einsame Straße führte an dem riesigen Gebäude vorbei, das von Shizens Wäldern verborgen lag. Wenn die Apokalypse einträfe, würde man hier nichts davon mitbekommen.

Und wenn hier ein Unglück geschehen würde …

Besser hier, als woanders, versuchte er sich einzureden.

Ist klar, meldete sich John, seine zweite Seele, mürrisch zu Wort, Lass mich wissen, wenn du es wirklich ernst meinst.

Kopfschüttelnd lief TJ am Waldrand entlang. Er achtete darauf, nicht gesehen zu werden. Wenn man ihn sah, würden die Leute ihn ansprechen. Dann müsste er sich mit einer fremden Person beschäftigen. Dann müsste er höflich bleiben, obwohl er am liebsten-

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B: Ein nächtlicher Besucher II

„Mit meinen Eltern ist alles geklärt. Ich bleib heute Nacht hier, damit wir ein Gruppenprojekt fertig bekommen. War die beste Ausrede, okay?“, murmelte Shiloh, während sie ihr Handy weglegte und den letzten Bissen ihrer Pizza verschlang.

„Hm“, Liane zuckte mit den Schultern.

Ihr eigenes Essen lag noch fast vollständig im Karton. Es fehlte nur ein Stück. Das, welches sie ihrer Freundin überlassen hatte.

„Wir können immer noch die Polizei rufen und-“

„Nein“, entschlossen schüttelte Liane den Kopf, sodass ihre Zöpfe umherpeitschten, „Nein. Ich … Ich glaube nicht, dass sie wiederkommt. Das würde keinen Sinn machen.“

„Du meinst, weil sie Geld dagelassen hat?“, Shiloh lehnte sich gegen das Bett. Sie hatten es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht. So waren sie nicht durch das Fenster zu erblicken.

„Es wirkte wie eine Entschuldigung. Für den kaputten Blumentopf“, erschöpft schob Liane den Pizzakarton von sich und umarmte ihre Beine.

Wieso war das Leben nur so kompliziert?

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K: Lebenswunsch

Unschlüssig beobachtete sie das Haus. Verglichen mit der Ruine im Wald erschien es ihr so riesig! Und dennoch hatte sie es nur durch Shizens Witze gefunden. Er hatte ihr von den nichtmagischen Bewohnern erzählt. Sie würden sich hier so irrsinnig verhalten. Gewiss waren ihre Leben einfacher. Einfacher und amüsanter.

Das hatte ihr Interesse geweckt.

Seither hatte sie sich alle paar Tage hierher getraut. So konnte sie die Menschen aus der Ferne beobachten. Es verwirrte sie, dass die Kinder sich so unbeschwert gaben. Dabei waren sie alle ungewollte Waisen, oder? Das behaupteten Shizens Desson doch!

„Es kommt jemand“, schnurrte Yuki in ihr Ohr und augenblicklich versteckten sie sich hinter dem nächsten Baum.

Fragend nickte Maggie hinter sich und die Gestaltwandlerin verwandelte sich in einen Käfer. Surrend flog sie um ihr Versteck, um die Lage aus zu peilen.

„Er räumt auf“, berichtete sie, als sie sich erneut auf ihrer Schulter niederließ.

„Hm.“

Mehr wusste Maggie nicht zu sagen. Nicht während sich die Stimmen in ihrem Kopf überschlugen. Die eine forderte den sofortigen Rückzug. Die andere wollte alles erkunden. Sie fühlte sich zwischen einer Einsiedlerin und einem kleinen Kind gefangen.

Dabei wollte sie selbst vor Angst nur erstarren.

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B: Aus dem Schatten

„Du sollst sofort zurück ins Büro kommen … oder stellt das ein Problem dar?“, brummte Mr. Brume ins Telefon, „Na gut. Lass dir aber nicht zu viel Zeit. So ungehalten habe ich Mr. Belial schon lange nicht mehr gesehen.“

Chem Wak lauschte dem kurzen Tüten. Dem Rascheln von Stoff. Den Schritten. Dem leisen Atmen…

Reflexartig sog er selbst Luft ein und ließ sie einen Moment später wieder entweichen. Er neigte den Kopf zur Seite. Nickte stumm.

„Vorzüglich“, lobte er seinen Fahrer und deutete auf einen freien Stuhl.

Beinahe erleichtert setzte sich der andere Mann.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn Oliver nur-“

Chem Wak wank entschieden ab: „Er sollte nie mit ihrem Schatten verschmelzen. Wir alle brauchen früher oder später mal Zeit für uns. Also: Nicht weiter der Rede wert.“

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K: In wessen Verantwortung?

Es war bereits nach Mitternacht, als Sabine endlich durch die Haustür trat. Still verstaute sie ihre Schuhe, legte ihre Handtasche ab und hielt inne.

In der Küche brannte noch Licht.

Nachdenklich wanderte ihre Seele voraus und tastete die umliegenden Räume ab. Die meisten ihrer Stiefkinder schienen zu schlafen. Alle bis auf einen …

„Du hättest nicht auf mich warten müssen“, grüßte sie Benjamin, dessen Kopf müde auf dem Tisch lag, als sie hereinkam.

„Kathleen ist ein paar Mal schreiend aufgewacht. Alpträume. Bin irgendwann unten geblieben – dann konnte ich mir die Treppen sparen“, murrte der Junge und setzte sich gähnend auf.

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