K: Das Herz einer Mutter I

Die Nacht fühlte sich leichter an. Leichter als die vorherigen. Fast schon friedlich. Dabei konnte Maggie immer noch spüren, wie die Anspannung sie einnahm. Sie war seit über einer Woche da. Seit-

Die Berührung an ihrer Stirn ließ ihre Gedanken verstummen. Sachte öffnete sie die Augen. Sie starrte auf den schwarzen Stoff, auf dem sie lag. Dann auf die Hand, die routiniert an ihrem Nasenbein herabstrich, ehe sie sich wieder auf ihren Haaransatz legte. Zuletzt fiel ihr Blick auf TJ’s geschlossene Augen.

Ob er selbst kurz vorm Einschlafen war?

Als seine Finger erneut an ihrem Gesicht herabglitten, fing sie diese mit ihren eigenen ein. Sie drückte sie sanft. Beobachtete, wie der Hushen beinahe verwirrt auf sie herabblickte. Erst dann schlich sich ein leichtes Lächeln auf seine Züge.

„Guten Morgen.“

Er sprach die Worte so alttäglich, so normal aus, als wäre er gerade erst eingetreten. Nicht, als hätte er schon seit Stunden auf ihrem Bett gesessen, was zumindest seine Augenringe behaupteten. Valeries Schuldgefühle suchten sie heim. Aber auch Alice‘ Dankesgefühle. Weil er da war. Weil er geblieben war. Weil er schon immer geblieben war.

Dabei hatte sie ihm doch dieses Mal keine Sorgen bereiten wollen.

Ehe sich Maggie versah, fiel sie ihm schluchzend in die Arme. Sie spürte, wie er sich anspannte. Dennoch konnte sie ihm ihre Sorgen nicht erklären. Nicht, solange sie sich selbst noch zu unschlüssig war.

„Ich wollte nicht- Es war nur- Du solltest doch nicht- Was, wenn-“, kein Gedanke wollte ihr vollständig entweichen, also schüttelte sie ruckartig den Kopf.

„Schon gut. Nimm dir die Zeit. Nimm dir alle Zeit der Welt“, er drückte sie sanft, trotzdem spürte sie die Anspannung in seiner Geste, „Was es auch ist – ich lasse nicht zu, dass es dich verletzt.“

Seine letzten Worte waren leiser gewesen. Fast schon zu leise! Angespannt atmete sie durch. Sie löste sich langsam aus der Umarmung. Schaute sich zum ersten Mal um. Zu ihrer Auxilius, die angespannt neben ihrem Bett stand. Zu dem Schatten, der an ihrer Decke entlangkrabbelte. Zu-

Gakumon war als Schatten unterwegs? Aber sonst behielt er doch in ihren Gemächern seine Form bei. Nur wenn TJ ihm sein Zentrip gab, sollte sich der Desson verbergen und-

Ein Blick auf den Gürtel des Hushens verriet, dass er dies getan hatte. Dass er so SveA beruhigen wollte. Dass er so das Vertrauen der Auxilius wahren wollte?

„Was ist passiert?“, fragte Maggie still, während Valerie bereits die ersten Vermutungen verkündete.

„Der Otou-san blinzelte sich letzte Nacht mit den Papieren zu Euch“, erklärte SveA und deutete auf ein paar Zettel, „Dann bestand er darauf zu bleiben und sprach auf Euch ein, bis Euer Eis sich zurückzog.“

Und deswegen ist sie auch so mies gelaunt!, mischte sich Valerie harscher ein, Ohne Erlaubnis gegen unsere Elemente vorzugehen, ist, als würde man gegen uns vorgehen. Obwohl er sein Zentrip abgelegt hat, muss er ihr daher wie ein Verbrecher vorkommen!

„War es schon sehr … abgekühlt?“, fragte sie TJ direkt.

„Es ging. Nicht-“

„Bitte.“, unterbrach Maggie ihn und löste sich aus ihrer Umarmung, „Rede es nicht schön. Bitte …“

Er seufzte still: „Es hat sich wieder im ganzen Raum ausgebreitet. Die Atemluft war zu sehen. Und … Tränen hatten sich in deinen Augen festgefroren. So habe ich dich schon lange nicht mehr erlebt.“

„Danke“, ein Schaudern durchfuhr sie und sofort fand sie sich wieder in seinen Armen wieder, „Danke … Es … Es waren nur ein paar Gedanken. Und wenn sie abends kommen … Ich wollte nicht-“

„Schon gut. Alles gut. Du hast niemanden verletzt“, hauchte er ihr die einzigen Worte zu, die sie brauchte.

Das wäre immer das wichtigste. Nie wieder wollte sie versehentlich jemanden mit ihrer Magie verwunden.

„Er hat-“

„Er hat sich an unsere alte Abmachung gehalten“, behauptete sie vor SveA eilig, „Egal, wann TJ auch kommen mag: Wenn ich keine Kontrolle habe und er mir damit hilft, lässt du ihn, ja?“

Ihre Auxilius nickte ruckartig. Dennoch nickte sie. Und das gab Maggie die Kraft, auch Gakumon zu grüßen, sodass sich der Desson mitsamt TJ’s Zentrip neben ihnen wieder materialisieren konnte.

Zügig packte der Hushen seine stumpfe Klinge ein, ehe sie zu lange offen daliegen konnte. Erst danach wandte er sich Maggie wieder zu. Nickte auf den Raum. Zog eine Augenbraue hoch. Eine stumme Frage, was die vorherige Nacht ausgelöst hatte. Ohne ihr aktiv eine Frage zu stellen, die SveA gewiss wieder kritisiert hätte.

„Ma. Sie … Es ist irgendwie“, sie atmete durch, „Niklas ist letzte Woche vorbeigekommen, weil er Hilfe brauchte. Wegen Mel“, begann sie langsam, „Er hatte erzählt, dass Janine sich zerreißen müsste, um ihm zu helfen, weil Mel sich stur stelle. Weil ich so abrupt weg bin und sie deswegen jetzt schon zu den Älteren gehört“, sie zog hastig Luft ein, ehe die Worte viel zu schnell aus ihr herauspurzelten, „Also habe ich nachgefragt, warum Ma nicht, wie früher, einiges übernimmt. Und Niklas meinte, dass es ihr nicht so gut ginge. Nicht körperlich. Da wäre alles in Ordnung. Das hat Alice auch extra überprüft, als wir das letzte Mal da waren. Eher psychisch. Sie schliefe kaum. Wäre angespannt. Würde bei jedem Geräusch dreimal hinsehen und … Ich weiß nicht. Ist es meine Schuld?“

Schuld. Schon wieder. Dieses Wort verfolgte Maggie wie ihr eigener Schatten. Sie musste sich schütteln, um es abzuwerfen. Dabei hatte sie dennoch das Gefühl, dass es weiterhin an ihr klebte. Dass es-

TJ’s Arme stoppten sie. Sicher hielt er sie fest. Starrte in ihre Augen. Wirkte dabei so nachdenklich.

„Ich glaube nicht, dass du dir für irgendetwas bei deiner Ma die Schuld geben müsstest“, erklärte er still.

„Habt Ihr der Frau etwas getan?“, mischte sich SveA ein.

„Svenja!“

„Floris, er ist sich seiner so sicher, als würde er etwas verbergen“, erklärte diese ungerührt.

„Ich bin mir meiner so sicher, weil ich Maggie besser als mich selbst kenne“, konterte TJ gelassen, ehe sich seine Stimmlage senkte, „Davon abgesehen, würde ich nie im Leben ihre Hutanfamilie anrühren. Nie. Mals.“

„John, bitte. Das weiß ich.“, die Floris stellte sich entschlossen zwischen die beiden, „Und Svenja, es … Bitte. Als ich kaum gerade stehen konnte und TJ gewarnt hatte, dass mein Vater das Waisenhaus angreifen wollte – TJ hätte bei mir bleiben können. Er hätte sie sich selbst überlassen können. Doch er hat alles unternommen, um meine andere Familie nicht nur vor meinem Vater zu schützen, sondern auch noch vor den Hushen zu verbergen.“

Als sie zu ihrem Verlobten zurücksah, hatte sich ein nachdenklicher Tarek wieder auf seine Gesichtszüge geschlichen.

„Es wissen nicht viele Macian von deiner Ma, nehme ich an“, meinte er zögerlich.

„Ja. Nein. Teilweise. Also …“, angespannt lehnte sich Maggie zurück, „Cindy weiß alles, was die Hutan auch wissen. Meine Auxilius wissen auch Bescheid … Und die Wachposten wissen von Niklas. Damit sie ihn nicht noch einmal angreifen. Auch die Generäle … Aber keiner von ihnen weiß, wer Ma ist.“

„Sie könnte dennoch von einem Macian erkannt worden sein“, gab TJ zu bedenken.

„Wenn selbst Sven sie nicht erkannt hatte?“, seufzend ließ sich Maggie auf ihr Bett fallen, „Ich habe schon überlegt: Hat sie jemand bedroht? Sorgt sie sich um einen weiteren Angriff? Wenn ja, von wem? Und wieso? Oder was, wenn … wenn sie denkt, dass ich sie hasse“, ihre Stimme brach ihr ein wenig weg, „Wenn sie denkt, dass ich das Waisenhaus vernichten möchte? Wenn sie denkt, dass ich sie lieber tot sehen möchte, nachdem sie mich so belogen hat …“

Viel zu langsam senkte sich die Matratze, als TJ sich neben ihr niederließ.

„Und? Hasst du sie?“, fragte er sie direkt.

Verwirrt schaute sie auf. Sie war es nicht mehr gewohnt, dass er sie so direkt fragte. Weil er sich sonst zu sehr den Sprachregeln der Macian gebeugt hatte. Sie hatte seine Fragen immerzu erahnen müssen. Hatte gespürt, wie sie dabei eher um ihre Themen getanzt waren, anstatt sie direkt anzusprechen.

„Nein“, antwortete sie, ehe sie sich versah.

„Floris!“, SveA’s Ausruf klang wie aus einer fernen Welt, als TJ die nächste Frage stellte.

„Willst du dann nicht zu ihr, um es ihr zu sagen?“

Er bot ihr eine Hand an. Eine, die ihr genauso vertraut war, wie ihre eigene. Eine, die sie sofort ergriff. Ohne nachzudenken.

Nur um sich in ihrem alten Kinderzimmer wiederzufinden.

„Floris!“, zischte SveA atemlos hinter ihr, während sie sich noch an einer Schnur ihres Kleides festklammerte „Ihr könnt doch nicht einfach- Ihr-“

„Willst du Trish wecken?“, fragte Maggie still, damit ihre Auxilius verstummte.

Erst dann konnte sie sich wahrhaftig den Raum ansehen. Diese vertrauten vier Wände, die sie so sehr vermisst hatte. Die sie doch eigentlich meiden wollte, damit kein Macian sein Augenmerk auf das Haus am Waldrand richtete. Damit ihre Familie hier in Sicherheit wäre.

Dabei sind wir eigentlich bislang nur nicht hergekommen, weil du kalte Füße hattest, mischte sich Valerie ein.

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