K: Nicht studieren

Ilse feuerte den Ofen an. Ein knarrendes, altes Ding, das älter als sie selbst war. Er musste noch mit Holzscheiten und dem Blasebalg vorgeheizt werden. Dennoch galt er zum Zeitpunkt des Hausbaus als modern.

Ganz im Gegensatz zu dem Kühlschrank daneben.

Stöhnend erhob sich Ilse und schloss den Ofen. Sie musste sich erst um das Frühstück kümmern. Danach kamen die Kuchen und Plätzchen ran, die sie an die Nachbarn verkaufte.

Es knarrte leise.

„Na? Endlich wieder daheim, Bekki?“

Geduldig wartete Ilse darauf, dass ihre jüngste Tochter in die Küche kam.

„Ich war nur kurz draußen, die frische Luft genießen“, erklärte Rebekka sogleich.

Ilse drehte sich nicht um. Sie kannte ihr Mädchen. Sie wusste wann es log.

Und sie wusste, wann es sich dafür schämen würde.

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K: Die Grün-Augen-Kobolde II

„Was. Habt. Ihr. Euch. Dabei. Gedacht!?“

Die Worte knallten wie Kanonenschüsse durch Robbys Kopf und mit jedem Peng zuckte er etwas mehr zusammen. Verunsichert suchte er nach Isabels Hand. Seine Schwester erwiderte seine Geste fürsorglich. Doch ihre Mine blieb dabei genauso verängstigt, wie er sich fühlte.

Einzig Christoph ließ sich nach außen hin nichts anmerken. Er stand auf Isabels anderer Seite auf dem Treppenabsatz. Den Rücken durchgedrückt. Die Schultern gespannt. Die Augen harsch auf Sabine gerichtet.

„Was denn? War doch lustig“, säuselte er beinahe vergnügt.

Das Gesicht ihrer Betreuerin lernte neue Rottöne kennen.

„Lustig?“, wiederholte sie, „Wirklich? Lus-tig?“

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K: Die Grün-Augen-Kobolde I

Isabel rührte lustlos in ihrem Mittagessen herum. Irgendein Auflauf. Sabine, die Betreuerin des Waisenhauses, hatte ihn vorhin zusammengewürfelt, doch konnte er das Mädchen nicht minder interessieren. Essen war nur eine Aufgabe.

Essen. Trinken. Schlafen. Aufstehen und Funktionieren … Das waren alles nur Aufgaben.

Aufgaben, in denen sie keinen Sinn sah.

„Ich weiß, es ist schwer“, erklärte ihr Stiefbruder Paul zum wiederholten Mal, „Aber Anja muss ihr eigenes Leben bewältigen. Und ihr eures. Verstehst du?“

Isabel blickte lustlos zu dem Älteren. Dann über die anderen besorgten Gesichter hinweg zu ihrem Zwilling Robby, der zumindest an seiner halben Scheibe Brot knabberte.

Er sah so müde aus …

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K: Nur ein Traum II

„Du bist spät dran“, begrüßte er JM, als sie sich endlich ins Zimmer schlich.

Hockend wartete er bereits seit Stunden neben dem bewusstlosen Mann auf sie. Am liebsten hätte er den Trunkenbold raus gezerrt. Er wollte ihn weit weg von dem kleinen Mädchen wissen, welches ihm so sehr ans Herz gewachsen war!

Aber Oni war nicht stark. Er war noch nie stark gewesen. Selbst damals, als seine Vertraute ihn brauchte, als er sie vor der ganzen Welt verteidigen wollte und Zähne fletschend vor ihr stand, war er ihr nur ein Klotz am Bein gewesen.

„Ich hatte zu tun“, erwiderte die neu angekommene Frau ausweichend und schob sich an ihm vorbei.

Zwei rot leuchtende Augen tauchten neben ihr auf. Sie erschienen aus dem Nichts und blieben mitten in der Luft hängen. Zuerst bohrten sie sich in Oni, dann in den schlafenden Mann.

„Hast du ihn umgebracht?“

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K: Nur ein Traum I

Der Staub hinterließ einen toten Geschmack auf Nadjas Zunge. Er schmuggelte ein Gefühl der Einsamkeit in ihr beengtes Zimmer. Und selbst der stete Luftzug ihres kaputten Fensters wusste die Fusseln nicht zu vertreiben. Lieber entlockte er ihrem Windspiel ein schwerfälliges Lied. Dieses echote gepeinigt durch den Raum. Es sang mit seinen tristen Klängen von Kummer. Von Sorgen. Von Qualen.

So wie jede Nacht …

Zügig ignorierte Nadja die Töne. Stattdessen bemühte sie sich, die Schemen ihrer Möbel auszumachen. Ein schwieriges Unterfangen, da sie ohne den Mond die Ecken und Kanten nur erahnen konnte. Sie nahmen geisterhafte Konturen an, die stumm miteinander zu verschmelzen schienen.

„Gute Nacht und träum was Schönes. Wir sind zurück, ehe der Morgen anbricht“, hatte ihre Mutter vorhin noch gesagt.

Worte, die nun so weit entfernt wirkten.

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