K: Renne, Schneewittchen

Ungeduldig wippte Melanie auf den Kissen – ihrem provisorischen Kindersitz – hin und her. Ihre Gedanken drehten sich um ihre Familie. Um ihren Vater, der Melanie erklärt hatte, dass sie sich nichts mehr leisten könnten. Um ihre Mutter, die Melanie zuletzt weinend in die Arme geschlossen hatte. Um ihre Tante Jill, die sie überraschend besuchen wollte, nur um Melanie wütend mit sich zu nehmen.

Fort aus dem leeren Haus, das immer stickiger, immer komischer gerochen hatte.

„Wo sind deine Eltern?“, hatte sie Melanie gefragt, als sie den Notruf auf dem toten Telefon betätigen wollte.

Die Leitung war ihnen bereits einige Tage zuvor abgeknipst worden.

„Papa hat gesagt, ich solle hier auf sie warten. Und Mama hat gesagt, dass es okay wäre. Auch wenn mich der Rauch zum Husten bringt, wird er alles besser machen und all unsere Probleme lösen“

Danach hatte ihre Tante Jill sie ganz fest in die Arme geschlossen. Sie hatte geflucht. Hatte sie mit nach draußen genommen. Hatte Melanies Haare zurückgebunden. Das schwarze, dicke Gestrüpp, das das Mädchen sonst kaum zu bändigen wusste.

„Das ist nicht richtig…“

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K: Über Kamillentee

„Das macht dann 47,43“, las Paul von der Kasse ab.

Der Kunde legte ihm einen Fünfziger auf den Tresen und noch ehe das Wechselgeld seinen Weg aus der Kasse finden konnte, war der Mann verschwunden. Klingelnd schlossen sich die Türen hinter ihm. Ihre Bewegung schob eine Hitzewelle durch das Gebäude der Tankstelle und Paul beobachtete, wie der Fremde in seinen Truck stieg, einen kräftigen Schluck aus einer Wasserflasche nahm und von einer der drei Zapfsäulen wegfuhr.

„Ihnen auch noch einen schönen Tag“, bemerkte er sarkastisch.

Seufzend warf der Kassierer das Trinkgeld in einen alten Aschenbecher und überschlug seine zusätzliche Einnahmequelle. Vielleicht könnte er noch auf Fünfzehn Mücken kommen. Dann könnte er seiner schwangeren Freundin endlich mal wieder ihre Lieblingspizza bestellen. Jedoch machte er sich keine allzu großen Hoffnungen. Nicht viele Leute waren auf den Landstraßen nach Havbolt unterwegs.

Und noch weniger reisten während der Mittagshitze Ende Juni umher.

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K: Rechnungen und Versprechen

Im Kerzenlicht wühlte sich Rebekka Naar durch den Stapel an Briefen. Irgendwo musste der dämliche Zettel doch sein! Sie wusste genau, sie hatte ihn vor zwei Wochen oder so zu den anderen Forderungen gelegt. Zu all diesen Papieren, die sie bereits seit Monaten nach deren Wichtigkeit sortieren wollte.

Und nun wurde ihnen der Strom abgestellt.

Genervt fand sie den Brief von ihrem Energielieferanten. Es war eine Zahlungserinnerung – datiert auf letzten Monat. Wie hatte sie diese – zusätzlich zu so vielen anderen – nur verstreichen lassen können? Mittlerweile verlangte das Unternehmen ein halbes Vermögen, um die Mahnungen abzubezahlen und ihre Zahlungsfähigkeit zu bestätigen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie in Verzug geraten war und-

„Mama?“

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K: Die Stimme

Leise stand Jenny auf. Sie erschauderte, als ihre nackten Füße den kalten Holzboden berührten, doch verbat sie es sich, irgendwelche Geräusche über ihre Lippen zu lassen. Sie musste still bleiben. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur so konnte sie hinter die Wahrheit kommen. Nur so konnte sie ihrem Onkel Fred helfen…

Fröstelnd zog sie sich eine viel zu große Jacke über ihr Nachthemd. Die Betreuerin des Waisenhauses hatte sie ihr gegeben. Genauso wie die anderen Kleidungsstücke. Genauso wie das tägliche Brot. Genauso wie das Dach über ihrem Kopf und die Freunde, die sich ihre Stieffamilie nannten…

Doch dafür wurde Jenny ihr Onkel genommen.

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K: Die Umzüge nach den Ammenmärchen

Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer über den Tag. Sauer über ihre Mitschüler. Sauer auf sich!

Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Ballte ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf einen imaginären Countdown runter.

Die Naar kannte das Prozedere. Sie wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-

„Alles in Ordnung, Jessi?“

Da stand die ältere Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich doch nicht einmal schließen… Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.

Also hatte die Schule noch nicht angerufen?

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K: Keine Medizin!

Tom musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben es einem nicht immer leicht machte. Wenngleich es der frühe Tod seiner Mutter, sein ihn misshandelnder Vater oder gar der Kampf nach einem normalen Leben war. Alles forderte seinen Preis. Alles zerrte an ihm.

Und nicht alles lag im Rahmen des Möglichen.

Vielleicht hatte er deswegen mit seinen knapp sechzehn Jahren die Vaterrolle für einige der anderen Waisen angenommen. Immerhin wusste er nur zu gut, wie sich kein Vater je zu verhalten hatte. Er wusste, was ein Vater nicht tun sollte. Was er nie zu sagen hatte. Was er seinen Kindern nie zumuten dürfte…

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er immerzu wusste, was er sagen sollte.

„Christoph? Mach bitte die Tür auf“, Tom klopfte noch einmal doller gegen das Holz – bemühte sich aber dennoch, die Stimme nicht weiter anzuheben.

„Nein! Keine Medizin! Medizin böse! Medizin schlecht!“, schrie ihm der Dreijährige entgegen, als würde es um sein Überleben gehen.

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K: Exquisia Exquisé

„Flo?“, fragte Benjamin zögerlich und betrachtete die Verpackung vor sich verwundert. Er stand vor Kaylas Kühlschrank – drei mauzende Katzen zwischen seinen Beinen, von denen ihm der Größte schon wieder die Hosenbeine durchlöcherte.

„Was denn?“, erklang die verschlafene Antwort seines Stiefbruders von nebenan und kurz darauf erschien dieser mit seinen Cartoonboxershorts und einem viel zu großen Comicshirt vor ihm. Zerzaust standen seine Haare in alle möglichen Richtungen ab, während er versuchte, nicht über die heulenden Vierbeiner zu stolpern, die nun auch bei ihm ein drittes Frühstück verlangten.

Doch Benjamin zeigte nur verunsichert auf die kleine blaue Box zwischen der Butter und ein paar Joghurts. Während diese auf dem ersten Blick recht normal erschien und ihm bei der Wohnungsübergabe nicht weiter aufgefallen war, so fragte er sich nun – drei Tage später – wirklich, was da drinnen war. Das Plastik schien beschlagen zu sein und von innen schimmerten ungewöhnliche Farben hindurch. Etwas wirkte wahrlich nicht in Ordnung mit diesem Becher.

„Vielleicht irgendein Aufstrich?“, gab Florian hinter ihm nuschelnd von sich und zuckte unbekümmert mit den Schultern.

Also hatte Kayla ihm auch nichts dazu gesagt…

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