K: Ich kenne keine Mama

„Ach, Flo…“, begrüßte Janine den Jungen seufzend, als sie ihn fand.

Schniefend drückte er seine Jokerfigur doller gegen die Brust. In diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, dass sie ihn einfach nur sich selbst überließ.

„Lass mich in Ruhe!“, forderte er verweint. Doch kümmerte es sie nicht. Gelassen kletterte Janine über die vergessenen Tüten mit Dekorationen und alten Kleidern zu ihm in die hinterste Ecke der Nische. Gelegentlich fluchte sie über irgendeinen Gegenstand, der sich in der Dunkelheit des Zimmers versteckte. Ansonsten gab sie keinen Laut von sich.

Florian zog seine Knie näher an seinen Körper. Er hatte dieses Versteck doch ausgewählt, weil es nicht gut zu erreichen war. Hier – so hatte er gehofft – würde man ihn als letztes suchen. Hier hätte er seine Ruhe. Und hier müsste er keine dummen Fragen beantworten!

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K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Doch war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

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K: Ich sehe nichts

Das Geschrei hatte sie geweckt.

Verschlafen rollte sich Anja auf die Seite. Sie starrte auf die Wand zum Nebenzimmer. Runzelte die Stirn. Blickte auf den Wecker. Seufzte.

Diesmal war es noch vor um drei.

Schlaftrunken schob sie sich aus dem Bett und schmiss sich eine dünne Jacke über. Ihr Zimmer war eiskalt. Kein Wunder. Die undichten Fenster und alten Heizkörper konnten schon ab September nachts keine ordentliche Temperatur mehr halten. Und mittlerweile kündigte sich Halloween an. Die Zeit der Geister, Gespenster und ruhelosen Seelen.

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K: Lieber Niklas

Niklas beobachtete seine älteste Stiefschwester unsicher. Er hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen, da sie viel zu selten ihr altes Waisenhaus besuchen kam. Aber heute, zum Geburtstag ihrer Betreuerin und einem seiner anderen Stiefbrüder, zum Jahrestag ihres Waisenhauses, war sie endlich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lachend saß sie mit all den anderen Kindern, den Freunden aus dem Dorf und einigen ehemaligen Waisen an einem riesigen Tisch. Links von ihr hockte das andere Geburtstagskind, Florian, auf einem kippelnden Stuhl und erzählte von alldem, was sie verpasst hatte. Rechts von ihr lauschte auch der ebenfalls ausgezogene Tom den prachtvollen Erzählungen. Auf ihrem Schoß hüpfte die zweijährige Lisa glucksend auf und ab. Letztere verlangte Lieder. Musik. Aufmerksamkeit.

Und Janine gab sie dem Kind genauso herzlich, wie sie es einst bei ihm getan hatte.

Viel zu lange lagen diese Erinnerungen zurück.

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K: Renne, Schneewittchen

Ungeduldig wippte Melanie auf den Kissen – ihrem provisorischen Kindersitz – hin und her. Ihre Gedanken drehten sich um ihre Familie. Um ihren Vater, der Melanie erklärt hatte, dass sie sich nichts mehr leisten könnten. Um ihre Mutter, die Melanie zuletzt weinend in die Arme geschlossen hatte. Um ihre Tante Jill, die sie überraschend besuchen wollte, nur um Melanie wütend mit sich zu nehmen.

Fort aus dem leeren Haus, das immer stickiger, immer komischer gerochen hatte.

„Wo sind deine Eltern?“, hatte sie Melanie gefragt, als sie den Notruf auf dem toten Telefon betätigen wollte.

Die Leitung war ihnen bereits einige Tage zuvor abgeknipst worden.

„Papa hat gesagt, ich solle hier auf sie warten. Und Mama hat gesagt, dass es okay wäre. Auch wenn mich der Rauch zum Husten bringt, wird er alles besser machen und all unsere Probleme lösen“

Danach hatte ihre Tante Jill sie ganz fest in die Arme geschlossen. Sie hatte geflucht. Hatte sie mit nach draußen genommen. Hatte Melanies Haare zurückgebunden. Das schwarze, dicke Gestrüpp, das das Mädchen sonst kaum zu bändigen wusste.

„Das ist nicht richtig…“

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