K: Prolog – Todeswunsch

© Medra Yawa

Der Regen fiel schwerfällig aus dem hellblauen Himmel. Nicht eine Wolke war zu sehen. Dennoch fanden die Tropfen kein Ende. Unentwegt rieselten sie herab und fluteten den Pfad mit schlammigen Pfützen.

Pfützen, die fast schwarz aussahen.

Nein. Nicht ganz. Eher … dunkler-

Bevor das Mädchen ihren Gedanken beenden konnte, stürzte sie. Eine Schlammschicht bedeckte ihr Kleid. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Warum war sie überhaupt gerannt? Sie wusste ja gar nicht, was sie zuerst durchnässt hatte. Der Regen oder ihr eigener Schweiß?

»Wo bist du? Steffen?«, schluchzte sie leise.

Die Kopfschmerzen durchfuhren sie wie ein Peitschenhieb. Da war eine riesige Tatze. Schreie. Blut!

Jemand war verletzt. Wer? Und wo? Was machte sie hier? Sollte sie Hilfe holen? War sie deswegen gerannt? Aber wohin?

Und wer war sie?

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K: Aus dem Sturm

„Ernsthaft, Flo?“, murmelte Paul ungehört, als er die Actionfigur seines Stiefbruders auflas.

Sie war nicht der einzige Gegenstand, den der Jüngere im Rasen liegen gelassen hatte. Daneben lagen ein verrostetes Fahrrad, eine offene Tüte Gummitiere und ein Fußball. Und noch ein Stück weiter konnte Paul eine Decke mit einem Buch erkennen. Moment. War das Flos verschollenes Englischbuch?!

„Ich werd‘ nicht mehr …“, kopfschüttelnd schaute er in den verhangenen Himmel. Würde sein kleiner Stiefbruder je allein in der Welt zurecht kommen?

Ein Regentropfen landete auf seiner Wange.

„Hilft doch alles nichts“, seufzend sammelte er das Schulbuch und die Fressalien auf. Am liebsten hätte er die Figur wieder auf den Boden geworfen. Um Flo eine Lektion zu erteilen. Als er jedoch das abgewetzte Gesicht erkannte, hielt er inne.

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K: Die stille Stiefschwester

Tapp. Tapp.

Hastig zerrte Chris die Zwillinge von der Treppe weg. Verdammt! Zu früh, zu früh! Sie durften noch nicht entdeckt werden. Erst recht nicht neben dem Ort des Geschehens! Melanie und Florian würden ihnen sofort an die Kehle springen. Deren Zimmerkameraden hingegen … Na ja. Vielleicht gäbe es ein kurzes Zögern, aber anschließend würden sie die GAKs ausliefern. Ihre einzige Alternative wäre …

Ohne weiter darüber nachzudenken, schob er seine jüngeren Freunde in das dritte Zimmer auf der Etage. Wer auch immer gerade käme, hier drinnen würde er sie nicht vermuten.

Und das wäre wohl auch das Wichtigste, nachdem sie all die Sammelfiguren nebenan mit den Puppenkleidern des anderen nebenans geschmückt hatten.

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K: Bitte sag nichts!

„Du musst es multiplizieren.“

„So?“

„Nein. Multiplizieren, nicht raten.“

„Ich rate nicht.“

Annika sah zu ihren älteren Stiefgeschwistern herüber. Sie gaben ein seltsames Bild ab. So verschoben! Dort saß Maggie – mit einem grauen Halstuch über den Schultern und einem ratlosen Blick auf ihrem Gesicht. Ungeduldig rollte sie den Stift in ihrer Hand hin und her, während Niklas ihr die Mathehausaufgaben erklärte.

„Wie multiplizierst du schriftlich?“, fragte er gerade seufzend.

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K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Allerdings war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

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