Märchenstunde: Die neue Prüfung I

Liber sah dem kleinen Boot nach, in dem sein seit heute sechzehnjähriger Ziehsohn auszog. Er hatte Cleon alles offenbart, was er durfte, ohne Bellona offen zu erwähnen. Er hatte ihn gewarnt, stets an seiner Herzensgüte festzuhalten. Egal, wen oder was er dort draußen auch treffen würde.

Dennoch ließen die Sorgen nicht von ihm ab.

„Es wird dauern, bis Prinz Cleon die Insel umrundet hat, mein König. Wollt Ihr nicht lieber zurückkehren? Eure Königin würde sich freuen“, sprach ihn ein Diener an.

Doch schaute er nicht zu diesem. Er konnte nicht. Er konnte die Augen nicht von dem Meer nehmen. Von diesem kleinen Kahn, der bald hinter der breiten Landzunge verschwinden würde. Der doch mit Cleon zurückkehren musste!

Alles andere würde seiner Helene das Herz brechen.

Angespannt atmete Liber durch, als er sich die Abmachung mit Bellona in Erinnerung rief. Er selbst hatte diese vor ein paar Monaten für seine Königin verzögern können. Nur bis zum nächsten Herbst. Sonst hätte sie ihren Bruder in dem Boot begleiten müssen. Doch da sie sein Kind in sich trug und dieses noch nicht von Bellona gerichtet werden durfte, hatte sie einen Aufschub erhalten.

Nicht, dass sie nicht viel lieber bei Cleon wäre.

Der Kahn verschwand in der Ferne und endlich konnte Liber die Augen schließen. Er würde sein Wort halten. Er würde hier auf Cleon warten. Für sie. Das hatte er ihr geschworen, als er sie daheim eingesperrt hatte. Denn alles andere wäre naiv gewesen.

Sie liebte ihren Bruder zu sehr, um ihn diese Reise wahrhaftig allein antreten zu lassen. Dabei musste Cleon allein reisen. Dann sorgte er sich mehr um andere.

Nicht nur um seine Schwester.

„Sende Wort an Helene. Cleon ist außer Sicht“, befahl er seinem Untertan.

„Wollt Ihr wirklich auf ihn warten?“, erkundigte sich der Mann dennoch, „Ich weiß, es gehört zu Euren Traditionen, nur … Selbst Salacia hatte sich nach den Abreisen stets zurückgezogen. Wir wissen nicht, ob Cleon in einigen Stunden oder Tagen oder … nie zurückkehrt, mein König.“

Alles in Liber spannte sich an, als er den Titel vernahm. Dennoch blieb er eisern stehen. Er wusste, dass Cleon auf dieser Reise sterben könnte. Doch wollte er Bellona mit seiner Anwesenheit zeigen, dass er seinem Ziehsohn vertraute. Dass er hinter diesem stand. Dass er ihn früher zurückerwartete! So würde sie ihn hoffentlich leichter passieren lassen …

Wenn Helene ihren Bruder verlor, würde er auch seine Königin verlieren.

Schweigend wandte er sich dem Diener zu. Einem älteren Mann mit grauem Bart. Er lief leicht gebeugt. Mit einem Holzbein. Dieses war sein Andenken ans Festland, als er mit den Leuten dort feilschte und sie ihn angriffen. Dabei hatte es ihn noch am besten erwischt. So hatte er weder Hand noch Auge verloren. Und seitdem seine Untergebenen die Angreifer zurückgeschlagen hatten, legte sich niemand mehr mit ihnen an.

Sein stummer Blick reichte dem Veteranen. Eilig verneigte er sich und machte sich auf den Weg. Liber musterte währenddessen die restlichen Leute im Hafen: Seine Mannschaften. Die Handelsleute. Die Bediensteten, die er aus seinem Heim mitgebracht hatte.

Ein jeder sah ihn als König der Inseln. Ein jeder neigte das Haupt vor ihm. Ein jeder suchte seinen Rat.

Dennoch verstand keiner, warum er Cleon auf diese Reise schickte.

Vor einigen Tagen war es ihm bewusst geworden. Als er die Dienerschaft flüstern hörte. Sie hatten geglaubt, dass er seinen Ziehsohn hasste. Dass er diesen durch den Ausflug gewiss zu den Toten zählen wollte. Einige hatten sogar geglaubt, dass er eifersüchtig auf die Beziehung zwischen diesem und seiner Königin war. Dass er Helene nur deswegen eingesperrt hatte.

Keiner verstand, dass es nur zu ihrem eigenen Schutz war.

Seufzend lief er den Steg herab und setzte sich. Er ließ die Füße im Wasser baumeln. Mitsamt seinen Schuhen. Die Nässe störte ihn nicht. Wichtiger war es ihm, seine Bitte zu äußern.

„Er ist ein guter Junge. Das siehst du doch auch so, oder?“, hauchte er den Wellen entgegen.

Für einen Augenblick glaubte er, Augen unter der Wasserfläche zu erblicken. Bellonas wilden Blick. Daneben Hände mit Schuppen und Schwimmhäuten. Finger, die sich nach ihm ausstreckten, als wollten sie ihn in die Tiefen reißen. Zum eigentlichen Schloss seiner Familie-

Dann rollte eine Welle herüber und der Anblick war verschwunden. Er glaubte fast, es sich eingebildet zu haben. Fast. Denn bei Bellona konnte man sich nie sicher sein.

Nicht, solange man kein Abkommen mit ihr geschlossen hatte.

Liber erschauderte, während er den Blick gen Himmel richtete. Was er nur dafür täte, in die Lüfte zu steigen! Wenn er fliegen könnte … Er könnte diesem Alptraum entkommen! Er könnte zu einer anderen Insel fliegen. Fort, wo sie ihn nicht vermutete. Wo seine Schiffe nicht mehr von Bellonas Gnade abhängig waren. Wo er wahrhaftig frei über den Ozean fahren konnte!

Denn derzeit ließ Bellona ihn nie seine Boote verlassen, solange sie nicht in diesem Hafen anlegten. Die einstige Prinzessin hielt ihn hier gefangen.

„Mein König! Bitte- Verzeiht-“

„Was gibt es?“, fragte er erschöpft – denn eigentlich hatte er veranlasst am Geburtstag seines Ziehsohnes und seiner Königin von niemanden gestört zu werden. Cleons Überleben war am wichtigsten!

„Königin Helene – ich konnte sie nicht finden. Ihre Dienerin hat sie zuletzt zu Eurem Aufbruch gesehen. Sie-“

Liber war eilig auf den Beinen. Er erschauderte. Schaute auf das Meer. Auf die Delfine, die er in der Ferne ausmachen konnte. Auf die größeren Flossen, die daneben aus dem Wasser wanken.

Was dachte sich seine Frau nur?!

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