Die Risse im Leuchtturm

Vor Jahren habe ich mich hier versteckt.
Ich habe durch ihn die Welt entdeckt.
Ich war so nicht verreckt …

Damals war es mir hier sicher erschienen.
Der Turm hat mich vom Sturm geschieden.
Er lehrte mir, wieder zu lieben …

Meine Finger gleiten über das Mauerwerk.
Steine mit endlosen Rissen – wohlgemerkt.
Alles steht kurz vor dem Verfall.
Nein.
Alles ist bereits am Zerfall!

Draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Leuchtturm stöhnt.

Mein Arm fällt schlapp herab.
Ich fühle mich so platt.
Ich möchte das Mauerwerk retten!
Ich möchte die Risse glätten!
Ich möchte ihn ewig hier stehen sehen!
Er solle niemals vergehen!

Dabei weiß ich, dass nichts mehr zu machen ist …

Vergebliche Liebesmüh,
Vergeblicher Kummer,
Vergebliche Hoffnung
Macht nur alles schlimmer.

Und draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Kahn ruft.

Mein Magen verkrampft sich.
Ich schüttle mich.
Die Tränen müssen weg.
Sie dienen keinem Zweck.
Sie würden nur Sorgen bereiten
Und mein falsches Lächeln vereiteln.

Mit zügigen Schritten geht es raus.
Alles gut, wir müssen fahren, sofort hinaus.
Etwas anderes darf ich nicht sagen.
Etwas anderes kann ich nicht wagen.

Nicht während mein Leuchtturm zerbricht.
Nicht während verschluckt wird, unser Licht.

Sommer

Sonne prescht herab.
Fordert, was sie einst gab.
Schlägt mit ihren Strahlen ein.
Fordert ihren Tribut ein.

Stickiger Rauch,
Steigt schon empor.

Stickiger Rauch,
Obwohl ich schwor –

Brände zu vermeiden.
Sie auszuweiden,
Sie zu entkleiden,
Niemals zu leiden …

Die Feuer des Sommers:
Nehmen, zerren, verschlingen,
All das, was sie zu fassen kriegen.

Die Feuer des Sommers:
Zerstören und verzehren,
Überall dort, wo sie heimkehren.

Sommerlicher Gruß.
Sommerlicher Kuss.
Sommerlicher Überdruss?

Aber was, wenn ich ihn einfach genießen will?
Den Sommer mit all seinem Gebrüll?

Dieses eine Jahr …
Fürwahr
Machte mir klar
Allemal …

Sommer ist nicht nur Feuer.
Feuer ist nicht nur Sommer.
Denn Sommer ist frommer.
Und Feuer
– obgleich nicht geheuer –
Ist kein Ungeheuer.

Sommer ist Wärme, lange Nächte.
Sommer ist für Kurze-Hosen-Rechte.
Sommer ist die Zeit am Meer.
Und Sommer ist so vieles mehr!

Sommer ist –
Was es ist.
Mit lechzenden Flammen
Im knisternden Lagerfeuer.

Ein gebändigtes Ungeheuer!

Zum Mond

Einsam stehe ich hier,
Blicke in endlose Gier,
Rasend wie ein Tier,
Schier!
Ein wütender Stier.

Die endlose Dunkelheit.

Die Arme umschlingen den Leib.
Sie verbieten den Neid.
Sie lassen das kleine Boot ziehen,
Können blind nicht fliehen,
Können nur niederknien.

Erstreckt sich weit und breit.  

Der Mond bekümmert,
Er strahlt zertrümmert,
Er flimmert und wimmert,
Glimmert und Schimmert,
Heller noch
Als das Loch
Hinter mir.

Sie nimmt Geborgenheit.

Denn der Leuchtturm ist kalt,
Er ist düster und alt.
Er knirscht und knarrt
Von altem Verrat.

Wandelt sie hilfsbereit.

Verrat, den das Meer beging,
Als es den Kahn empfing,
Als es mein Urteil verhing.

Bei jeder Gelegenheit.

Und die Glühwürmchen
Aus dem Türmchen
Lockt.

In Einsamkeit.

Nun sind sie im Himmel,
Bedecken ihn mit Gewimmel
Mit diesem Mond,
Der dort oben wohnt.
Der so grell und hell erstrahlt
Und meine Glühwürmchen bemalt.

Das kleine Boot

Ich weiß nicht, wo es herkam.
Dieses kleine Boot, unbiegsam!
Im wilden Gewässer,
Am schneidenden Messer.

Würde es nicht übersteh‘n,
Würde es gewiss untergeh’n,
Dieses kleine Boot –
Verloren in Seenot …

Doch waren meine Sorgen unbegründet,
Denn als wäre das Holz angekündet,
Wurde es umwoben,
Emporgehoben.

Ich beobachtete es vom Leuchtturm aus,
Bedachte es aus diesem sicheren Haus,
Konnte die sanften Wellen nicht verstehen,
Die ihm liebevoll beistehen …

Was, oh, was nur war besonderes daran?
An diesem einfachen, winzigen Kahn?
Warum vermochte er zu schwimmen?
Während andere verglimmen …
Während andere ertrinken,
In tiefen Wellen versinken,
Vermag es zu treiben,
Die Eifersucht einzuverleiben!

Meine Glühwürmchen, sie singen,
Sie tanzen und springen,
Sie freuen sich gar sehr,
Für dieses kleine Boot im Meer.

Nur weiß ich nichts zu zusagen.
Ich will es nicht mal wagen.
In meinem Inneren schreie ich auf:

Verschwinde!
Du weißt nichts über frühere Winde!
Wünschte ich Dir:
„Ersauf“?

Das Meer

Endlos weit erstreckt es sich:
Manchmal grau,
Manchmal blau.

Diese Wellen und Gischt:
Manchmal rau,
Manchmal flau.

Das Nass wirkt gar wundersam,
Wie ein freudiger Balsam.
Doch schmerzt die Wunde sehr,
Wenn du sie lässt lecken vom Meer.

Das Salzige beißt.
Es krallt und es reißt –
Zerreißt Deinen Leib!

Das Meer versucht, Dich zu umweben,
Glück und Freude soll es geben.
Es weist auf den weiten Horizont,
Der Dich liebevoll besonnt.

Aber sieh nur, sieh!
Die Tiefenmelodie!
Sie versucht, Dich zu ergreifen-
Zu packen, zu reißen,
In den Abgrund zu geheißen,
Dich nie empor zu reifen!

Denn das Meer ist eine Täuschung,
Eine wundersame Verlockung,
Es malt mit den Wellen
Gedankliche Schellen.

Es wagt Worte zu winden,
Dich an es zu binden,
Deine Augen zu erblinden,
Kein Licht zu finden.

Das Meer ist kalt.
Das Meer ist hart.
Das Meer ist einzig
Eine herzlose Tat.

Und wenn der Sturm kommen mag,
Schaufelt es einen stillen Sarg,
Ein gefühlloses Leben,
Ohne jegliches Streben.

Das Meer mag mal sanft gewesen sein
– und das nicht nur zum Schein –
Doch das Meer vermochte zu wählen,
Sich gegen sein Schicksal zu lehnen.

Ach, wie schön wären sie gewesen!
Tage am Meer, mit freudvollem Streben!
In denen man sich im Wasser wärmt,
Sich keiner Missetat schämt.
Man hätte Lachen können, weinen.
Hätte sich getröstet ohne zu leiden.
Hätte die Sonne genossen.
Sich nicht in Eifersucht ergossen.

Tage am Meer wären ein Traum,
Der nun verschwindet im Schaum.
Die Wellen ziehen zum anderen Ort,
Hinterlassen einen eisigen Ford.

Dieser umgibt einen Leuchtturm,
Wurde erbaut im furchtbaren Sturm,
Kennt alle Gräueltaten,
Die Dich im Meer erwarten.

Es ist ein eisiger Schutz,
Mit gewaltigem Nutz.
So umgibt er meine Glühwürmchen und mich,
Die mir brachten, mein Licht.