K: Nicht studieren

Ilse feuerte den Ofen an. Ein knarrendes, altes Ding, das älter als sie selbst war. Er musste noch mit Holzscheiten und dem Blasebalg vorgeheizt werden. Dennoch galt er zum Zeitpunkt des Hausbaus als modern.

Ganz im Gegensatz zu dem Kühlschrank daneben.

Stöhnend erhob sich Ilse und schloss den Ofen. Sie musste sich erst um das Frühstück kümmern. Danach kamen die Kuchen und Plätzchen ran, die sie an die Nachbarn verkaufte.

Es knarrte leise.

„Na? Endlich wieder daheim, Bekki?“

Geduldig wartete Ilse darauf, dass ihre jüngste Tochter in die Küche kam.

„Ich war nur kurz draußen, die frische Luft genießen“, erklärte Rebekka sogleich.

Ilse drehte sich nicht um. Sie kannte ihr Mädchen. Sie wusste wann es log.

Und sie wusste, wann es sich dafür schämen würde.

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B: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

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B: Glück im Unglück im Glück?

Er knotete sich seine Krawatte um. Kein Kleidungsstück, das er mit Freuden trug. Es würgte ihn zu sehr. Es erstickte jedes Freiheitsgefühl im Keim. Und es zwang ihm eine weitere Verkleidung auf … Jedoch musste Chem Wak sich damit abfinden. Immerhin erleichterte es sein Leben ungemein.

Seufzend zerrte er seinen Anzug zurecht. Es war ein aussichtsloser Kampf. Zumindest für die Gestalt im Spiegel. Ein Fremder schaute aus der kühlen Scheibe zurück. Er begegnete seinem Blick. Er sah verloren-

Chem Wak wandte sich ab.

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B: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd für diese Art der Lektüre. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Zeitverschwendung“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schielte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurück sein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane zu dem Mann schräg vor ihr. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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B: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gesessen, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleiten sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

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