B: Zwischen Traum und Erinnerung

„Du und Oli?“, hinterfragte ihr Vater zum vierten Mal.

Mittlerweile nickte Liane nur noch still, während sie sich ein Stück Gurke in den Mund steckte. Es war sinnlos, die Wahrheit zu leugnen. Immerhin hatte ihr Vater gesehen, wie Oliver sie nach Hause gebracht hatte. Ungeduldig hatte er auf sie gewartet. Er hatte sie erwartet gehabt. Sie. Nicht ihre Begleitung. Nicht den Kuss.

Dabei hatte letzteres sie ebenso überrumpelt.

„Hatte er dir …?“, unschlüssig wedelte ihr Vater mit den Armen umher und warf dabei fast seinen Teller vom Tisch. Er hatte sein Abendessen noch nicht angerührt. Stattdessen kämpfte er mit jedem zweiten Satz.

Angespannt hielt sie diesmal inne: „Was meinst du?“

„Deine Freundin. Die neulich hier war. Shiwo? Shino?“

„Shiloh“, korrigierte das Mädchen vorsichtig.

„Genau! Sie sprach von Liebeskummer und-“

„Nein“, abrupt stand Liane auf, „Lass es. Das ist … Das ist meine Sache, in Ordnung? Ich mache das allein.“

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B: Hervorbrechende Erinnerungen

Es war bereits nach drei Uhr morgens, als Liane die Geräusche von unten vernahm: Klimpern. Leises Poltern. Schritte.

Vorsichtig setzte sie sich in ihrem Bett auf und blickte zu Shiloh herüber. Eigentlich hatte ihre Freundin erst nach Liane einschlafen wollen. Als sie jedoch nur noch gähnen konnte, hatten sie sich gemeinsam ins Bett gelegt.

Sofort war das andere Mädchen im Land der Träume versunken.

Knirschen.

Entschlossen stand Liane auf und entriegelte ihre Zimmertür. Sie musste schnell hindurch schlüpfen, damit das Licht von nebenan Shiloh nicht wecken würde. Und noch schneller musste sie die Tür wieder schließen, ehe ihr Vater bemerkte, dass sie Besuch hatten.

Eines nach dem anderen.

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M: Lampenfieber

„Das schaffst du, Mary“, ermutigte Kelp seine kleine Schwester sanft, doch schien das Mädchen nur weiter in sich zusammenzusacken.

„Ich möchte nicht … Bitte“, sie presste die Beine gegen ihren Oberkörper. Ihr ganzer Körper bebte. Sie schluchzte. Sie war nicht mehr als ein verknoteter Schatten in der Ecke ihres dunklen Zimmers.

Unschlüssig blickte Kelp zur Tür zurück. Bestimmt wurden sie auf der Party bereits vermisst. Immerhin sollten sie dort die Weihnachtslieder für die Erwachsenen trällern. Na ja. Er wäre dabei nur das lästige Übel. Wichtig war einzig Mary. Denn ihre Stimme war es, die jedes Mal in höchsten Tönen gepriesen wurde.

„Wenn wir nicht bald runter gehen, wird Vater sauer werden“, flüsterte er zu ihr herab, „Und Mutter wird uns wieder bestrafen. Bitte. Lass es uns einfach durchziehen, ja? Genauso wie die letzten Male. Da hast du es ja auch geschafft!“

Schwach schüttelte seine jüngere Schwester ihre blonden Haare umher.

Eine Träne landete auf seinem Handrücken.

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K: Nicht studieren

Ilse feuerte den Ofen an. Ein knarrendes, altes Ding, das älter als sie selbst war. Er musste noch mit Holzscheiten und dem Blasebalg vorgeheizt werden. Dennoch galt er zum Zeitpunkt des Hausbaus als modern.

Ganz im Gegensatz zu dem Kühlschrank daneben.

Stöhnend erhob sich Ilse und schloss den Ofen. Sie musste sich erst um das Frühstück kümmern. Danach kamen die Kuchen und Plätzchen ran, die sie an die Nachbarn verkaufte.

Es knarrte leise.

„Na? Endlich wieder daheim, Bekki?“

Geduldig wartete Ilse darauf, dass ihre jüngste Tochter in die Küche kam.

„Ich war nur kurz draußen, die frische Luft genießen“, erklärte Rebekka sogleich.

Ilse drehte sich nicht um. Sie kannte ihr Mädchen. Sie wusste wann es log.

Und sie wusste, wann es sich dafür schämen würde.

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B: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

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