M: Lampenfieber

„Das schaffst du, Mary“, ermutigte Kelp seine kleine Schwester sanft, doch schien das Mädchen nur weiter in sich zusammenzusacken.

„Ich möchte nicht … Bitte“, sie presste die Beine gegen ihren Oberkörper. Ihr ganzer Körper bebte. Sie schluchzte. Sie war nicht mehr als ein verknoteter Schatten in der Ecke ihres dunklen Zimmers.

Unschlüssig blickte Kelp zur Tür zurück. Bestimmt wurden sie auf der Party bereits vermisst. Immerhin sollten sie dort die Weihnachtslieder für die Erwachsenen trällern. Na ja. Er wäre dabei nur das lästige Übel. Wichtig war einzig Mary. Denn ihre Stimme war es, die jedes Mal in höchsten Tönen gepriesen wurde.

„Wenn wir nicht bald runter gehen, wird Vater sauer werden“, flüsterte er zu ihr herab, „Und Mutter wird uns wieder bestrafen. Bitte. Lass es uns einfach durchziehen, ja? Genauso wie die letzten Male. Da hast du es ja auch geschafft!“

Schwach schüttelte seine jüngere Schwester ihre blonden Haare umher.

Eine Träne landete auf seinem Handrücken.

Wie gern würde er einfach mit ihr hier oben bleiben! Mary war sieben, er elf Jahre alt. Warum mussten sie sich so für die ganzen Gäste verbiegen?!

Aber … sie durften nicht. Wenn sie ihren Teil nicht beitrugen, würden sich die Gäste beleidigt geben. Ihr Vater würde ausrasten! Und da Beleidigungen unter Politikern schnell als persönliche Angriffe gewertet wurden, würde das alles auf Mary zurückfallen. Da würde niemand auf ihr Lampenfieber Rücksicht nehmen.

Warum auch? Sie war ja eine Bertold! Bertolds durften kein Lampenfieber bekommen!

„Kelly, bitte … Kannst du nicht sagen, dass ich krank wäre?“, hoffnungsvoll blickte sie ihn an. Ihre grünen Augen bohrten sich in seine. Diese klaren, grünen Augen, die immer nur zu ihm aufsahen. Die sich auf ihn verließen. Die er immer wieder enttäuschen musste.

Nur weil ihr Vater Kelps Terminplan so voll stopfte, dass er sie kaum noch sah.

„Sobald Mutter nach dir sieht, wird sie die Lüge entlarven. Du kannst halt nicht lügen, Mary. Das konntest du noch nie“, seufzte er erschöpft. Er wollte sie damit nicht kränken. Er könnte es nie. Für sie würde er immer die Samthandschuhe anlegen.

Sie war immerhin die einzige reine Person, die er kannte.

Alle anderen logen nur. Sie betrogen. Hintergingen. Kelps Vater war eben ein Politiker. Seine Mutter die Tochter eines anderen. Seit seiner Geburt sollte er sich davor in Acht nehmen, mit Polizisten zu reden. Die Ordnungshüter waren ihre Feinde, da sie alle Lügen aufklären sollten. Dabei gehörte die Welt doch nach den Idealen der Bertolds verbogen!

Doch Mary war anders. Sie war das schwarze Schaf ihrer Familie.

„Ich mag es nicht, wenn sie mich alle anstarren“, flüsterte sie in das dunkle Zimmer und langsam ließ er sich neben ihr nieder.

„Ich weiß. Deswegen komme ich ja mit. Ich passe auf dich auf, ja? Niemand wird dich anrühren, solange ich da bin und du sie mit deinem Gesang verzauberst. Du wirst schon sehen!“, Kelp ließ seine Worte euphorisch klingen. Er musste. Vielleicht könnte er so eines Tages seinen Ausreden auch glauben …

Denn in Merichaven war nichts sicher.

„Was, wenn ich den Text vergesse? Ich …“, sie stockte erneut, „Ich will das nicht … Ich … Ich habe mit Sarah gesprochen. Sie ist aus Centy hergezogen und sitzt nun hinten neben Noah und Jamie. Sie meinte, dass es in der Hauptstadt nicht so … nicht so krank ist. Dort-“

„Ja. Dort versucht nur ein Kult die ganze Stadt zu bekehren. Das ist so viel besser, oder?“, unterbrach er sie mit den Schlagzeilen der letzten Woche.

Sie zuckte zusammen und sofort hätte er sich Ohrfeigen können.

Kelp wollte nicht so grob klingen. Er wollte einfühlsamer sein. Das hatte er sich stets vorgenommen. Nur für Mary. Aber wenn sie so sehnsüchtig darüber sprach …

Es klang, als ob sie wegziehen wollte! Dabei gehörte sie doch hierher. Nach Merichaven. Zu ihm!

„Entschuldige. Das war doof formuliert“, eilig suchte er nach Argumenten, „Ich meinte nur, dass alle Orte irgendwo krank erscheinen. Aber … Wir könnten sie ja heilen? Also, verbessern? Ich soll ja später Vaters Partei übernehmen. Damit kann ich etwas bewirken. Und du …“, er drückte sie an sich, „Deine Stimme erleuchtet jeden. Bitte. Du musst nur singen. Damit kannst du jeden berühren und das Beste aus deinem Publikum herausholen. Auch du kannst so eine Besserung herbeiführen. Du wirst schon sehen!“

Obwohl Kelp die Worte flüssig über die Lippen kamen, verkrampfte sich sein Bauch dabei. Er wusste, dass es nur leere Versprechungen waren. Leere Versprechungen, die er Mary eigentlich nicht antun wollte. Die er ihr antun musste, um sie nach unten zu bringen.

Es war zum Haare ausreißen!

„Ich weiß nicht, Kelly … Ich habe Angst“, erklärte sie ihm und presste sich gegen seine Seite.

Automatisch drückte er sie an sich. Er verstand sie. Auch er hatte Angst. Er hatte Angst, dass er das einzige Licht in seinem Leben trüben könnte. Oder dass es gar erlosch, weil er Mary anlügen musste.

Aber was blieb ihm anderes übrig?

Sie mussten die Erwartungen ihres Vaters erfüllen. Zumal einer ihrer Gäste Richard Jade war. Der ehrliche Anwalt von Merichaven.

Niemand wollte ihn zum Feind. Ihm die Vorstellung zu verwehren …

„Wir schaffen das, Mary“, ermutigte er sie und zog sie auf die Beine, „Keine Sorge. Du wirst genauso singen, wie sonst auch. Alle werden begeistert sein. Vater wird dich Morgen dafür loben. Mutter wird lächeln. Und dann werden sie uns bis zum Neujahrsfest in Ruhe lassen. Keine Sorge.“

Nickend ließ sie sich aus ihrem Zimmer führen. Kelp lenkte sie geschickt zur Feier. Dabei bemühte er sich stets, Mary hinter den Rücken der Gäste entlang zu führen. Alles, damit man sie nicht ansprach. Damit man sie in Ruhe ließ. Damit sich seine Schwester wohlfühlte.

Erst als sie auf der Bühne ankamen, musterte er ihr Weihnachtskleid. Es war rot. Mit weißen und goldenen Akzenten. Eine Falte zog sich an der Seite entlang. Bestimmt von vorhin, als sie ihre Beine so sehr an ihren Körper gepresst hatte.

Ihre Mutter würde mit ihr schimpfen, wenn Kelp es nicht als seine Schuld ausgab.

Einer der Musiker beugte sich zu Mary vor. Er gab ihr den Zettel mit der Liederreihenfolge, die ihr Vater festgelegt hatte. Dann setzte er wieder seine Geige an und nickte seinen drei Kollegen zu.

Kelp brauchte die Informationen nicht. Er war eh nur für die Begleitstimme zuständig. Alles, damit seine Schwester vor Angst nicht wegrannte, wie sein Vater einst behauptet hatte. Er sollte lauter singen, wenn sie nicht mehr konnte. Leise singen, wenn sie in ihrem Element aufging. Und schlussendlich mit der Bühne verschmelzen.

Alles, damit sich die Gäste ihren Vater und dessen Lügen weiter unterstützten.

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