Timothy – Die Ernte …

Unruhe erfasste mich, als die große Tür hinter Jane zufiel. Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen, aber ich musste mich auch sammeln. Ich musste meinen Zorn richtig lenken. Ich brauchte ihn!

Der Exorzist stapfte durch den Schnee an mir vorbei. Ich beobachtete, wie er sich kurz abklopfte, ehe er die Kirche betrat. Er wirkte so gefasst. So gelassen.

Ich musste ihn mir zu Nutze machen!

Entschlossen schwebte ich durch die Mauern und setzte mich auf das Podest. Genau hinter den Pfarrer. Wie geduldig der Mann doch auf die Dorfbewohner wartete. Als wollte er sein Publikum vollständig wissen.

Dennoch huschte sein Blick immer wieder zu Jane, die sich in der ersten Reihe niedergelassen hatte. Ich konnte Unsicherheit in seinem Blick erkennen. Warum? War er noch von meiner morgendlichen Anwesenheit verängstigt?

Erst als der Exorzist sich neben ihr niederließ, schien sich der Pfarrer zu beruhigen.

Vorerst.

Nun musste ich geduldig warten. Ich lauschte seiner Predigt nur mit halbem Ohr. Bis er lauter wurde. Fordernder. Wegen des Exorzisten? Oder wegen ihres abscheulichen Plans? Eilig drängte ich meinen Frust fort. Noch nicht. Noch hatte er sich nicht in Fahrt geredet. Erst-

Sobald sich der Hass in die Stimme des Pfarrers schlich, ließ ich meinen Zorn herausbrechen. Flammen türmten sich auf. Sie reichten nach oben. Wanken.

Erschrocken schnappten die Menschen nach Luft. Mehrere fingen an zu beten. Andere bekreuzigten sich. Und Jane?

Kurz fiel ihr Blick auf mich, ehe auch sie in das Gebet einstimmte.

Der Pfarrer hielt inne und hastig schluckte ich meine Wut hinunter.

Die Feuer normalisierten sich.

Gut.

„Wie kannst du es wagen“, begann er leise und ich passte meinen Zorn dem seinen an, „Wie kannst du es wagen, auch nur einen Fuß in dieses Gotteshaus zu setzen, Hexe?!“

Erneut ließ ich die Flammen auflodern. Tanzend umrahmten sie die Gestalt des Pfarrers. Ohne ihn jedoch zu berühren. Sie durften ihn nicht verletzen. Er durfte sie nicht einmal bemerken!

Er sollte sein eigenes Urteil fressen!

Jane und die anderen Dorfbewohner blickten unschlüssig nach vorn. Sie alle sahen sich zögerlich um. Sie schauten zu Jane. Dann zu dem Exorzisten.

Zuletzt zum Pfarrer.

„Pfarrer Matthäus? Geht es Ihnen … gut?“, fragte ein Mann von hinten leise.

„Wie soll es mir gutgehen, wenn sich eine Hexe in unsere heiligen Hallen geschlichen hat?“, behauptete dieser sogleich, „Jede Hexe gehört verbrannt!“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, ließ ich die Flammen nach der Decke gieren. Eilig schwebte ich durch die Reihen, um durch jeden Menschen zu gleiten. Durch Hände und Oberkörper und Beine. Ich hörte, wie die Dorfbewohner japsten. Wie sie keuchten. Wie sie erschrocken Luft holten und sich schüttelten. Einige sprangen sogar schreiend auf!

Und endlich, endlich blickte sich der Pfarrer um und erblickte die Flammen.

„Was … zum …“

Verdattert bekreuzigte er sich, also stoppte ich ruckartig. Ich versuchte, mich zu entspannen. Ruhiger zu werden. Gelassenheit auszustrahlen.

Die Feuer erloschen.

Langsam schaute ich mich um. Ich hatte nicht alle Dörfler berühren können, ehe der Pfarrer die Flammen bemerkt hatte. So hatte ich den Exorzisten nicht mehr erreicht.

Dafür aber Janes Vater, der erschrocken seine Hose benässt hatte.

Geschah ihm recht!

„Gott habe ihre Seele gnädig und-“

„Wie könnt Ihr es wagen von Gott zu sprechen, wenn Ihr gerade die Flammen des Teufels herbeigerufen habt?!“, beschuldigte der Exorzist den Pfarrer und unendliche Erleichterung durchflutete mich.

„Bi-bitte?“, stotternd sah sich der alte Mann um, „Ich … Die-diese Flammen … Sie-sie hat sie heraufbeschworen! Sie woll-wollte nur-“

„Die Flammen sind Ihren Worten gefolgt, ehe Sie das Mädchen überhaupt als Hexe beschimpften!“, schrie der Exorzist zurück und legte eine Hand auf Janes Schulter, „Sie wollten ein unschuldiges Kind dem Teufel opfern!“

„Nein! Ich-ich bin nicht mit dem Teufel im Bun-unde!“

Erneut lenkte ich meinen Zorn nach vorn. Die Lampen erstrahlten. Die Feuer griffen nach vorn. Am Pfarrer vorbei. Sie streckten sich Jane und dem Exorzisten entgegen. Schienen nach den beiden greifen zu wollen-

Eilig traten sie zurück. Ich hörte, wie Jane schrie. Sah, wie sie stolperte.

Ihre Mutter war verbrannt worden. Ich … Hatte ich sie daran erinnert?

Sofort verschwand das zornige Element.

Zurückblieb ein verdatterter Pfarrer, der sich an seinem Kreuz festklammerte. Die meisten Dörfler waren bereits aus der Kirche geflohen. Selbst Janes Vater hatte das Weite gesucht. Der Rest drängte sich gegen das Gemäuer.

Ich hatte sie in Angst versetzt.

Vorsichtig glitt ich nach vorn und ließ mich neben Jane nieder. Ich bemerkte kaum, wie der Exorzist und einige Männer sich auf den Pfarrer stürzten. Gewaltsam rangen sie ihn zu Boden und zerrten ihn nach draußen.

Die Zeit seiner Ernte war gekommen.

„Jane? Alles gut? Hey … Dir passiert nichts, ja? Alles ist in Ordnung. Du bist in Sicherheit. Ich … Es tut mir leid, dass die Flammen … Ich meine …“

Sie reagierte nicht.

„Jane?“, sanft griff ich nach ihrer Schulter und-

Sie erschauderte, als ich durch sie hindurchglitt. Ihre Augen blickten suchend durch die Kirche. Erst nach vorn. Dann nach hinten. Einige Frauen kamen auf uns zu. Sie näherten sich zögerlich. Immer noch verängstigt.

Fürchteten sie sich vor dem Pfarrer? Oder vor Jane? Sie durften sich nicht vor Jane fürchten! Nein. Sonst … Es wäre alles umsonst, wenn noch jemand sie beschuldigte!

„Timmy? Wo … Wo bist du?“, hauchte Jane plötzlich unter Tränen.

Erstarrt verkrampfte sich mein Innerstes. Erst nun bemerkte ich, dass sie durch mich hindurch sah. Dass sie mich nicht mehr auf mich sah.

Dass ich erneut allein war.

Der Zorn brodelte durch mein Innerstes. Ich spürte, wie er aufsteigen wollte. Wie er die Welt verdammen wollte! Aber … Er durfte nicht.

Wenn er seinen Willen bekäme, würden die Flammen erneut wachsen. Jeder würde sich gegen Jane stellen und man würde sie neben dem Pfarrer-

Hastig schwebte ich nach draußen und begutachtete den Scheiterhaufen, auf dem der Pfarrer gerade festgebunden wurde. Er faselte von seiner Unschuld. Von seiner Gläubigkeit. Von Gott.

Ha! Wie konnte er es wagen von Gott zu sprechen, wenn er Janes Leben hatte wegwerfen wollen?!

„Meinst du nicht eher den Teufel?“, fragte ich hasserfüllt, als sie endlich das Holz entzündeten.

Der Pfarrer zuckte zusammen. Seine Augen fielen auf mich. Er zitterte.

„Ein Dämon … Du-“

Dann leckten die Flammen an seinen Schenkeln und er begann zu schreien.

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