Radius schluckte ihren Frust herunter, als sie sich der Halle näherte. In einer fließenden Bewegung schlüpfte sie aus den Ärmeln ihrer Jacke und band sie sich um die Hüfte. Gleich würde ihr schon warm werden. Und sie hatte keine Lust, dass der Stoff wieder an ihrer Haut klebte …
Mit festen Schlägen klopfte sie gegen die Tür. Sie wartete, bis Schritte auf der anderen Seite ertönten. Bis diese stoppten. Bis Schlüssel ratterten.
Es dauerte mehrere Stunden, ehe Maria sich von Julie verabschiedete. Viel zu lange wollte sie bei ihrer Freundin ausharren und sich um diese kümmern. Dennoch stand Julie sofort aus ihrem Bett auf, sobald ihre Freundin sie endlich verließ.
Erschrocken wirbelte ich um Julie herum. Auch ich war der Meinung, dass sie sich ausruhen sollte! Ich wusste nicht, ob ich sie verletzt hatte. Immerhin war es das erste Mal gewesen, dass ich in einem anderen Menschen gesteckt hatte.
Marie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geld aus der Börse ihrer Mutter stahl. Es kam einfach so über sie. Sie hatte Eis mit Diana essen gehen wollen und nicht mehr genug Taschengeld gehabt. Also hatte sie sich einfach ein paar Scheine von ihrer Mutter genommen. Das restliche Geld hatte sie für neuen Nagellack ausgegeben. Weil er ihrer Freundin so gefiel. Sie hatten die Flaschen untereinander aufgeteilt. Und am nächsten Tag wollten sie ihre Kunstwerke miteinander vergleichen.
Es war ein wunderbarer Ausflug gewesen! Marie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Erst als Sophie von ihrer Mom des Diebstahls bezichtigt wurde, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter ja gar nicht gefragt hatte. Dass sie sich einfach bedient hatte. Dass nun ihre Schwester den Ärger abbekam …
Das Abendessen verlief ohne Probleme. Auch ließ sich Julie auf einen kurzen Spaziergang ein – wenngleich sich ihre Augenbrauen hoben, als Timmy den halben Haushalt mitnehmen wollte.
„Also wirklich! Du wirkst, als ob wir gleich ausziehen“, lachte sie.
Als er das Lachen nicht erwiderte, wusste ich, dass sie etwas ahnte. Dennoch sprach sie ihn nicht darauf an. Sie schien sich eher etwas schneller zu bewegen. Schneller und ängstlicher.
„Ich muss etwas erledigen“, offenbarte Timmy ihr endlich, als er sie zum Felsvorsprung gebracht hatte. Knapp erklärte er, dass er einem Mädchen helfen müsse. Dass es gefährlich werden könne. Dass es aber wichtig wäre und er bald wieder zurück wäre, um sie abzuholen. Dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er würde immer zu ihr zurückkehren.
Verärgert schwebte ich durch das Piratenhaus. Mir war zum Schreien zu Mute! Da bat ich gestern Timmy noch darum, nichts zu überstürzen. Aber er? Er entschied lieber, dass er bereits in der kommenden Nacht das Mädchen retten wolle!
Ich glitt durch die nächste Wand und kundschaftete den schmalen Weg dahinter aus. Dieses Haus hatte so viele versteckte Gänge und verborgene Türen, dass es einem Irrgarten glich! Jeder Raum war mit mindestens drei anderen verbunden – ohne, dass man es ihm direkt ansah. So gab es allein in der Küche drei verschiedene Kellereingänge, eine verborgene Treppe nach oben, eine offensichtliche Tür in den Flur sowie eine weitere hinter einer Arbeitsplatte. Darüber hinaus verbarg sich eine Luke, die mit einem Seil in den Raum darüber führte, schräg neben dem Kamin. Ich hatte sie nur zufällig entdeckt. Als ich durch die Decke geschwebt war. Doch hatte ich keine Ahnung, wie man sie öffnete.
„Ein Baby, vier Kinder, drei Frauen und fünf Männer“, zählte ich die Bewohnenden des Piratenhauses gedanklich durch, während ich es mit den Schlafplätzen im ersten Stock abglich, „Kommt hin.“