Timothy – Wahre Worte

Ich beobachtete Julies schlafenden Körper. Wie sie einatmete. Wie sie ausatmete. Ein. Und aus. Ein. Und aus. Ein stetiger Rhythmus, an dem ich mich festklammerte. Damit ich bei Sinnen blieb. Damit ich nicht abschweifte. Damit-

Als Bernhard sich in den frühen Morgenstunden vorsichtig aus dem Bett schob, war ich bereit. Ich beobachtete, wie er an Julie herantrat. Wie er seine Ehefrau beobachtete. Wie er die Hand nach ihr ausstreckte. Wie er diese seufzend zurückzog. Wie er sich lieber einen Morgenmantel überwarf.

Dann schlich er sich aus dem Zimmer.

Mit einem letzten Blick auf Julie folgte ich ihm. Ich musste. Obwohl ich bei ihr bleiben wollte. Aber es war der Plan. Der Plan, den wir gemeinsam geschmiedet hatten!

Bernhard schlich sich den Gang herunter zum Nachtquartier seines Bruders. Dort schob er sich beinahe lautlos durch die Tür.

Allerdings nicht so lautlos wie ich es vermochte.

„Alex. Hey!“, zischte Bernhard in den dunklen Raum.

„Solltest du nicht bei deiner neuen Frau sein?“; der andere schüttelte sich und gähnte ausgiebig, „Wie war eure erste Nacht?“

„Das- unspektakulär. Sie wusste von meinen Briefen“, erklärte er eilig, „Und Julia sagte etwas, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht, Alex. Über deine Ehe mit Maria. Über-“

„Lass es“, ein genervter Ausdruck schlich sich über Alexanders Züge, „Also wirklich! Du kannst deine Ehe nicht vollziehen, bist die ganze Zeit gegen unsere Bündnisse und willst mir nun meine eigene Hochzeit vermiesen?!“

„Aber Alex- Sie meinte-“

„Schluss! Ich will nichts mehr von dir hören. Deine albernen Einwände reichen mir!“, er baute sich wie eine Mauer vor Bernhard auf, „Wir brauchen jede Mitgift! Also wirst du jetzt in eure Gemächer zurückkehren und du wirst deine Ehe vollziehen. Koste es, was es wolle. Damit, sobald sich Maria bei ihrer Freundin nach deren Zufriedenheit erkundigt, diese nur Lobgesänge über dich verkünden wird!“

Angespannt trat der jüngere Bruder zurück. Seine Fäuste zitterten. Dennoch nickte er. Murmelte eine Zustimmung.

Lachend folgte ich ihn. Zurück zu Julie. Wo Bernhard sich neben Julies Bett setzte. Wo er sie anstarrte. Wo er jedoch nichts weiter tat.

Und so weckte ich meine Freundin, indem ich durch sie hindurch wanderte. Ich teilte meine Erinnerungen mit ihr. Ließ sie aus erster Hand erfahren, wie es zwischen den Brüdern stand. Glitt wieder hinaus. Wartete, bis Julie sich von allein aufsetzte.

„Du warst bei Alexander“, bemerkte sie noch mit Schlafsand in den Augen.

„Du siehst es mir an?“

„Ich sehe den Menschen vieles an“, erklärte sie und nahm sich eine ihrer Haarnadeln vom Nachttisch.

Sie verschob das Ornament daran, sodass eine scharfe Kante zum Vorschein kam, die sie sich zwischen Nadel und Finger stieß. Dann ließ sie das Blut auf das Laken tropfen, ehe sie die Wunde wieder zusammendrückte.

Man würde die Verletzung zum Frühstück nicht mehr sehen können.

„Damit sollte uns keiner wegen der Hochzeitsnacht nerven, oder?“, Julie schob sich sicher an Bernhard vorbei und zog sich um.

„Du … Willst du nicht wissen, was Alexander gesagt hat?“, fragte Bernhard unschlüssig.

„Warum sollte ich? Du siehst unglücklich aus, also ist es nicht so gut gelaufen. Wolltest du ihm von meinen gestrigen Worten berichten? Ich denke nicht, dass er auf dich hören wird, nachdem du ihm bereits von klein auf widersprochen hast. Selbst als es um meine Ehe ging, klangen deine Argumente ziemlich kindisch. Von daher wird seine Hochzeit wie geplant stattfinden-“, sie wandte sich ihrem neuen Ehemann zu, „Nun, es sei denn, es wird bei der Hochzeit selbst ein Einwand erhoben. Dafür bräuchtest du jedoch schlüssige Beweise. Du bräuchtest Fakten. Informationen. Dinge, die du noch nicht hast.“

„Und … du würdest sie mir geben wollen? Warum? Ich dachte … Maria ist deine Freundin?“, er klang sichtlich verwirrt.

„Marias Familie hat meinen Bruder ermordet und meinen Namen geraubt. Seither bin ich eine Gefangene des Anwesens. Ich musste ihre Freundin werden, damit ich überlebe. Nicht, weil ich jemals wollte …“, gestand Julie.

„Dann … Wie heißt du?“, zum ersten Mal schlich sich etwas Wärme in seine Augen. Wärme, die selbst mich überraschte.

„Julie. Doch klang es zu sehr nach den Slums, aus denen ich stammte“, sie seufzte, „Deswegen Julia. Damit es mehr zum Adel passte. Mehr zu Maria …“

„Würde diese … Julie, der ich die Treue schwören musste, mir dann die benötigen Informationen geben? Damit ich meinen Bruder beschützen kann?“, fragte er vorsichtig.

„Nur, solange du mir schwörst, dass ich hier wegkomme.“

„Nur einen Schwur?“, Bernhard zog die Augenbrauen hoch, „Hast du keine Angst, dass ich mein Wort brechen werde?“

„Wenn ich die Familie Tod sehen will, bei der ich seit gut einem Jahrzehnt lebte, wie ergeht es dann wohl meinem werten Ehegatten, sollte er seinen bloßen Schwur brechen?“, sie lächelte ihn lieblich an.

Dennoch trat Bernhard von ihr zurück Er schien zu verstehen, dass sie es ernst meinte. Nur deswegen sollte sie ja gefährlich auf ihn wirken. Damit er sie nicht unterschätzte. Damit er in ihr einen Wert sah. Damit er sich nie mit ihr anlegen würde. Und sollte er je doch etwas gegen sie planen –

Dann käme ich ins Spiel. Ich würde ihr immerzu Rückendeckung geben.

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