Die Realität

Rufen tat mich keiner
Und dennoch bin ich da.
Ich schmerze meinen Nächsten –
Egal ob klein, ob Schar.
~Die Pein

Rufen tat mich keiner
Und dennoch steh‘ ich hier.
Ich bringe dunkle Stunden
Jedem – sogar dir.
~Die Verzweiflung

Rufen tat mich einer
Ohne zu verstehen:
Mein Nehmen ohne Geben
Verdient kein Wiederseh’n.
~Der Krieg

Mich rufen ach so viele,
In Kummer, Glück und Tod
Wünschen sie sich Wärme,
Mein Licht in jeder Not.
~Die Liebe

Mich rufen ach so viele
Am Ende ihrer Kraft,
Sie hängen an dem Schimmer,
Träumen von einer höheren Macht.
~Die Hoffnung

Rufen tun mich alle
Und nehm’n sich Hand an Hand.
Doch stolpert auch nur einer,
Zerreißt das edle Band.
~Der Frieden

Drum stehe ich daneben
Male alles schwarz und weiß,
Werd‘ nicht angerufen,
Denn ich offenbare jeden Preis.
~Die Realität

B: Von allen Seiten belagert

Liane war noch nicht einmal im Haus, als ihr Vater sie bereits an sich drückte. Starke Arme strichen über ihren Rücken. Er flüsterte einen Dank in ihre Haare. Es klang wie ein Gebet. Wie-

„Wo warst du?!“, abrupt schob er sie hinein und klammerte sich in ihren Schultern fest.

Das Mädchen schluckte. Noch immer fühlte sich ihre Tasche so schwer an. Diese neuen Zeichnungen schienen so viel mehr zu wiegen. Sie so viel mehr zu belasten …

„Entschuldige … Ich habe die Zeit vergessen“, erklärte sie leise.

„Die Zeit?“, eine seltene Strenge schlich sich auf sein Gesicht, „Liane. Bitte gib mir keine lächerlichen Ausreden. Ich habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen. Ich habe deine Freunde durchtelefoniert. Ich … Ich weiß, dass dein Unterricht heute Morgen ausfiel und dass du etwas verbirgst. Ich weiß es.“

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Zu spät

Kurz nach Sieben.
Ich wollt‘ hierher fliegen.
Wollt‘ es nicht verschieben.
Wollt‘ Dich nicht verlieren.

Bin ich zu spät?

Ich lehne mich an die Säule,
Lausche dem tosenden Geheule.
Der Wind lässt mich erzittern,
Wie bei tosenden Gewittern!

Ich bin zu spät …

Meine Uhr zeigt acht nach.
Das ich nicht lach‘!
Acht Minuten nach …
Obwohl ich versprach,

Mich nicht zu verspäten.

Erschöpft knie ich nieder.
Mir zittern die Glieder,
Wie beim Fieber,
Denn mal wieder,

Bin ich zu spät.

Zwanzig Minuten harre ich aus.
Ich will keinen Strauß,
Will keinen Applaus,
Will nur nach Haus‘.

Ich war zu spät.

Heute hätten wir entschieden,
Ob wir uns wirklich noch lieben.
Ob wir zueinander halten.
Ob wir uns nicht spalten.

Und ich war schon wieder zu spät.

Dabei war das doch Deine Kritik.
Deswegen hinkte unsere Physik.
Du läufst wie eine automatische Fabrik
Und ich bin das Dynamit,

Das zu spät zischt …

Der Morgen bricht an.
Schatten schlängeln sich heran.
Ich starre in den Sonnenaufgang
– viel zu stramm, viel zu lang –

Und stehe verspätet auf.

Trauer übernimmt mein Gesicht.
Doch lange währt sie nicht.
Denn ungläubig bemerke ich
Dich.

Verspätet.

Auf der anderen Seite der Säule warst Du.
Auf der anderen Seite der Säule wartetest Du.
Auf der anderen Seite der Säule hab‘ ich nicht nachgesehen.
Auf der anderen Seite der Säule ähnelt Dein Lächeln einem Flehen,

Das ich verspätet sah.

So wird mir Deine Liebe gewahr.
So wird mir unsere Zukunft gewahr.
So wirst Du mir gewahr.

Ich bin vielleicht zu spät,

Aber ich bin da.

B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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Elf Punkt, Elf Punkt

Elf, Punkt,
Elf, Punkt.

Gerunzelte Stirn, 
Angestrengtes Hirn, 
Angeknabberte Finger,
Beine wie ein Springer.

Ich weiß nicht,
Was die Zeichen soll’n.
Ich weiß nicht,
Was sie von mir woll’n.

Da frag ich mich zurecht: 
Sind die Punkte echt?
Sind die Einsen recht?

Vier Linien –
Von oben nach unten,
Bemalt mit bunten:

Lilien, 
Fuchsien,
Zinnien,
Lobelien.

Dazwischen getunkte,
Disjunkte,
Samenpunkte:

Akazie
Und Pinie.

Doch was soll es mir sagen?
Warum kann es so an mir nagen? 

Dieses Blumengesteck,
Dient gewiss einem Zweck!
Bloß habe ich ihn noch nicht entdeckt …
Oder ist er zu gut versteckt?

Ich muss es wagen!
Da seit Tagen
Mich die Fragen
Plagen –
Oder jagen?

Lächelnd kommst du rein und nickst. 
Nun fühle ich mich ausgetrickst. 
Wie du mir eine Botschaft schickst –
Mit einem einzigen Blick. 

Verständnis erblüht in mir, 
Lässt mich lachen mit dir. 
Wir kuscheln uns gemeinsam ein.
Lassen keine Kälte herein!

So war es doch vor vielen Jahren geschehen. 
Wir hatten uns erstmalig wahrhaftig gesehen. 

Danke für Dich.