B: Mund auf …

Sich mit jemanden unterhalten zu wollen, war eine Sache. Leider war es eine gänzlich andere, das besagte Gespräch in die Wege zu leiten. Zumindest für Liane.

Fünfmal traf sie Oliver noch vor der zweiten Hofpause. Fünfmal wollte sie etwas sagen. Und fünfmal lief sie lieber schweigend davon.

Sehr zu Shilohs Vergnügen.

„Mund auf, eine Prise Ehrlichkeit in die Worte und schon wird es klappen“, hatte diese ihr nach dem letzten Mal zugeflüstert.

Einfacher gesagt, als getan!

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Märchenstunde: Die Geburt der Meernixen

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte ein König auf seiner Insel. Dieser König hatte sieben Söhne, aber nur eine Tochter, welche jede Krankheit magisch anzog. Stets wurde sie von Husten oder Fieber geplagt, sodass sich der König immerzu um sie sorgte. Und so kam es, dass er seine Söhne vernachlässigte, die sich bald darauf alle als alleinige Erben sahen.

Jeder wollte nach dem Tod ihres Vaters das Reich regieren. Denn jeder sah sich selbst als perfekten Nachfolger an. So war der erste sehr geschickt in der Buchführung, der zweite hatte die Kunst der Diplomatie mit dem Festland erlernt, der dritte war in der Schiffsfahrt und der Meereskunde bewandert, der vierte wusste jede Nahrung herzustellen oder gar anzubauen, der fünfte war ein Gelehrter des Tempels, der mit Auszeichnungen überhäuft wurde, der sechste wusste jedes Tier zu besänftigen und für seine Zwecke zu gewinnen, der siebte lenkte die Stimme des Volkes mit seinem Gesang.

Wie konnten die Gaben der anderen Brüder wichtiger als die eigene sein? Geschweige denn für eine kränkliche Schwester ignoriert werden?

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B: Der Talisman

Der Brief begleitete sie tagein, tagaus: Zum Schlafen legte sie ihn unters Kopfkissen. In der Schule steckte er in ihrer Hosentasche. Beim Duschen lag er direkt auf ihren Wechselsachen. Nach wenigen Tagen hatte sie ihn schon so oft gefaltet, dass er an den Kanten auseinanderfiel! Aber da sich jedes Zeichen davon bereits in ihren Kopf gebrannt hatte, scheute sie sich nicht, ihn auch durch das Laminiergerät zu schieben.

So war es sicherer. Nur so konnte niemand versehentlich über den Inhalt stolpern. Weder ein Klassenkamerad …

… noch ihr Vater.

„Wann willst du eigentlich mit Oli reden?“, riss Shiloh sie aus ihren Gedanken und überrascht erkannte Liane, wer direkt vor ihnen zur Schule lief.

„Ich … Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand sie leise und drosselte sofort das Tempo.

Wieso lief ihr der Junge auch überall über den Weg?!

Oder kam es ihr nur so vor?

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Der Abschied

>Wieso bin ich hier?<

Inmitten von Ruinen,
beschattet von Toxinen,
Von des Meeres Gier,
Festgekettet wie ein Tier.

>Wieso kann ich nicht weg?<

Er gibt kein Elixier.
Nur dieses scharfe Rapier.
Es ist neu im Gepäck
Und erfüllt einen quälenden Zweck.

>Wieso kommen keine Tränen?<

Im Schrecken steck‘
Ich fest an diesem Fleck.
Ich möchte mich grämen,
Will es nicht annehmen!

>Wieso?!<

Wie Hyänen mit blitzenden Zähnen
Scheint das Meer sich auszudehnen.
Es wirkt beinah‘ froh!
Aufdringlich sowieso …

>…<

Es hatte den Nebel bemerkt.
Es hatte ihn nicht abgewehrt.
Hatte das Meer ihn verehrt?
Hatte es ihn gar begehrt?
Ihn hergezerrt?
Ihn ernährt?!

>Ich vermisse dich …<

Des Leuchtturms Licht
Erhellt keine Sicht.
Es sticht mir schlicht
– nimmermehr –
Ins verweinte Gesicht.

In Liebe und ewiger Trauer für meinen Großvater
~17.10.1934 – 09.08.2022
Medra

Die Realität

Rufen tat mich keiner
Und dennoch bin ich da.
Ich schmerze meinen Nächsten –
Egal ob klein, ob Schar.
~Die Pein

Rufen tat mich keiner
Und dennoch steh‘ ich hier.
Ich bringe dunkle Stunden
Jedem – sogar dir.
~Die Verzweiflung

Rufen tat mich einer
Ohne zu verstehen:
Mein Nehmen ohne Geben
Verdient kein Wiederseh’n.
~Der Krieg

Mich rufen ach so viele,
In Kummer, Glück und Tod
Wünschen sie sich Wärme,
Mein Licht in jeder Not.
~Die Liebe

Mich rufen ach so viele
Am Ende ihrer Kraft,
Sie hängen an dem Schimmer,
Träumen von einer höheren Macht.
~Die Hoffnung

Rufen tun mich alle
Und nehm’n sich Hand an Hand.
Doch stolpert auch nur einer,
Zerreißt das edle Band.
~Der Frieden

Drum stehe ich daneben
Male alles schwarz und weiß,
Werd‘ nicht angerufen,
Denn ich offenbare jeden Preis.
~Die Realität