B: Der Talisman

Der Brief begleitete sie tagein, tagaus: Zum Schlafen legte sie ihn unters Kopfkissen. In der Schule steckte er in ihrer Hosentasche. Beim Duschen lag er direkt auf ihren Wechselsachen. Nach wenigen Tagen hatte sie ihn schon so oft gefaltet, dass er an den Kanten auseinanderfiel! Aber da sich jedes Zeichen davon bereits in ihren Kopf gebrannt hatte, scheute sie sich nicht, ihn auch durch das Laminiergerät zu schieben.

So war es sicherer. Nur so konnte niemand versehentlich über den Inhalt stolpern. Weder ein Klassenkamerad …

… noch ihr Vater.

„Wann willst du eigentlich mit Oli reden?“, riss Shiloh sie aus ihren Gedanken und überrascht erkannte Liane, wer direkt vor ihnen zur Schule lief.

„Ich … Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand sie leise und drosselte sofort das Tempo.

Wieso lief ihr der Junge auch überall über den Weg?!

Oder kam es ihr nur so vor?

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Der Abschied

>Wieso bin ich hier?<

Inmitten von Ruinen,
beschattet von Toxinen,
Von des Meeres Gier,
Festgekettet wie ein Tier.

>Wieso kann ich nicht weg?<

Er gibt kein Elixier.
Nur dieses scharfe Rapier.
Es ist neu im Gepäck
Und erfüllt einen quälenden Zweck.

>Wieso kommen keine Tränen?<

Im Schrecken steck‘
Ich fest an diesem Fleck.
Ich möchte mich grämen,
Will es nicht annehmen!

>Wieso?!<

Wie Hyänen mit blitzenden Zähnen
Scheint das Meer sich auszudehnen.
Es wirkt beinah‘ froh!
Aufdringlich sowieso …

>…<

Es hatte den Nebel bemerkt.
Es hatte ihn nicht abgewehrt.
Hatte das Meer ihn verehrt?
Hatte es ihn gar begehrt?
Ihn hergezerrt?
Ihn ernährt?!

>Ich vermisse dich …<

Des Leuchtturms Licht
Erhellt keine Sicht.
Es sticht mir schlicht
– nimmermehr –
Ins verweinte Gesicht.

In Liebe und ewiger Trauer für meinen Großvater
~17.10.1934 – 09.08.2022
Medra

Die Realität

Rufen tat mich keiner
Und dennoch bin ich da.
Ich schmerze meinen Nächsten –
Egal ob klein, ob Schar.
~Die Pein

Rufen tat mich keiner
Und dennoch steh‘ ich hier.
Ich bringe dunkle Stunden
Jedem – sogar dir.
~Die Verzweiflung

Rufen tat mich einer
Ohne zu verstehen:
Mein Nehmen ohne Geben
Verdient kein Wiederseh’n.
~Der Krieg

Mich rufen ach so viele,
In Kummer, Glück und Tod
Wünschen sie sich Wärme,
Mein Licht in jeder Not.
~Die Liebe

Mich rufen ach so viele
Am Ende ihrer Kraft,
Sie hängen an dem Schimmer,
Träumen von einer höheren Macht.
~Die Hoffnung

Rufen tun mich alle
Und nehm’n sich Hand an Hand.
Doch stolpert auch nur einer,
Zerreißt das edle Band.
~Der Frieden

Drum stehe ich daneben
Male alles schwarz und weiß,
Werd‘ nicht angerufen,
Denn ich offenbare jeden Preis.
~Die Realität

B: Von allen Seiten belagert

Liane war noch nicht einmal im Haus, als ihr Vater sie bereits an sich drückte. Starke Arme strichen über ihren Rücken. Er flüsterte einen Dank in ihre Haare. Es klang wie ein Gebet. Wie-

„Wo warst du?!“, abrupt schob er sie hinein und klammerte sich in ihren Schultern fest.

Das Mädchen schluckte. Noch immer fühlte sich ihre Tasche so schwer an. Diese neuen Zeichnungen schienen so viel mehr zu wiegen. Sie so viel mehr zu belasten …

„Entschuldige … Ich habe die Zeit vergessen“, erklärte sie leise.

„Die Zeit?“, eine seltene Strenge schlich sich auf sein Gesicht, „Liane. Bitte gib mir keine lächerlichen Ausreden. Ich habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen. Ich habe deine Freunde durchtelefoniert. Ich … Ich weiß, dass dein Unterricht heute Morgen ausfiel und dass du etwas verbirgst. Ich weiß es.“

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Zu spät

Kurz nach Sieben.
Ich wollt‘ hierher fliegen.
Wollt‘ es nicht verschieben.
Wollt‘ Dich nicht verlieren.

Bin ich zu spät?

Ich lehne mich an die Säule,
Lausche dem tosenden Geheule.
Der Wind lässt mich erzittern,
Wie bei tosenden Gewittern!

Ich bin zu spät …

Meine Uhr zeigt acht nach.
Das ich nicht lach‘!
Acht Minuten nach …
Obwohl ich versprach,

Mich nicht zu verspäten.

Erschöpft knie ich nieder.
Mir zittern die Glieder,
Wie beim Fieber,
Denn mal wieder,

Bin ich zu spät.

Zwanzig Minuten harre ich aus.
Ich will keinen Strauß,
Will keinen Applaus,
Will nur nach Haus‘.

Ich war zu spät.

Heute hätten wir entschieden,
Ob wir uns wirklich noch lieben.
Ob wir zueinander halten.
Ob wir uns nicht spalten.

Und ich war schon wieder zu spät.

Dabei war das doch Deine Kritik.
Deswegen hinkte unsere Physik.
Du läufst wie eine automatische Fabrik
Und ich bin das Dynamit,

Das zu spät zischt …

Der Morgen bricht an.
Schatten schlängeln sich heran.
Ich starre in den Sonnenaufgang
– viel zu stramm, viel zu lang –

Und stehe verspätet auf.

Trauer übernimmt mein Gesicht.
Doch lange währt sie nicht.
Denn ungläubig bemerke ich
Dich.

Verspätet.

Auf der anderen Seite der Säule warst Du.
Auf der anderen Seite der Säule wartetest Du.
Auf der anderen Seite der Säule hab‘ ich nicht nachgesehen.
Auf der anderen Seite der Säule ähnelt Dein Lächeln einem Flehen,

Das ich verspätet sah.

So wird mir Deine Liebe gewahr.
So wird mir unsere Zukunft gewahr.
So wirst Du mir gewahr.

Ich bin vielleicht zu spät,

Aber ich bin da.