B: Nackte Panik

Lilith schüttelte sich. Sie verrenkte sich, um ihren Rücken im Spiegel sehen zu können. Kratzte ihre Haut. Ihre Haut, die sich so glatt und eben anfühlte. Ihre Haut, die sich doch uneben anfühlen sollte. Ihre Haut, auf der Blaincs wahrer Schlüssel prangen sollte …

„Das darf nicht-“, sie drehte sich halb, um über ihre andere Schulter zu sehen, „Das kann nicht- Chemy!“

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Alte Fotos

Alte Fotos sind schon sonderbar:
Vergilbt, zerkratzt – alles andere als klar.

Die Gesichter darauf wirken starr:
Eingefallen, blass – beinahe bizarr.

Nur die Augen blicken klar.
Nur diese Augen … tja …

Ob sie ihre Tode erahnten?
Ob sie Schicksalsschläge erwarteten?
Ob sie Hoffnungen hegten?
Ob sie diese wieder verlegten?

Auf diesen Bildern sieht man es nicht.
Die Toten lächeln zu schlicht.
Sie sind noch jung und klein,
Stehen vor der Hecke so fein.

Heute sind sie alle tot.
Das Mädchen da vorn? Tot.
Die Frau daneben? Tot.
Der Knabe am Rande? Tot.
Die drei dahinter? Tot. Tot. Tot!

Mit jedem Grab starb ein Zusammenhalt.
Mit jedem Marmor gewann ein Vorbehalt.

Entfremdung und Verleugnung,
Einsamkeit und Enteignung.
Als die Familie zerbrach …

Die Augen auf den Fotos wirken so traurig.
Die Augen auf den Fotos gucken so schaurig.

Beinahe … als wären sie wach?

Ach! Wem mache ich etwas vor?
Dass ich mich hier drin verlor …
Was für ein dummer Humor!

Ich gehe zu hart ins Gericht,
Gebe diesen Fotos zu viel Gewicht,
Ja, ich bin gar viel zu erpicht!

Meine Fotos kennen meine Zukunft ja auch nicht!
Oder …
Irre ich?

M: Zusammenhalt I

Zittrig presste Diana ihre Beine enger gegen ihren Oberkörper. Sie wollte in Ruhe gelassen werden. Wollte nichts mehr sehen. Nichts mehr hören. Nicht mehr-

„Diana! Mach auf!“, brüllte ihre Mutter hinter der verschlossenen Zimmertür.

Das Mädchen ignorierte sie.

Diese Frau wollte eh nur mit ihr meckern. Genau. Immerhin hatte Diana es ja gewagt, im letzten Mathetest nicht die volle Punktzahl zu erreichen! Wie konnte sie es nur wagen?! Sie musste doch perfekt sein! Immerzu perfekt sein! Perfekt, perfekt, perfekt, per-

Die Tränen verklebten ihre Augen und eilig wischte sie das Wasser weg. Sie starrte auf das Familienfoto neben ihrem Wecker. Da, auf der rechten Seite, stand sie. Mit ihren Eltern. Ihre Großmutter stand hinter dem einzigen Stuhl, auf dem der Diktator von einem Großvater saß. Links von ihm befanden sich Dianas Onkel. Dianas Tante. Rachel …

Rachel …

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B: Lianes erste Freundschaft

„Tschüss!“, rief Liane hastig durchs Haus.

„Soll ich dich nicht noch-“

Geflissentlich ignorierte sie ihren Vater und zog den überraschten Oliver mit sich zur Straße. So sehr sie ihren alten Herren auch liebte, wenn er erstmal Mutterhenne spielen würde, kämen sie garantiert nicht mehr rechtzeitig los!

„Komm schon“, drängte sie – nur um drei Schritte später ihre Richtung zu korrigieren.

Denn Oliver zeigte stumm nach links statt nach rechts.

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B: Die Lüge im Spiegel

„Guten Tag. Mein Name ist Lia- Nein. Ich meine, ich heiße Lian- Argh! Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Lia-“, wütend fuhr sie sich durch die offenen Haare und wandte sich vom Spiegel ab.

„Liane. Liane. Liane. Lian… Lili-“

Hastig biss sie sich auf ihre Zunge. Nein. Sie war nicht Lilith. Sie war Liane. Benannt nach der Mutter ihres Vat-

Vat-

Vate-

Erschöpft ließ sie sich auf ihr neues Bett fallen. Auf dieses neue Bett. In diesem viel zu großen Zimmer. In diesem viel zu großen Haus. In diesem Haus, das sie von Isa Silver geerbt hatte. Von Isa Silver, die ihre Mutter gewesen sein sollte. Die sich nicht wie ihre Mutter anfühlte … Es fühlte sich so falsch an. Alles fühlte sich so falsch an!

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