K: Ich kenne keine Mama

„Ach, Flo …“, begrüßte Janine ihn seufzend, als sie den Jungen fand.

Schniefend drückte er seine Jokerfigur gegen die Brust. In diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, dass sie ihn einfach nur sich selbst überließ.

„Lass mich in Ruhe!“, forderte er verweint. Doch schien es sie nicht zu kümmern. Gelassen kletterte Janine über die vergessenen Tüten mit Dekorationen und alten Kleidern zu ihm in die hinterste Ecke der Nische. Gelegentlich fluchte sie über irgendeinen Gegenstand, der sich in der Dunkelheit des Zimmers versteckte. Ansonsten gab sie keinen Laut von sich.

Florian zog seine Knie enger an seinen Körper. Er hatte dieses Versteck doch ausgewählt, weil es nicht gut zu erreichen war. Hier – so hatte er gehofft – würde man ihn als letztes suchen. Hier hätte er seine Ruhe. Und hier müsste er keine dummen Fragen beantworten!

„Ja doch“, sie trat eine kaputte Puppe zur Seite, „Aber du bist mein kleiner Bruder. Und den lass ich nicht zwischen irgendwelchen Spinnenweben verkümmern. Also mach mal ein wenig Platz da!“

Florian reagierte gerade noch rechtzeitig, ehe die Ältere beinahe auf ihn fiel. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er ihre verzottelten Haare und die Flecken auf ihrem Oberteil betrachtete. Er hätte seine Stiefschwester nie für eine Art Mädchen gehalten, das sich derart gehen li-

Nein! Er durfte nicht lächeln! Sonst würde sie bestimmt das Thema der anderen wieder aufgreifen! Dann kämen die Fragen zurück! Dann-

„Hach, hier ist es wirklich schön ruhig, oder?“, sie streckte sich, soweit es der schmale Raum zuließ und zwickte dabei seine Schulter, „Was meinst du?“

„Dass das wehtat“, antwortete Florian ihr jedoch nur still, „Du bist nicht nett.“

„Nicht nett …“, für einen Augenblick schien sie in ihren Gedanken gefangen zu sein, sie drehte ihren Holzarmreif nachdenklich im Kreis und zuckte dann mit den Schultern, „Wenn mein Vater wüsste, dass ich noch lebe, würde er behaupten, dass ich einzig fürs Sterben auf die Welt kam. Dann trifft es sich doch gut, dass ich mich nicht mit Nettigkeiten aufhalte, ne?“

Der Junge runzelte die Stirn. Er verstand nicht wirklich, was sie damit meinte. Aber er wollte auch nicht nachfragen. Er wollte ja eigentlich nicht einmal mit ihr reden! Und trotzdem kam sie zu ihm und brachte so viel Wärme und Liebe mit, dass es wehtat!

Florians Augen wanderten zu der Jokerfigur in seinen Händen. Er drückte sie so sehr an sich, dass seine Finger schmerzten.

„Keiner hat es leicht, Flo“, fuhr Janine seufzend fort, „Was soll der kleine Niklas sagen? Seine Mutter ist direkt vor unserer Tür gestorben. Und Ben … Tom … Anja … Paul … Ich … Wir alle haben unsere Laster zu schleppen. Selbst Sabine. Von daher verstehen wir, dass du nicht über die Vergangenheit reden magst. Es ist nicht schlimm, okay? Es ist alles in Ordnung.“

Der Junge sah zur Seite. Es war nicht … Es lag nicht daran, dass er nicht über das Geschehene sprechen wollte. Obwohl. Eigentlich schon. Aber auf der anderen Seite war es viel eher, dass …

Er seufzte.

„Zwischen … zwischen meinem Vater und mir gab es niemanden“, gestand er beinahe lautlos, „Ich hatte keine Mama. Ich … Ich weiß nicht … Sabine, Anja oder … oder du … ihr … Ich verstehe euch nicht …“, er atmete tief ein.

Das wars. Janine würde bestimmt lachen. Oder sie würde fragen, was denn bei ihm schiefgelaufen wäre! Genauso wie Ben vorhin, als Florian mit Anjas Hilfe überfordert war! Es war seltsam. Auf der einen Seite genoss er die Aufmerksamkeit und Nähe der anderen und auf der anderen …

… war ihm die Liebe zu viel. Womit hatte er sie schon verdient? Mit Toms Scherzen, Niklas Geschrei, ja selbst mit Pauls und Bens Spielen kam er klar! Aber Anjas Hilfe beim Abspülen? Sabines Fürsorge, wenn sie ihn ins Bett brachte? Und dann war da noch Janine …

Er stahl einen Blick auf die Ältere. Sie wirkte immer so besonnen und locker. Aber auch so aufopferungsvoll und nachsichtig. Er glaubte, ihr alles erzählen zu können und dennoch kein Wort über die Lippen zu bekommen.

Wie hatte er es jetzt nur geschafft?  

Janine hielt ihm plötzlich eine Tüte mit Keksen vors Gesicht und erschrocken bemerkte er, dass sie schon fröhlich vor sich hin knusperte. Wann hatte sie damit angefangen? Hatte sie die Kekse mit hineingebracht? Wo kamen sie her? Wann hatte er nicht aufgepasst?

„Na, los! Ich will nicht die einzige sein, die Sabines Zorn auf sich zieht“, erklärte die Ältere grinsend und schien das ernste Gespräch damit vollkommen zu leugnen.

„Du hast sie geklaut?“

„Ich habe sie mir geliehen“, korrigierte seine Stiefschwester, „So sehr, wie Niklas mich auf Trab hält … Da kann ich dann auch mal vergessen, die Kekse wieder zurückzugeben, oder?“

Florian konnte nicht anders. Er lachte. Er lachte aus vollem Herzen und spürte dabei, wie sich die Sorgen auf seinem Herzen lockerten.

„Machst du das öfters?“

„Hin und wieder mal.“

„Und wenn sie was sagt?“

„Dann sagt sie halt was. Ich muss ja nicht antworten.“

„Aber Sabine wird dann immer so wütend!“

„Sabine ist Sabine. Ich bin ich. Du bist du. Wir alle können wütend werden. Wir können traurig werden. Wir können glücklich werden. Jedes Gefühl kann Konsequenzen auslösen. Na und?“, Janine mampfte den nächsten Keks, „Es kommt immer auf das große Ganze an. Solange noch genug Kekse für die anderen da sind, wurde doch keinem ein Leid zugefügt, oder?“

Florian grinste und lieh sich drei Kekse auf einmal. Er drehte sie nachdenklich in den Händen. Sah auf seinen Schoß. Auf seine Jokerfigur.

Er hatte sie losgelassen. Er hatte das einzige Andenken von daheim losgelassen. Und irgendwie … irgendwie fühlte es sich gut an.

„Janine?“

„Hm?“

„Ich weiß nicht, wie ich mich gegenüber einer Mama verhalten soll … Und Sabine, Anja und du … ihr seid mir irgendwie nicht nur Schwestern oder so“, gestand er still.

Für einen Moment schwieg die Ältere. Florian glaubte zu spüren, wie sie die Worte in ihrem Kopf abwog, ehe sie stumm nickte.

„Solange du uns alle mit Respekt behandelst und die Liebe in unserer schrägen Familie zulässt, sollten wir klarkommen. Wen kümmert es schon, in welcher Beziehung wir alle zueinanderstehen?“, Janine seufzte erneut, „Meine Güte. Es würde mich nicht wundern, wenn Niklas mich eines Tages Mama nennt, so wie er an mir hängt. Ob du nun da mitmachst oder nicht, ist mir Suppe wie Stulle.“

Florian konnte sich das Kichern nicht verkneifen. Er lehnte sich vorsichtig an Janine und starrte zu der offenen Nischentür herüber. Ein befreiendes Gefühl machte sich in ihm breit. Er wollte mit der Älteren über alles reden. Er wollte sich ihr öffnen. Er wollte ihr alles sagen, aber …

„Ich habe Angst“, sprudelten die Worte unaufhaltsam über seine Lippen.

Sie zog ihn näher an sich heran: „Wovor?“

Florian schluckte. Es gab kein zurück mehr. Er musste es ihr sagen.

„Ich habe Angst, dass ich eines Morgens aufwache und du dann nicht mehr da bist. Du … Es ist wie ein wundervoller Traum, dass ich hier gelandet bin. Ich möchte nie mehr aufwachen. Ich möchte nie mehr-“

Ich möchte nie mehr zu diesem Monster von einem Vater zurück, dachte er sich.

Doch diese Worte würde Florian niemals aussprechen können.

Janine drückte ihn stärker an sich.

„Ich werde immer für euch alle da sein. Ich werde immer auf euch aufpassen. Und ich werde nie zulassen, dass einem von euch etwas passiert.

Versprochen.“

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