K: Die Grün-Augen-Kobolde I

Isabel rührte lustlos in ihrem Mittagessen herum. Irgendein Auflauf. Sabine, die Betreuerin des Waisenhauses, hatte ihn vorhin zusammengewürfelt, doch konnte er das Mädchen nicht minder interessieren. Essen war nur eine Aufgabe.

Essen. Trinken. Schlafen. Aufstehen und Funktionieren … Das waren alles nur Aufgaben.

Aufgaben, in denen sie keinen Sinn sah.

„Ich weiß, es ist schwer“, erklärte ihr Stiefbruder Paul zum wiederholten Mal, „Aber Anja muss ihr eigenes Leben bewältigen. Und ihr eures. Verstehst du?“

Isabel blickte lustlos zu dem Älteren. Dann über die anderen besorgten Gesichter hinweg zu ihrem Zwilling Robby, der zumindest an seiner halben Scheibe Brot knabberte.

Er sah so müde aus …

Weiterlesen

K: Ich kenne keine Mama

„Ach, Flo …“, begrüßte Janine ihn seufzend, als sie den Jungen fand.

Schniefend drückte er seine Jokerfigur gegen die Brust. In diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, dass sie ihn einfach nur sich selbst überließ.

„Lass mich in Ruhe!“, forderte er verweint. Doch schien es sie nicht zu kümmern. Gelassen kletterte Janine über die vergessenen Tüten mit Dekorationen und alten Kleidern zu ihm in die hinterste Ecke der Nische. Gelegentlich fluchte sie über irgendeinen Gegenstand, der sich in der Dunkelheit des Zimmers versteckte. Ansonsten gab sie keinen Laut von sich.

Florian zog seine Knie enger an seinen Körper. Er hatte dieses Versteck doch ausgewählt, weil es nicht gut zu erreichen war. Hier – so hatte er gehofft – würde man ihn als letztes suchen. Hier hätte er seine Ruhe. Und hier müsste er keine dummen Fragen beantworten!

Weiterlesen

K: Lieber Niklas

Niklas beobachtete seine älteste Stiefschwester unsicher. Er hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Viel zu selten kam sie ihr altes Waisenhaus besuchen! Aber heute, zum Geburtstag ihrer Betreuerin und einem seiner anderen Stiefbrüder, zum Jahrestag ihres Waisenhauses, war sie endlich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lachend saß sie mit all den anderen Kindern, den Freunden aus dem Dorf und einigen ehemaligen Waisen an einem riesigen Tisch. Links von ihr hockte das jüngere Geburtstagskind, Florian, auf einem kippelnden Stuhl und erzählte von all den Dingen, die sie verpasst hatte. Rechts von ihr lauschte der ebenfalls ausgezogene Tom den prachtvollen Erzählungen. Auf ihrem Schoß hüpfte die zweijährige Lisa glucksend auf und ab. Letztere verlangte Lieder. Musik. Aufmerksamkeit.

Und Janine gab sie dem Kind genauso herzlich, wie sie es einst bei Niklas getan hatte.

Viel zu lange lagen diese Erinnerungen zurück.

Weiterlesen

K: Renne, Schneewittchen

Ungeduldig wippte Melanie auf dem Kissen – ihrem provisorischen Kindersitz – hin und her. Ihre Gedanken drehten sich um ihre Familie. Um ihren Vater, der Melanie erklärt hatte, dass sie sich nichts mehr leisten konnten. Um ihre Mutter, die Melanie zuletzt weinend in die Arme geschlossen hatte. Um ihre Tante Jill, die sie überraschend besuchen wollte, nur um Melanie wütend mitzunehmen.

Fort aus dem leeren Haus, das immer stickiger, das immer komischer gerochen hatte.

„Wo sind deine Eltern?“, hatte sie Melanie gefragt, als sie den Notruf auf dem toten Telefon wählen wollte.

Die Leitung war ihnen bereits einige Tage zuvor abgeknipst worden.

„Papa hat gesagt, ich solle hier auf sie warten. Und Mama hat gesagt, dass es okay wäre. Auch wenn mich der Rauch zum Husten bringt, wird er alles besser machen und all unsere Probleme lösen.“

Danach hatte ihre Tante Jill sie ganz fest in die Arme geschlossen. Sie hatte geflucht. Sie hatte das Mädchen mit nach draußen genommen. Sie hatte Melanies Haare zurückgebunden. Das schwarze, dicke Gestrüpp, das das Kind kaum zu bändigen wusste.

„Das ist nicht richtig …“

Weiterlesen

K: Keine Medizin!

Tom musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben nicht immer mit Fairness glänzte. Ob es nun der frühe Tod seiner Mutter, sein ihn misshandelnder Vater oder gar der Kampf nach einem normalen Leben war. Alles forderte seinen Preis. Alles zerrte an ihm.

Und nicht alles wusste er zu bestimmen.

Vielleicht hatte er deswegen mit seinen knapp sechzehn Jahren die Vaterrolle für einige der anderen Waisen eingenommen. Immerhin wusste er nur zu gut, wie sich ein Vater nicht zu verhalten hatte. Er wusste, was ein Vater nicht tun sollte. Was er nicht zu sagen hatte. Was er seinen Kindern niemals zumuten durfte …

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er immerzu wusste, was er sagen sollte.

„Christoph? Mach bitte die Tür auf“, Tom klopfte erneut gegen das Holz – dennoch bemühte er sich aber, die Stimme nicht anzuheben.

„Nein! Keine Medizin! Medizin böse! Medizin schlecht!“, schrie ihm der Dreijährige entgegen, als würde es um sein Überleben gehen.

Weiterlesen