K: Lieber Niklas

Niklas beobachtete seine älteste Stiefschwester unsicher. Er hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Viel zu selten kam sie ihr altes Waisenhaus besuchen! Aber heute, zum Geburtstag ihrer Betreuerin und einem seiner anderen Stiefbrüder, zum Jahrestag ihres Waisenhauses, war sie endlich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lachend saß sie mit all den anderen Kindern, den Freunden aus dem Dorf und einigen ehemaligen Waisen an einem riesigen Tisch. Links von ihr hockte das jüngere Geburtstagskind, Florian, auf einem kippelnden Stuhl und erzählte von all den Dingen, die sie verpasst hatte. Rechts von ihr lauschte der ebenfalls ausgezogene Tom den prachtvollen Erzählungen. Auf ihrem Schoß hüpfte die zweijährige Lisa glucksend auf und ab. Letztere verlangte Lieder. Musik. Aufmerksamkeit.

Und Janine gab sie dem Kind genauso herzlich, wie sie es einst bei Niklas getan hatte.

Viel zu lange lagen diese Erinnerungen zurück.

Seufzend hackte Niklas mit seiner Gabel auf dem Essen herum. Es gab Würstchen, diverse Salate, Bouletten … Er hatte seit Monaten auf diesen Tag gewartet und war sich immer noch unsicher, wie er sie fragen sollte. Denn jede Frage erschien ihm selbst wie eine Beleidigung. Jede Version wirkte so undankbar. So-

Er schielte zu seinem Freund Janek herüber. Dieser unterhielt sich mit Niklas älterem Stiefbruder Benjamin über irgendwelche Marder. Janek hatte versucht, ihm gut zu zureden. Aber er hatte auch gemeint, dass es nach manchen Worten kein Zurück mehr gäbe. Was also, wenn Niklas Janine mit seiner Frage zu sehr vor den Kopf stieß? Aber nur sie würde ihm bereitwillig die Antworten geben, die er misste. Nur sie würde ihm gar zuhören und ihn nicht sofort als Kind abstempeln! Nur sie würde-

Ein Würstchen flog an ihm vorbei und überrascht blickte er seinen vierjährigen Stiefbruder Heiko an, der rabiat mit dem Essen kämpfte. Der andere Junge aß schon lange nicht mehr nur von seinem Teller. Nein. Auch Tischdecke, Bank und T-Shirt waren gefragt.

„Bist du dir sicher, dass du keine Hand möchtest?“, fragte Janine das Kind und reichte Lisa zu Tom, der sie fließend weiter beschäftigte. Als hätte er es bereits erwartet!

Sie waren ein eingespieltes Team.

„Nein! Ich krieg das alleine hin!“

„Den Rasen brauchst du dabei aber nicht mit zu füttern“, bemerkte Janine spaßig.

Heiko präsentierte ihr seine Zunge, was die Ältere jedoch nur dazu veranlasste, geduldig ihren Kopf in die Hand zu legen. Ihre Augen füllten sich mit so viel Geduld und Verständnis, wie Niklas es einzig von ihr kannte.

„Es ist keine Schande sich helfen zu lassen“, versuchte es nun auch Sabine, ihre Betreuerin, woraufhin der Junge den Kopf einzog.

„Steve soll mir helfen“, murmelte er über den anderen Jungen neben ihm.

Niklas beobachtete das Schauspiel noch einige Augenblicke, ehe er weiter aß. Er war stolz darauf, dass seine Geschwister sich so gut umeinander sorgten. Er selbst half seinen Geschwistern liebend gern bei den Hausaufgaben. Florian erledigte mit Benjamin viele der Besorgungen im Dorf. Maggie links von ihm unterstützte Sabine bei den Aufräumarbeiten im Garten. Melanie ihr gegenüber kümmerte sich um das Staubwischen im Haus. Und so weiter.

Jeder hatte seine Aufgabe.

„Alles in Ordnung, Nik?“

Überrascht blickte er in Janines Augen. In diese klaren blauen Augen, die ihn immer sofort zu verstehen schienen. Die er am ehesten als die Augen seiner Mutter identifizierte.

Und da lag das Problem begraben.

„War nur in Gedanken“, murmelte er schulterzuckend.

Wieso musste ihn sein Mut so schnell wieder verlassen?

„Kannst du mir dann kurz helfen, noch etwas Orangensaft zu holen?“, sie stand bereits auf und eilig schlang er noch einen Bissen Nudelsalat herunter.

„Komme!“

„Immer mit der Ruhe“, lachend knuddelte sie ihn, sobald er neben ihr in Richtung Haus unterwegs war. Nun da sie den Schatten der Bäume verlassen hatten, peitschte die Sonne gnadenlos auf sie herab und die ungewöhnliche Hitze im Mai wurde ihm wieder einmal bewusst.

„Du weißt schon, dass noch vier Flaschen Orangensaft bei den anderen auf dem Tisch stehen?“, erkundigte sie sich still.

Niklas tat sein Bestes nicht zusammenzuzucken: „Ach, ja?“

„Ja. Und meinem aufmerksamen Genie wäre das sofort aufgefallen, wenn er nicht so neben sich stehen würde.“

Diesmal konnte er nicht anders. Er zuckte zusammen und hoffte inständig, dass niemandem sonst seine Geistesabwesenheit aufgefallen war. Unschlüssig tastete er nach Janines Hand. Er hielt sich daran fest. An diesem Anker, der immer für ihn da gewesen war. Der ihm jederzeit mit Rat und Tat beiseite stand. Der ihn früher gefüttert, gewickelt, Nacht für Nacht liebkost hatte.

„Mir geht was nicht aus dem Kopf“, murmelte er vorsichtig.

Ihr Nicken war ruhig. Als hätte sie das schon erwartet. Sie hielt ihm die Tür ins Haus auf und dankbar schlüpfte er in das kühle Gebäude. Seine Hand strich im Vorraum über den Schuhschrank. Das Holz wirkte so vertraut unter seinen Fingern. So einladend.

Es war sein zu Hause.

Schweigend streiften sie ihre Schuhe ab und ließen sie auf dem Boden stehen. Die Stille machte Niklas zu schaffen. Ungeduldig wippte er auf seinen Ballen.

„Wir sind eine wunderbare Familie“, platzte es plötzlich aus ihm heraus, während sie in die Küche gingen, „Wir haben ein schönes Zuhause. Und ja – es ist nicht immer alles perfekt. Wie letzte Woche, als Chris noch mit Fieber im Bett lag oder die Woche davor, als die Zwillinge die Treppe runtergeflogen sind. Aber wir- es ist trotzdem alles- ich meine- also, dass-“

„Dir fehlt etwas?“, unterbrach sie seine Wortsuche und griff in der angekommenen Küche nach einem Apfel.

„Ja! Nein! Ich meine …“, Niklas biss sich auf die Zunge. Wieso wusste sie es immer, wenn ihn etwas nicht losließ? Wieso konnte sie so gut in ihn hineinsehen? Wieso?!

Doch Janine schwieg wieder. Sie warf den Apfel in die Luft. Fing ihn auf. Warf ihn wieder hoch. Fing ihn auf. Sie seufzte leise.

„Ich meine“, begann er nochmal und atmete tief durch, „Du hast gesagt, dass ich dich nicht Mama nennen darf, weil es nicht fair wäre. Nicht fair einer Frau gegenüber, von der jede Spur fehlt. Du hattest von einem Brief gesprochen, den ich aber nicht zu Gesicht bekomme. Einen Brief, nach dem ihr mich benannt habt. Aber-“

Niklas wandte sich ab. Er atmete tief ein und starrte auf seine Hände.

Sie zitterten.

„Nik“, Janines Stimme klang gepeinigt, „Du bist noch zu jung, um dich mit solchem Wissen zu belasten und-“

„Ja, ich bin elf. Aber ich habe bereits eine Klasse übersprungen und im Sommer werden es zwei sein“, er hielt sich an den Fakten fest, „Ich weiß, dass ich mit dem Wissen umgehen kann! Ich mein, selbst Melanie und Annika und Steve und all die anderen haben ihre Bürden zu schleppen. Warum sollte ich also eine Ausnahme darstellen?“

Er bemühte sich, so erwachsen wie nur möglich zu klingen. Aber als er wieder aufsah und das Gesicht seiner Stiefschwester, nein, seiner Ziehmutter sah, verließ ihn jeglicher Mut.

Das war eine dumme Idee gewesen. Eine so stumpfsinnige, bescheuerte, egoistische, dämliche Idee! Warum hatte er sich so von der Neugier einnehmen lassen? Wegen den Fragen, die seine Mitschüler hinter seinem Rücken getuschelt hatten? Musste er sich wirklich davon beeinflussen lassen?!

„Niklas … Du-“

Sie brach ab und schüttelte den Kopf. Etwas hinter ihm hatte ihren Blick eingefangen und irritiert drehte er sich um.

Aber da war nichts.

„Niklas. Was möchtest du?“

Als er sich wieder ihr zuwandte, kniete sie bereits vor ihm. Ihre Hand strich über sein dunkles Haar und für einen Moment gestattete sich Niklas, die Berührung zu genießen. Er schöpfte Mut aus ihrer Nähe.

„Ich möchte den Brief lesen. Bitte“, das letzte Wort schob er eilig hinterher, in der Hoffnung, dass es die Situation etwas entschärfen würde.

Er wollte nicht, dass sie sich stritten.

„Das ist alles?“

„Ehm … Ja?“

„Nur den Brief lesen?“

„Ja?“

Sie lächelte sanft.

„Und wieso hast du dann nicht einfach Sabine gefragt?“

Er blinzelte sie an.

Bitte, was? Was hatte sie von ihm gedacht? Womit hatte sie gerechnet?

„Niklas. Wir wissen, dass du kognitiv dazu in der Lage bist, ein Schriftstück zu begreifen. Du hättest nur fragen brauchen. Moment“, sie warf ihm den Apfel zu und führte ihn in Sabines Büro.

„Du … du hast nichts dagegen?“

„Wieso sollte ich etwas dagegen haben, dass mein kleines Brüderchen einen Brief lesen möchte, der eh an ihn adressiert ist?“, hinterfragte sie glucksend, „Du hättest jederzeit danach fragen können, Krümel. Sabine hätte ihn dir sofort gegeben“

Überrascht beobachtete er, wie zügig sie sich durch die Ordner kämpfte und einen alten Zettel aus seinem herauszerrte. Es war, als hätte sie ihn selbst dort hineingelegt, so sicher kannte sie sich mit den Akten aus. Früher hatte Janine ihrer Betreuerin mit der Buchführung geholfen, vielleicht hatte sie damals auch seine Papiere geordnet.

Niklas starrte auf den Umschlag, den sie ihm entgegenhielt. Tränen, die er nicht verstand, drohten sein Gesicht zu fluten. Er schniefte leise, ehe er das zerknitterte Papier umklammerte. Seine Hände zitterten. Sein Atem blieb ihm im Halse stecken. Seine Beine verwandelten sich in weiche Gummitiere. Sicherlich würden sie jeden Augenblick unter ihm nachgeben!

Und dann lagen ihre Hände auf seinen.

„Wollen wir uns setzen? Ich kann gerne bei dir bleiben. Oder auch gehen. Ganz wie du magst.“

Sofort umschlang seine Hand ihren Arm. Nein. Egal, was in diesem Brief stand, er wollte nicht, dass sie ging. Sie sollte dableiben. Hierbleiben. Bei ihm bleiben. Denn allein …

Allein würde er sein Mut wieder verlieren.

Wortlos verstand sie ihn. Sie strich über seinen Arm, ehe sie ihm half, den Umschlag zu öffnen. Sachte strichen sie das Blatt glatt. Janine hauchte ihm einen Kuss in die Haare und drückte ihn leicht. Eine Aufmunterung, die er so bitter nötig gehabt hatte!

Erst dann begann er zu lesen.

Lieber Niklas,

leider schaffe ich es nicht mehr zurück. Meine Schmerzen nehmen mich ein und selbst wenn ich es wieder nach Hause schaffen würde, würden Vater und Jongdae mich verstoßen. Ganz zu schweigen von Monas Leuten oder Gemma. Ich würde noch unterwegs sterben und dann würden sie dich ins Verderben reißen. Sie würden alles vernichten …

Das ist nicht fair. Das ist Jae gegenüber nicht fair. Das ist alles nicht fair!

Ich will das nicht mehr. Ich will Frieden. Ich will diese sinnlosen Kämpfe hinter mir lassen! Das wollte ich schon immer. Deswegen war ich einst unverheiratet ausgezogen. Deswegen wollte ich dich damals in Sicherheit wissen.

Ein Leben Nahe bei der Natur. Das war früher mein Wunsch gewesen.

Ich liebe dich und hoffe, dass du eine Zukunft in dieser Welt findest, denn meine scheint zerstört.

Danbi Kyong

Niklas blinzelte. Er starrte auf diese wirren Worte. Worte, die keinen Sinn zu ergeben schienen. Es klang, als hätte ihn seine biologische Mutter bewusst ausgesetzt um … Um ihn in Sicherheit zu bringen? Um ihrer Familie zu entkommen? Er war sich unschlüssig.

Sein Zittern war verflogen. Seine Angst war verflogen. Stattdessen hielt er sich an Janines Arm fest. Er spielte mit dem Holzarmreif, den sie seit Jahren trug. Den sie nie abnahm. Den er noch aus seiner tiefsten Kindheit kannte.

Im Vergleich zu den Worten auf dem Papier, egal wie liebevoll auch geschrieben, wirkte dieser Gegenstand mehr wie eine Familie.

Mehr wie seine Familie.

Niklas gab Janine den Brief zurück. Er schloss die Augen. Dann prägte er sich die Worte ein. Er empfand keine Verbindung zu dem Absender. Er spürte keine Liebe in der Tinte.

„Danke.“

Und damit legte er seine Neugier zu den Akten.

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