M: Durch Mark und Bein

Sophie hörte das Klingeln einiger Fahrräder und prompt zog sie den Kopf ein. Sie wartete. Lauschte.

Doch fuhren ihre Mitschüler an ihrem Haus vorbei.

Vorsichtig schmulte sie an den Blumen vorbei, die die Veranda in ein verstecktes Paradies verwandelten. Ein Stückchen weiter konnte sie ihren kleinen Bruder sehen. Tyler spielte mit seinem Freund Jimmy in der Einfahrt. Sie hatten den Boden mit Kreide bemalt und begannen gerade, sich Geschichten zu den wirren Bildern auszudenken.

Ach, was würde Sophie nicht dafür tun, in diese unbeschwerte Zeit der Kindheit zurückzukehren!

Stattdessen schob sie ihr Tagebuch beiseite, griff nach ihren Hausaufgaben und kämpfte mit diversen Zinsrechenproblemen und Übersetzungen. Sie mochte weiterführende Schulen nicht. Der Stoff war anstrengender. Die Hausaufgaben längerfristiger. Die Mitschüler…

Wenigstens hatte ihre Schwester Marie einen guten Anschluss gefunden. Ihre Gedanken huschten zu ihrem jüngeren Zwilling. Ihr war der Schulwechsel relativ leicht gefallen. Sie genoss die Nachmittagskurse. Hatte Spaß an dem Fremdsprachenunterricht gefunden. Hatte so viele Freunde gefunden.

Freunde, die Sophie sich viel zu weit wegwünschte.

Ihre Ohren fingen ein leises Poltern aus dem Haus auf. Wahrscheinlich war ihr Vater immer noch oben am Handwerkern. Immerhin versuchte er immer noch dieses simple Regal für ihre Mutter aufzubauen.

Die Worte ihres Bruders übertönten die Geräusche jedoch leicht. Sie erkannte die Stimmlage sofort wieder. Wahrscheinlich spielten die Jungs schon wieder irgendetwas in Richtung Räuber und Diebe oder so. Sie selbst konnte sich nicht daran erinnern, je Gefallen an solchen Szenarien gehabt zu haben, aber gut…

Sie knabberte auf ihrer Unterlippe herum und fokussierte sich wieder auf die Zahlen, die ihren Kopf vernebeln wollten. Am liebsten hätte sie einen Taschenrechner benutzt, nur leider konnte der auch-

„Da bist du ja! Weißt du eigentlich, dass du schon längst zu Hause sein solltest, Jimmy?“

Irritiert blickte Sophie wieder auf. Da stand ein älterer Junge auf der anderen Straßenseite und kam gerade herübergeeilt. Sie hatte ihn bereits ein paar Mal zuvor gesehen, immerhin wohnte er mit Tylers Freund zusammen zwei Straßen weiter. Auch glaubte sie, ihn schon einmal in ihrer neuen Schule gesehen zu haben. Aber darüber hinaus hätte sie nicht Mal seinen Namen erraten können, wenn sie gewollt hätte.

„So spät ist es doch noch gar nicht!“, sie beobachtete, wie sich der kleine schwarzhaarige Junge hinter ihrem kleinen Bruder versteckte und dem Neuankömmling die Zunge entgegenstreckte.

„Doch, weil Mom heute noch zu Tante Glenda muss. Das hat sie dir gestern gesagt“, Genervtheit schwang in der Stimme des Fremden mit und Sophie überlegte, ob sie sich zu erkennen geben sollte, um ihn um ein freundlicheres Verhalten zu bitten.

Dann dachte sie wieder an ihre Schwester und die anderen Mitschüler, die nichts besseres zu tun hatten, als ihr jederzeit Streiche zu spielen und zog den Kopf unwillkürlich ein.

Es war nicht so, dass sie ein Gespräch scheute oder gar Angst vor ihm hatte. Aber sie wollte ihren kleinen Bruder nicht in Gefahr wissen. Weder der, in eine Diskussion hineingezogen zu werden, noch sonst irgendeine.

Niemals.

Da versteckte sie sich lieber bis ans Ende ihres Lebens!

„Aber wir spielen gerade! Und es macht solchen Spaß!“, der quengelnde Unterton in der Stimme ihres Bruders beruhigte sie sofort wieder. So klang er auch, wenn er mit ihr diskutierte. Wenn er etwas von ihr wollte. Wenn sie ihm einfach nicht Nein sagen konnte.

Gott, liebte sie den Kleinen.

„Genau!“, pflichtete Jimmy seinem Freund bei, „Du solltest mal sehen, was Tyler gerade hinbekommen hatte! Das war der Wahnsinn!“

„Au, ja! Das war-“

„Bestimmt ganz toll“, unterbrach der Andere ihren Bruder und sofort spürte Sophie Missmut in ihr aufsteigen.

Was fiel ihm eigentlich ein, ihren Tyler so abzuwürgen? Es war die eine Sache, dass ihre Mitschüler und ihre Mom das ständig mit ihr taten. Doch bei ihrem Tyler? Ging es diesem Fremden denn noch ganz gut?! Konnte er sich denn nicht zusammenreißen und den Kindern etwas Spaß lassen?

Ihre Hand zitterte.

„Mehr noch als das!“; wenn sich ihr Bruder von der Unterbrechung gestört fühlte, so zeigte er es nicht, „Schau doch!“

Sie hörte ein Klatschen. Dann Jimmys Keuchen. Zuletzt ein Schrei.

Der Schrei ging Sophie durch Mark und Bein. Er pochte. Er schmerzte. Er peitschte durch ihr Inneres und hinterließ dabei eine Welle der Angst. Ihr Körper gefror. Wurde wieder wach gerüttelt. Auf den eisigen Boden der Realität geknallt.

Ihr Stift segelte vergessen auf den Boden. Sie stolperte beinahe über ihre Beine, Hefte flogen von der Liege, Bücher landeten auf dem Holz, so schnell und unbedacht kämpfte sie sich hoch. Ein viel heftigeres Zittern suchte sie plötzlich heim. Sie sprang von der Veranda, ohne gar verarbeiten zu können, was sie da sah. Erst als sie bei ihrem Bruder ankam, konnte sie wieder anfangen zu verstehen.

Der Fremde und Jimmy hatten sich zu ihrem Tyler hinabgekniet. Ihr Tyler, der jaulend seinen rechten Arm umklammerte. Ihr Tyler, der schrie.

Ihr Tyler, der ihr nach und nach das Herz brach.

Tränen kündigten sich aus irgendeinem verlassenen Fleck ihrer Seele an.

„Er hat irgendwie versucht ein Rad zu schlagen und ist dabei abgerutscht-“, versuchte der Fremde zu erklären, „Er muss-“

„Tyler? Tyler?“, sie konnte sich nicht auf den Anderen konzentrieren. Zu sehr waren ihre Augen auf ihrem jüngeren Bruder fokussiert, „Hey, das wird schon wieder, ja? Aber du…“, sie suchte ihre Konzentration, dachte an das zurück, was ihr immer wieder in der Schule gesagt wurde.

Atmen. Sie musste atmen. Atmen und ruhig bleiben. Oder erst einmal ruhig werden. Auch wenn ihr Herz etwas anderes wollte. Sie zwang ihr Zittern zu verschwinden. Stattdessen konzentrierte sie sich auf Tylers rechten Arm.

Er sollte nicht so ungewöhnlich abstehen.

„Wahrscheinlich-“

„Wahrscheinlich solltet ihr lieber gehen, sonst wird eure Mommy noch sauer“, unterbrach sie den Fremden als sie plötzlich eine Welle Wut überrollte.

Erschrocken zuckten die blauen Augen zurück. Er sah sie so seltsam an. Nicht so, wie ihre anderen Mitschüler. Der Blick wirkte nicht so aggressiv. Sondern eher… Traurig? Was wusste sie schon! Was kümmerte es sie?! Er sollte verschwinden! Nur wegen ihm hatte Tyler wahrscheinlich alle Vorsicht in den Wind geworfen!

„Hey, Tyl… Das wird schon wieder, ja? Ja?“, sprach Jimmy auf ihren Bruder ein, doch schien dieser keinen Laut durch die Schmerzensschreie zu vernehmen.

Schmerzensschreie, die Sophie wieder zu überrollen versuchten.

Nein. Entschlossen schüttelte sie alles noch einmal von ihr ab. Sie holte Luft. Dachte an ihren verpeilten Vater. Sah sich nach ihm um und konnte nur einen Straßenverkäufer am Ende der Straße erblicken.

Warum war ihr Vater noch nicht aus dem Haus gekommen? War ihm das dämliche Regal denn wichtiger? Oder hörte er seinen Sohn nicht?!

„Dad!“, schrie sie und wandte sich schweren Herzens von ihrem Bruder ab, um die Garagentür zu öffnen und ins Haus zu brüllen, „Dad! Komm runter! Verdammter. DAD!“

Irgendetwas im Haus polterte. Dann Ruhe.

Er brauchte ihr zu lange!

„DAD! BEWEG DICH ENDLICH, WIR BRAUCHEN DICH!“

Jetzt waren Schritte zu hören.

Hastig wandte sie sich wieder ab und lief die paar Schritte zu ihrem Bruder zurück.

Der Fremde und Jimmy waren immer noch da.

„Können wir-“

„Du bist im Weg!“, spuckte sie dem Älteren entgegen, als sie sich wieder zu Tyler herabkniete. So, wie sein Arm abstand, musste er sicherlich gebrochen sein. Wie sehr wollte sie ihm doch den Ärmel zerreißen, um seinen Arm begutachten zu können, jedoch befürchtete sie, ihn dadurch noch mehr zu verletzen.

Konnte sie denn gar nichts tun?

„Was ist denn los?“, gelassen kam ihr Vater endlich aus dem Haus und blickte sie irritiert an.

Musste er selbst jetzt so verpeilt sein? Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie vermuten, er wäre auf Drogen. Nur war Danni Strom immer so abwesend und verstand alles so schleppend langsam.

Dafür hatte sie keine Zeit.

Dafür hatte Tyler keine Zeit!

„Mr. Strom-“

„Verschwinde.“, spuckte sie dem Fremden noch einmal entgegen, ehe sie sich an ihren Vater wandte, „Hol deinen Wagen. Krankenhaus. Sofort!“

Das brachte etwas Bewegung in ihren begriffsstutzigen Vater.

Und endlich trübten die Tränen ihren Blick.

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