M: Das ist nicht fair!

„Du hast dich besser zu benehmen, Sophie!“

Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen. Zu selten hob ihre Mom die Stimme. Und noch viel seltener erhob sie die Stimme ihr oder Marie gegenüber. Aber seit einer Weile schien ihre Mutter extrem missmutig auf ihre älteste Tochter zu sein. Und diese konnte einfach nicht verstehen, woran es lag!

„Das ist nicht fair … Marie und ich … Wir haben beide-“

„Zieh nicht deine Schwester mit rein!“, donnerte ihre Stimme wie ein Gewitter, „Wer von euch hat das Babyphone runtergeworfen?!“

„Es war ein Versehen!“, rief Sophie verzweifelt aus – sie spürte, wie Tränen aus ihr ausbrechen wollten, „Wir haben doch nur Ball spielen wollen! Marie hat geworfen und ich habe ihn nicht gefangen und dann ist er gegen Dads Tasche. Die hat das Babyphone runtergeworfen. Nicht wir! Wir haben nur-“

Sie brach ab. Plötzlich sah sie zur Seite. Ihre Sicht war weiß. Krisselig. Ihre rechte Wange glühte. Ein Pochen hallte in ihren Ohren wider. Ein stetiges Pochen, das alle anderen Geräusche verdrängte, bis-

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M: Nur ein dummer Streit

Sophie sammelte das verstreute Werkzeug auf. Hammer. Schraubenzieher. Nägel. Eine Säge. Cuttermesser. Schleifpapier. Nieten. Bleistifte. Muttern. Einen Knochen. Und diverse Gegenstände, von denen sie nicht wusste, wofür sie jemals gut sein könnten.

Es überraschte sie nicht mehr, dass ihr Dad so viel rumliegen ließ. Er war immer so geistesabwesend. Vielleicht würde er eines Tages seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre? Wer konnte das schon sagen.

Meowy meldete sich aus der Küche und Sophie bat ihn noch um etwas Geduld. Er hatte Hunger und sie musste ihn füttern.

Zuvor sortierte sie die Hilfsmittel noch in den großen Werkzeugkasten, der sich unter der Treppe versteckt hatte. Als das Chaos auf dem Flurboden sie begrüßt hatte, hatte sie sich erst erschrocken. Immerhin wäre sie beinahe in eine Hand voll Nägel gelaufen. Jedoch war der Schreck so zügig abgeklungen, wie er sich angeschlichen hatte.

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M: Unter dem Regenschirm

Zitternd umschlungen Janes Arme ihren dünnen Leib. Der kühle Herbstregen durchnässte ihre Kleidung, sodass ihre Kleidung unangenehm an ihr haften blieb. Er ließ sie frösteln. Und er verbarg die Flecken, deren rostigen Farben in Merichavens Trostlosigkeit nicht aufzufallen vermochten.

Drei Blöcke entfernt erklang eine Polizeisirene.

Jane seufzte. Sie legte den Kopf in den Nacken und gab sich dem Regen hin. Sie wusste, was die Polizisten vorfinden würden. Sie wusste, warum sie diesen Horror in ihren Akten aufnehmen mussten. Und sie wusste, dass der Täter, dass sie es nicht gern getan hatte.

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M: Durch Mark und Bein

Sophie hörte das Klingeln einiger Fahrräder und prompt zog sie den Kopf ein. Sie wartete. Lauschte.

Doch fuhren ihre Mitschüler an ihrem Haus vorbei.

Vorsichtig schielte sie an den Blumen vorbei, die die Veranda in ein verstecktes Paradies verwandelten. Auf der Einfahrt konnte sie ihren kleinen Bruder sehen. Tyler spielte mit seinem Freund Jimmy dort. Sie hatten den Boden mit Kreide bemalt und begannen gerade, sich Geschichten zu den wirren Bildern auszudenken.

Ach, was würde Sophie nicht dafür tun, in diese unbeschwerte Zeit der Kindheit zurückzukehren!

Stattdessen schob sie ihr Tagebuch beiseite, griff nach ihren Hausaufgaben und kämpfte mit Zinsrechenproblemen und Übersetzungen. Sie mochte weiterführende Schulen nicht. Der Stoff war anstrengender. Die Hausaufgaben zeitintensiver. Die Mitschüler …

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M: Zu viel des Guten

„Bitte hört auf zu schreien!“, bat sie die Zwillinge erschöpft.

Nur blieben die beiden Mädchen unbeeindruckt von Janes Verzweiflung.

„Soll ich-“

„Du hast Sophie beim letzten Mal beinahe Kuhmilch gegeben, also nein!“, herrschte sie ihren Mann an, „Marsch, zu deinem neuen Job. Du machst mir sonst nur noch mehr Arbeit!“

Mit eingezogenem Kopf hetzte ihr Mann durch das Apartment, das sie sich in Centy gemietet hatten. Ein kleines, überschaubares Ding deren Miete sie sich geradeso von seinem Gehalt leisten konnten. Janes ganzes Leben hatte sich in eine stressige Nullrechnung verwandelt, die vor zwei Wochen nur noch schlimmer geworden war, als ihre Töchter auf die Welt kamen.

Wer hätte geahnt, dass Babys so viele Windeln verbrauchten?

„Es kam übrigens wieder Post für dich“, bemerkte Danni, ehe ihr wütender Blick ihn endgültig aus der Wohnung vertrieb.

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