M: Ab in die Kleinstadt

Jane Strom betrat das erste ihrer zwei neuen Häuser vorsichtig. Sie hatte beide aus Centy heraus erstanden. Ohne sie zu besichtigen. Ohne Danni diese Aufgabe zu übertragen. Oder Mrs. Kleid. Das war am sichersten gewesen. Ohne die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu erregen.

„Hier … wohnen wir jetzt?“, erkundigte sich ihr Mann.

„Ja und nein“, sie wandte sich Mrs. Kleid zu, die Janes verschlafene Zwillinge in ihren Armen trug, „Für dich habe ich ein zweites Haus gekauft. Eine Straße weiter. Ich weiß ja, dass du auch mal deine Ruhe magst.“

„Ich kann nicht- Jane!“, die alte Dame starrte sie verdattert an.

„Sieh es als Bezahlung für all das Babysitting und das ständige Gutzureden, ja?“, wank Jane ab, „Ist vom Umtausch ausgeschlossen.“

Die Frau nickte unschlüssig und so lief Jane das erste Mal die Räume ab. Wände und Böden sahen ordentlich aus. Auch Dach und Fenster. Es hatte sich gelohnt, vier verschiedene Baumeister rüber sehen zu lassen. Immerhin wusste Jane, wie schnell man ein Gebäude präparieren konnte, sodass es lichterloh brannte. Und so kannte sie zumindest im Vorfeld all die Macken ihrer neuen Immobilien.

Wenn sie also spurlos verschwinden musste, könnte sie das gesamte Haus innerhalb von fünf Minuten in einen Aschehaufen verwandeln.

Als sie im zweiten Stock ankam, hielt sie inne. Fünf Räume befanden sich hier. Ein Bad, ein Schlafzimmer, Sophie und Marie sollten jeweils ihre eigenen Kinderzimmer bekommen … aber das letzte? Sollte sie es für Mrs. Kleid herrichten? Damit die alte Dame auch hier einen Rückzugsort hätte?

Immerhin hatte sie dieser so viel zu verdanken …

Nachdenklich ging sie wieder runter und sah, wie Danni die Tür zur Garage musterte. Da er liebend gern an Autos bastelte, würde das hier wohl der Eingang zu seinem Lieblingsbereich werden!

„Gefällt es dir?“, erkundigte sie sich.

„Es ist noch keine Werkstatt, aber … Ich könnte mich hocharbeiten.“

Er wirkte nachdenklich. Kalkulierend. Verträumt.

So liebte sie ihren Chaoten am meisten!

„Der Umzugswagen sollte in der nächsten Stunde ankommen. Übernimmst du das Zuweisen? Ich hänge oben die Raumzettel auf. Oh, und Mrs. Kleids Sachen bitte erstmal in der Garage sammeln. Ich möchte sie mit dir rüber tragen. Dann können wir uns nochmal bedanken.“

„Wie du wünschst“, entgegnete er, ohne sie anzusehen.

Noch immer untersuchte er denselben Türrahmen.

Damit lief Jane zu Mrs. Kleid zurück. Sie beobachtete, wie diese die Mädchen umsorgte. Ihre Zwillinge hatten erst vor einem Monat laufen gelernt und waren entsprechend wacklig auf den Beinen unterwegs. Dennoch schienen sie es großartig zu finden, durch die nackte Stube zu rennen. Immer wieder riefen sie ihr Gebrabbel aus und freuten sich über das antwortende Echo. Sie klatschten und stampften und hüpften und-

Allein hätte Jane dieses Chaos nie ertragen.

„Nach so einer langen Autofahrt müssen sie sich bewegen“, erklärte die alte Dame, „Die Energie hat sich aufgestaut.“

„Meinst du, es wird ihnen hier gefallen?“, erkundigte sich Jane leise.

„Natürlich. Raptioville ist sicherer als Centy oder Merichaven. Ihr habt hier einen ruhigen Garten. Nicht zuletzt lebt diese Kleinstadt. Sie ist nicht zu abgelegen. Ich glaube, hier fühlt ihr euch alle wohl.“

„Aber fühlen sie sich wohl?“

Mrs. Kleid antwortete nicht sofort. Lieber musterte sie Jane noch einen Moment eingängig.

„Du wirst es nicht wissen, solange sie es dir noch nicht selbst sagen können. Vielleicht ist dein Blut zu stark und sie wünschen sich in eine Metropole zurück. Vielleicht werden sie sanftmütiger und ein kleines Dorf viel eher lieben. Ich weiß es nicht. Du weißt es nicht. Aber weißt du, was ich weiß, Jane? Alles ist in Ordnung. Es sind ihre Vorlieben. Und sie entwickeln sich erst noch.“

In Ordnung. Ja. Daran wollte Jane auch glauben.

Doch durften ihre Kinder nicht ihren ehemaligen Lebensweg einschlagen …

„Danni und ich werden nachher deine Sachen rüberbringen. Das ist einfacher, weil beim Beladen des Umzugswagens alles durcheinander gefallen ist, ja?“

„Du meinst, weil du alles vermischt hattest?“

Jane stimmte der Frau nicht zu. Sie wussten beide, dass es die Wahrheit war. Und das genügte ihnen.

Sie beobachteten lieber, wie die Zwillinge zu den Glastüren rannten und ihre Spiegelungen betrachteten. Dann patschten sie ihre Hände gegen das Glas und lachten. Dabei verlor Marie ihren Nuckel und Sophie hob ihn wieder auf-

-nur um ihn falsch herum in den Mund ihrer Schwester zu stopfen.

„Es wäre schön, wenn wir etwas von Sophies und Maries Sachen auch bei dir hätten. Weil sie tagsüber die meiste Zeit bei dir wären. Weil-“

„Weil du keiner Kindertagesstätte vertraust“, endete Mrs. Kleid, „Keine Sorge. Dafür bin ich hier.“

„Und deswegen bin ich dir von Herzen dankbar …“

Marie wandte sich von der Glastür ab und schaute zu ihrer Mutter. Mit einem genuschelten Mama kam sie angerannt und umarmte Janes Bein.

Ein warmes Gefühl durchströmte sie.

„Na, du?“, fragte sie und strich über den winzigen Kopf.

Sophie war nicht angerannt gekommen. Sie lief tapsiger. Auch schien sie eher Mrs. Kleid zu mögen.

Ob sie spürte, dass Sophies Augen Unwohlsein in Jane auslösten?

Ein genuscheltes Brabbeln hallte ihr entgegen. Eines, bei dem selbst Mrs. Kleid lachen musste. Und als Jane ihre Marie hochhob, tat die alte Dame dasselbe bei Sophie.

Sie half Jane stets, damit sie ihre ältere Tochter nicht direkt benachteiligte.

„Wollen wir uns mal den Garten ansehen? Er ist nur unserer. Kein Park zum Teilen. Nur unserer“, erklärte sie Marie.

„Du weißt, du wirst nun ein paar Schaukeln oder ein Klettergerüst besorgen müssen“, lachte Mrs. Kleid aus, „Sonst werden sie enttäuscht sein.“

Jane zuckte mit den Schultern. Sie hätte nichts dagegen. Solange es sicher wäre.

Denn nur an einem Ort wie Raptioville konnte sie sich vorstellen, alt und grau zu werden.

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