
„Königin Helene – ich konnte sie nicht finden. Ihre Dienerin hat sie zuletzt zu Eurem Aufbruch gesehen. Sie-“, der Diener brach ab, als Liber aufsprang.
„Du hast auch mit den Wachen gesprochen?“, fragte der König und lief mit seinen nassen Schuhen herüber.
„Natürlich“, bestätigte der Mann.
„Und sie wussten auch nicht, wo Helene ist?“, erkundigte er sich noch einmal, um sicher zu gehen.
„Verzeiht, mein König. Sie ist fort.“
Liber hielt inne. Er blickte auf das Meer zurück. Dachte daran, wie seine Königin ihn gebeten hatte, für sie hier zu warten. Wusste, dass sie ihn nur beschäftigt halten wollte. Hörte, wie die Leute zu tuscheln begannen. Spürte, wie sie seine Gedanken verschoben. Hatte keine Nerven dafür. Sorgte sich zu sehr um seine Familie!
Er war erst vorletzte Woche hinaus gesegelt, um Bellona um einen Aufschub für Helene zu bitten. Und sie hatte diesem zugestimmt. Solange die Königin daheim verweilte, bis ihr Kind sie nicht mehr bräuchte. Damit sollte sie erst zu ihrem nächsten Geburtstag ausziehen.
Jedoch nicht Cleon.
Deswegen hatte er sie daheim einsperren müssen. Er hatte es nicht gewollt. Es war zu ihrem eigenen Schutz gewesen. Ach, wie hatten sie sich letzte Nacht darüber gestritten. Weil sie auch zum Hafen kommen wollte. Weil sie sich um ihren Bruder sorgte!
Nur sorgte er sich mehr um sie. Er sorgte sich stets mehr um sie. Und deswegen musste er nun das Versprechen mit ihr brechen. Um sie zu retten …
„Geht“, befahl er dem Boten.
„Mein König, wir können sie bestimmt-“
„GEHT! IHR ALLE!“, rief Liber aus und deutete dabei auch auf die umstehenden Menschen, „JETZT!“
Sofort rannten die Leute fort. Sie gehorchten ihm. Seit jenem Tag, an dem er der König der Inseln geworden war. Weil keiner ohne seinen Segen die Insel verlassen konnte. Weil keiner ohne seine Zustimmung ins Meer durfte. Weil keiner die Hungersnöte und Krankheiten ohne ihn überlebt hätte.
Er war ihr Herrscher. Er war ihr König. Er war ihr Kapitän.
Sobald die Ruhe im Hafen eingekehrte, wandte sich Liber erneut dem Wasser zu. Er wusste, dass er die Prüfung nicht beeinflussen durfte. Er wusste, dass seine Frau ihr Wort gebrochen hatte. Und er wusste, dass Bellona dafür Rechenschaft fordern wollte.
Wenn er nicht zügig etwas unternahm, würden Cleon und Helene heute sterben.
Diesmal setzte er sich nicht auf den Steg. Er trat an die Leiter daneben. Von dort aus stieg er langsam ins Wasser. Er spürte, wie sich seine Gewänder mit Wasser vollsogen. Zu viel Wasser, als dass man eigentlich noch damit schwimmen könnte. Dennoch stieß er sich ins Meer hinaus ab.
Einen Moment später zog es ihn nach unten. Er spürte, wie das Gewicht an ihm zerrte. Trotz allem unternahm er nichts. Er überließ sich dem Salzwasser. Jenen Tränen, die Bellona einst in diesem Meer vergossen hatte. Er wusste, dass sie um seine Entscheidung wusste. Dass er bereit wäre, sein Leben dem Meer zu übergeben, wenn sie nicht käme.
Einen Moment später packten ihn ihre schuppigen Hände. Sie zog ihn hinter ein Schiff. Führte seinen Arm an den Teil der Ankerkette, der über dem Wasser hing. Damit er sich daran festhalten könnte. Damit er nicht ertrank, wenn sie ihn losließ. Wenn sie wieder abtauchen würde.
„Ich hatte dich schon beim ersten Mal erhört“, gab sie mürrisch von sich, „Und bislang zeigt sich dein Ziehsohn vielversprechend.“
„Um ihn geht es nicht“, gab er zu, „Helene. Sie macht sich zu große Sorgen. Nur deswegen ist sie hinaus. Sie … Sie weiß nicht, was sie tut, Bellona.“
Erneut huschte ein allwissender Blick über ihre Augen. Immer schien sie zu wissen, was an Land geschah. Wenngleich sie nur im Wasser lebte. Oder bildete er sich ein, dass sie Bescheid wusste? Tat sie nur so?
„Eine Abmachung ist eine Abmachung“, erklärte sie.
„Und ein ungeborenes Kind ist ein ungeborenes Kind“, erwiderte er.
„Weswegen ich ihre Prüfung aufgeschoben habe. Wenn sie diese jedoch dennoch heute ablegen will, indem sie die Abmachung bricht-“
„Die Abmachung hast du mit mir. Ohne, dass sie oder Cleon davon wissen durften. Das hast du so gewollt“, erinnerte er sie, „Kannst du es ihr dann wirklich vorwerfen, wenn sie, die für sie, unsinnigen Regeln bricht, weil sie sich um ihren Bruder sorgt?“
„Sie ist eine Königin. Sie hat sich nicht um einen einzelnen Menschen zu sorgen. Ihr Volk ist wichtiger. Ihr Kind-“
„Sie ist meine Frau. Damit ist mein Ziehsohn auch ihrer. Ihr Zwilling ist offiziell ihr Sohn. Warum sollte sie zwischen diesem und ihrem ungeborenen Kind wählen müssen? Tut sie nicht gerade genau das, was du von ihr für ihr anderes Kind verlangst, Bellona?“
Es waren heikle Worte. Doch keine unbekannten. Liber hatte sie sich für den Notfall zurecht gelegt. Falls Helene Vergeltung gesucht hätte, wenn Cleon die Überfahrt nicht überlebte. Sie gehörten zu einem Notfallplan, den er eigentlich nie nutzen wollte. Den er nun nutzen musste!
Er durfte weder sie noch Cleon verlieren. Sie waren seine letzte noch lebende Familie …
„Du sorgst dich um sie?“, fragte Bellona sanft.
„Ich sorge mich stets um sie“, erklärte er, „Sie ist meine Königin.“
„Dennoch hast du sie nicht erwählt.“
„Das musste ich nicht, ja“, gestand Liber, „Salacia hat mir die beste geschenkt. Wie hätte ich ihr da widersprechen können?“
Viel zu langsam nickte Bellona. Sie ruderte mit der Hand im Wasser. Eine kreisende Bewegung, die eine Welle emporrief und ihn auf das Schiff katapultierte. Sie selbst blieb jedoch im Wasser zurück.
„Sie ist nahe der Klippen. Dort scheint sie auf ihren Bruder zu warten. Hole sie zurück, ehe sie ihn sieht und ich werde ihr vergeben“, erklärte sie, „Helenes Prüfung steht erst nächstes Jahr um diese Zeit an, mein König.“
Damit tauchte sie herab.
