K: Das Herz einer Mutter II

Maggie fühlte sich wie in einer Traumwelt. Das Zimmer war ihres. Es war dasselbe vertraute Bett, in dem sie jahrelang geschlafen hatte. Derselbe Tisch vor dem Fenster. Nur der Stuhl war ein anderer. Auch lag nirgends ihre Schultasche. Stattdessen tummelten sich Schulbücher aus der ersten Klasse auf dem Nachttisch. Die Türen des Kleiderschranks waren etwas offen, weil ein viel zu buntes Shirt dazwischen klemmte. Und an der Türklinke hing ein kleines Glöckchen.

Doch die größte Veränderung war die kleine Hushen, die noch friedlich unter der Decke schlief. Neben ihrem Kopf flatterte ein Desson hastig umher. Dein Desson, der sich jedoch eilig aufs Kissen setzte, als würde er von dort aus über TC wachen.

„Es ist so gleich und doch so anders“, hauchte sie TJ entgegen.

„Die Zeit geht immer weiter“, er zuckte mit den Schultern, „Soll ich mit runter oder magst du es alleine versuchen?“

„Hört auf, der Floris Fragen zu stellen!“, zischte SveA still.

„Nein.“, Maggie atmete durch, „Hier darf mir jeder Fragen stellen. Bitte. Auch du. Behandle mich normal, ehe die Hutan Verdacht schöpfen, ja? Und … Mir ist Klarheit gerade eh viel lieber, als ein Tanz der Worte“, sie griff nach TJ’s Hand und zog ihn mit sich, „Bitte?“

„Immer“, er drückte ihre Finger sachte, ehe er ihr nach draußen folgte.

Erst auf den Flur. Vorbei an dem leeren Zimmer, in dem einst ihre älteren Stiefbrüder gewohnt hatten. Dann an dem Raum von Melanie und Annika vorbei. Zur Treppe-

Zur Treppe, wo Janine sie bereits erwartete.

„Fette Party geplant?“, fragte sie mit erhobener Braue.

„Ich möchte zu Ma“, erklärte Maggie gelassen.

„Dafür hast du eine ganz schön große Hochzeitsgesellschaft mitgebracht“, bemerkte ihre Stiefschwester schroff.

„Geht es ihr gut?“, mischte sich TJ plötzlich ein.

„Ich wüsste nicht, was das dich angeht.“

„Nun, du blockierst den Weg. Du hast deine letzten Nachhilfestunden in Etikette grandios ignoriert. Und dich müsste ich daher eigentlich direkt mitnehmen und unter Hausarrest stellen. Es sei denn, es gibt einen Grund, von dem ich mich überzeugen konnte“, er sprach mit einer Schärfe, die Maggie sonst nur auf Kumohoshi vernommen hatte. Einer Schärfe, bei der die Hushen sonst immer eilig die Köpfe neigten. Und einer Schärfe, die Janine erst mit einem widerwilligen Blick konterte, ehe sie ruckartig beiseitetrat.

„Meinetwegen!“, stieß sie aus und blinzelte sich fort.

„Sie-“

„Meine Stiefschwester. TJ’s Cousine. Sie tut uns nichts. Wirklich“, erklärte Maggie leise und stieg die Stufen herab.

„Aber … Sie-“

„Es ist kompliziert“, wank die Floris ab und schaute im Vorbeigehen in den Flur im ersten Stockwerk, „Bitte. Nicht jetzt.“

Unten angekommen wartete Janine bereits auf sie. Sie stand im Durchgang zum Flur. Musterte sie knapp. Wank sie dann hinter sich her. In Richtung Küche.

In dieselbe Richtung, aus der leise Geräusche zu vernehmen waren.

Maggie erstarrte. Sie umarmte sich selbst. Spürte, wie Yuki nicht auf ihren Schultern lag. Sie und Gakumon waren im Stützpunkt geblieben. Aber was, wenn sie die Kontrolle verlieren würde? Was, wenn ihre Ma nun wütend auf sie wäre und sie nie wieder herkönnte? War es fair, dass ihre kleine Freundin nicht dabei war? Dass-

„Es wird alles gut“, hauchte TJ ihr entgegen.

„Wie kannst du dir so sicher sein?“, fragte Maggie still zurück.

„Weil ich dich kenne. Und weil diese Frau sich die letzten Jahre um dich gekümmert hatte, wie es nur eine echte Mutter tun würde. Weil du bei ihr in Sicherheit warst“, er drückte ihre Hand, „Wenn der Frieden nicht mit unserem Treffen im Wald begonnen hatte, dann gewiss hier, oder?“

Dankbar nickte Maggie. Sie spürte, wie Alice ihm zustimmte. Wie selbst Valerie sich an den Worten festklammerte. Ja. Valerie hatte sich die ganze Zeit erinnern können. Und dennoch hatte sie hier im Waisenhaus Vertrauen zu TJ gefasst.

Unter den liebevollen Augen ihrer Ma.

Damit zog sie TJ mit sich mit. Sie brauchte ihn einfach bei sich. Wie einen Anker, der sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Auf den sie sich notfalls stützten konnte. Der … Wie oft hatte er ihr bereits geholfen, ihre Magien zu kontrollieren?

Damit folgte sie Janine in die Küche. Sie spürte, wie SveA ihr folgte. Wie ihr Verlobter noch einmal ihre Hand drückte.

Und dann stand sie bereits hinter ihrer Ma.

Angespannt zeigte Janine ihr einen wartenden Zeigefinger. Erst danach lief sie in einem weiten Bogen um die Frau herum und trat etwas lauter in ihren Blickwinkel.

Dennoch zuckte die Betreuerin zusammen.

„Mehr Vorwarnzeit“, stieß sie aus und deutete dabei mit dem Obstmesser in Janines Richtung.

„Nur für mich oder auch für den restlichen Besuch?“, fragte diese gelassen.

Ihre Ma hielt inne. Maggie sah, wie ihre Hand leicht zitterte. Sachte legte sie das Messer neben dem aufgeschnittenen Obst ab. Dann drehte sie sich so unendlich langsam um.

„Hallo“, die Stimme der Floris erklang leiser als ein Flüstern, „Ich wollte nicht … Ich … Ich musste …“, sie atmete noch einmal durch, „Hallo, Ma.“

„Willkommen daheim, Mag.“

Maggie wusste nicht, wo die Tränen herkamen. Im ersten Moment hatte sie sich noch angespannt gefühlt und im nächsten hatte sich das Salzwasser bereits herausgeschoben. Sanft perlte es an ihren Wangen herab und klirrte auf den Boden.

„Daheim. Ja …“, sie trat an die Küchenzeile heran, „Brauchst du Hilfe?“

Ist das das Beste, was du sagen kannst?, schimpfte Valerie in ihr, Ob sie Hilfe brauche? Bei dem bisschen Obst?!

Es … ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll, gestand sie.

Weil es auch nicht wichtig ist. Das hier ist unser Zuhause, bemerkte Alice.

Und in ihrem Zuhause musste sie halt auch mit anpacken. Sonst würde es zerbrechen. Ihre Ma hatte eh schon viel zu viel alleine zu stemmen …

Damit schnippelte sie stumm das Obst weiter. Sie lauschte, wie TJ Janine mit nach nebenan bat. Wie er ihr so etwas mehr Ruhe gewährte, ohne richtig zu gehen. Wie er stets über sie wachte.

Ob er spürte, dass sie ihn noch brauchte?

„Wie ergeht es dir unter den Macian? Behandeln sie dich gut?“, fragte ihre Ma nach einer Weile.

„Ich … Ich bin die Floris. Sie müssen auf mich hören“, erklärte sie unschlüssig.

„Das heißt aber nicht, dass sie dich auch gut behandeln.“

Maggie ließ die Worte durch ihre Gedanken wandern. Ja. Wenn sie an ihren Cousin dachte … Er hatte auch auf sie hören müssen. Ebenso ihr Vater. Dennoch würde sie nie behaupten, dass die beiden sie gut behandelt hatten.

„Die meisten“, gestand sie daher.

„Ein Glück“, die Erleichterung stand ihrer Ma ins Gesicht geschrieben.

„Du hast dir Sorgen gemacht?“, fragte sie still.

„Natürlich.“

„Weil du befürchtest hast, dass wieder Macian herkommen und dich verletzen wollen, um mir zu schaden?“, schob sich Valerie hervor.

Spinnst du?!

Was? Willst du erst noch eine Melone schnippeln, ehe du Klartext reden kannst?

Ja, aber-

Was sonst haben unser Vater und Cousin noch auf sie bezogen verbrochen?!

Angespannt drängte Maggie ihre andere Seele zurück. Das stimmte zwar, aber sie hatte das Thema auf keinen Fall so harsch anschneiden wollen! Es kostete sie einiges an Überwindung zu ihrer einstigen Betreuerin zu schauen. Zu der Frau, die sie nur entsetzt musterte.

„Nein. Das-“, sie seufzte, „Was du sagst, ist zwar immer eine Möglichkeit. Aber es ist eine Möglichkeit, die ich seit dem Tag, an dem ich dich aufgenommen habe, in Betracht ziehen musste“, sie schloss Maggie in ihre Arme, „Dabei mache ich mir doch täglich so viel größere Sorgen: Isst du ordentlich? Schläfst du genug? Ärgert dich jemand? Darfst du auch mal du sein? Ein Teenager? Nicht die Floris, die sich um alle Macian kümmern muss. Sondern einfach nur ein Mädchen? Wer sorgt dafür, dass du auch mal einen Tag Ruhe hast, wenn dir alles zu viel wird? Wer hört dich schreien, wenn du doch stumm bleibst …?“

Ihre letzte Frage warf Maggie zurück. Zu den ersten Tagen, die sie im Waisenhaus verbracht hatte. An denen sie kein Wort gesprochen hatte und sich ihre Ma stets um sie gesorgt hatte …

Dabei war sie doch hergekommen, weil sie sich um die Betreuerin gesorgt hatte!

„Aber … Niklas meinte, dass du in letzter Zeit so schreckhaft wärst. Dass er sich um dich sorgt. Dass … Auch Janine! Sie ist von der Seite an dich ran getreten. Und dennoch-“, die Floris verstand die Welt nicht mehr.

„Bei wem, denkst du, sind meine Gedanken, dass ich so schreckhaft bin?“, lachte ihre Ma aus, „Ben und Flo sind ausgezogen, ja. Aber die beiden waren bereit. Tom und Anja haben einander. Paul ist Vater geworden, doch ist Cassey bei ihm. Von Sven habe ich alle paar Monate Briefe bekommen. Ich weiß, dass er klarkommt. Dass er sich meldet, wenn er etwas braucht. Und der Rest? Niklas? Christoph? Robby und Isabel? Heiko? Steve? Mel? Annika? Kathleen? Selbst Trish und Janine? Die anderen sind alle hier. Ich sehe sie jeden Tag. Ich weiß, dass es ihnen gut geht.

Aber bei dir?“

„Du … warst um mich besorgt?“

„Ich habe dir gesagt, dass ich dir Zeit geben wolle. Und mein Wort wollte ich ungern brechen. Dennoch habe ich mich jeden Tag gesorgt, an dem ich dich nicht sah. Du bist mir wie eine Tochter. Eine Tochter, die nicht ausgezogen ist, weil sie es wollte. Sondern weil sie musste. Du hast dir die Schuld an Lisas Tod gegeben, oder? Janine hat mir berichtet, wie deine Magie ausgebrochen ist, nachdem du von ihrem Tod gehört hattest. Du bist gegangen, um uns zu schützen. Nicht, um dich selbst zu retten. Wie könnte ich da nicht jeden Tag an dich denken?“

„Und als wir uns dann gesehen haben … Nachdem mein Vater … dich …“, Maggie schluckte, „Du hast mich gesehen, als ich ein Wrack war. Und bei deiner Offenbarung … Ich habe kaum besser ausgesehen, oder?“

„Ich habe fast jeden Tag erwartet, dass Janine, Sven oder gar der Otou-san selbst vorbeikommen würden, um mir von einer herzlosen Tat zu berichten. Einer, bei der du verletzt werden würdest. Du bedeutest mir zu viel, als dass ich es ertragen könnte, Mag“, gestand ihre Ma.

Erschöpft nickte die Floris. Sie krallte sich an ihrer Ma fest. Schluchzte in ihr Hemd. Konnte nicht mehr loslassen. Kümmerte sich kaum darum, als ihre Stiefgeschwister herunterkamen und sie wiedersahen. Es war eh nötig, dass sie endlich auch SveA und TJ trafen.

Denn an diesem Tag blieb sie bei ihrer Familie zum Frühstück. Sie versprach ihrer Ma, dass sie öfter vorbeikommen wolle. Dass sich die Frau daher nie wieder sorgen solle. Sie wollte das Waisenhaus mehr unterstützen. Wollte ihre Geschwister nicht so viel alleine stemmen lassen.

Als sie endlich wieder im Stützpunkt neben einem erschrockenen OPa ankamen, hätte sie sich nicht erleichterter fühlen können.

„Du hattest Recht. Du-“, sie drückte TJ ganz fest, „Danke. Danke!“

„Schon gut“, glucksend strich er ihr eine Haarsträhne aus den Augen, „Gib mir mal deine Hand.“

Verwirrt beobachtete sie, wie er ihre Finger langsam durch eine Geste schob. Wie er diese dann noch zweimal wiederholte. Als wolle er sie in die Muskeln ihrer Hand kneten.

„Unsere Floris muss nicht Eure geheimen Zeichen lernen. Es-“, murrte SveA.

„Dieses vielleicht schon“, er schaute ihr fest in die Augen, „SR würde es sofort verstehen. RT und diese JM auch. Und wenn ich es mache, wird es stets ein Angebot sein. Eines, das vielleicht auch ihr verstehen solltet, damit ihr euch nicht zu schnell sorgt und wisst, wo ihr die Floris wiederfinden könnt.“

„Was bedeutet es?“, erkundigte sich Maggie.

„Zuhause. Das, was das Waisenhaus für dich seit jeher ist. Und der Ort, zu dem du nicht einfach direkt reisen kannst, weil sonst die restlichen Macian ihn zu früh beobachten würden, oder?“, er ging die Geste noch einmal mit ihren Fingern durch, „Jeder Hushen, der nicht Bescheid weiß, wird hinter dem Zeichen einen Stützpunkt vermuten. Vielleicht auch Kumohoshi, wenn sie denken, dass du falsche Informationen bekommen hast. Aber niemand würde an einen Platz unter den Hutan denken.“

„Du würdest mich jederzeit hinbringen?“

„Schau dich an“, er lächelte sie an, „Als du aufgewacht bist, warst du so angespannt, so sprunghaft. Jetzt? Ausgeglichen. Wieder im Reinen mit dir selbst. Du brauchst es. Und ich bin der letzte, der dir Steine in den Weg legt.“

Maggie ahmte die Geste noch einmal ohne TJ’s Hilfe nach. Sie lächelte. Schüttelte sich. Warf sich in seine Arme.

„Danke“, hauchte sie ihm noch einmal zu, „Danke …“

„Immer.“

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