K: Die Grün-Augen-Kobolde II

„Was. Habt. Ihr. Euch. Dabei. Gedacht!?“

Die Worte knallten wie Kanonenschüsse durch Robbys Kopf und mit jedem Peng zuckte er etwas mehr zusammen. Verunsichert suchte er nach Isabels Hand. Seine Schwester erwiderte seine Geste fürsorglich. Doch ihre Mine blieb dabei genauso verängstigt, wie er sich fühlte.

Einzig Christoph ließ sich nach außen hin nichts anmerken. Er stand auf Isabels anderer Seite auf dem Treppenabsatz. Den Rücken durchgedrückt. Die Schultern gespannt. Die Augen harsch auf Sabine gerichtet.

„Was denn? War doch lustig“, säuselte er beinahe vergnügt.

Das Gesicht ihrer Betreuerin lernte neue Rottöne kennen.

„Lustig?“, wiederholte sie, „Wirklich? Lus-tig?“

Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. Ihre linke Augenbraue zuckte. Ihre Schuhe quietschten. Ihre Kleidung und ihr Haar tropften auf den eh schon nassen Holzboden.

Noch nie zuvor hatte Robby eine solch kräftige Furcht verspürt.

Er schluckte.

„Na ja. Vielleicht nicht für dich. Aber für uns und die anderen schon. Ich meine, du hast schon gesehen, wie lustig Nik umhergesprungen ist, nachdem er die versalzene Zahnpasta gekostet hatte? Oder wie Mel sich zum Affen gemacht hat, nur weil sie in den Honig auf der Türklinke gegriffen hat? Und vergiss nicht: Paul hat wie ein Mädchen geschrien, als wir die Pappsilhouette in seinem Zimmertür aufgestellt hatten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Streiche auch dich erreichen würden. Und ich möchte mal behaupten: Mit nur einem Wassereimer über dem Kopf bist du doch gut davon gekommen. Bist ja nur etwas durchnässt“, erklärte Christoph, als wäre es das normalste der Welt.

Robby wäre in sich zusammengeschrumpft, hätte Isabel ihm nicht die Kraft gegeben, aufrecht stehen zu bleiben. Sie musste nur seine Hand drücken und schon durchflutete ihn ein nie zuvor dagewesener Mut. Ein benötigter Mut!

Entschlossen nickte er.

Und bereute die Geste sofort wieder.

„Etwas durchnässt nennst du das also?“, Sabines Stimme nahm einen zuckersüßen Klang an, „Natürlich, du kleiner Halunke …“

„Kobold“, korrigierte Isabel sie, „Wir haben entschieden, dass nur Kobolde das ganze Jahr über Streiche spielen können. Also sind wir Kobolde. Wir sind die GAKs.“

„Und wenn ihr die Regierung Suderiens wärt: Mein Haus. Meine Regeln!“, wies ihre Betreuerin sie schroff zurecht.

„Nein. Ein Waisenhaus ist eine staatliche Einrichtung. Also hätten wir als Regierung etwas zu sagen“, erklärte Christoph sofort wieder.

Angestrengt atmete Sabine durch. Sie schloss die Augen und ihre Lippen formten tonlose Worte. Robby glaubte, zu sehen, wie ihre Finger zuckten. Als wollte sie etwas greifen und-

„Sei’s, wie es sei“, sie kniete sich zu ihnen herab, „Dann habt ihr den Zirkus über die letzten Wochen veranstaltet? Inklusive der verknoteten Schuhe? Und der Gewürzen in den Teebeuteln?“

„Wir dachten, dass Nelkentee sicherlich besser schmeckt als so langweiliger Fencheltee“, Christoph zuckte mit den Schultern, als wäre er von dem Verhör gelangweilt und wollte gehen. Gelassen lehnte er sich an die Wand des Treppenhauses. Direkt neben der Pfütze, neben der Sabine sie zur Rede gestellt hatte.

Eigentlich hätte sie gar nicht ihre Falle auslösen sollen. Sie war für Maggie geplant gewesen. Erst danach hatten sie sich mit der Betreuerin anlegen wollen!

„Nur deswegen?“

Holte ihn Sabines Frage wieder in die Gegenwart zurück und eilig suchte Robby Isabels grüne Augen, dann Christophs. Sie tauschten mehrere Blicke aus. Brauen wurden hochgezogen. Köpfe angewinkelt.

Dann nickten sie langsam.

„Wir wollen Anja und Tom zurückhaben!“, verlangte seine Zwillingsschwester, „Sie sollen noch heute nach Hause kommen!“

„Ja!“, pflichtete er ihr sofort bei, „Anja und Tom gehören hierher! Nach Kriegsheim!“

„Alle beide …“, stimmte auch ihr neuer Freund zu.

Stumm bedachte Sabine die drei. Ihre Augen huschten die Reihe entlang, bis sie letztendlich wieder an Christoph hängenblieben.

Ihr nasser Zustand schien vergessen.

„Die zwei sind alt genug-“

„Gib uns nicht wieder diese billigen Ausreden!“, schrie Christoph nun und überrascht bemerkte Robby, dass der Ältere weinte.

Der Anblick traf ihn wie ein überraschender Hieb in die Magengrube.

„Dann willst du die unverblümte Wahrheit hören?“, fragte Sabine viel zu leise.

Christoph nickte erneut und angesteckt von der Geste, taten es ihm die Zwillinge gleich.

„Ihr habt ja vorhin gemeint, dass dieses Waisenhaus eine staatliche Einrichtung wäre. Leider ist dem nicht so. Ich habe damals die verschiedensten Papiere ausgefüllt, um Unterstützung von den Behörden zu erlangen. Weil das Haus hier aber in einem baufälligen Zustand war, konnte nichts bewilligt werden. Ich hatte also die Wahl: Setze ich Janine und Tom, meine ersten aufgelesenen Waisen, wieder auf die Straße oder zahle ich alles aus eigener Hand?“, Sabine kniete sich zu ihnen herab, „Also habe ich lieber alles auf eigene Verantwortung unternommen. Ich habe meine eigene Kasse hervorgekramt. Ich habe jedes Kind aufgenommen, das verlassen wurde. Ich habe alle Bürden allein gestemmt. Doch lange hätte ich nicht mehr durchgehalten.

Janine, Anja und Tom wissen, dass jede Hose, dass jeder Stift und dass jede Mahlzeit ein Kampf für mich waren. Deswegen sind die drei aus eigenen Stücken ausgezogen. Sie schicken uns immer wieder Geld, damit ich alles für euch bezahlen kann. Damit ich die überfälligen Renovierungen erledigen kann. Damit alles für euch seinen gewohnten Gang geht.

Aber Janine hat hier keinen Job gefunden. Anja kann hier kein Jura studieren, um die rechtlichen Probleme zu übernehmen. Tom kann von hier aus nicht auf seine Freundin aufpassen. Sie alle haben ihre Möglichkeiten gefunden und sie alle helfen uns, damit ihr ein sicheres Leben genießen könnt.“

Robby sah beschämt zu Boden.

Er … Er wusste nicht, dass … Dass alles …

„Sie sind für uns weggegangen?“, Christophs Frage war gefüllt mit Selbsthass.

„Ja. Sie wussten, dass es das Beste für alle wäre“, sie drückte mit der einen Hand seine Schulter und strich mit der anderen über Robbys Arm, ehe sich ihr Blick auf Isabel legte, „Ich wünschte, dass ich euch die Wahrheit ersparen könnte … Aber ihr solltet wissen, warum sie nicht da sein können. Nelken sind teuer. Selbst Honig und Salz sind teuer, wenn es verschwendet wird. Wasser? Pappe? Davon können wir genug heranschaffen. Damit könnt ihr so viele Späße treiben, wie ihr wollt – solange ihr das Echo vertragt.

Denn die Lacher, die eure Streiche ausgelöst haben, sind reines Gold wert. Und ich möchte sie am liebsten jeden Tag hören.“

Überrascht wechselten die GAKs einen Blick.

Isabel wirkte überwältigt. Christoph ungläubig. Robby … er verspürte eine unerwartete Vorfreude in sich erblühen.

„Du meinst, wir dürfen weitermachen?“, fragte Robby langsam.

„Also, solange wir nichts verschwenden?“, fügte seine Schwester eilig hinzu.

„Aber sicher doch. Solange ihr das Echo vertragt“, wiederholte Sabine.

Etwas an ihrer Stimmlage ließ Robby innehalten. Hilfesuchend sah er zu Christoph.

„Du wirst uns für deine ungeplante Dusche bestrafen?“, erkundigte er sich seufzend, „Mit was? Abwasch? Boden putzen? Küchendienst?“

Für einen Moment schwieg ihre Betreuerin wieder. Robby fühlte sich, als würde die Frau in die Tiefen seiner Seele starren. Als würde sie etwas darin finden und sich versichern, ob es auch bei seinen Freunden vorhanden war.

Erst dann nickte sie stumm.

„Wir müssen die anderen nicht mit der traurigen Geschichte unseres Waisenhauses belasten“, erklärte sie, „Deswegen will ich, dass ihr die Probleme für euch behaltet. Ihr dürft gerne mit Tom und Anja darüber reden, aber die anderen sollen sich keine Sorgen machen müssen. Annika ist noch nicht ganz angekommen. Sie und die anderen brauchen ein verlässliches Heim. Einen Ort, an dem sie sich nicht unnötig sorgen. Schafft ihr das?“

Eilig nickten die drei. Darüber mussten sie nicht lange nachdenken. Geheimnisse zu hüten würde ihre Spezialität werden!

„Gut“, Sabine stand auf und wandte sich zum Gehen, „Vergessen wir eure vergangenen Streiche. Ich erwarte euch. Morgen. 14 Uhr. In meinem Büro.“

„Aber …“, Christoph schüttelte verwirrt den Kopf, „Warum …?“

Nun schenkte Sabine ihnen ein so mütterliches Lächeln, dass Robby sich überwältigt an Isabel und dem Geländer festklammern musste.

„Na ja. Mir hatte ein kleines Liebespärchen versprochen, von ihrem Umzug zu erzählen. Wenn ihr allerdings nicht woll-“

„Wir werden da sein!“, rief Isabel hastig aus.

Damit verschwand Sabine im Flur und endlich erlaubte Robby seinen Beinen, dass sie einknicken durften.

Mit einem Plumps landete er auf der ersten Stufe.

„Ich dachte für einen Moment, dass wir erledigt wären“, murmelte er.

„Nicht nur du“, meldete sich Christoph neben ihm zu Wort.

Lächelnd tauschten die Jungs einen Blick. Einzig Isabel stand noch. Jedoch wusste Robby, dass seine Schwester nicht mehr lange durchhalten würde.

„Wir werden morgen mit Anja sprechen“, flüsterte sie mit glänzenden Augen, „Wir … Morgen … Morgen!“, jubelnd rannte sie die Stufen hinauf und schrie dieselben Worte noch mehrmals durchs Haus.

Ein wohliges Gefühl breitete sich in Robbys Bauch aus.

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