Fujis Seelenverwandte

Fuji fühlte sich verlorener denn je. Früher hatte er wenigstens auf die Sterne vertrauen können. Aber seitdem er sich mit ihnen zerstritten hatte, um der Sonne zu helfen …

Und nun wollte Sabine seine Hilfe nicht einmal …

Die Wolke sackte in sich zusammen.

Hatte er dem Himmelskörper wirklich nur helfen wollen, um sich selber gut zu fühlen? Nein! Oder doch? Machten andere das so? Halfen sie einzig, um im Anschluss den Dank einzuhamstern?

Eine dunkle Erinnerung kämpfte sich in ihm hoch.

„Wir leben um zu sterben“, murmelte er vor sich hin.

Ja. Genau. Deswegen hatte er sich ja damals ergossen. Er hatte sich ergossen, um Leben zu schenken. Er hatte keinen Dank begehrt. Er wollte nur, dass das Leben weiterging. Dass es sich entwickelte. Dass es … dass es … dass … es …

Was sollte es tun?

Blinzelnd wandte Fuji sich von der Kälte ab. Er flog wieder in Richtung Wärme. Ignorierte die Sterne. Ignorierte den Mond.

Der Mond war Sabines zweite Hälfte … Musste die zweite Sabine dann nicht wissen, dass Fuji nicht so eigensinnig und egoistisch war, wie sie ihm vorgeworfen hatte? Sie musste doch seinen letzten Erguss beobachtet haben. Sie-

Abrupt kam er zum Stehen.

Nein. Das war es nicht. Diese zweite Sabine … Sie wollte, dass er sich angegriffen fühlte! Sie wollte, dass er zweifelte! Dass er verzweifelte! Er sollte sich von dannen machen!

Nachdenklich starrte er auf den riesigen Ozean unter sich. Dort unten … War es beim letzten Mal auch schon so verdreckt gewesen? Er hatte sich so viel mit Sabine beschäftigt, dass ihm die Veränderungen auf der Erde gar nicht richtig aufgefallen waren! Dabei sprangen sie einen ja förmlich ins Auge …

Dort tuckerte ein riesiger Koloss durch das Wasser. Da hinten schwammen bunte Glitzersachen. Und auf dem Festland standen riesige Häuser! Nicht mehr jene, die kaum Licht absonderten. Nein. In diesen hier gab es tausende und abertausende Fenster, aus denen es lustig schimmerte!

„Was ist diese Welt wert?“, fragte sich Fuji leise.

Früher war sie ihm unbezahlbar gewesen. Nur … Früher hatte es auch sehr viel mehr Tiere gegeben. Früher waren noch keine Metallvögel durch die Luft gesirrt. Früher … Früher war das Leben einfacher gewesen.

Seufzend sackte die Wolke in sich zusammen.

„Dann hast du die andere Sabine getroffen?“

Hastig wandte sich die Wolke um und erblickte Alpe. Im Gegensatz zu Fuji wirkte die andere sehr viel größer und voller und vor allem ruhiger. Sicherlich könnte sie ganze Seen füllen oder ihr Wasser noch weitere Jahrzehnte mit sich tragen.

Ganz wie es ihr beliebte.

„Ja … Du … Du wusstest von ihr?“

Alpe starrte ihn stumm an. Ganz langsam schwebte sie auf und ab.

„Du wusstest, dass sie sich nicht helfen lassen würde! Du wusstest, dass sie-“, schniefend brach Fuji ab.

Er durfte nicht weinen. Wenn er weinte, würde er sich auflösen. Wenn er weinte, würde er seine Erinnerungen, sein Wesen verlieren!

„Du bist nicht der erste, der Sabine Hilfe angeboten hat“, flüsterte sie zurück.

Ihre Augen legten sich auf den Horizont. Auf die Sonnenstrahlen, die sich langsam hervorkämpften und die Lichter in der Ferne verschluckten.

Nichts konnte heller als Sabine scheinen.

Fuji atmete tief durch. Neugierig beobachtete er Alpe und sah sie plötzlich mit anderen Augen.

„Sie war auch deine Freundin?“, hauchte er.

„Vor langer Zeit“, bestätigte die andere Wolke, „Vor so endlos langer Zeit …“

Und zum ersten Mal fühlte sich Fuji vollends verstanden.

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