Fujis Zeitreise

„Wie viele Metallvögel es wohl gibt?“, fragte sich Fuji, als er dem nächsten auswich.

Viel zu viele hatten bereits durch ihn hindurchfliegen wollen. Mal waren es kleine. Mal große. Mal hatten sie Rotorblätter. Mal starre Flügel mit Turbinen. Aber immerzu waren sie mit derselben Höflichkeit ausgestattet. Einer Höflichkeit, die jegliche Entschuldigungen verbat.

Und das, obwohl sie die Wolke beinahe zerstört hätten!

Fuji schüttelte sich. Etwas in dieser Atmosphäre war anders als zu seiner letzten Lebzeit. Es fühlte sich stickiger, nein, erdrückender an. Wie ein schwerer Schleier, der auf allem ruhte? Er wusste es nicht recht zu beschreiben.

Auch fehlten ihm seine Freunde. So konnte er zwar einige der Sterne nachts wiedersehen und mit ihnen reden. Doch wirkten die meisten blasser, stiller und weiter entfernt im Vergleich zu den neuen Lichtern, die am Erdboden glänzten.

Lichter, die nicht mit ihm sprachen.

Lichter, die die Sterne als Verschmutzung beschimpften.

„Wie konnte es nur soweit kommen? Wo sind all die Wälder hin? Wo die Tiere? Wo die Freundlichkeit, mit der ihr einst gestrahlt hattet?“, fragte Fuji die restlichen Sterne eines Nachts.

„Was meinst du?“, die müden Worte des schwachen Leuchtens waren ein Echo der Trauer in den Ohren der Wolke.

„Was ist nur passiert?“, flüsterte er hinauf, „Einst erfüllten euch Liebe, Hoffnung, Glück und Freude. Doch nun? Nun könntet ihr auch die untergehende Sonne sein!“

Seine Stimme wurde lauter. Bebte am Ende. Zitterte mit Verachtung. Mit Enttäuschung und Erschöpfung.

So war Fuji erst seit wenigen Tagen wieder er selbst. Und in all dieser Zeit hatte ihm keiner seiner alten Freunde ein Lächeln schenken können.

Es war ein einziger Alptraum!

„Die untergehende Sonne?“, wiederholte der Stern.

Es war der, der Fuji einst seinen Namen zurückgegeben hatte. Er hatte so oft für die anderen Lichter gesprochen. Hatte Fuji geleitet. Hatte ihm gut zugeredet.

Nun war er nur noch ein Schatten seiner Selbst.

„Ja! Die untergehende Sonne, die keinen Funken Lebenskraft mehr in sich trägt! Die beinahe freudiger weint als ihr lächelt! Was ist nur mit euch geschehen?“

Fuji beobachtete das kraftlose Flimmern. Er beobachtete das Funkeln der Sterne. Glaubte, in der Schwärze der Nacht noch andere Freunde wiederzuerkennen. Weiter weg. Hinter der Lichtverschmutzung der Welt.

„Das Leben ist weitergegangen“, seufzte der Stern, „Das Leben hat sich weiterentwickelt. Immer weiter. Ohne auf die Grenzen zu achten, die die Natur ihm setzen wollte“

„Die Natur hat gar keine Grenzen gesetzt!“, schrie ein anderer Stern, „Die Natur hat diesen Planeten verraten. Sie hat uns verraten!“

„Nicht wahr“, flüsterte der erste Stern wieder, „Die Natur hat versucht-“

„Die Natur hat versucht? Die Natur hat gar nichts versucht! Die Natur dreht Däumchen und ist zu feige, um sich selbst zu retten!“

„Vielleicht weiß sie nicht wie?“

„Dann ist sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen!“

„Willst du sie für die Fehler anderer verdammen?“

„Ich will sie für ihre Untätigkeit verdammen!“

„Jeder gibt seinen Kindern Wurzeln und Flügel. Doch es obliegt den Kindern, was sie davon benutzen, um ihren Weg zu fin-“

„Das ist doch Schwachsinn! Manchen Kindern gehören dann von Geburt an die Flügel ausgerissen!“

„Und woher willst du wissen, wen du verdammen willst?“

„Dann verdamme ich eben alle! Dann kann nichts geschehen!“

Fuji beobachtete schweigend die beiden Streithähne. Ihm wurde unwohl. Hatte er die Sterne gegeneinander aufgebracht? Aber… Er hatte noch nie erlebt, dass sich seine Freunde je gestritten hatten! Wie konnte es nur soweit gekommen sein? Und wieso tat es ihm so weh?

Er wollte das nicht.

„Bitte… Bitte hört auf!“, flehte er die Beiden an, „Entschuldigt, dass ich gefragt habe. Ich werde euch damit nicht mehr belästigen. Aber bitte – Bitte seid nicht mehr böse aufeinander!“

Schweigen folgte seinen Worten. Fuji wagte es nicht hinaufzusehen. Er wollte nicht erleben, wie sich die beiden Sterne hasserfüllt anfunkelten und-

„Schon gut Fuji“, der erste Stern kitzelte mit seinem Strahlen die Augen der Wolke auf, „Es ist schon in Ordnung. Wir sind alle mal unterschiedlicher Meinung, aber das sollte nicht unseren Kern bestimmen. Wie es nun zu dieser Welt kam, warum sie sich so entwickelt hat und wer daran Schuld ist, sei dahingestellt. Es ist nicht weiter wichtig. Stattdessen sollten wir uns bei dir entschuldigen.

Das Leben hat uns so sehr erschöpft, dass wir das Wesentliche vergessen haben und uns kaum über deine Wiedergeburt freuen konnten“

Fuji seufzte erleichtert: „Dann… dann seid ihr glücklich, dass ich wieder da bin?“

„Freilich. Du bist immerhin freundlicher und klüger als die meisten anderen Wolken“, bemerkte der griesgrämigere Stern, „Vielleicht weißt du ja, wie man diese Welt noch retten kann und findest eine Lösung für das Desaster“

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Fujis Auferstehung

Manche Erinnerungen verblassen über Nacht wie ein Traum, der sich in der Tür geirrt hatte. Andere vergehen mit der Zeit wie ein Baum der stetig und schläfrig seine Äste gegen den Himmel reckt. Im Endeffekt sind sie nur noch wirre Schatten, die zwischen unendlich vielen Gedanken umherschwirren. Unsicher flattern sie durch den Geist. Nehmen ab und zu Formen an. Erkennen das Déjà-vu. Lassen es im Winde vergehen. Schweben in Nostalgie, die sie nicht verstehen…

Das Leben ist zu kurz für all diese Gedanken.

Die Wassertropfen in der Atmosphäre schoben sich weiter zusammen.
Unruhig flogen sie umher – verzerrt von Wind und Wetter. Die kleine Wolke hatte sich erst vor wenigen Stunden gebildet und wäre seitdem schon mehrere Male beinahe von anderen, größeren verschluckt worden, ehe sie sich nun mit einer anderen kleinen verschmolz.

Gewaltig ragte eine finstere Wolke neben ihr auf und strich wortlos an ihr vorbei. Zwischen ihnen prickelte die Luft. Die Atmosphäre versuchte, Nieser aus ihren Nasen zu kitzeln. Der Wind juckte. Die Sonne war hinter einem Schleier von grauen, dunklen Massen verschollen.

Ein Bild von einem freudigen Feuerball schoss durch den Kopf der Wolke.

Dann war es wieder weg. Die Wolke wunderte sich, was diese Sonne sein sollte. Was dieser Feuerball? Warum leuchtete er so? War das normal?

Hastig schob der Wind die Wolke fort. Sie spürte, wie sich ein Strudel im Himmel bildete. Ein Teil von ihr riss fast ab und sie verglich den Schmerz damit, auseinanderzufallen. Zu zerbrechen. Auf den Boden zu stürzen. Auf diesen kalten Erdboden.

Ein Leuchten durchzuckte den Himmel. Dann ein Knall. Plötzlich ratterte es. Steiniger Regen fiel durch sie hindurch. Erinnerungen spiegelten sich in den harten Tropfen, während sie durch die Wolke peitschten. Hinzu gesellten sich Ängste. Träume. Hoffnungen.

Er hatte der Welt Leben schenken wollen.

Ein neuer Lebenswille durchdrang die Wolke. Hastig klammerte sich Fuji daran fest.

Nein. Er durfte sich nicht hier ergießen. Er hatte sich vorgenommen, Gutes zu tun. So etwas ging nicht, wenn er sich dem Treiben der anderen Wolken hinreißen ließ. Er musste seinen eigenen Weg finden. Er musste den Ort finden, an dem er gebraucht werden würde!

Entschlossen zog sich Fuji zusammen. Er konzentrierte sich. Kämpfte gegen den Wind an. Riss sich aus dem Unwetter raus. Fort aus dem Chaos, weg von dem Zorn und dem Hass, den die anderen Wolken einander zuwarfen. Er entzog sich ihren Gefühlen, ihrem Einfluss. Wahrte Abstand. Flog weiter. Fort.

In die Freiheit des endlosen Himmels.

Die Blitze und Donner erreichten ein neues Ausmaß der Gefühle hinter Fuji. Sachte erinnerte er sich daran, dass er sich unbewusst wieder zusammengesetzt hatte. Die Wassertropfen in ihm hatten ihre Verwandten gesucht. Hatten sie gefunden. Umarmt. Festgehalten.

Und dann?

Plötzlich war er wieder Fuji. Er fühlte sich zwar noch krumm und schief, aber er war vollständig. Übersäht mit Narben, aber frei. Einst zerrissen, aber nun wieder zusammengeflickt.

Ein großer metallischer Vogel sauste an ihm vorbei und irritiert beobachtete Fuji die Karosserie.

Wie lange hatte er wohl geschlafen?

Die kleine Wolke Fuji

Es war einmal eine kleine Wolke. Sie war plötzlich da. Entstand einfach. Wusste nicht woher sie kam oder wohin sie sollte…

„Nun denn“, entschied diese kleine Wolke, als sie die Welt unter sich erblickte, „Ich möchte überall hinfliegen. Ich möchte groß träumen. Und niemand wird mich aufhalten!“

Sobald die kleine Wolke jedoch die Worte gesprochen hatte, erklang eine ältere Stimme. Rau und grummelig hallte sie in den Ohren der Wolke wider.

„Haha. Lieber Jüngling“, bemerkte die Sonne, „Das Leben ist bitter. Träum nicht zu viel – du wirst nur enttäuscht werden. Ziel nicht zu hoch – du wirst eh nur fallen. Versuch am besten nichts – du wirst es sowieso nicht schaffen!“

„Woher willst du das wissen?“, bemerkte die kleine Wolke trotzig, wenngleich sich Zweifel in ihr Herz geschlichen hatten.

„Der, der am höchsten steht,“, entgegnete die Sonne und küsste den Horizont, „fällt am tiefsten“

Damit war sie verschwunden. Und mit ihr das Licht.

Sofort wurde der Himmel von etwas Neuem heimgesucht: Dunkelheit. Stille. Einsamkeit. Nie zuvor gekannte Gefühle breiteten sich in der kleinen Wolke aus. Allein und vergessen schwebte sie durch die Finsternis. Ein, zweimal flog beinahe ein Vogel in die kleine Wolke und verschwand kurz darauf mit einem genervten: „Wo hast du denn Fliegen gelernt? Aus dem Weg!“

Und so entschied sich die kleine Wolke, dass der Himmel gruselig war. Die Nacht war gruselig. Das Leben war gruselig! Sie wollte nur noch hinfort. Alles hinter sich lassen. Vergessen werden. Verschwinden-

„Warum so einsam? Apathie hat noch nie jemandem geholfen“, echoten neue, fremde Stimmen durch die Nacht. Stimmen, die verspielt umherhallten. Deren Ursprung die kleine Wolke erst nicht zu finden vermochte.

Bis sie nach oben sah. Da! Dort oben waren sie! Kleiner als Glühwürmchen, aber umso vieles heller, umso vieles herzlicher und beruhigender.

„Wer seid ihr?“, fragte die kleine Wolke vorsichtig.

„Wir sind die, die du bewunderst. Wir sind die, die du sein willst. Wir sind von gestern und strahlen für morgen. Wir sind Sterne“

„Wenn ihr von gestern seid,“, begann die kleine Wolke, als sich eine neue Frage in ihr bemerkbar machte und die Angst sich mit dem neuen Licht verflüchtigte, „dann müsst ihr doch auch wissen, wo ich herkomme“, fragte sie, „Warum bin ich hier? Was soll ich hier? Was ist mein Sinn?“

„Sei nicht traurig, kleine Wolke. Deine Antworten sind nah. Aber wir dürfen sie dir nicht geben. Es obliegt jedem selbst, seinen Sinn zu finden“, antworteten sie und schwebten hinfort.

Fort in die kalte Nacht.

Die kleine Wolke wollte nach ihnen rufen. Sie zurück bitten. Aber dann bemerkte sie – wurde es plötzlich heller?

„Yay! Das ist so ein Spaß! Ich liebe, liebe, liebe es!“, schrie die Sonne durch den Himmel, die nun über den Horizont schielte und kaum ihrer Vorgängerin glich, „Oh! So schön! Diese Welt ist unglaublich! Und schaut! Schaut! Ich bin die Größte von euch allen!“

Die kleine Wolke wusste es kaum zu glauben. Die Sonne, die so griesgrämig auf ihren Träumen herumgehackt hatte. Sie war zurück? Und sie war so… so lebhaft? Was war passiert? Wieso hatte sie sich verändert? Wieso hatte sich ihr Ausblick auf die Welt so sehr gewandelt?

Die kleine Wolke würde die Sonne beobachten müssen, wenn sie es verstehen wollte…

Und so beobachtete die kleine Wolke alles. Die kleine Wolke beobachtete den Aufgang. Die kleine Wolke beobachtete den Zenit. Und die kleine Wolke beobachtete den Untergang.

Ohne die Neugier aus ihrem Herzen zu lassen, ohne sich gar bemerkbar zu machen, erblickte und belauschte sie alles stillschweigend. Selbst als die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwand, horchte die kleine Wolke immer noch nach der Sonne. Sie durchlebte es immer wieder: Geburt, Leben, Tod, Wiedergeburt…

„Wir leben, um zu sterben“, antwortete die kleine Wolke eines Nachts den Sternen, „Aber wir vergessen dabei die Schönheit und Freude, die wir empfanden. Wir werden grummelig. Griesgrämig. Vergessen unsere Träume, unsere Hoffnungen, unsere-“, die kleine Wolke brach ab und wandte sich den Sternen zu.

Diesen Sternen, die ihn so bestätigend anstrahlten. Deren Licht in ihm so viel Wut auslöste. Denn diese Antworten waren es nicht, die sich die kleine Wolke erhofft hatte! Das durfte es nicht sein!

„Nein. Mit mir wird es nicht so zu Ende gehen! Ich werde nicht frustriert sterben. Ich will von dieser Welt gehen, indem ich das Leben achte. Es schütze. Ihm helfe“; schwor sich die kleine Wolke.

„Nun denn, Fuji. Dann hast du deine Antworten gefunden“, entgegneten ihm die Sterne.

Lächelnd nahm er den Namen an. Fuji. Der Name, der ihm so bekannt, so vertraut erschien. Den er gewiss schon einmal zuvor getragen haben musste. Genauso wie die vielen Sonnen alle ein und dieselbe waren, vermochte er bestimmt auch schon mal existiert zu haben.

Und so flog er hinfort, um die Welt zu erkunden…

Es war ein warmer, nein, höllisch heißer Sommertag mehrere Jahre später, als er sich seufzend ergoss. Er ließ seine Tränen auf die brüchige Erde fallen. Hinab auf den kahlen Boden, die trockenen Pflanzen, die noch mit dem Überleben kämpften. Die kleine Wolke, die nun schon so vieles gesehen, so vieles erlebt und beobachtet hatte, löste sich auf.

Sie löste sich auf und schenkte der Welt unter ihr neues Leben.