Fujis Überraschung

„Noch nicht“, belehrte ihn Alpe erneut und mürrisch richtete die Wolke ihre Augen in die Höhe.

„Ich weiß“, beharrte Fuji, „Aber je mehr du mich warten lässt, desto neugieriger werde ich!“

„Na, na. Du willst dir doch nicht deine eigene Überraschung kaputt machen, oder?“

Seine eigene Überraschung … Das gefiel der Wolke! Bislang hatte sich noch nie jemand darum bemüht, ihn zu überraschen. Gewiss war es den Sternen nicht in den Sinn gekommen und die anderen Wesen … Die anderen Wesen kannte er ja gar nicht richtig. Er hatte sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt. Stets hatte er seinen Fokus auf die Sonne oder die Erdoberfläche gelenkt. Er war den Vögeln ausgewichen, hatte nie das Gespräch mit den anderen Wolken gesucht, war einzig an den bunten Blumen und Bäumen interessiert gewesen …

Bis er gesehen hatte, dass sie auf dem trockenen Boden nicht gedeihen konnten.

„Wie lange denn noch?“, erkundigte er sich bei Alpe.

Sie stieß einen Windstoß aus: „Also wirklich! Du bist wie ein kleines Kind, weißt du das?“

„Wenn ich ein Kind bin, bist du meine Oma“, gab er schnippisch zurück.

Ihr Lachen hatte er nicht erwartet.

„Oma? Ja. Mag wohl sein. Zumindest, wenn wir nach der Erfahrung gehen.“

Autsch! Er hatte nicht erwartet, dass sie die Aussage so umdrehen würde!

Beleidigt wandte er sich ab, sodass er in den strahlend blauen Himmel über sich sah. Von den Sternen fehlte tagsüber zum Glück jede Spur. Er konnte zwar Sabine in der Ferne hören, nur …

Ein Teil von ihm wollte sie meiden, bis er die Worte des Mondes besser verstand.

Energisch verschloss Fuji die Augen und ließ sich von Alpe weitertragen. Er ließ sie den Weg bestimmen. Immerhin wollte sie ihn ja überraschen … Das war ja fast wie ein Geschenk, oder? Eine Überraschung?

Voller Vorfreude grinste die Wolke in sich hinein. Fuji spürte, wie die ältere Wolke allmählich langsamer wurde und der Himmel sich verfinsterte. Bald würden die Sterne aufgehen. Er hoffte inständig, dass sie vorher am Ziel ankämen. Denn er wollte auf keinen Fall den Blick auf die Himmelskörper lenken. Dafür hatten sie ihn zu sehr verletzt!

„Wir müssen noch kurz warten“, bemerkte Alpe plötzlich, „Sobald es dunkel ist, darfst du dich umdrehen, ja?“

„Erst dann?“, hinterfragte er drängelnd.

„Erst dann.“

Die Bestätigung störte ihn. Denn sie bedeutete, dass er erst die Sterne sehen musste! Obwohl er doch gar nicht wollte!

Es sei denn …

Nachdenklich schloss er erneut die Augen und dachte an das öde Land, dem er einst sein Wasser geschenkt hatte. Fuji hatte es damals für richtig gehalten. Das wusste er noch! Danach-

Moment.

Erschrocken hielt er inne.

Wenn er es damals für richtig gehalten hatte, warum hatte er sich nun nicht bereits wieder ergossen? Gewiss war er schon über einige verdorrte Steppen geflogen! All diese Orte hatten sein Wasser nötig und dennoch hatte er es für sich behalten? Warum war er so arrogant geworden?!

Noch ehe er sich im Klaren darüber werden konnte, pustete Alpe ihn an und erschrocken wandte die Wolke sich um. Er starrte auf sie. Dann auf das Lichtermeer unter ihnen. Auf all diese bunten und tanzenden Schimmer, die ihm zu zuwinken schienen! Sie liefen umher. Beleuchteten den Boden. Bestrahlten die Lüfte!

„Manchmal schießen die Menschen auch kleine Stöcker in die Luft, die dann in gesprenkeltem Licht verenden. Es stinkt zwar gewaltig, aber dafür sieht es auch wunderschön aus“, erzählte Alpe.

Fuji starrte stumm nach unten.

„Und da unten wohnen die Menschen?“

„Da unten wohnen die Menschen“, bestätigte sie.

„Es … Es sieht sehr schön aus.“

„Schöner als die Polarlichter?“

Überrumpelt blickte er zu Alpe.

„Beides sind zwar Lichter, aber … Ich glaube nicht, dass ich sie miteinander vergleichen kann“, überlegte er laut.

„Hm.“

Mehr sagte sie in dieser Nacht nicht. Sie schmiegte sich nur an Fuji an und gemeinsam bestaunten sie das Wunder der Menschen. Das Wunder, das die Sterne einst als Lichtverschmutzung betitelt hatten.

Aber konnte eine solche Schönheit eine Verschmutzung sein?

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