Die plätschernde Melodie der Freiheit

© Katharina Kolata

Kevin Strauss ließ seinen Chef still gewähren, als dieser den nächsten Kunden übernahm, der in ihre Filiale marschierte. Eigentlich hätte Kevin ihm helfen müssen, aber ein einziger Blick des gepflegten Fremden hatte jedes Vorhaben im Keim erstickt. Die Abscheu war Kevin aus den blauen Augen geradezu entgegengesprungen und so zog er sich lieber zurück.

Er wusste, dass er nicht der ansehnlichste Zeitgenosse war. Als Bankangestellter von Brooks ‘n Coal aus der Hauptstadt Centy sollte er zwar ein ordentliches Erscheinungsbild an den Tag legen, doch wäre es einfacher, einen Löwen zu frisieren. Seine Haare glänzten mit jeder Dusche fettiger und seine Akne war ein Dämonenwerk für sich. Obwohl er bereits Mitte dreißig war, wollten die Pickel einfach nicht verschwinden! Zusätzlich dazu wirkte er in seinem Anzug eher wie ein formloser Kleiderständer und nicht wie ein menschliches Wesen. Selbst ein Blinder hätte erkannt, dass er hier nicht reinpasste!

Nachdenklich schielte er hinter sich aus dem Fenster des dritten Stockwerks und beobachtete einen umherfliegenden Vogel. Er war schwarz. Vielleicht eine Krähe? Das war selten zu dieser Jahreszeit. Sonst konnte er nur Möwen beobachten, die über dem glitzernden Fluss flogen. Die frei waren.

»Bis morgen«, verabschiedete sich der alte Sam von ihm und auch Thomas winkte kurz in die Runde.

Höflich nickte Kevin zurück. Als ob ihre Abwesenheit irgendeinen Unterschied machen würde. Ferkel könnten produktiver arbeiten. Ach, was! Luft könnte das! Kevin zuckte zusammen. Er umklammerte seinen Stift. Starrte auf die Zettel vor ihm. Eine Kontoeröffnung vom Morgen, die er nicht weggeräumt hatte. Er bemühte sich, Ruhe zu bewahren. Nur wusste er noch im selben Augenblick, dass es vergebliche Liebesmüh war. Er konnte es schon plätschern hören.

Verschwinde! schrie er in Gedanken. Ich habe nicht um deine Meinung gebeten! Der alte Sam, Thomas und die anderen sind-

Sind was? Etwa nett?

Die Sekretärin fluchte. Das plätschernde Geräusch wurde lauter. Es hallte unheilvoll in Kevins Ohren wider. Nachdenklich riskierte er einen Blick auf die Quelle.

Dort, hinter dem dicken Sam, der vor der Tür zu ihren Toiletten in seinem Stuhl schlief, stand Alina. Zeternd betrachtete sie die große Wasserlache am Boden, ehe sie ein paar Handtücher holte. Das wäre nun wohl die sechste Überflutung diese Woche. Seit einem Monat hielten die nassen Probleme in ihrer Filiale im dritten Stock an. Klempner waren gekommen und gegangen. Anfangs verhöhnten sie noch ihre Kollegen, ehe sie stets mit ratlosen Köpfen heimkehrten. Keiner konnte die Ursache finden. Keiner wusste das Problem zu beheben. Und so blieb es meist an der überarbeiteten Alina hängen, alles aufzuwischen.

Der picklige Bankangestellte überlegte, ob er ihr helfen sollte. Das letzte Mal war sie dankbar dafür gewesen. Allerdings hatte sie im Anschluss direkt wieder über sein unschickliches Gesicht gelästert. Und darauf hatte Kevin keine Lust. Außerdem …

Er atmete tief durch.

Hör damit auf, Sven!

Die Stimme in seinem Kopf lachte.

Wie soll ich mit etwas aufhören, für das ich nicht verantwortlich sein kann, kleiner Meermann?

Ich glaube dir nicht. Diese ganzen Probleme sind erst mit dir aufgetaucht. Was machst du eigentlich in meinem Kopf? Kusch! Zieh Leine!

Zieh Leine? Amüsiert echoten die Worte nach. Und wohin soll ich dann bitte ziehen? Ich stecke hier ziemlich tief fest.

Kevin ging nicht darauf ein. Er durfte nicht. Vor einem Monat war ihnen Marvin Toss als Chef vorgesetzt worden und in einem Anflug von Wut war Sven damals in ihm erwacht. Kevin hatte der Stimme einen Namen gegeben. Er hatte sich mit ihr gestritten. Er hatte sie verscheuchen wollen.

Denn seitdem Sven sich bemerkbar gemacht hatte, waren diese Wasserprobleme über ihn hergefallen. Egal, wohin Kevin ging, überall, wo er sich mit Sven stritt, folgten die plätschernden Auswirkungen. So vieles hatten sie Kevin im letzten Monat genommen. Sein Job stand wegen Marvin Toss auf wackligen Beinen, seine Wohnung sollte ihm wegen mehrerer Wasserschäden gekündigt werden und zusätzlich dazu hatte seine Freundin ihn wegen einigen von Svens Bemerkungen verlassen, die er hinterfragt hatte. Dass seine Arbeitskollegen – Thomas, der alte sowie der dicke Sam – ihre Arbeit auf ihn abwälzten, war nur das Sahnehäubchen auf dem Eisberg.

Er war noch nie glücklich in seiner Haut gewesen. Kevin hatte sich ständig gefangen gefühlt. Gefangen in den Meinungen und Erwartungen anderer. Gefangen in einer Welt, in der sein Gesicht keinen Platz fand. Aber nun wirkte alles so viel schlimmer. Es war bescheiden. Es war einfach nur beschei-

Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat ein. Ihr Schritt war sicher, ihre Statur von kräftigen Armen geprägt. Ihre Haare konkurrierten mit ihrem Sommerkleid um die kürzeste Länge. Das Kleidungsstück wirkte ziemlich frisch für einen Herbsttag in der Hauptstadt. Nur schien ihr das nichts auszumachen. Gezielt fand ihr Blick den seinen. Wundervolle verschiedenfarbige Augen sahen ihn an. Dann stolzierte sie zügig herüber.

Ein einzelner schwarzer Ohrring blitzte kurz auf.

»Ich möchte ein Konto eröffnen«, begann sie ohne Umschweife, »Für mich selbst. Können Sie mir weiterhelfen?«

Verdutzt brauchte Kevin einen Moment, um sich zu fangen. Er kratzte mit seinem Fingernagel über seine Handfläche. Doch der zarte Schmerz bestätigte ihm nur, dass er sich die Fremde nicht einbildete. Sie war wirklich zu ihm gekommen. Zielsicher! Sie war die allererste Kundin, die keine Grimasse zog, sobald sie sein Gesicht erblickte. Und er arbeitete schon beinahe ein Jahrzehnt hier!

»Sicher doch, sicher doch!« Überrascht von sich selbst, stand er auf und deutete auf den Stuhl gegenüber. »Möchten Sie etwas trinken? Kann ich Ihnen einen Kaffee oder ein Glas Wasser anbieten?«

»Nein, danke«, zärtlich lächelte sie ihn an und Kevin glaubte, solch bedingungslose Zuneigung noch nie zuvor gespürt zu haben. Sie war anders als die anderen.

Eilig setzte er sich wieder. Er schob jegliche Papiere beiseite. Sie hätten wegen seiner auch auf dem Boden landen können, nur wollte er keine schlechten Manieren vor dieser Frau an den Tag legen. Stattdessen präsentierte er ihr diverse Flyer von Brooks ‘n Coal.

Pass auf! Die will dich doch sicher nur übers Ohr hauen. Warum sonst sollte sie so nett sein? Das Lächeln stinkt so gewaltig, dass ganz Centy übel werden müsste!

Halt die Klappe! Du wirst mir nicht meine Kundin vergraulen!

Nicht deine Kundin vergraulen? Sven lachte tonlos auf. Bei der fetten Schnepfe haben dich meine Sprüche auch nicht gestört. Findest du das Mädel etwa so heiß? Hast du fremde Aufmerksamkeit so nötig?

Kevin ignorierte die spitzen Bemerkungen und begann, die verschiedenen Kontomodelle vorzustellen. Es war ein einstudierter Monolog, der sich in den vergangenen Jahren kaum verändert hatte.

»Zu welchem Konto würden Sie mir bei dem bescheidenen Gehalt einer Kassiererin raten, Mr. Strauss?«, las sie von seinem Namensschild, ehe sie die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte, »Nein. Mr. Strauss klingt zu unpersönlich. Wenn ich Ihnen schon die Zukunft meines Geldes anvertraue, können Sie mir sicherlich ihre Vornamen verraten.«

Ihr Lächeln war bittersüß. Doch ihre Bitte, versetzte ihm einen tiefen Stich im Herzen. Würde er nun ein Gefangener seines Vornamens werden? Gefangener eines Namens, den er eh nicht ausstehen konnte?

»Ma‘am, ich würde lieber …«

»Ach, was! Ma‘am? Ich bin Marlena Tanja Tods. Aber meine Freunde nennen mich Marly. Das wäre doch auch für Sie in Ordnung, oder? Mich Marly zu nennen?« Sie wirkte beinahe flehentlich und so blieb ihm nichts anderes übrig als zu nicken.

Ihre unterschiedlichen Augen hatten es ihm angetan. Eines war himmelblau, das andere eher blattgrün. Eine wunderbare Mischung. Sie zauberten ihr ein so liebliches Lächeln auf die Züge.

»Ich … ich heiße Kevin«, offenbarte er ihr den Namen, den er seit seiner Kindheit verabscheute. Sein Vater hatte ihm den Vornamen geschenkt, ehe er sie sitzen gelassen hatte. Damals war Kevin nicht mal ein Jahr alt gewesen. Seine Mutter hatte ihn allein großziehen müssen und so verachtete Kevin alles, was ihn an seinen Erzeuger erinnerte. Einschließlich des Namens, der von so vielen Vorurteilen geprägt war.

»Einfach nur Kevin?«, sie schien etwas enttäuscht und lehnte sich weiter über den Tisch.

Also entweder ist das Mädel echt empathisch oder sie hat ein Ding an der Semmel. Welche normale Frau beugt sich so mit ihren Brüsten vor? Noch ein bisschen und die Teile fallen ihr raus!

Der Bankangestellte spürte, wie sein Gesicht warm wurde. Er wandte sich wieder den Flyern zu und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie ihm sein Chef einen giftigen Blick zuwarf.

»Nur Kevin«, bestätigte er, »Meine Mutter hielt nichts vom Doppelnamentrend.«

»Hm«, Marlena spielte einen Augenblick mit ihrem schwarzen Ohrring. Sie blickte durch die Filiale. Auf Marvin Toss, der sich hastig abwandte. Auf den dicken Sam, der selig in seinem Stuhl schlief. Auf die Tür zum Bad, hinter der Alinas Meckern leise zu hören war. Auf das Fenster hinter ihm, das den einzigen Fluss präsentierte, der Centy durchquerte.

Wie gern wäre er jetzt am Wasser!

Dennoch nahm er es als Zeichen fortzufahren. Dabei bemühte er sich, sie mit Marly anzusprechen, um sie ja als zufriedene Kundin zu gewinnen. Vielleicht könnte ihm das den Job retten? Wenn Marvin Toss sehen würde, was Kevin für gute Arbeit machte, könnte er in eine höhere Gunst gelangen. Oder vielleicht hatte sie ja ein paar Freunde, die er durch sie anwerben konnte?

»Sind Sie immer so lieb und hilfsbereit?«, unterbrach sie ihn plötzlich mit einem goldigen Lächeln.

Kevin stockte der Atem. Sven lachte.

Ich sag doch: Sie will irgendwas! Guck sie dir an! Guck sie dir an! Guck sie dir-

KLAPPE!

Wie ein Peitschenhieb forderte er seine innere Ruhe ein. Keine Person im Raum konnte seinen stummen Aufschrei hören. Doch das bedeutete nicht, dass er folgenlos blieb.

Hinter Kevin knallte etwas. Sofort schloss er ängstlich die Augen. Nun erst bemerkte er, dass sein Rücken durchnässt war. Schreie erklangen. Giftige Worte, die in seinen Ohren keinen Sinn ergeben wollten. Auf die er sich nicht zu konzentrieren wusste. Erschrocken drehte er sich zur Toilettentür um.

»Der nächste Klempner, der die Rohre nicht gefixt kriegen will, kann sich nach Merichaven scheren!«, fluchte Alina und schob die beschwichtigenden Worte ihres Chefs ungeduldig beiseite.

Kevin staunte nicht schlecht über ihren Auftritt. Sie war klitschnass. Vom Scheitel bis zur Sohle triefte das nasse Element an ihr herab. Das Wasser musste aus irgendeinem Hahn herausgeschossen sein. Anders konnte er sich das Resultat nicht erklären. Wie sollte es ihn und den dicken Sam sonst getroffen haben? Er beobachtete, wie sich sein Kollege verdutzt schüttelte. Träge bot der große Kerl Alina seine Jacke an.

»Und was soll ich mit dem nassen Lumpen?«, ihre Stimme glich dem Kreischen einer Sirene, »Meinst du, der wäre auch nur im Entferntesten besser?!«

Schulterzuckend wandte sich der dicke Sam ab und griff nach seiner Aktentasche. Wahrscheinlich war ihm endlich aufgefallen, dass er seinen Feierabend verschlafen hatte. Ohne einen Abschiedsgruß zu verlieren, schlenderte er hinaus.

Kevin versuchte, die leisen Worte seines Chefs auszumachen. Von dem gepflegten Kunden gab es keine Spur mehr. Wahrscheinlich hatte dieser das Drama gerade verpasst. Es würde zumindest zeitlich hinhauen. Immerhin verriet ihm ein Blick auf die Uhr, dass sie bald schließen würden.

Und hinten war alles überflutet.

Ein Teil von Kevin fühlte sich schuldig für das Wasserchaos. Ein anderer war von der Situation amüsiert. Es tat fast schon weh, sich abzuwenden. Aber seine Kundin war die Nettigkeit in Person. Für sie würde er es gerne tun.

»Vergessen Sie‘s! Ich bin keine Putze!«, damit stürzte Alina aufgebracht an seinem Tisch vorbei.

Das … das hatte Kevin nicht erwartet. Die überhebliche Sekretärin war ihm immer so vorgekommen, als wäre sie aus härterem Holz geschnitzt. Und letztendlich war es doch nur Wasser, das sie erwischt hatte. Unsicher blickte er zu seiner Kundin. Er setzte ein entschuldigendes Lächeln auf und wog seine nächsten Worte sorgfältig ab. Zumindest schien sie trocken zu sein. Vielleicht hatte sein Körper ihren ja glorreich beschützt? Das wäre das Beste, was ihm je geschehen wäre! Nun musste er sie nur noch zufrieden stellen. Sie brauchte einen kompetenten Mitarbeiter, der ihr ein geeignetes Konto verschaffte. Ein Klacks für ihn, wenn er die Feuchtigkeit an seinem Rücken erfolgreich ignorieren konnte. Das plätschernde Wasserproblem würde ihn als Helden vor seinen Kollegen dastehen lassen. Was für ein Glück er doch hatte!

Glück? Mit Glück haben deine Fähigkeiten nichts zu tun, kleiner Meermann. Das war dein Werk!

Nur trafen Svens Worte auf taube Ohren.

»Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung, Marly. Ich hoffe, Ihnen ist nichts passiert«, erkundigte er sich höflich und neigte den Kopf zur Seite, »Leider haben wir seit ein paar Tagen Probleme mit den Rohren und die Klempner konnten uns bislang einfach nicht weiterhelfen«, erklärte er mit einem Lächeln, das nur seine Mutter als schön empfunden hatte.

Marlena strahlte übers ganze Gesicht.

»Nicht doch! So etwas kann immer mal vorkommen. Geht es Ihnen gut? Haben Sie etwas abbekommen?«

Die Fragen brachen Kevin beinahe das Herz. Wie konnte diese Fremde nur so freundlich und mitfühlend sein? Das war ihm bislang noch nie untergekommen!

»Halb so wild«, er beobachtete verträumt, wie sie wieder mit ihrem Ohrring spielte und glaubte, sich mit jedem Ticken der Uhr stärker in diese Frau zu verlieben, »Ist ja nur Wasser.«

Ihre Augenbraue zuckte kurz. Dann nickte sie bedächtig. Sie begann fröhlich, von einem verregneten Tag im August zu erzählen, an dem es in Strömen gegossen hatte und Kevin konnte nicht anders, als in ihren Worten zu versinken. Sie sprach so frei und offen. Nein. Das war es nicht. Sie sprach so frei und offen mit ihm!

Eine Hand klopfte auf seine Schulter und überrascht blickte Kevin in die Augen seines Chefs.

»Ich muss los. Kannst du gleich allein zumachen?«, erkundigte sich Marvin Toss mit einem Blick auf Marlena. Sofort nickte Kevin.

»Ja, kein Problem. Was ist mit der Überflutung?«

»Ich komme in ein paar Stunden noch einmal mit dem Klempner von gestern rum. Aber früher klappt‘s nicht«, erklärte der andere, »Bis morgen.«

»Bis morgen«, verabschiedete er sich von seinem Vorgesetzten. Er war erstaunt, wie freundlich sich dieser vor der Kundin benehmen konnte. Nachdenklich starrte er dem Mann hinterher.

Hatte Kevin ihn doch falsch eingeschätzt? Nein. Ein einziger Augenblick konnte nicht den gesamten letzten Monat ungeschehen machen! Sicherlich hatte Marvin Toss ihn nur auf sein Gesicht reduziert und deswegen dieses Fehlverhalten an den Tag gelegt. Genau! Das musste es sein! Und war das nicht noch böswilliger als ein simples Missverständnis? Immerhin hatte er Kevins Wert von dessen Pickeln abhängig gemacht und ihn somit zu einem Gefangenen seines Erscheinungsbildes gemacht.

»Friedliche Zeiten, oder?«

»Bitte?« Marlenas Worte überraschten ihn.

Sie winkte mit den Armen um sich.

»Ich mein ja nur. Es sind so friedliche Zeiten, in denen wir leben. Keine Kriege. Keine Toten. Keine Verletzten. Keine überfüllten Waisenhäuser. Wir sollten immer dankbar für unsere Umstände sein. Denn sie formen uns zu den Menschen, die wir sind.«

Ah. Deswegen kam sie zu dir. Sie ist sicherlich irre. Ich meine, mit dem Aufzug? Wenn sie nicht irre ist, dann ist sie eine Hu-

Halt die Klappe, verdammt nochmal!

Was? Willst du die Wahrheit etwa nicht einsehen? Sven lachte beherzt auf. Dabei ist sie doch nicht mal das Verrückteste, was dir in den letzten Tagen passiert ist! Du befehligst Wasser, schwimmst wie ein Fisch und erinnere dich mal an das Mobbing zurück! Jeder andere wäre nach so langer Zeit ohne Luft ertrunken!

Kevin zuckte zusammen. Ja. Er erinnerte sich. Er erinnerte sich an den Tag, an dem er sich ins Schulbecken geflüchtet hatte und erst nach einer Viertelstunde tropfnass aufgetaucht war. Er hatte es vergessen wollen. Hatte das Ereignis verschwiegen. Hatte zeitweise sogar geglaubt, dass er tot sein müsse, wenn er schon eine Stimme hörte. Nun jedoch hatte er eine bessere Antwort. So stupide Svens Sprüche auch waren, so trugen sie doch mehr als nur einen Funken Wahrheit in sich.

Er war ein Meermann.

Kevin setzte sich etwas seitlich. Seine Augen schweiften aus dem Fenster zu den entfernten Möwen und der einsamen Krähe, die noch immer ihre Runden drehte. Er glaubte, den Fluss dort draußen spüren zu können. Rief der Strom nach ihm? Aber wie sollte er dem Verlangen antworten? Er hatte keine Ahnung, wo sich seine Flosse versteckt hatte! Oder warum er Beine besaß! Vielleicht war es ein Fluch? Vielleicht ein Genfehler? Was wusste er schon! Er war ein Gefangener der Menschen.

»Ihre Umstände haben Sie auch auf einzigartige Weise geformt, nicht?«, durchbrachen Marlenas Worte seine Gedanken und für einen Moment schämte er sich, so verträumt zu sein. Zusätzlich dazu versetzte es ihm einen Stich, dass sie seine Akne ansprach. Er hatte die ganzen schäbigen Pickel beinahe vergessen und nun waren sie wieder in den Fokus gerutscht. Abweisend setzte er sich seine viel zu große Lesebrille auf, als müsste er sich dahinter verstecken.

»Sie meinen mein Gesicht, oder?«, fragte er nonchalant, »Es hatte seine Probleme, aber mittlerweile habe ich mich an meine derzeitige Situation gewöhnt.«

Ihr Lächeln wurde wieder liebreizend und ihre unterschiedlichen Augen zogen ihn in ihren Bann.

»Aber nicht doch. Ihr Gesicht ist, wie es ist. Ich spreche von Ihrer Magie.«

Das ließ ihn innehalten. Er spürte, wie Sven etwas sagen wollte. Die Worte drängten sich beinahe so sehr auf wie das Plätschern, das wieder lauter aus den Toiletten zu vernehmen war.

»Wie bitte?« Kevin lächelte höflich und neigte den Kopf fragend zur Seite.

»Magie. Sie müssen es doch sicherlich gespürt haben, oder, Kevin? Diese unglaubliche Macht. Sie wohnt in uns und lässt uns so viele Wunder vollbringen«, Marlena beugte sich weiter vor und ihre Brüste quollen ihm entgegen.

»Ich weiß nicht … Es … Es tut nichts zur Sache«, er schüttelte resigniert den Kopf, plötzlich wollte er sie nur noch loswerden, »Wollen Sie nun das Smart Modell mit Kreditkarte haben oder lieber ein einfaches Sparbuch, Marly? Für die anderen Optionen schienen Sie sich ja weniger zu interessieren.«

»Was ist mit einer Macianoption?«

Die Krähe hackte gegen die Fensterscheibe hinter Kevin und erschrocken sprang dieser hoch. Risse hatten sich unter ihrem Schnabel gebildet, die sich mit jedem Schlag tiefer durch das Glas zogen.

Das Plätschern hallte in seinen Ohren wider.

Risse im Sicherheitsglas?, bemerkte Sven.

»Was zum-«

»Willst du wieder ohne uns anfangen?«, erklang eine männliche Stimme vom Eingang. Kevin wirbelte herum, um die beiden Neuankömmlinge zu betrachten. Es waren zwei Männer. Sportlich gekleidet. Einer mit einem Schwert auf dem Rücken, der andere mit einem Jo-Jo in der Hand. Sie gaben ein seltsames Pärchen ab. Vor allem mit den zwei Tieren neben ihnen. Ein komischer Hund und … Was war das andere? Eine katzengroße Echse? So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen!

»Was kann ich dafür, dass ihr immer so lange braucht«, Marlena kreuzte die Beine und lehnte sich lässig zurück. Ihre Pose erschien ihm urplötzlich gar nicht mehr lieblich. Sie wirkte nun eher überheblich und eingebildet.

Kevin sah sich erschrocken um. Er hörte sich stottern. Silben, die keinen Sinn ergaben und– Wurde ihre Filiale etwa ausgeraubt? Von diesen Leuten? Das … Er musste das Protokoll befolgen. Immerhin war sonst keiner da!

»Wenn Sie Geld wollen, an den Tresor kommt kein Mitarbeiter alleine ran. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen und-«

Mit einem Krachen zersplitterte das Fenster hinter seinem Tisch und flatternd landete die Krähe neben Marlena.

»Mein lieber Kevin«, begann seine Kundin leise, während er den Vogel nur entsetzt anstarren konnte, »Wir sind nicht wegen des Geldes hier. Wir sind wegen dir hier.«

Sie schenkte ihm ein giftiges Lächeln. Ein Lächeln, das Kevin an Ort und Stelle gefror. Dann erhob auf einmal die Krähe das Wort.

»Absonderlichkeiten wie du es bist dürfen nicht existieren.«

DUCK DICH!

Kevin dachte nicht nach. Aus irgendeinem Grund überließ er sich seinen Instinkten und befolgte Svens Rat, ohne zu widersprechen. Und keinen Augenblick zu spät, denn schon zischte ein Blitz über seinen Kopf hinweg. Ängstlich stolperte er rückwärts an das zerbrochene Fenster.

»Ich verstehe nicht«, beharrte er, »Ich verstehe nicht, was … Ich-«

»Deinesgleichen bringen unsere Familien um, du Monster!«, schrie der Mann mit dem Schwert und verschwand – nur um direkt neben Kevin wieder aufzutauchen.

Erschrocken wollte Kevin die Hände hochreißen, als er spürte, wie etwas an ihm zog. Es war, als risse ihm jemand das Steuer seines Wagens aus der Hand. Sein Körper bewegte sich von allein. Er schrumpfte etwas. Seine Arme wurden dicker. Seine Sicht verschob sich, als müsste er plötzlich schielen. Seine Lesebrille flog zu Boden. Ihm war, als sähe er alles durch ein Fernglas, das ihm jemand vor die Nase hielt.

Das Schwert glitt unheilvoll über seinen Kopf, ehe der Mann wieder verschwand.

Kevin glaubte zu zittern.

»Wie seltsam«, hörte er Svens Stimme mit seinem Mund sagen. Nur bewegte er ihn nicht.

»Also doch«, Marlenas Lippen zogen sich zu dünnen Linien zusammen, sie tippte gegen ihren Ohrring, »Monster.«

Das war mehr, als Kevin ertragen konnte. Er schloss die Augen. Es verletzte ihn so sehr, dass ihm diese Frau nur etwas vorgemacht hatte. Dass sie so nett gewesen war und in ihm Gefühle geweckt hatte, nur um diese dann zu zertrampeln. Sie war ein hinterhältiges, verabscheuungswürdiges, arrogantes-

Er hatte sich beinahe in sie verliebt.

Svens Keuchen klang in seinen Ohren wider. Er riskierte einen Blick auf die Situation vor ihm. Erinnerungen stiegen in ihm hoch. Erinnerungen an seine Schulzeit. An das Mobbing. An die Viertelstunde im Wasserbecken. An die Isolation und seinen Wunsch, auf ewig allein zu bleiben. Im Wasser hatte ihn noch nie jemand verletzen können. Im Wasser war er frei gewesen. Im Wasser konnte ihn nichts halten.

Aus dem Fenster. Spring aus dem Fenster in den Fluss. Wenn ich … Du … Ich bin ein Meermann. Ich werde nicht ertrinken. Und wenn du wirklich existierst, Sven, dann wirst du es bestimmt auch überstehen.

Der Fluss ist so dreckig.

Nicht dreckiger als mein Gesicht.

Die einstige Stimme in seinem Kopf, die nun seinen Körper steuerte, lachte beherzt auf.

Wie du meinst.

»Man sieht sich in der Hölle«, verabschiedete sich Sven von den Fremden und nahm Anlauf. Mehrere Blitze zischten an ihm vorbei und Kevin glaubte, das Jo-Jo aus dem Augenwinkel zu erblicken. Dann war nur noch Luft unter ihm.

Wir werden es so nicht schaffen. Der Fluss ist zu weit weg!, erklang Svens Stimme ängstlich in ihm und auf einmal war das Fernglas verschwunden. Kevin spürte den Wind in seinen Haaren. Er konnte wieder klar sehen. Er hörte Möwen. Straßenlärm. Marlenas Schreie!

»Wenn ich wirklich ein Meermann bin, komm zu mir, Wasser. Komm zu mir und hilf mir«, betete er, während er hastig mit den Armen ruderte.

Wie aus dem Nichts erhob sich das nasse Element und verschluckte ihn. Seine Lungen füllten sich mit der Flüssigkeit. Sie brannten. Dann erinnerte er sich an die Lektion aus dem Chemieunterricht.

Wasser war eine Kombination aus Wasserstoff und Sauerstoff. Und er war ein Meermann. Er musste sich bloß das benötige Element aus der Verbindung ziehen. Dann könnte er bestimmt atmen! Er musste sich nur fokussieren …

Das Brennen in seinen Lungen verebbte langsam.

Kevin starrte zur Wasseroberfläche hinauf. Er glaubte, eine Krähe über dem Fluss zu sehen. Eine Krähe mit eisblauen Augen. Dann wandte er sich ab und tauchte in die Welt des Flusses ein.

Er war ein Meermann. Was auch immer die Fremden gemeint hatten, im Meer konnten sie ihn nicht mehr erreichen. Sein Chef konnte ihn nicht mehr erreichen. Seine Ex und die ganzen anderen Leute, die sich permanent über ihn lustig machten, konnten ihn nicht mehr erreichen.

Er würde die Welt über der Wasseroberfläche nicht vermissen. Hier war er endlich frei.

Gegen einen Unter-Wasser-Fernseher hätte ich dennoch nichts einzuwenden, bemerkte Sven und lachend stimmte Kevin ihm zu.

Huhu!
Da ich nun wieder über meine Kurzgeschichte verfügen kann, wollte ich sie Euch einmal präsentieren. Sie ist damals in „Meerjungfrauen (Das geheime Leben der Fabelwesen 1)“ beim Independent Bookworm Verlag erschienen – zusammen mit mehreren anderen guten Stories.
Lesen lohnt sich!

Medra

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