B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

Gedankenverloren las sie einen Zettel auf, der am Kühlschrank hing. Eine Notiz ihres Vaters. Er wäre kurz weg, um die Vorräte zu füllen. Wenn sie etwas haben wolle, solle sie ihn kurz anrufen. Sie müsse sich keine Sorgen um die Rechnungen machen. Von nun an würde alles besser sein. Er liebe sie.

Liebe …

War die letzte Aussage eine Phrase oder ernst gemeint? Liane war sich unsicher. In letzter Zeit war sie sich bei so vielen Dingen unsicher. Die Lehrer meinten, dass es zur Pubertät gehöre. Dass jeder da durchmusste. Aber irgendwie fühlte es sich anders an. Alles fühlte sich anders und so falsch an!

Dieses Haus hier zum Beispiel – sie hatte es von ihrer „Mutter“ geerbt. Aber je mehr das Mädchen über die Frau nachdachte, desto weniger glaubte Liane, dass diese wirklich ihre Mutter gewesen war! Deswegen konnte sie das Anwesen auch nicht als ihr Eigentum bezeichnen. Wie hätte sie etwas von einer Mutter erben können, die nicht ihre Mutter war? Und was war mit ihrem Vater? War ihr Vater …

Ihr Vater …

Eilig schob das Mädchen den Gedanken beiseite. Stattdessen wandte sie sich ab und lief zu den Arbeitszimmern ihrer sogenannten Mutter. Die Verstorbene hatte drei Stück besessen und immer, wenn Liane allein war, versuchte sie die Frau etwas besser kennenzulernen. Dann flüchtete sie sich in die Räume und wühlte sich durch die dortigen Unterlagen. Sie wusste selbst nicht, was sie dazu angestiftet hatte. Sie war einzig auf der Suche. Auf der Suche nach irgendeinem Hinweis, der ihr alles erklärte. Der aufdeckte, warum sich alles so falsch anfühlte.

Warum …

Immer noch darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, schob sich Liane durch das große Gebäude. Sie wählte ihre Schritte mit Bedacht, um ja nicht zu stolpern. Erst vorgestern hatte sie sich vor dem Regenschirmständer im Flur erschrocken. Dabei wohnten sie schon seit einigen Wochen hier!

Und dennoch fühlte sich der Ort noch so fremd an.

Ein Teil von ihr wollte weglaufen!

Abrupt hielt das Mädchen inne. So etwas hatte sie bislang noch nie gedacht. Weglaufen? Sie? Aber wohin? Und warum? Nur wegen des Hauses?

Ein Kratzen lenkte ihren Blick hinab zu dem Zeigefinger ihrer rechten Hand. Er zuckte. Ritzte etwas in den Türrahmen neben ihr. Einen Stern mit dreizehn-

„Nein!“, hastig umschlang sie ihren Körper und steckte beide Hände in die Achselhöhlen. Sie hatte eigentlich gehofft, es unter Kontrolle zu haben. Nicht mehr irgendetwas Unsinniges zu zeichnen!

Zeichnen …

Irritiert hielt sie inne, als das Wort in ihrem Kopf widerklang. Sie erinnerte sich dunkel, dass sich ihr Vater schon mal um sie gesorgt hatte. Weil sie irgendetwas bei der Tagesmutter gezeichnet hatte. Irgendein Bild, das er sie später bat, zu vergessen. Zur selben Zeit etwa war ihre „Mutter“ dann verschwunden. Liane hatte damals geglaubt, dass es wegen ihren Bildern gewesen wäre, die-

Bildern …

Nicht Bild.

Bildern.

Stumm ging sie in eines der Arbeitszimmer. Sie konnte sich ihre tote „Mutter“ gut vorstellen. Wie sie an diesem riesigen Schreibtisch saß und arbeitete. Das passte zu der Frau. Sie hatte früher auch immer den ganzen Küchentisch eingenommen …

Seltsamerweise hatte sie ihre weggerannte Mutter damals nicht vermisst. Liane war nicht traurig gewesen. Enttäuscht, ja. Aber weder überrascht noch traurig. Es war einfach passiert. Nicht weiter der Rede wert.

Bis heute.

Wieso hatte sie ihre „Mutter“ nicht vermisst?

Nachdenklich lief Liane ins Nebenzimmer und betrachtete die großen Aktensammlungen in den Regalen. Während die ersten Jahre noch ziemlich dünn aussahen, so gab es später jeden Monat einen gewaltigen Ordner.

Doch diese interessierten das Mädchen nicht.

Sicher ging sie an den neueren Akten vorbei. Sie würden sich eh nur mit der Arbeit ihrer „Mutter“ befassen. Stattdessen zog sie einen älteren Ordner aus den Regalen. Er war unten ein wenig abgenutzt und an der Vorderseite klebte etwas rote Farbe.

Dieselbe Farbe, mit der sie als Kind gemalt hatte.

Sachte blätterte sie durch die Papiere. Irgendwelche Mietbelege. Briefe. Aussagen zu einer Sekte. Ein Transkript von einem Interview mit einem-

Sie hielt inne.

Vorsichtig legte Liane den Ordner auf dem Fensterbrett ab. Sie drehte ihn um. Blätterte nun rückwärts hindurch.

Sie konnte sich gar nicht erinnern, dass sie die Rückseiten der Dokumente bemalt hatte. Nein. Sie hatte es verdrängt. Es waren keine schönen Tage gewesen. Immer wenn ihr Vater länger arbeiten war und ihre „Mutter“ keine Zeit hatte, durfte Liane auf den Blättern malen.

Anderes Papier wäre zu teuer, hatte die Frau geschimpft.

Schaudernd dachte das Mädchen wieder daran zurück. Sie war nicht glücklich über die Entscheidung gewesen. Aber mit Pico …

Pico …

Ja.

Pico!

Blinzelnd starrte sie auf den dürren Teufel, den sie damals immer wieder zu Papier gebracht hatte. Sie hatte von ihm geträumt. Er hatte auf sie aufgepasst. Er hatte sie durch eine Welt mit zwei Sonnen geführt. Dort war es nie dunkel geworden. Und immer, wenn Liane von diesen Träumen aufgewacht war …

Sie hatte immerzu geweint. Sie hatte sich schuldig gefühlt. Sie war so aufgelöst gewesen.

Pico …

Sie strich mit den Fingern über das düstere Gesicht. Es ähnelte einem Dämon. Dennoch fürchtete sie sich nicht. Sie wusste, dass er ihr nie etwas antun würde. Dass er sie nie-

Auf dem nächsten Blatt sah sie ein schiefer Stern an. Liane musste die Zacken nicht nachzählen, um zu wissen, dass es dreizehn waren. Ihre Kinderhand hatte damals irgendwelche Zeichen daneben geschmiert. Die Symbole sahen nicht wie Buchstaben aus, trotzdem … Trotzdem wirkten sie wie eine Sprache. Wie etwas, das doch lesbar sein sollte!

Erschöpft schüttelte sie den Kopf und öffnete das Fenster, um etwas gegen die stickige Luft zu unternehmen. Sie stieß ein leises Seufzen aus. Beobachtete einige vorbeifliegende Vögel. Lehnte sich gegen den Rahmen. Blickte zur Straße-

Dort stand ein Auto. Mit getönten Scheiben.

Unwillkürlich kniff das Mädchen die Augen zusammen und augenblicklich fuhr das Fahrzeug fort.

Aus irgendeinem Grund fühlte sich Liane plötzlich so, als hätte sie jemanden wiedergefunden.

Doch wer der andere war, wusste sie nicht zu sagen.

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