C: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gestanden, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleitet sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

Und dennoch war er unwissend gewesen. Überrascht. Überrumpelt!

Seine Hände wanderten unter sein Hemd und spielten mit dem Anhänger ihrer Kette. Ein altes Ding, das ihn schon länger begleitete, als er gar in dieser Welt wandelte. Er hatte es für sie verwahren sollen. Hatte es nicht aus den Händen legen wollen. Hatte es irgendwann dann selbst umgebunden.

„Ja. Deine Akte habe ich“, bemerkte die Sozialarbeiterin und klickte irgendetwas auf dem Bildschirm ihres Computers an, „Alles Gute zum Achtzehnten“

„Danke“, ein Lächeln schlich sich auf seine Züge, da ihm sein Geburtstag endlich die Erleichterung bürokratischer Hürden versprechen könnte, „Als ich zum ersten Mal hierhergebracht wurde, war ich verängstigt, unwissend, stumm und hatte eine Schwester. Nicht mal einen Tag später wurde mir der einzige Mensch genommen, der mir etwas bedeutete… Könnten Sie mir bitte helfen, herauszufinden, was aus ihr geworden ist?“

Er legte so viel Trauer und Verzweiflung in die Worte, wie er für angemessen hielt. Immerhin hatte er es endlich in dieses Büro geschafft. Er musste an ihr gutes Herz appellieren, wenn er Hilfe wollte. Über die offiziellen Amtswege würde sich alles nochmal mehrere Jahrzehnte hinziehen! Und dabei konnte dann noch so vieles schiefgehen…

Ständig konnte so vieles schiefgehen.

„Enoch… Es steht mir leider nicht zu, Informationen über andere Waisen ohne deren Einverständniserklärung weiterzugeben. Außerdem müssten für solche Auskünfte die Formblätter drei bis zwölf, 26 und die Anlagen 43, 47b und 56 ausgefüllt eingereicht werden. Die Bearbeitungszeit hierfür beträgt ungefähr 14 Wochen und…“

Ungeduldig wippte er mit seinen Zehen auf und ab. Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte zwar damit gerechnet, dass es schwierig sein würde, aber eine solche Antwort? War die Frau denn ein Gesetzesbuch oder ein eigenständig denkendes Wesen?

„Frau Bullock“, las er von ihrem Namensschild ab, „Ich habe mir die Papiere bereits angesehen. Es sind fast dreihundert Seiten, die es auszufüllen gilt und die alle davon ausgehen, dass meine Schwester oder ihre gesetzlichen Vertreter der Verwendung ihrer Daten zugesagt haben. Allerdings war sie noch ein Baby als wir hierher kamen und getrennt wurden. Wenn sie nun also in einem sehr jungen Alter adoptiert wurde, ist es gänzlich möglich, dass sie nichts von ihrem Waisenstatus weiß und demnach niemals eine Zusage erteilen könnte. Ganz zu schweigen, dass jegliche gesetzliche Vertreter diese gerne vergessen“, er ließ die Schultern etwas sinken, schüttelte schwach den Kopf, „Außerdem weiß ich nicht mal, was die damaligen Sozialarbeiter in die Akten eingetragen haben. Ich war apathisch, erschöpft, verloren. Ich konnte keine Auskunft zu Geburtstagen oder Namen geben, sodass alle Daten willkürlich vermerkt wurden. Sie wurde mir aus den Händen gerissen und ich… Ich will doch einfach nur meine Schwester wiedersehen, verstehen sie?“

Die Frau seufzte und faltete die Hände über der Tastatur.

„Enoch Belial… Sie sind ab heute volljährig und ein erwachsenes Mitglied unserer Gesellschaft. Sie müssen oder sind bereits aus den Räumlichkeiten eines Waisenhauses ausgezogen. Sie müssen nun einen Job finden. Sich ein Leben aufbauen. Wie wollen Sie sich um eine Zehnjährige kümmern, die vielleicht schon ein liebevolles Zuhause hat? Ein Zuhause, aus dem Sie ihre Schwester, in ihrem Egoismus sie wiederzusehen, herausreißen“

Grummelig neigte er den Kopf zur Seite. Er mochte es nicht. Er mochte es nicht, wie diese Frau mit ihm diskutierte. Sie wusste doch nicht, welche Versprechen er einhalten musste! Sie wusste doch nicht, wie schwierig es war sich ein Jahrzehnt an etwas zu erinnern, das man letztendlich beinahe für einen Traum abtat.

Wären seine Träume nicht so sonderbar und von Erinnerungen oder gar Visionen geplagt…

„Ich verstehe Ihre Bedenken“, sachte griff er abermals nach dem Anhänger, tastete nach den Zacken des Metalls, konzentrierte sich auf das Gefühl der Verzweiflung, das ihn überkommen wollte und legte die Emotion in jedes seiner Worte, „Aber kann ich denn nicht mal erfahren, was aus meiner kleinen Schwester geworden ist? Sie nicht einmal aus der Ferne wiedersehen? Ist das denn zu viel verlangt?“

Schweigen antwortete ihm. Er konnte einen Kampf in den Augen der Sozialarbeiterin beobachten. Noch war sie sich unschlüssig, ob sie ihm helfen sollte. Sie haderte mit sich. Mit den Vorschriften, ihrem Gewissen, seinem Gefühl und irgendetwas Anderem…

„Frau Bullock… Ich hatte meine Gründe, warum ich damals geschwiegen habe. Ich wusste ja nicht mal den Namen meiner Schwester zu sagen – aus Angst, dass man sie mir wegnimmt! Und im Endeffekt ist genau das passiert. Mein Versuch, sie zu beschützen wurde als eine mögliche Entführung ausgelegt. Über Wochen wurde ich verhört. Die Leute hatten sich das Wort Kindswohl ins Gesicht tätowiert. Aber keiner von ihnen hat sich dabei wahrhaftig für uns interessiert. Also bitte… Bitte folgen sie nicht dem Beispiel ihrer Kollegen und helfen sie mir, meine Familie auf lange Sicht wieder zu vereinen“

Er blickte sie hoffnungsvoll an und betete zeitgleich, dass sie nicht seine Lügen durchschauen würde. Es war immer noch ein so seltsames Konzept für ihn. Lügen. Der wahre Grund für sein damaliges Schweigen.

Lügen hatte er erst im Waisenhaus gelernt. Immerhin waren es hier nur falsche Worte. Falsche Worte die nicht immer erkannt wurden. Die die Leute nicht zu erkennen wussten. Die sie nicht jedes Mal erkennen wollten.

„Enoch“, die Sozialarbeiterin sprach seinen Namen beinahe gepeinigt aus. Als würde seine bloße Anwesenheit ihr Verhängnis sein.

„Bitte. Ich will doch nur wissen, ob es meiner Lilith gut geht. Geben sie mir etwas. Irgendwas!“, bat er sie noch einmal und diesmal fiel ihm die Verzweiflung leichter.

Er hatte das Mädchen immerhin schon direkt nach der Ankunft in diese Welt enttäuscht. Und allein der Gedanke daran ließ ihn erschaudern.

Dabei hatte er ihr und dem altem Alov doch versprochen, auf sie aufzupassen…

Was sein bester Freund nur von ihm denken würde? Sie hatten sich ja nicht einmal verabschieden können! Die Zeit hatte gedrängt, hatte ihn voran gehetzt.

Wie ein wildes Tier.

Die Sozialarbeiterin seufzte noch einmal.

„Ich hätte das Gespräch mit Ihnen sofort beenden sollen“, grummelte sie und spielte mit dem Goldring an ihrem Finger.

Er war schlicht. Einfach. Eine rudimentäre Stütze, die sie wahrscheinlich mit ihrem Ehepartner verband. Eine Familie, die sie besaß. Die er sich in jedem Leben nur wünschen konnte.

„Aber Sie wissen, dass ich nicht Unrecht habe“, entgegnete er ihr und sachte nickte sie.

„Mein Mann war einst auch in dem System gefangen. Und obwohl jede Vorschrift und jedes Papier seine Gründe hat, kann ich ihre Verzweiflung und ihren Frust nur zu gut nachvollziehen“

Seufzend blickte sie auf die Uhr.

Dann nickte sie schwach.

„Ich glaube, ich werde mir einen Kaffee holen müssen“, sie drückte ein paar Tasten auf ihrer Tastatur und ging an den Schrank hinter ihr, „Wenn ich in der Zwischenzeit versehentlich ein paar Zettel rumliegen lasse und ein paar unvorsichtige Finger darüber stolpern, dann lässt sich das wohl nicht vermeiden, oder?“

Beinahe beiläufig ließ sie eine Akte auf ihren Tisch gleiten.

Dankbarkeit durchflutete ihn. Er verstand ihre Hilfe zu schätzen. Er verstand, welches Risiko sie einging. Was sie für ihn aufs Spiel setzte.

„Ich hoffe, Sie finden alleine heraus und dass niemand ihre Finger an irgendetwas erwischt, an dem sie nichts zu suchen haben“

„Natürlich nicht“, pflichtete er ihr artig bei.

Dann nahm sie sich ihre Kaffeetasse und verschwand.

Einen Moment blieb er noch sitzen. Horchte ihren Schritten, die im Flur verklangen. Die seinen zeitlichen Rahmen festlegten. Dessen Rhythmus ihn in Ekstase versetzte.

Und dann lagen seine Hände bereits auf den Papieren. Er sog alles in sich auf. Name, Adresse, Telefonnummern… Er müsste es sich draußen notieren. Nun war nicht genügend Zeit dafür. Nicht genügend Zeit für-

Seine Augen blieben an einem Foto kleben. Er erkannte sie sofort. Diese Augen waren einzigartig. Und ihre Gesichtszüge erinnerten ihn an damals. Als er sie das erste Mal getroffen hatte. Als er zum ersten Mal Freunde in dieser trostlosen Welt fand.

Chem Wak würde seine Versprechen halten.

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C: Das Wetterleuchten

Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von ihrem Vater unterbrochen wurde.

Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür sitzen würde. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen dort ausharren würde.

Warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber das bedeutete nicht, dass sie verstand, was diese Gefühle in ihm auslöste und warum er plötzlich so überfürsorglich mit ihr umging. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Im Gegenteil! Sie schien sogar noch weniger Zeit für Liane zu haben. Als hätte sie Angst vor ihr?

Nachdenklich malte ihr Zeigefinger auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.

Eins. Zwei. Drei. Vier… Dreizehn.

Und schon ging es wieder von vorne los. Es war wie ein Ritual, das ihre Augen zufallen ließ. Das sie in ein Reich der Träume zerrte. Eine Welt, in der zwei Sonnen schienen, die nur kurze Nächte zuließen. In der die Felsen zu atmen schienen. In der das Wasser schwerer war. In der die Luft leichter wirkte.

Und es erscheint dir nicht seltsam?

Die Stimme war so klar in ihrem Kopf, als gehörte sie dort hin. Sie wusste, dass es nicht ihre Gedanken waren. Dass sie von dem Wesen vor ihr kamen. Dem Wesen, das in dieser verschobenen Welt auf sie wartete.

„Ob nun eine Sonne oder zwei, wo ist da schon der große Unterschied, Pico?“, schulterzuckend kletterte Liane über die felsige Landschaft zu ihm herüber.

Er war riesig. Sehr viel größer als ihr Papa und hätte sicherlich nicht durch ihre Zimmertür gepasst. Zwei tiefschwarze, ledrige Flügel bedeckten seinen Rücken und schienen ihn wie ein Gewand zu bekleiden. Die drei Hörner auf seinem Kopf wirkten wie ein Haarersatz der sich monströs gegen Himmel richtete. Mit seinen Augen starrte er auf sie herab.

Augen die genauso duster waren, wie der Rest von ihm.

Wohl wahr… Und dennoch fürchten sich sonst alle vor dem Andersartigen. Martal, Alov, Galeb, Nassen… selbst die Lieva haben kein Interesse an dem Wohl der Anderen… Nicht solange sie diese nicht verstehen können.

Die Stimme schallte glasklar durch ihren Kopf, aber Liane konnte erkennen, dass das Wesen nicht den Mund geöffnet hatte. Oder ihn eher nicht geschlossen hatte. Immer noch stand dieser leicht offen. So als könne dieses Wesen, dieser Pico, ihn nicht gänzlich schließen.

Und dennoch irritierte Liane das nicht so sehr, wie das Wetterleuchten am Horizont.

Wut loderte von dort aus auf. Hass. Frust. Trauer. Zorn. Angst.

Die Gefühle peitschten so heftig auf sie ein, dass sie zurück stolperte. Sie spürte, wie sich der Boden unter ihren Füßen verschob. Wie sie an Halt verlieren wollte. Wie sie gleich auf die harten Felsen fallen müsste-

Stattdessen landete sie in einem der ledrigen Flügel. Pico hatte sich kaum bewegen müssen, um sie damit aufzufangen. Er hatte sich einzig gestreckt.

Eine Entschuldigung lag in seinem Blick.

Geht es wieder?

„Ja“, sie schüttelte sich leicht und ließ sich auf die Beine helfen, ihr Blick glitt über den Himmel, über die verwunschene Landschaft mied das Wetterleuchten, „Ich denke schon“

Sie sind nun schon seit einigen Tagen zerstritten. Nassen und Glosha – ein reines Naturspektakel, wenn sie sich uneins sind.

Liane nickte. In ihrem Kopf konnte sie die Wesen sehen, von denen Pico gesprochen hatte. Sie glaubte, nach diesen leuchtenden Kugeln greifen zu können. Einige von diesen Kugeln verströmten ein so trügerisch warmes Licht. Die anderen Kugeln zuckten wie aggressive Blitze umher.

Diese Nassen und Glosha verursachten dieses Wetterleuchten. Diesen Krieg. Dieses Gefühlschaos.

Liane blinzelte irritiert. Sie trat näher an Pico heran. Hielt sich an seinem rechten Bein fest. Bemerkte nun erst, dass ihre Haare länger waren. Dass sie ihr in zwei geflochtenen Zöpfen seitlich hinunterhingen. Dass ihr Rücken kribbelte. Schmerzen zuckten von dort aus durch ihren Körper. Verebbten jedoch ehe sie aufschreien konnte. Wie ein vergessener Muskelkater.

Und all das fühlte sich normal an. Es fühlte sich richtig an. Als wäre sie daheim. Mehr noch als bei ihren Eltern.

Bei ihren Eltern… Ihrer Mama und ihrem Papa.

„Ist das hier… ist das hier wirklich? Also ist das alles hier echt?“

Pico legte den Kopf schief. Er schien zu lächeln, wenngleich seine Lippen sich nicht nach oben zogen. Stattdessen ging ein leichtes Strahlen von seinen dunklen Augen aus.

Es mag nicht die Realität sein, in der du lebst. Aber wieso sollte sie nicht existieren? Warum sollte nicht dein anderes Leben ein Traum sein? Vielleicht bildest du dir das ja nur ein?

Liane runzelte die Stirn. Sie wusste nicht warum, aber sie vertraute seinen Worten. Sie vertraute ihnen mehr, als all den anderen Leuten, die sonst mit ihr sprachen. Die dann auf sie herabsahen. Die sie für so unbeholfen hielten. Die sie so bemutternd behandelten. Sie so sehr behüteten.

Ihr Blick glitt wieder zu dem Wetterleuchten hinüber. Sie beobachtete die Blitze, die sich auf dem naheliegenden See spiegelten. Farben versteckten sich in diesen Lichtern. Rötliche Farben. Aggressive Farben.

„Ich weiß nicht. Irgendwie wirkt alles… real. Du genauso sehr wie Papa. Und Mama genauso sehr wie die Nassen und Glosha. Und-“

Ein Gedanke durchfuhr sie. So klar und sicher, dass sie davor zurückschreckte. Sie wusste nicht, warum er sie so einnahm oder wie er sich gar in ihren Kopf geschlichen hatte.

Und warum er sie so stark verunsicherte.

Urplötzlich riss sie die Augen auf. Die Welt verblasste. Das Wetterleuchten löste sich in Luft auf. Ihr Arm, mit dem sie Pico umklammert hatte, war leer.

Draußen konnte sie die Vögel hören. Die einsame Sonne ging bereits auf. Etwas morgendlicher Tau lief an ihrer Fensterscheibe hinab.

Genauso wie die Tränen, deren Ursprung sie nicht kannte.

Warum hatte sie sagen wollen, dass sie es alle verdient hatten, ein sinnvolles Leben zu führen? Warum hatte es sich falsch angefühlt, sich für jeden einzusetzen?

Und warum hatte sie sich dabei so gefühlt, als würde sie ihren Pico im Stich lassen?

Ihn verraten?

C: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt, doch lächelte das kleine Mädchen nur unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen…

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Kindeseinbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war… warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

„Liane… Du weißt, dass wenn es irgendetwas gibt, was dir Angst oder Sorgen bereitet, kannst du mit mir jederzeit darüber reden, ja?“, sachte zog er die Decke höher und strich seinem Schatz eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Aber es ist doch alles in Ordnung, Papa! Und selbst wenn – Pico beschützt mich! Das hat er versprochen“

Nickend reichte er dem Mädchen ihre Lieblingspuppe, doch schob sie diese sofort wieder beiseite. Stattdessen war ihr lächelnder Blick auf den Zeichnungen gelandet. Auf diesen grotesken Zeichnungen eines Dämons oder gar Teufels. Ein Wesen mit gewaltigen Flügeln, drei Hörnern auf dem Kopf und einem Maul das von einem Ohr bis zum anderen ging.

Horrorzeichnungen, die in ihm einen Alptraum auslösten. Nicht, dass der Zeichenstil seiner Tochter half. Durch die Kinderhand wirkten sie immerhin noch unförmiger und erschreckender, als er für möglich gehalten hätte.

„Ich weiß, wir haben dich alle schon sehr viel dazu ausgefragt, Liane… aber wo hast du diesen Pico getroffen?“, versuchte er noch einmal in den Kopf seines kleinen Engels zu sehen.

Nachdenklich schloss das Mädchen die Augen. Sie wog ihren Kopf hin und her. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihre Lippen zogen sich zusammen.

„Er ist nachts einfach da. Immer dann, wenn die zwei Sonnen aufgehen“, erklärte sie ihm allmählich, „Pico beschützt mich. Er hat die zischenden Lichter und Steinwesen vertrieben! Und er hat meinen Rücken angemalt, damit… damit… ich weiß nicht… Aber es war wichtig!“

Unsicher blickte der Vater auf sein Kind herab. Alles in ihm verlangte danach, den Rücken seiner Tochter zu begutachten. Er wollte ihr das Nachthemd herunterreißen. Nach dem Rechten sehen. Diese Zeichnungen verbrennen. Diesen ganzen Horror aus seinem Haus verbannen. Nur dafür sorgen, dass es seinem kleinen Engel gutging!

Nein.

Mit zittriger Faust verdrängte er die Gedanken. Er hatte viel zu viel mit seiner Frau darüber diskutiert. Sie waren alle Möglichkeiten durchgegangen. Hatten nach Lösungen gesucht. Waren sich letztendlich beide einig gewesen, dass es Liane zu sehr verstören würde oder dass es zu einem möglichen Vertrauensbruch führen könnte.

Immerhin hatten sie dem Mädchen doch erst vor einigen Tagen gestanden, dass sie adoptiert war.

Und dann waren die Zeichnungen aufgetaucht. Bilder, die sein Liebling bereits seit Monaten erschuf, wie ihnen die anderen Kinder aus der Vorschule gestanden hatten. An den Betreuern waren diese Kreationen unbemerkt vorbeigegangen. Etwas, was die alten Frauen auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen schoben und etwas, was ihn doch nicht interessierte!

„Ist gut“, lenkte er ein – wenn auch nur, um sich selber zu beruhigen, „Ist gut… Wir lassen heute noch einmal die Tür offen und ab morgen ist sie dann wieder zu, okay?“

Zufrieden nickte die Kleine und er strich ihr die glatten schwarzen Haare zurück. Sie wollte schon immer so selbstständig sein, so erwachsen… Dabei wollte er sein Töchterchen doch nur so lange wie nur irgendwie möglich in seinen Armen halten.

„Mama macht wieder länger?“, fragte sie, während er noch die letzten Enden der Decke zurecht zupfte.

„Ihr ist was dazwischengekommen. Sie sagt dir Morgen wieder Gute Nacht“, offenbarte er lächelnd.

Gähnend nickte sein kleiner Engel. Dieses Mädchen, das er und seine Frau mit so viel Liebe in ihr Heim geholt hatten, nachdem feststand, dass sie keine Kinder kriegen konnten. Er hatte seine Tochter vom ersten Tag an in sein Herz geschlossen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen, das damals so sehr auf ihre Hilfe angewiesen war.

Er konnte immer noch nicht verstehen, wie jemand eine Frühgeburt einfach so auf der Straße aussetzen konnte.

„Träum was Schönes, Liane“

„Du auch, Papa!“

Er überspielte seine Unsicherheit mit einem Lächeln, ehe er das Licht löschte und hinausging. Still lehnte er die Tür an den Rahmen. Zog sich einen Stuhl heran. Griff nach seinem Baseballschläger.

Egal welches Höllenmonster ihm seine Tochter wegnehmen wollen würde – er würde es in die Flucht schlagen! Keiner würde ihm seinen kleinen Engel entreißen.

Keiner.

Ein kleiner Ausblick auf eine Storyidee. Ich hoffe, sie gefällt euch!