B: Der Kuchen

„Okay. Planänderung“, bemerkte eine von Lianes neuen Mitschülerinnen, „Ms. Lebeau mag keine Rosen. Also ist der Kuchen hinfällig.“

Irritiert blickte Liane zwischen den anderen Schülern umher. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Rede war und wenngleich sie recht nett begrüßt wurde, so scheute sie sich noch davor, Fragen zu stellen.

„Wie wäre es mit Pralinen? Die von ChoNotte?“, fragte der Junge, der an der Tür aufpasste, ob irgendwer kam.

„Die sind alle mit Alkohol. Das ist ein riesiges Tabu“, erklärte das Mädchen von vorne wieder.

„Und ein Gutschein? Für einen schönen Wellnesstag?“

„Noch einfallsloser geht es nicht.“

„Wie wäre es mit einem verzierten Füller?“

„Erinnert nur an die Arbeit.“

„Und ein neues Auto?“

Mit großen Augen sah Liane zwischen ihren Mitschülern umher. Sie folgte den Vorschlägen nur bedingt und war umso überraschter, dass niemand den letzten Vorschlag als ‚zu teuer‘ ausschlug. Stattdessen erklärte ein Mädchen mit rundem Bauch, dass Ms. Lebeau stets mit dem Fahrrad zur Schule käme.

Liane schluckte und sammelte ihren Mut zusammen, ehe sie die Schülerin neben sich antippte. Ein kleineres Mädchen mit gekräuseltem Haar, das gut drei Jahre jünger aussah.

„Ehm … Worum geht es?“

„Um Ms. Lebeaus Geburtstagsgeschenk. Sie hat nächsten Donnerstag“, erklärte sie sogleich, „Ich bin übrigens Shiloh Dunn.“

„Oh, ich bin-“

„Liane Rivers. Tochter von Isa Silver. Du hast ihr Vermögen und Haus vor einer Weile geerbt – so bist du hier gelandet. Ich hab‘ dich recherchiert, nachdem du dich heute Morgen vorgestellt hast.“

„Oh. Ehm. Okay?“

„Ja, ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Daher recherchiere ich jeden. Wusstest du, dass drei deiner ehemaligen Mitschüler auf ihrem Blog über dich hergezogen sind? Keine Sorge. Es las sich so schräg, dass es eh nur erlogen sein kann. Habe Dad vorhin geschrieben und er hat die Seite vom Netz genommen. Er arbeitet bei ihrem Provider und hat schon rechtliche Schritte eingeleitet. Nichts zu danken.“

Verdattert schloss Liane ihren Mund. Ein Blog? Und drei Leute hatten über sie geschrieben? Warum? So interessant war sie doch gar nicht!

Am Rande hörte sie, wie das Mädchen neben dem Lehrertisch den nächsten Vorschlag beiseite schob.

„Rede ich schon wieder zu viel? Ja. Ich glaube schon. Egal. Wenn es dich nervt – einfach Handzeichen geben. Ich versuche, mich dann schon kurz zu fassen. Ja? Ja. Also: Dad hat den Anwalt aus der Firma eingeschaltet und will mich auf dem Laufenden halten. Das ist doch in Ordnung? Dann kann ich dir Bescheid geben, was bei rauskommt.“

Liane nickte vorsichtig – überwältigt von dem Tempo, in dem Shiloh immer schneller wurde und sofort klatschte das Mädchen in die Hände.

„Wunderbar! Dann kann ich-“

„Shiloh! Hast du einen Vorschlag für uns oder warum wirst du immer lauter?“, fragte die Schülerin von vorn und so langsam begriff Liane, dass sie wohl die Klassensprecherin war.

„Keine Sorge, Betty. Ich habe nur unsere liebe Liane mit allen Infos versorgt.“

Das andere Mädchen massierte ihre Schläfen: „Hast du von deinen Haustieren, den heutigen Schlagzeilen oder dem tragischen Unfall deines Füllers berichtet?“

„Das war nur einmal …“

„Und dennoch kam es vor, oder?“

Liane spürte, wie Betty immer genervter wurde und aus einer seltsamen Laune heraus, verspürte sie Mitleid mit Shiloh. Nachdenklich strich sie über die geflochtenen Zöpfe, die sie immerzu begleiteten. Die sie selbst am Morgen nicht loslassen konnte. Die sie wie in Trance immerzu flocht.

Diese Vertrautheit verlieh ihr Kraft.

„Entschuldigung? Du meintest ja am Anfang etwas von wegen Planänderung, oder?“, fragte sie zögerlich.

„Klar. Immerhin war die Idee von letzter Woche hinfällig“, Betty rollte mit den Augen, doch Liane riss sich zusammen.

Sie wollte einen Neustart. Also musste sie auch ihren Rücken durchdrücken und ihre schüchterne Seite ignorieren!

„Ja, aber was haben Rosen mit einem Kuchen zu tun? Ich meine, wenn es um die Deko geht, kann man bestimmt auch eine andere heranziehen und wenn es um den Geschmack geht, was spricht gegen einen anderen? Warum muss der Plan im Ganzen verworfen werden?“

„Weil wir von einer Konditorei sprechen, die sich auf Kuchen mit Rosenwasser spezialisiert hat“, erklärte Betty seufzend, „Das sind exquisite Meisterwerke, die nicht mit einem einfachen Obstkuchen vergleichbar sind.“

„Warum? Hat ein Kuchen nicht viel mehr Wert, wenn er von Herzen kommt? Wenn wir ihn selber machen?“

Liane ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. Sie wollte selbstbewusst wirken, fühlte sich jedoch eher den Tränen nahe. Aufregung pochte durch sie hindurch. Aufregung und eine angenehme Ruhe, die ihre Angst vertrieb-

Plötzlich wurde ihr bewusst, auf was für eine Schule sie gewechselt war. Die anderen schlugen ein Auto als Geburtstagsgeschenk für eine Lehrerin vor, verdammt! Ein Auto! Und womit kam sie an?

Sie war so armselig …

„Selber backen …“

„Könnte klappen.“

„Weißt du denn überhaupt, wie man ein Ei aufschlägt?“

„Egal was wir tun, Hendrik darf nicht an den Herd!“

Kurz darauf sprachen alle durcheinander und schienen die Idee sogar richtig gut aufzunehmen. Vier Schüler hatten sich sogar zusammengesetzt und durchforsteten das Internet nach Rezeptideen.

„Wir könnten die Seiten mit Blattgold verzieren!“

„Waren Erdbeeren okay? Ich habe hier eine leckere Creme mit Erdbeeren gefunden.“

„Lass tauschen. Ich habe eine mit Aprikosen.“

„Shiloh? Hat deine Mom nicht mal Backtutorials angeboten?“

„Oh, ja! Wir haben-“

„Ja, ja“, Betty wank ab und kam zu ihnen herüber, „Was wichtiger ist: Passen wir alle in die Küche und habt ihr genug Arbeitsmittel? Zwischen Hendrik und Milas fünf linken Händen brauchen wir genug Platz und Versuche. Am besten wir holen genug Zutaten für zwölf Kuchen. Damit müssten wir hinkommen.“

„Also ist es entschieden?“, fragte der Junge, der an der Tür Schmiere stand.

„Ja“, Betty wank ihn herein, „Bis nächste Woche macht sich jeder mit seinen eigenen Küchengeräten vertraut und schaut sich ein paar Backvideos an. Wer am Mittwoch bei Shiloh nichts bedienen kann, muss putzen. Klar?“

Zustimmendes Gemurmel breitete sich im Zimmer aus.

„Danke“, bemerkte die Klassensprecherin und ging zu ihrem Platz zurück.

Unsicher sah Liane ihr nach. War sie gemeint gewesen? Oder Shiloh? Warum hatte sich die Aussage so sarkastisch angefühlt? Nicht, als ob es ernst gemeint gewesen war, obwohl das Mädchen so freundlich gelächelt hatte?

„Sieht so aus, als hättest du den Tag gerettet. Wie fühlt man sich so dabei?“, unterbrach Shiloh sogleich Lianes Gedankengänge, „Ach, bestimmt großartig! Sag mal, hast du an deiner alten Schule auch immer gebacken? So als Geburtstagsgeschenk für die Lehrer und Lehrerinnen? Oh, bestimmt! Was für eine dumme Frage von mir!“

Liane ließ das Mädchen weiterreden. Es war ganz angenehm, einfach nur zuhören zu müssen. Denn irgendwie wusste sie, dass Shiloh nicht hinter ihrem Rücken lästern würde.

Es war ein seltsames Gefühl.

Seltsam und schön zugleich.

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