Timothy – Zusammen allein …

Ich fand ihn im Dorf wieder. In demselben Dorf, in dem ich Jane zurückgelassen hatte. In demselben Dorf, dessen Straßen dieselben Wege entlangliefen. In demselben Dorf, das nun dennoch so anders aussah …

Wo kamen die ganzen neuen Häuser her? Warum wirkte die Kirche so alt und schäbig? Auch die Gehwege erschienen mir so … stabil?

Unschlüssig betrachtete ich den Marktplatz von den umliegenden Dächern. So viele Leute tummelten sich da unten herum. Dazu noch all diese Stände! Komisch. Woher kamen die ganzen Waren? Die Hälfte davon wusste ich nicht einmal zu benennen!

Der Junge schlich sich durch die Menge. Immer wieder fielen seine hungrigen Augen auf die Lebensmittel. Jedoch blieb er nicht stehen. Wer stehen blieb, wurde von den Verkäufern eindringlich gemustert. Das würde-

Flink schnappte er sich einen Apfel und ließ ihn in den Falten seiner zu großen Kleidung verschwinden. Direkt zu dem Brötchen, das er zuvor ergaunert hatte.

Wieder hatte niemand ihn bemerkt.

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Minki und der Abschied

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Auch wenn eine Katze sieben oder gar neun Leben haben soll, so lebt sie dennoch nur ein einziges. Dieses eine ist nicht einmal besonders lang. Im Durchschnitt kommt es vielleicht auf 15 Menschenjahre. Plus/Minus.

Minkis erreichte sogar stolze 17 Jahre, ehe sein Körper eine Pause brauchte.

Der Kater spürte, dass er nicht mehr lange hatte. Von Tag zu Tag wurde er schläfriger. Er schmiegte sich immer häufiger an seinen Retter. Ärgerte dessen Frau weniger. Verzieh der kleinen Zweibeinerin ihre Lappalien öfter.

Alte Fehden erschienen ihm plötzlich so unwichtig.

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Tod und Leben

Er kommet.
Sie gehet.
Tod und Leben.

Er nehmet.
Sie gebet.
Körper und Seele.

Sein teuflischer Blick,
Ihr scheinendes Glück –
Eines und Alles.

Seine gespenstische Stille,
Ihr kämpfender Wille –
Harfe und Klinge?

Was ist schlecht?
Was ist recht?
Und wann rächt
Sich der Verstand?

Wenn der Funken schwand?

Bei diesem Gedicht handelt es sich um eine Übersetzung. Das Original habe ich vor Jahren mal auf Englisch verfasst und wollte es Euch nicht vorenthalten. Beides ist zwar kürzer, aber in der Kürze liegt ja bekanntlich die Würze, oder? C;
Medra

Timothy – In grauen Augen …

Fast zehn Jahre wachte ich über Jane. Ich beobachtete, wie der Exorzist sich von ihr verabschiedete. Ich blieb bei ihr, als ihr Vater im darauffolgenden Winter an einem Husten verstarb. Und ich folgte ihr wie ein Schatten, als ein altes Ehepärchen aus dem Dorf sie aufnahm.

Dennoch konnte sie mich nicht sehen.

Manchmal glaubte ich, dass sie meine Anwesenheit spüren musste. Dass sie bemerkte, wie ich hilflos die Hand nach ihr ausstrecken wollte. Sie hielt dann immer ganz kurz inne. Sie schien etwas sagen zu wollen. Sich zu entspannen. Sich in meine Richtung zu lehnen.

Nur um dann weiter zu machen.

Ich war zu einem vergessenen Traum verkommen.

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Timothy – Die Zeit läuft davon …

Ich fand Jane bei den Pferden. Sanft sprach sie auf die Tiere ein, während sie ihnen ihr Frühstück gab. Dabei streichelte sie die dürren Hälse und bedankte sich bei den Wesen.

Nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so zärtlich mit Tieren umging!

„Wie kannst du so gelassen bleiben, wenn sie deinen Tod zum Morgengebet verlangen wollen?“, platzte es aus mir heraus.

Die Zeit lief ihr davon!

„Was passieren soll, wird eh geschehen. Meine Sorgen werden nichts daran ändern“, erklärte sie so leise, so schwach.

Aber dennoch zitterte ihre Stimme.

Gut. Das bedeutete, dass sie weiterleben wollte, oder? Es musste. Sie musste!

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