Myra erreichte die Shemanias viel zu schnell für ihren Geschmack. Gerne hätte sie sich mehr Zeit gelassen. Gerne wäre sie schon vor einem Jahrzehnt gekommen. Gerne wäre sie nie aufgebrochen …
Dennoch war sie da.
Angespannt schwebte sie durch die aufgebauten Tauschstände, an denen mit Steintafeln und Diplots gehandelt wurde. Viereckigen braunen Wurzeln, die das Wasser der Berge in sich trugen. Die Shemanias schienen die Teile zu lieben.
Sophie schrak keuchend aus ihrem Bett auf. Sie umarmte sich. Krallte ihre Nägel in die Arme. Sie wusste nicht mehr ganz, was sie geträumt hatte. Zumindest, womit ihr Traum angefangen hatte. Mittendrin war es einfach dunkel geworden. Und dann hatte etwas gescheppert. Es hatte geknirscht. Da waren Schritte gewesen. Ein Knarren. Und dann das Quietschen einer Tür …
Angespannt lockerte sie ihre Finger und tapste zum Fenster. Um es zu öffnen. Um in die Nacht zu lauschen. Um die Fledermäuse fiepen zu hören. Um nicht mehr diese Schritte im Hinterkopf zu hören …
Urlaub. Frei. Ach, wie schön! Daran könnt‘ ich mich gewöhn! Ich strecke alle Glieder aus. Denn heute geht es nicht hinaus. Faul sein, wird heut‘ verlangt. Faul sein, klingt sehr charmant!
Morgens wird entspannt gemacht, Mittags über Haushalt gelacht, Abends wurde Essen gebracht, Gelesen wird die ganze Nacht!
Ach, wie wunderbar! Ach, wie sonderbar. Ach, wie … still ich doch bin.
Kein Wort fällt in diesen vier Wänden. Die Gespräche mussten alle enden. Die Gespräche werden doch vermisst. Die Gespräche waren einst ein Bliss.
Auf Arbeit waren sie mir stets zu viel. Zu viel Gemecker, zu viel, zu viel! Stets gab es Streit, stets gab es Wut, So verglühte mein wackliger Mut.
Mein Mut etwas zu tun, Mein Mut zu reden, Mein Mut zu singen, Mein Mut zu leben!
Meine Stimme versagte Und die Stille obsiegte.
Meine Stimme versagte Und die Einsamkeit wiegte.
Meine Stimme versagte Und mein Herz ward verschlossen.
Meine Stimme versagte Und mein Ich ward gebrochen.
In aller Heimlichkeit roll‘ ich mich zusammen. Ich taste mich an mich selbst heran. Ich teste einen Laut, dann ein Wort. Höre einen schiefen Akkord.
Meine Stimme ward von Außen verstummt. Meine Stimme, einst so kunterbunt, Wurde sie zerrissen – Aus Hass? Aus Neid? Wurde sie zerrissen – Und ich bekam das Leid.
Einsam und verloren, Im Inneren erfroren, Nach Außen ein Lächeln, Ich darf ja nicht schwächeln.
Erschöpft, ohne Kraft, Während ein jeder lacht, Während jeder sich freut, Fühl‘ ich mich wie betäubt.
Die Steine liegen- Nein! Sie fliegen, Mir mitten ins Gesicht, Doch Schmerz spür‘ ich nicht …
Wer spürt schon die Tropfen im Meer, Wenn das Wasser drückt so schwer? Beim Ertrinken wird es nicht vermessen, Man wird stattdessen am Boden vergessen …
Am Boden unter so viel Nass, Wird meine Haut ganz blass, Während ich mich verlass …
Ein Lächeln nach oben Vom untersten Boden An jene mit ihren Sorgen, An jene mit einem Morgen …
An jene, die mich hochziehen?
Die Hände sie reichen, Sie sind mir ein Zeichen, Sie wollen nicht weichen, Lassen mich nicht erbleichen!
Sie zerren mich an die Luft, Zerren mich aus der nassen Gruft, Sie zerren mich zurück ins Leben, Das ich beinah hätt‘ vergeben
Die Madam entpuppte sich als Elisabeth. Sie war das älteste Kind und die Lieblingstochter eines Fürsten hinter der Meerenge. Und sie war es auch gewesen, die Sir Stark angewiesen hatte, nicht ohne Timmys Schwester aus den Wäldern zurückzukehren.
Nicht ohne Julie.
Denn sie wäre kein Teil des Dorfes. Sie müsse vom Befehl ihres Vaters verschont werden. Und sie müsse die Madam nach Hause begleiten, damit sich der Fürst selbst von der Wahrheit überzeugen könne.
All das erfuhr Julie jedoch erst, als sie Elisabeth traf. Dabei behauptete diese, dass Timmy von den Piraten erwischt worden wäre. Dass er gestorben war, um ihr das Leben zu retten. Dass sie deswegen von nun an auf Julie Acht geben wolle. Dass deswegen ihr Arzt auch für Julies Verletzung mit verantwortlich wäre und sie sofort zu behandeln habe!